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8.555794 - STANFORD: Anthems and Services
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Charles Villiers Stanford (1852-1924)

Charles Villiers Stanford (1852-1924)

Geistliche Musik

Die Renaissance der englischen Musik im späten neunzehnten Jahrhundert war nicht zuletzt das Verdienst des in Dublin geborenen Sir Charles Villiers Stanford. Sein kompositorisches Talent zeigte sich bereits in jugendlichem Alter, und 1870 erhielt er ein Stipendium für ein Orgelstudium am Queen’s College in Cambridge. In den Jahren 1874 und 1875 studierte er bei Carl Reinecke in Leipzig und bei Friedrich Kiel in Berlin. Von 1874 bis 1892 wirkte er als Organist am Trinity College in Cambridge, während er als Dirigent mit der Cambridge University Musical Society und dem London Bach Choir arbeitete. Seine beiden wichtigsten akademischen Posten waren eine Musikprofessur in Cambridge (1887-1924) und eine Professur im Fach Komposition am Londoner Royal College of Music (1883-1924). Stanford bildete zwei Generationen von britischen Komponisten aus, zu denen Vaughan Williams, Holst, Ireland, Moeran und Howells gehörten. Für seine Verdienste wurde er 1902 geadelt. Brahms war sein großes musikalisches Vorbild, und so verraten auch seine Werke dessen Einfluss. Stanfords Kompositionen waren zu seinen Lebzeiten sowohl im eigenen Land als auch im Ausland höchst erfolgreich. Er hinterließ u.a. sieben Sinfonien, von denen die dritte, die Irische (1887), die bekannteste wurde, groß- und kleinformatige Chorwerke wie das Requiem (1896), Songs of the Fleet (1910) und The Bluebird (1910) sowie Opern, u.a. Shamus O’Brien (1894-95).

            Vor allem jedoch ist Stanford aufgrund seiner Musik für die anglikanische Kirche in Erinnerung geblieben. Zu seinen geistlichen Werken gehören Vertonungen biblischer Texte, Anthems, Kirchenlieder und Orgelwerke. Bereits in seiner B-Dur-Vertonung der Services wird deutlich, wie sich Stanford von den leeren viktorianischen Konventionen entfernt und zu neuen Ausdrucksformen gelangt, in dem er an u.a. an Brahms orientierte Techniken wie zyklische Einheit, thematische Transformation und sinfonische Struktur anwendet. Die Funktion der begleitenden Orgel erreicht darüber hinaus großartige Wirkung. Diese in der Folge noch bereicherten und weiter entwickelten Grundsätze sind kennzeichnend für alle weiteren seiner Services.

            Stanfords letzte bedeutende Vertonung der Morning, Communion and Evening Services, in C-Dur, entstand im Jahre 1909. Es ist seine wohl großartigste; in ihr sind die thematischen Ideen auf das engste miteinander verzahnt und bilden eine einheitliche Kraft. Der Beginn des Te Deum ist sonor und ausgreifend, wobei die geschwungene Melodielinine die gesamte Vertonung durchdringt; ebenso das Thema, das von den Bässen bei der Textstelle ‚The glorious company of the Apostles‘ vorgestellt wird, sowie die Begleitfigur der Orgel in dem Abschnitt, der mit den Worten ‚When thou tookest upon thee to deliver man‘ beginnt. Am Ende kehrt der einleitende Gedanke zurück und führt die Musik bei ‚O Lord in thee have I trusted‘ zu einem glanzvollen Höhepunkt. An der Oberfläche scheint die Musik des Benedictus mit dem Te Deum keinerlei Bezug aufzuweisen, aber es gibt Verbindungen im Tonartenschema der beiden Hauptthemen und ebenfalls im Gloria, wenn die Eröffnungsphrase des Te Deum im herrlichen, zuversichtlichen Amen zurückkehrt.

            Die unbegleiteten Three Latin Motets gehören zu Recht zu Stanfords meistaufgeführten geistlichen Werken. Sie stammen aus den Jahren 1887-88, wurden aber erst 1905 veröffentlicht. Die Worte des dreiteiligen Justorum animae sind dem dritten Kapitel des Buchs der Weisheit entnommen. Die Ruhe des ersten Abschnitts bildet einen Kontrast zu dem lebhafteren mittleren Abschnitt mit seiner Stimmenimitation. Coelos ascendit hodie ist die Vertonung einer mittelalterlichen Hymne, deren Worte die Herrlichkeit von Christi Himmelfahrt beschreiben. Die Musik dieses für Doppelchor gesetzten Stücks ist durchgehend von freudigem Überschwang und verwendet antiphonale Effekte wie den durchdringenden, fanfarenhaften Ruf bei dem Wort Alleluia, das gewissermaßen von einem Chor zum anderen geworfen wird. Die Worte des sechsstimmigen Beati quorum sind dem 119. Psalm entnommen. Von besonderer Schönheit ist der ruhige Augenblick, an dem die oberen und unteren Stimmen beim Wort ‚Beati’ abwechselnd zwischen Dur- und Mollakkorden schweben, sowie die zarte, gewölbte Phrase bei ‚quorum via’ gegen Ende der Motette.

            Für seinen Evening Service in C komponierte Stanford einen Allegro moderato-Satz nach Sonatenformprinzip, in dem die Verse des biblischen Textes in vier kurze Abschnitte untergliedert sind. Am Anfang steht ein majestätischer, ekstatischer Lobgesang; bemerkenswert ist der Stimmenkontrast am Beginn des vierten Abschnitts (‚He hath filled the hungry’), wo der gesamte Chor zunächst auf Soprane, dann auf Tenöre und Bässe bei den Worten ‚the rich he hath sent empty away’ zurückgenommen wird. Das in einem Guss gestaltete Nunc dimittis erreicht bei der Phrase ‚and to be the glory of thy people Israel’ einen glänzenden Höhepunkt – eine Variante der Eröffnung des Te Deum. Beide Gesänge enden mit dem Gloria des Benedictus und werden dadurch in einen zusätzlichen thematischen Zusammenhang gestellt.

            Im späten neunzehnten Jahrhundert war es nicht üblich, den gesamten Messdienst zu vertonen, sodass im Communion Service in C die Hauptabschnitte aus Credo, Sanctus und Gloria bestehen. Während Stanfords Lebzeiten begannen die Chöre jedoch auch das Benedictus und Agnus Dei zu singen. Diese Teile fügte er 1909 seinem früheren Service in F hinzu, obwohl sie in tonlicher Hinsicht ebenso zu denen in C-Dur und B-Dur passen. Ein vervollständigendes Kyrie eleison wurde 1935 von C.S. Phillips und C.E.S. Littlejohn aus Stanfords Responsorien seines Communion Service in G bearbeitet; auf diese Weise erklingt in dieser Aufnahme eine vollständige Fassung der Messe. Im Credo, Sanctus und Gloria wird die Deutlichkeit der Worte durch einen Vokalsatz unterstrichen, in dem alle Stimmen zusammengeführt werden, während im Kyrie, Agnus Dei und Benedictus die einzelnen Stimmen unabhängiger gestaltet sind. Letzteres beginnt mit einer wunderschönen Melodie für die Bässe, der Stanford durch einen Abwärtssprung bei der Wiederholung des Wortes ‚Blessed’ eine ausdrucksstarke Wirkung verleiht.

            Das Prelude G-Dur und das Postlude d-Moll für Orgel, die in dieser Aufnahme des Magnificat und Nunc dimittis einrahmen, wurden 1907 komponiert. Von den 1902 entstandenen G-Dur-Services haben sich die Gesänge der Abendandacht als die beliebtesten erwiesen, nicht zuletzt aufgrund der bemerkenswerten Behandlung von Solosopran und Solobass, wodurch betont wird, dass die Texte jeweils die ‚Lieder’ der Jungfrau und des Simeon sind. Das geschwinde Magnificat besitzt eine arpeggierte, gleichermaßen gesponnene Begleitung, die Sir Edward Bairstow zutreffend mit dem Motiv des Spinnrads verglich, das sich in der Renaissance durch die Gemälde mit dem Thema Mariä Verkündigung zieht. Solist und Chor sind nahtlos miteinander verwoben, wobei die Solostimme in die Höhe emporsteigt, als wolle sie das freudige Herzklopfen der Jungfrau angesichts der Botschaft des Engels symbolisieren. Von feierlich-ernstem Gestus ist demgegenüber das Nunc dimittis, das sich aus den Eröffnungstakten der Orgel entwickelt, zu denen später die zentralen Worte ‚depart in peace’ gesetzt sind. Die Glorias beider Gesänge sind für unbegleiteten Chor und verwenden in Stanfords gebräuchlicher Weise dieselbe Musik, aber mit vollkommen unterschiedlicher Wirkung.

            For lo, I will raise up ist eine von Stanfords eindringlichsten Kompositionen: ein Anthem, dessen Umfang einer Opernszene mit kontrastierenden Emotionen, Tempi und Chorfarben gleicht. Die Textwahl dieses 1914 entstandenen Werks aus dem Buch Habakuk ist angesichts der beginnenden Feindseligkeiten und Stanfords Abscheu vor dem Krieg von großer Bedeutung. Der eröffnende Abschnitt ist geprägt von verhängnisvoller Unruhe und einer erregten Begleitung, die unversöhnliche und unerbittliche Zerstörungskräfte in Bewegung zu setzen scheint. Anschauliche musikalische Bilder entsteigen den Worten, wie zum Beispiel das Geräusch galoppierender Pferde bei ‚Their horses also are swifter than leopards’. Ein emphatisches Unisono bei ‚whose might is his God’ gebietet dem Terror Einhalt und führt zu einem nachdenklichen Abschnitt und zum Wechsel nach Dur, wobei die unterdrückten Menschen ihre Hoffnung in Gott setzen und ihrem Glauben an seine Kraft mit den Worten ‚We shall not die‘ Nachdruck verleihen. Sopran- und Tenorsoli führen zum göttlichen Versprechen der Vertreibung der Feinde. Das Tempo steigert sich zu einer leuchtenden Sopranphrase auf die Worte ‚earth filled with the knowledge of God’, der sich eine triumphale Orgelpassage anschließt, die mit einem dramatischen Ruck auf dem klimaktischen Akkord schließt. Das Anthem endet mit einer meisterhaften Coda, in der gedämpfte, Ehrfurcht gebietende Musik das Bild Gottes in seinem heiligen Tempel entstehen lässt.

 

Andrew Burn

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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