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8.555814 - RAUTAVAARA: Symphony No. 7 / Angels and Visitations
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Einojuhani Rautavaara (geb

Einojuhani Rautavaara (geb. 1928)

Sinfonie Nr. 7 • Angels and Visitations

Einojuhani Rautavaara wurde am 9. Oktober 1928 in Helsinki geboren. Nachdem er sein Examen an der Universität seiner Heimatstadt gemacht hatte, studierte er bis 1955 an der Sibelius Akademie bei Aarre Merikanto, später in New York an der Juilliard School bei Vincent Persichetti und dann bei Aaron Copland und Roger Sessions in Tanglewood. Weiterführende Studien führten ihn nach Ascona zu Wladimir Vogel und nach Köln zu Rudolf Petzold. Von 1966 bis 1971 war er Dozent an der Sibelius Akademie und wurde 1971 in die offizielle Position des Professors für Komposition berufen.

Rautavaaras frühe Kompositionen, charakterisiert durch das mit einem Preis ausgezeichnete A Requiem In Our Time (1953), griffen auf den nordischen Klassizismus zurück und standen in der Tradition von Sibelius und Nielsen. Dazu gesellten sich Einflüsse von Bartók, Schostakowitsch und der Volksmusik. Rautavaara gehörte zu den ersten Komponisten Skandinaviens, die in Werken wie z.B. der Vierten Sinfonie (1963) das serielle Denken in ihre Tonsprache einbezogen. Seine stilistische Bandbreite öffnete sich für weitere Einflüsse in den 1960er Jahren. 1972 wurden zwei seiner erfolgreichsten Werke vollendet: Vigilla, das auf orthodoxe liturgische Gesänge zurück greift, und Cantus Arcticus (Naxos 8.554147), das neben Vogelstimmen vom Tonband auch modale und aleatorische (zufallsabhängige) Elemente einbezieht. Die Tonalität begann sich in seinen Werken aus den 1980er Jahren zurück zu melden und kennzeichnet zusätzlich zu den wogenden Klangmassen Werke wie die Fünfte Sinfonie (1985). Die Opern Thomas (1985) und Vincent (1987) trugen dazu bei, Finnlands Ruf als Zentrum der zeitgenössischen Oper zu festigen. Die wachsende Popularität seiner Musik lässt sich aus der Vielzahl der Schallplatten-Aufnahmen und internationalen Kompositionsaufträgen, die er in den letzten zehn Jahren erhalten hat, ablesen.

Die Siebte Sinfonie entstand 1994 und trägt den Untertitel Angel of Light. Sie wurde vom Bloomington Symphony Orchestra in Auftrag gegeben und in Bloomington, Indiana, aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Orchesters 1995 uraufgeführt. Der Komponist weist darauf hin, dass die Referenz an Engel weder in einem bildlichen noch einem programmatischen Sinne aufgefasst werden sollte. Vielmehr will er sie als Archetypus im mythischen oder spirituellen Sinne verstanden wissen, die, in diesem Fall, eine rein musikalische Energie ausstrahlt. Der erste Satz, Tranquillo, beginnt mit einem verhangenen Hintergrund aus Streichern, Glockenspiel und Vibraphon, das ein chromatisch gefärbtes Motiv anstimmt, bevor eine elegische Melodie in den Violinen und Violen aufsteigt. Holz- und Blechbläser bilden den Höhepunkt der zentralen Steigerung. Darauf entwickeln Soloholzbläser schwermütig einige Aspekte des Themas, während die Musik ihren gemächlichen Lauf fortsetzt. Flöte und Harfe sorgen für etwas Lebhaftigkeit, und das gesamte Orchester setzt kurz ein, bevor der Satz zu seiner anfänglichen Stimmung, die nun von einer modalen Wärme gefärbt wird, zurückkehrt. Das Scherzo, Molto allegro, beginnt stürmisch mit einem unbeschwerten ironischen Gedanken in den Holzbläsern und dem Xylophon, zu dem die expressive bogenförmige Melodie in den Violinen einen ausgeprägten Gegensatz bildet. Obwohl die Launenhaftigkeit des Anfangs zurück kehrt, erscheint der Höhepunkt sehr verkürzt, und Fragmente der ironischen Musik tauchen immer wieder über einem Orgelpunkt in den tieferen Streichern auf. Daran schließt sich unmittelbar Come un sogno (Wie ein Traum) an, das expressive Herzstück des Werkes. Die Violinen stimmen eine Choral-ähnliche Melodie an, Holzbläser und Hörner antworten mit einem warmen pastoralen Diskurs. Nach einem äußerst kurzen Höhepunkt setzt die Solo-Violine das Choralthema über sanft wogenden Holzbläsern und tieferen Streichern fort, und der Satz wechselt gegen Ende fast unmerklich zur Molltonart. Das Finale, Pesante, beginnt mit einer

gebieterischen Blechbläser-Fanfare, dann fahren die Streicher mit einer weiteren modal klingenden Melodie fort, die von lebhaften Holzbläser-Arabesken verziert wird. Diese nehmen an Üppigkeit immer mehr zu, bevor die Musik leiser wird und die hohen Streicher das Thema in einer asketischeren Struktur fortführen. Nachdem der zentrale Höhepunkt mit vollem Blech und Tamtam erreicht wird, verflüchtigt sich das Werk eher als das es endet, rasch und geheimnisvoll gerät es außer Hörweite.

Angels and Visitations entstand 1975 und war Rautavaaras erstes Werk in der Engel-Serie, zu der auch das Konzert für Kontrabass „Angel of Dusk" (1980), die Fünfte Sinfonie (1985) und später die Siebte Sinfonie gehören. Es zählt darüber hinaus zu den ersten repräsentativen Werken seiner Reifezeit. Die Anregung geht zurück auf einen Vers aus Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien: „…und gesetzt selbst, es nähme mich einer plötzlich ans Herz, ich verginge von seinem stärkeren Dasein", bezieht aber auch Visionen ein, die Rautavaara durch Träume in seiner Kindheit erfahren hatte. Auch hier sollten keine Programme in das Werk hinein gelesen werden, das der Komponist mit fortlaufenden Variationen über das Thema von Kontrast oder Polarität und über die Gegensätze, die in allen Dingen verborgen liegen, verglichen hat.

Das Werk beginnt mit entfernt summenden Streichern und wird von Harfe und ungestimmtem Schlagwerk fortgesetzt. Blechbläser und gestimmtes Schlagwerk setzen ein, und die Musik wird zunehmend bedrohlich. Sanfte Holzbläserfiguren führen zu einem expressiven Thema in den Streichern, das immer reicher instrumentiert wird, bevor es in die obersten Register der Violinen aufsteigt. Die summende Bewegung taucht nun plötzlich bedrohlich in den tiefen Registern auf, und die Musik wird von schrillen Blechbläserklängen und schnellen Streichern erschüttert, die von einem dissonanten Blechbläserchoral überlagert werden. Huschende Holzbläser und läutende Glocken intensivieren die Spannung, bevor das Hauptthema nach und nach wieder erscheint, um das Werk in ruhigeres Fahrwasser zu geleiten. Dennoch bleibt ein Gefühl der Unsicherheit spürbar. Die Musik kehrt zu der Stimmung des Anfangs zurück, und unheilvolle Blechbläser erzeugen einen letzten dynamischen Ausbruch, wie, um die Tragweite dessen zu unterstreichen, was erfahren wurde.

Richard Whiethouse

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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