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8.555800 - DEBUSSY, C.: Clair de lune and Other Piano Favorites (Thiollier)
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Claude Debussy (1862-1918)

Claude Debussy (1862-1918)

Clair de lune und andere berühmte Klavierwerke

 

Claude Debussy wurde 1862 in St Germain-en-Laye als Sohn eines Krämers geboren, der sich später mit wechselhaftem Erfolg auf den verschiedensten Gebieten versuchte. Als Siebenjähriger erhielt der Knabe seine ersten Klavierstunden, und schon zwei Jahre später wurde er unglaublicherweise der Schüler von Verlaines Schwiegermutter, die angeblich bei Chopin studiert hatte.

 

1872 kam er ans Pariser Conservatoire. Hier gab er den Gedanken an eine Pianistenkarriere auf und widmete sich zunehmend der Komposition. Als 18jähriger wurde er 1880 von Tschaikowskys Gönnerin Nadezhda von Meck als Hausmusiker und Lehrer ihrer Kinder angestellt. Bei seiner Rückkehr ans Konservatorium kam er in die Kompositionsklasse des Bizet-Freundes Ernest Guiraud. 1883 wurde ihm im Wettbewerb um den Prix de Rome der zweite Platz zuerkannt, ein Jahr darauf erhielt er dann den Premier Prix, zu dessen Bedingungen ein Aufenthalt in der römischen Villa Medici gehörte. Widerstrebend übersiedelte Debussy in die Ewige Stadt, wo er unter anderem den greisen Franz Liszt kennen lernte. 1887 kehrte er nach Paris zurück, und im Jahre 1900 errang er mit den Nocturnes seinen ersten bedeutenden Erfolg. Zwei Jahre später gelang ihm mit der Oper Pelléas et Mélisande nach dem gleichnamigen Schauspiel von Maurice Maeterlinck ein succès de scandale – und dieses einzigartige Bühnenwerk befestigte endgültig seinen künstlerischen Ruf.

 

Debussys Privatleben verlief weniger glücklich. Nach einer siebenjährigen Liaison mit Gabrielle (Gaby) Dupont, die er angeblich „an einem frivolen Ort kennengelernt hatte“, und nach einer kurzen Verlobungszeit mit der Sängerin Thérèse Roger heiratete er 1899 das Nähfräulein und Mannequin Lily Texier, die mit ihrem Ehemann die Probleme seiner frühen Karriere teilte und sich, als er sie 1904 wegen der Bankiersfrau und Sängerin Emma Bardac verließ, das Leben zu nehmen versuchte. Diese Verzweiflungstat führte zum Bruch mit etlichen Freunden, die das Verhalten des Komponisten nicht billigen wollten. Dessen ungeachtet gingen Emma Bardac und Claude Debussy 1908, drei Jahre nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Claude-Emma (Chou-Chou), den Bund der Ehe ein. Die letzten Lebensjahre waren überschattet vom Ersten Weltkrieg und von einer Krebserkrankung, der Debussy im März 1918 erlag. Gerade hatte er drei kammermusikalische Sonaten vollendet, die mit weiteren Werken einen größeren Zyklus bilden sollten.

 

Claude Debussy gehört zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts. Seine musikalische Sprache eröffnete Pfade, deren Möglichkeiten bis heute nicht ausgeschöpft sind – allein sein sinnlich-poetischer Umgang mit dem Orchester und dem Klavier sprechen Bände. Die Oper Pelléas et Mélisande und die Mélodies (Lieder) offenbaren einen Sinn für die Worte der Dichter, der sich in einer zurückgenommenen, nie übertriebenen Tonsprache artikuliert.

 

[1] Clair de lune (Mondlicht) wird man kaum noch mit „neuen Ohren“ hören können, denn es wurde schon zu Lebzeiten des Komponisten ein Evergreen. Mit poetischen Mitteln beschwört es dieselbe nostalgische Welt, die Verlaine in seinen Fêtes galantes entworfen hat: Clair de lune ist der dritte Satz der Suite bergamasque für Klavier, an der Debussy von 1890 bis 1905 gearbeitet hat.

 

[2] La plus que lente (1910) ist ein mehr denn langsamer Walzer, der – gewiss nicht ohne leichte Ironie – molto rubato con morbidezza gespielt werden soll. Das Stück wurde nicht nur in seiner Originalgestalt, sondern auch in vielen verschiedenen Transkriptionen berühmt.

 

[3] & [10] Die beiden Arabesques in E-dur und G-dur von 1888 sind ähnlich populär wie Clair de lune. Die Sätze sind jeweils in der klassischen Liedform (ABA) gehalten, und es ist besonders interessant zu sehen, wie Debussy in der zweiten Arabesque den kontrastierenden Mittelteil aus demselben Material wie die äußeren Abschnitte gestaltet.

 

[4] Le petit nègre (Der kleine Neger) erschien 1909 unter dem englischen Originaltitel The Little Nigar in Théodore Lacks Méthode de piano (Klavierschule). Es gibt darin einige Gemeinsamkeiten mit der Suite Children’s Corner, die Debussy für seine Tochter schrieb – und diese Gemeinsamkeiten beschränken sich nicht nur auf die englischen Titel des anglophilen Debussy. [5] The Snow is Dancing ist ein kleines Schneegestöber, während The Little Shepherd [6] das delikate, ausdrucksvolle Spiel des kleinen Schäfers auf seiner Flöte mit einem Tanzmotiv kontrastiert.

[7] Golliwog’s Cakewalk ist schließlich die vergnügte Reflexion eines Tanzes, der sich in den Pariser Variétés der 1890er Jahre großer Beliebtheit erfreute. Der Mittelteil dieses Satzes bittet auf respektlose Weise Richard Wagners Tristan aufs Parkett ...

 

[8] Estampes (gedruckte Stiche) erschien 1903 und wurde ein Jahr später von Ricardo Viñes uraufgeführt. Der zweite der drei Sätze – La soirée dans Grenade (Der Abend in Granada) – beschwört ganz unmissverständlich das maurische Andalusien.

 

[9] Beschlossen wird der Zyklus von den Jardins sous la pluie (Gärten im Regen), das aus einem älteren, nicht veröffentlichten Image entstand. Der Titel des ursprünglichen Werkes lautete Quelques aspects de ‘Nous n’irons plus au bois’ (Einige Gründe, warum wir nicht mehr in den Wald gehen sollten).

 

[11] Die Valse romantique (1890) beginnt in der schlichten Melancholie eines Erik Satie, begibt sich dann aber auf konventionellere Gebiete. Am Ende verleiht der harmonische Beleuchtungswechsel von Moll nach Dur der Musik einen optimistischen Anstrich. [12] Die Danse erschien 1891 unter dem Titel Tarantelle styrienne (Steyrische Tarantella) und kam nach einer Revision 1903 unter dem neutralen, heute gültigen Namen heraus. Die Bearbeitung änderte an dem feurigen Impuls der Tarantella natürlich nichts.

 

[13] Die virtuose Toccata ist der dritte und letzte Satz der 1901 erschienenen Suite Pour le piano, die 1904 von Ricardo Viñes uraufgeführt wurde. Es ist eine energiegeladene tour de force, die in einem wunderbaren Kontrast zu der voraufgehenden Sarabande der Suite steht.

 

[14] Den ersten Band seiner Images veröffentlichte Debussy im Jahre 1905. Den Auftakt dieser Kollektion bilden die Reflets dans l’eau (Spiegelungen im Wasser), die der Komponist mit den leise sich kräuselnden, konzentrischen Kreisen verglich, die durch einen ins Wasser geworfenen Kiesel entstehen. [15] Poissons d’or ist das Schlussstück der zweiten Images-Sammlung, die 1908 erschien. Seine Inspiration dazu fand Debussy in einer japanischen Lackarbeit, die in seinem Arbeitszimmer stand. Die auf dem bewussten Wandschirm abgebildeten Goldfische entfalten in der Musik ein glitzerndes Leben.

 

[16] In seiner Mazurka (1891) bedient sich Debussy desselben polnischen Nationaltanzes, den Chopin rund sechzig Jahre früher in Paris eingeführt hatte. Dank seiner speziellen melodischen Wendungen und Skalen ist das Stück sogleich als eine Kreation von Debussy zu erkennen.

 

[17] Die Rêverie (Träumerei) aus dem Jahre 1890 wurde 1903 veröffentlicht. Très doux et expressif erklingt zunächst eine zarte, ausdrucksstarke Melodie über einem repetitiven Begleitschema. Daran schließt sich ein stimmungsmäßig und tonal kontrastierender Abschnitt an, der dann wiederum in die Reprise des ersten Teils übergeht.

 

Die beiden Bände seiner Préludes ließ Debussy 1910 bzw. 1913 veröffentlichen. [18] Aus der ersten Sammlung stammt das zarte, expressive Portrait La fille aux cheveux de lin (Das Mädchen mit den flachsblonden Haaren), das in den verschiedensten Arrangements zum Erfolg wurde. [19] Zu den Minstrels soll Debussy 1905 angeregt worden sein, als er im südenglischen Eastbourne eine Band farbiger Musiker hörte. [20] La cathédrale engloutie beschwört schließlich das französische Mittelalter und die Kathedrale von Ys, die im Meer unterging – im Nebel können aufmerksame Menschen noch immer die Gesänge und Glocken der versunkenen Kirche hören.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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