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8.555810 - BERLIOZ: Cantatas
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Hector Berlioz (1803-1869)

Hector Berlioz (1803-1869)

Kantaten für den Prix de Rome

 

Hector Berlioz wurde in eine einflussreiche Familie in der französischen Provinz Isère geboren. Sein Vater, ein angesehener Arzt, erteilte dem jungen Hector, der zwischen zahlreichen Talenten und Vorlieben, darunter auch einem unwiderstehlichen Hang zur Musik, schwankte, den ersten Unterricht zunächst selbst. Er begann schon bald zu komponieren, jedoch nicht für das Klavier, das er nicht beherrschte, sondern Kammermusikwerke für ein Sextett,  in dem der Sohn seines Musiklehrers Horn und er selbst Flöte spielte. Später erlernte er zudem das Gitarrespiel. Trotz seiner musikalischen Begabung bestand sein Vater darauf, dass er eine medizinische Laufbahn einschlug, und so machte Berlioz sein erstes Examen in Grenoble und zog dann nach Paris. Drei Jahre später gab er die Medizin ganz zu Gunsten der Musik auf, denn seine Begeisterung war angesichts der Möglichkeiten, die Paris mit der Opéra und der Bibliothek des Conservatoires, an der er später als Bibliothekar arbeitete, weiter gewachsen. In den ersten Jahren als Komponist war Berlioz bemüht, sein Talent weiter zu entwickeln. Er nahm daher Unterricht bei Jean-François Le Sueur, in dessen Klasse am Conservatoire er 1826 eintrat. In den folgenden Jahren bewarb er sich vier Mal um den Prix de Rome. Diese bedeutende Ehrung für einen ehrgeizigen jungen Komponisten war von Napoleon eingerichtet worden und schließt auch einen zweijährigen Aufenthalt in der Villa Medici in Rom ein. Bei seinem vierten Versuch im Jahr 1830 war Berlioz schließlich erfolgreich.

           

1829 hatte Berlioz zum ersten Mal Shakespeares Hamlet gesehen, mit Charles Kemble als Prinz und der irischen Schauspielerin Harriet Smithson als Ophelia. Dieses Erlebnis hinterließ bei ihm einen tiefen Eindruck, und in der Saison nutzte er noch des öfteren die Gelegenheit, weitere Aufführungen zu besuchen. Er teilte die allgemeine öffentliche Verehrung für Harriet Smithson und verliebte sich unsterblich in sie, wurde jedoch zunächst zurückgewiesen. In dieser Zeit entstand seine epochemachende autobiographische Symphonie fantastique, die im Dezember 1830 in der Anwesenheit Franz Liszts uraufgeführt wurde. Erst nachdem Berlioz aus Rom zurückgekehrt war, wo er zwei Jahre verbracht hatte, und als Harriet Smithsons Stern zu sinken begann, willigte sie ein, seine Frau zu werden. Jedoch war die Verbindung der beiden alles andere als glücklich.

           

Auch in den nächsten Jahren blieb Berlioz im offiziellen Musikleben Frankreichs eher ein Außenseiter. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Kritiker, während er als Komponist und Dirigent vor allem im Ausland bekannt wurde. Man sah in ihm den Typus des individuellen Genies, des romantischen Künstlers, der als Reaktion auf Kritik und Opposition durch Genie und Wahnsinn bis zum Äußersten getrieben wird, wie auch in seinen Mémoires nachzulesen ist. Nach dem Tod seiner Frau 1854 heiratete er die Sängerin Marie Recio, mit der er schon seit zwölf Jahren eine Affäre hatte. Ihr plötzlicher Tod 1862 und der ihres Sohnes Louis 1867, eines Marine-Offiziers, überschattete seine letzten Jahre. Berlioz starb 1869.

           

Der Prix de Rome unterlag einer Reihe formaler Regeln. Im ersten Durchgang des Wettbewerbs wurden die technischen Fähigkeiten der Kandidaten, vor allem ihre Kenntnisse im Kontrapunkt, geprüft. Diejenigen, die in dieser Runde erfolgreich waren, wurden zum nächsten Durchgang zugelassen, der Komposition einer Scène lyrique, die die weitere  Befähigung zur Komposition einer Oper deutlich machen sollte. Die Kandidaten erhielten einen vorgegebenen Text, den sie in den folgenden 25 Tagen, in denen sie ihre Wohnungen im Institute Française nicht verlassen durften, zu vertonen hatten. Eine erste Beurteilung der eingereichten Werke wurde einige Tage darauf von den Mitgliedern der Musikabteilung der Académie des Beaux-arts abgegeben, und die Werke wurden mit Klavierbegleitung aufgeführt. Die Musikabteilung verfasste einen Bericht, und die gesamte Académie mit den Vertretern aller anderen Kunstrichtungen wie Malern, Architekten, Graveuren und Bildhauern, trafen die endgültige Entscheidung. Nach der Beendigung der Beratung wurden die Wettbewerbskompositionen dann noch einmal aufgeführt. Der Gewinner erhielt die Auszeichnung im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, in der die Komposition des Siegers von einem Orchester gespielt wurde. Auch die Beiträge früherer Gewinner gelangten bei diesen Konzerten zur Aufführung.

           

Berlioz nahm 1826 erstmals an dem Verfahren des Prix de Rome teil, scheiterte jedoch schon in der ersten Runde, dem concours d’essai, denn es mangelte ihm an den nötigen Kenntnissen in Kontrapunkt. Im nächsten Jahr versuchte er es erneut. Die erste Runde des Wettbewerbs von 1827, die am 26. Juli abgehalten wurde, erlaubte allen vier Kandidaten, in die nächste Runde aufzurücken. Dazu gehörte auch Jean-Baptiste Guiraud, ein weiterer Schüler von Berlioz’ Lehrer Le Sueur, der schließlich den ersten Preis erringen konnte, sowie zwei Schüler von Henri-Montan Berton, der den Text für die Vertonung verfasst hatte. Die technischen Anforderungen an die verlangten Kompositionen waren äußerst streng. Sie sollten auf jeden Fall ein récitatif obligé enthalten, das zu einem cantabile führt, worauf ein récitatif simple und ein markantes air de mouvement folgt. Bei seiner Behandlung des Textes von La mort d’Orphée nahm sich Berlioz einige Freiheiten heraus, und diese Änderungen gingen offensichtlich über das Maß hinaus, das die Juroren als akzeptabel ansahen. Als das Werk durchgespielt wurde, fühlte sich der Pianist der orchestralen Satztechnik Berlioz’ nicht gewachsen, und Berton, ein Mitglied der ausschlagebenden Musikabteilung des Institutes, erklärte es für unspielbar – sogar für Orchester. Berlioz hatte sich in den Kopf gesetzt, ihm das Gegenteil zu beweisen und organisierte eine Aufführung im Mai des folgenden Jahres. Unglücklicherweise verhinderte die Krankheit des Solisten Alexis Dupont, des Sängers, der den Part während des Wettbewerbs übernommen hatte, die Aufführung, und Berlioz war gezwungen, statt dessen eine andere Komposition ins Programm zu nehmen. Das Manuskript wurde kopiert und möglicherweise überarbeitet. Der Prix de Rome ging in diesem Jahr an Guiraud, eine Entscheidung, die nach einem früheren zweiten Preis nicht unerwartet kam.

           

Der Text bezieht sich auf den Tod des legendären Sängers Orpheus, der von den thrakischen Mänaden  zerrissen wird, weil er zum Frauenfeind wurde, nachdem es ihm nicht gelungen war, seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt zurück zu bringen. Berlioz beschreibt sein Werk in einem Untertitel eher als Monologue et Bacchanale denn als Scène lyrique. Nach einer Introduktion mit einer charakteristischen Instrumentierung und einem bewegten Schluss setzt der Tenor mit einem begleiteten Rezitativ ein, in dem er sich an die Priesterinnen des Bacchus wendet. Darauf folgt ein Larghetto Ô seul bien qui me reste!, von dem ein Teil zusammen mit anderen Elementen des Werkes in dem späteren Le retour à la vie wieder verwendet wurde. Die Arie mit der zu erwartenden Verwendung der Harfe deutet die Leier des Orpheus an und leitet über zu einem weiteren lyrischen Rezitativ, das von Blechbläserakkorden und einem entfernten Echo charakterisiert ist. Berlioz hatte bereits einen Teil des vorgegebenen Textes gestrichen und nahm sich zudem noch die Freiheit heraus, einen doppelten Frauenchor hinzuzufügen, der die Bacchantinnen in dem Bacchanale darstellen sollte, deren Rufe nach Rache die Bitten Orpheus’ begleiten. Das ganze Werk endet mit einem orchestralen Tableau musicale, das den Abgang der Bacchantinnen beschreibt, nachdem sie Orpheus getötet haben. Der Wind streicht durch die Saiten der zerbrochenen Leier, und der Klang einer Flöte, die von einem Schäfer in den Bergen gespielt wird, tatsächlich eine Solo-Klarinette, versucht noch einmal, die Musik des Orpheus einzufangen. Danach herrscht Ruhe, Stille und Einsamkeit.

           

Im Jahr 1828 folgte der Wettbewerb den gleichen strengen Regeln, und wieder erfüllten vier Kandidaten die Voraussetzungen der ersten Prüfungen und rückten zur Vertonung eines Textes von Pierre-Ange Vieillard de Boismartin vor. Nach der ersten Beurteilung empfahl die Musikabteilung, Berlioz keinen Preis zu verleihen. Doch die Gesamtversammlung der Académie bedachte ihn mit dem zweiten Preis, und hätte ihm sogar beinahe den ersten Preis zugestanden. Berlioz, der nun an Umsicht gewonnen hatte, hielt sich enger an die Bestimmungen des Wettbewerbs und an den vorgegebenen Text, das Werk eines weithin respektierten Dramatikers und Librettisten. In der einleitenden Stellungnahme der Musikjuroren nahm Berton jedoch Anstoß an dem abschließenden Prière, einer Vertonung des letzten Teils der abschließenden Air de mouvement.

           

Das Thema von Erminia, aus Tassos La Gerusalemme liberata, war bei zahlreichen Librettisten, die Texte für die Komponisten des Prix de Rome verfassten, sehr beliebt. Die Prinzessin von Antiocha, die den Kreuzritter Tancredi liebt, sucht seine Zuneigung, obwohl er das Königreich ihres Vaters erobert hat. Sie plant, die Rüstung von Tancredis Geliebter Clorinda anzulegen, um ihre Ziele zu verfolgen. Die Introduktion zu der Scène lyrique scheint unmittelbar vertraut und klingt wie die idée fixe der späteren Symphonie fantastique. In dem ersten Rezitativ beklagt Erminia ihr Schicksal und fährt in ihrer ersten Arie fort, ihrer Liebe zu Tancredi sogar in ihrer Gefangenschaft treu zu bleiben. Die Ängste, die sie aussteht, als er in den Kampf mit Argant verwickelt wird, sind Gegenstand des nächsten Rezitativs und der bewegten zweiten Arie. Ihre Eifersucht auf Clorinda beherrscht das Thema des dritten Rezitativs. Die abschließende Arie, die von einem Gebet unterbrochen wird, das Berlioz sehr viel näher zu sein scheint, als der Text vermuten lässt, drückt ihren endgültigen Entschluss aus.

           

1829 nahm Berlioz zum vierten Mal am Wettbewerb teil, und sein Erfolg schien gesichert, denn er hatte bereits im Jahr zuvor den zweiten Preis gewonnen. Die vier Kandidaten absolvierten den ersten Prüfungsdurchgang und gelangten zur Vertonung der Cléopâtre, eines Textes, der wiederum von Vieillard stammte. Die Musikabteilung vergab jedoch keinen Preis, und ihr Urteil wurde von der Académie bestätigt. Auch Elemente dieser Vertonung fanden in Le retour à la vie und anderen Werken Verwendung. Angeregt durch das Thema von Kleopatras Selbstmord, die sich nach der Niederlage von Aktium mit Nattern vergiftete, ließ Berlioz seiner Fantasie freien Lauf. Seine wirkungsvollen Harmonien erwiesen sich als viel zu provokativ für den Opernkomponisten Boieldieu, der ihm riet, etwas Besänftigendes zu schreiben. Diesen Vorschlag fand Berlioz jedoch angesichts der Situation, in der Kleopatra sich befunden hatte, lächerlich.

           

Eine dramatische Orchestereinleitung führt zu Kleopatras erstem Rezitativ, einer Klage über ihre Gefangennahme durch Oktavian und ihr Scheitern, ihn mit ihrem Charme zu fesseln, den sie zuvor so erfolgreich bei Julius Caesar und Antonius eingesetzt hatte. Ihr Lento cantabile drückt ihre Trauer über die Vergangenheit und über die Niederlage ihrer und Antonius’  Flotte bei Aktium aus. Im zweiten Rezitativ gibt sie sich selbst die Schuld für die Niederlage Ägyptens, so dass der Tod für sie den einzigen Ausweg bedeutet. Zu Beginn der letzten Arie, die den Titel Méditation trägt, fügt Berlioz ein Zitat aus Shakespeares Romeo und Julia ein. Die Worte, die in Englisch in die Partitur geschrieben sind, werden von Julia gesprochen, bevor sie das Gift nimmt, an dem sie sterben wird. Zweifellos waren es die Harmonik und die Rhythmik dieses äußerst dramatischen letzten Abschnitts, an dem Boieldieu Anstoß nahm. Das Werk endet mit einem kurzen und intensiven Rezitativ, dem Hämmern der Streicher und einem abschließenden tödlichen Sturz.

           

1830 qualifizierten sich sechs Kandidaten für den Prix de Rome. Paris war in Aufruhr, und die Herrschaft Karls X. ging unter dramatischen Umständen zu Ende. Doch der Wettbewerb wurde fortgesetzt, und Berlioz war entschlossen, die Jury diesmal zufrieden zu stellen. Er brauchte das Geld und den Ruhm, den ihm eine erfolgreiche Teilnahme bescheren würde, um seine Eltern zu beruhigen, die mit seiner Entscheidung, Musiker zu werden, nicht einverstanden waren. Zudem wollte er das Mädchen beeindrucken, an das er sein Herz verloren hatte, die junge Pianistin Camille Moke, die ihm kurz darauf den Laufpass gab. Das Libretto zu Sardanapale von Jean François Gail gehörte wiederum zu den Texten, die seinen dramatischen Neigungen entgegenkamen. Er handelt von der Niederlage des Königs Sardanapal, der zunächst mit seinen Dienerinnen in sinnlichem Vergnügen gezeigt wird. Doch seine Lustbarkeiten werden von der Unglücksbotschaft gestört, dass Ninive gefallen ist. Daraufhin opfert er sich und verbrennt sich auf einem riesigen Scheiterhaufen.

           

In diesem Jahr gelang es Berlioz endlich, den begehrten ersten Preis zu gewinnen, denn er hatte für die Aufführung eine gemäßigtere Fassung, die nur vom Klavier begleitet wurde, vorbereitet. Für das öffentliche Konzert mit großem Orchester überarbeitete er das Finale und komponierte eine Feuersbrunst, die zwar in der Generalprobe beeindruckte, aber in der endgültigen Aufführung nicht überzeugen konnte. Der erste Hornist verpasste seinen Einsatz, der dem Becken und dann den Pauken das Stichwort hätte geben sollen. Berlioz war so außer sich vor Zorn, wenn wir seinem eigenen Bericht glauben schenken wollen, dass er die Partitur ins Orchester schleuderte, oder doch wenigstens, wie andere es beobachtet haben, sich wütend von seinem Sitz erhob.

           

Ironischerweise ist die Partitur, die Berlioz für Sardanapale erarbeitet hatte, nicht überliefert, obwohl Versuche unternommen wurden, wenigstens Teile davon zu rekonstruieren. Der Text blieb zwar erhalten, doch Berlioz vernichtete die Partitur, nachdem das Werk mehrere Male aufgeführt worden war. Durch Zufall sind die abschließende Air und das Incendie, das nach dem Finale eingefügt wurde, zusammen in einem Band mit dem Werk eines anderen Komponisten, erhalten geblieben. Der Text basiert auf dem Schicksal des assyrischen Königs Assurbanipal, der von Byron als Liebhaber des Luxus beschrieben wird. Nach einer Niederlage in der Schlacht wird er von seiner bevorzugten Konkubine Myrrtha angestiftet, einen Scheiterhaufen zu errichten. Dann zündet sie ihn an und opfert sich mit ihm zusammen in den Flammen. Die Geschichte ist Gegenstand eines Gemäldes von Delacroix, das 1826 kontrovers diskutiert wurde. Das gleiche Thema bildete die Grundlage für die Kantate des späteren Prix de Rome. Dem hinzugefügten Finalabschnitt wird hier eine gesprochene Fassung der zweiten und dritten Strophe des Arien-Textes vorangestellt. Elemente daraus verwendete Berlioz in seiner Vertonung mit Männerchor. Die Feuersbrunst greift auf zusätzliche Instrumente zurück – Piccolo, Harfe, Becken und Basstrommel sowie zwei Harmonikas, Schlaginstrumente mit einer Tastatur, die in dem Feuer eine ganz kleine Rolle spielen. Zwar wurde die Kantate in dem Jahr noch einmal aufgeführt, doch schien Berlioz schon bald des Werks überdrüssig gewesen zu sein und vernichtete den größten Teil der Partitur.

           

Eine vollständige Darstellung der Kantaten zum Prix de Rome von Berlioz und von dem Wettbewerb selbst findet sich in David Gilberts informativer Einführung zu der Ausgabe der Partituren in der Neuen Ausgabe Sämtlicher Werke von Berlioz, Band 6 (Bärenreiter, 1988) der der Autor des vorliegenden Textes viel verplichtet ist.

 

Keith Anderson

 

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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