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8.555848 - BRAHMS, J.: Four-Hand Piano Music, Vol. 16 (Matthies, Köhn)
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Johannes Brahms (1833-1897): Musik für Klavier zu vier Händen Folge 16
Schumann: Klavierquintett op. 47
Joachim: Hamlet-Ouvertüre op. 4
Schubert: Ländler

 

Johannes Brahms wurde 1833 in Hamburg als Sohn eines Kontrabassisten und einer viel älteren Näherin geboren. Seine Kindheit verbrachte er in recht armseligen Verhältnissen, doch bei seinem Klavierunterricht machte er solche Fortschritte, dass sogar der Plan entstand, mit dem elfjährigen Wunderkind Konzertreisen zu unternehmen. Von Eduard Marxsen wurde der jungen Brahms in die technischen Grundlagen des Komponierens eingeweiht, indessen er zum Unterhalt der Familie als Klavierspieler in verschiedenen Sommerrestaurants beitrug.

1851 begegnete Brahms dem aus Ungarn emigrierten Geiger Reményi, dem er die Bekanntschaft mit der für sein eigenes Schaffen so bedeutsamen magyarischen Tanzmusik verdankte. Zwei Jahre später unternahmen die beiden Musiker eine erste gemeinsame Konzertreise, die sie auf Empfehlung von Joseph Joachim unter anderem auch nach Weimar führte, wo damals Franz Liszt residierte, von dem man wohl erwarten durfte, dass er einem Landsmann mit besonderem Wohlwollen begegnen würde. Tatsächlich profitierte Reményi auch von dem Zusammentreffen mit seinem berühmten Landsmann, Brahms hingegen legte schon damals eine Probe seiner im Laufe der Jahre noch kultivierten Taktlosigkeiten ab und vermochte den Meister nicht zu beeindrucken. Fruchtbar hingegen gestaltete sich der Besuch, den er nach Joachims Vermittlung noch im selben Jahr dem Ehepaar Schumann abstattete.

1850 hatte Robert Schumann die erste und letzte offizielle musikalische Anstellung seines Lebens angetreten – als er nämlich in Düsseldorf die Nachfolge des vorherigen Städtischen Musikdirektors Ferdinand Hiller übernahm. Er entdeckte in Brahms’ Musik eine kommende Größe und veröffentlichte in der Neuen Zeitschrift für Musik, die er selbst einst herausgegeben hatte, einen Artikel des Inhalts, dass der junge Mann der langerwartete Nachfolger Beethovens sei. Wenige Monate später – im Februar 1854 – versuchte Schumann sich nach mehreren Phasen tiefster Depressionen das Leben zu nehmen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in einer Irrenanstalt, während Brahms seine Frau, die angesehene Pianistin Clara Schumann, und deren Kinder auf alle erdenklichen Weisen unterstützte. Die enge Freundschaft endete erst mit Claras Tod im Jahre 1896. Ein Jahr darauf folgte ihr Brahms ins Grab.

Brahms’ Hoffnung war es stets gewesen, früher oder später im Triumph nach Hamburg zurückzukehren und fortan im dortigen Musikleben eine führende Rolle zu spielen. Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Statt dessen ließ er sich 1863 in Wien nieder – zunächst noch provisorisch, dann aber seit 1869 auf Dauer. Und hier tat er alles, um Schumanns Prophezeiung zu erfüllen. Seine Freunde und Förderer, darunter insonderheit der gefürchtete Kritiker und Schriftsteller Eduard Hanslick, sahen in ihm tatsächlich den wahren Nachfolger Beethovens, einen Komponisten, dessen Schaffen – von außermusikalischen Erwägungen und Programmen unberührt – im völligen Gegensatz zu der von Wagner und Liszt repräsentierten „Zukunftsmusik“ stand, die Brahms und Joachim später in aller Öffentlichkeit ablehnten.

Brahms hat viele seiner Werke für Klavier arrangiert und sich dabei eines allgemein üblichen Verfahrens bedient, durch das neue Kompositionen weitere Verbreitung erfuhren, indem sie in diesen Bearbeitungen entweder auch von Freunden gespielt werden konnten oder für ein größeres Publikum veröffentlicht wurden. Daneben widmete sich Brahms aber auch der Musik anderer Komponisten. Die vorliegende Aufnahme enthält Transkriptionen von Werken Schumanns, Joachims und Schuberts.

1854 hatte Brahms das Scherzo aus dem Klavierquintett op. 44 von Robert Schumann für Klavier zu zwei Händen eingerichtet. Im nächsten Jahr – Schumann war längst in der Irrenanstalt von Endenich untergebracht, wo er 1856 starb – ließ Brahms ein Arrangement des Klavierquartetts Es-dur op. 47 für vier Hände folgen. Das Originalwerk entstand 1842 und ist eng mit dem praktisch gleichaltrigen Quintett verwandt, mit dem es überdies dieselbe Tonart teilt. Der Einfluss Beethovens zeigt sich bereits in der langsamen Einleitung des ersten Satzes: Das Thema der Introduktion wird zum Hauptgedanken des nachfolgenden Sonaten-Allegros. Die Einleitung wird dann auch in der dramatischen Durchführung aufgegriffen und erscheint auch sonst an wichtigen strukturellen Stellen des Satzes. In dem originalen Quartett kam dem Klavier eine beinahe überwältigende Rolle zu, wohingegen man der vierhändigen Fassung diese Dominanz begreiflicherweise nicht vorhalten kann. Als zweiter Satz folgt ein Scherzo g-moll, das zwei kurze, kontrastierende Trios umrahmt. Im Zentrum des Werkes steht das lyrische Andante cantabile, das in einer aussagekräftigen Modulation von B-dur nach Gesdur gelangt – wenn wir einen Hinweis darauf brauchten, was Schumann für seine junge Frau Clara empfand, für die das Werk vor allem gedacht war, so wäre er hier zu finden. Das abschließende Vivace, dessen Hauptthema bereits in den Schlusstakten des dritten Satzes aufscheint, bietet Raum für kontrapunktische Arbeit – in einem Finale, mit dem auf brillante Weise ein Werk zu Ende geht, das manchmal wie ein Rivale des Klavierquintetts erscheint und in seiner Bearbeitung für Klavier zu vier Händen ebenso wirkungsvoll ist wie das Original.

Brahms erfreute sich einer langen Freundschaft mit dem Geiger Joseph Joachim. Das gute Verhältnis wurde erst beschädigt, als das Ehepaar Joachim 1884 in Scheidung lebte und Brahms sich auf die Seite der Frau schlug. Joachim wurde 1831 in Kittsee (Köpscény) geboren und war einer der größten Geiger seiner Zeit. Seine ersten Stunden erhielt er in Pest, und 1839 gab er sein Debüt. Er studierte in Wien und dann seit 1843 bei Ferdinand David, dem Konzertmeister des von Mendelssohn geleiteten Leipziger Gewandhausorchesters. 1849 wurde Joachim Konzertmeister des Hoforchesters von Weimar. Hier trat er in Kontakt zu Franz Liszt, bevor er drei Jahre später als Geiger König Georgs nach Hannover ging. Im weiteren Verlauf seiner Karriere ging er als Direktor an die Hochschule für Ausübende Tonkunst nach Berlin, wo er rund 39 Jahre lebte. Zu seinen Kompositionen gehört eine Reihe von Violinwerken, die er für sein eigenes Virtuosenrepertoire schrieb. Seine umfassenderen geistigen Interessen spiegeln sich vor allem in den frühen Konzertouvertüren nach Shakespeares Hamlet und Heinrich IV. sowie zu Hermann Grimms aktuellem Schauspiel Demetrius (1854). Die beiden letztgenannten Werke arrangierte Brahms für zwei Klaviere, wohingegen er die Hamlet-Ouvertüre op. 4 in den Jahren 1853/54 für vier Hände einrichtete. Schumann war von diesem Opus 4 beeindruckt und lobte die poetische Konzeption des Werkes. Als er das Werk in Düsseldorf aufführen wollte, zeigten sich seine dirigentischen Defizite, die zu wachsender Unzufriedenheit führten. Schumann und seiner Frau schien diese Situation, die Joachim und andere Freunde deutlich sahen, nicht bewusst zu sein.

Joachims Hamlet-Ouvertüre op. 4 aus dem Jahre 1853 wird von der ominösen Anfangsfigur dominiert und beschwört die Tragik des Shakespeareschen Schauspiels, ohne diesem dabei in einem narrativen Programm zu folgen. Gleichwohl werden die Elemente der Tragödie klar genug reflektiert. Das vierhändige Arrangement von Brahms verrät, welchen Respekt er vor dem Werk hatte. Als Joachim im Jahre 1860 das Komponieren praktisch einstellte, weil ihn seine Karriere als ausübender Musiker über die Maßen beanspruchte, bedauerte Brahms diese Entscheidung.

Schubert starb 1828 in Wien – fünf Jahre vor Brahms’ Geburt – und Schumann war einer derer, die Schuberts posthume Reputation vermehren halfen. Brahms hat orchestrale und instrumentale Arrangements verschiedener Schubert-Lieder sowie eine Klavierübertragung der Großen Messe Es-dur angefertigt und daneben acht Symphonien herausgegeben. Seine Bearbeitung von zwanzig Schubertschen Ländlern für Klavier zu zwei und zu vier Händen erschien 1869 im Druck. Diese Veröffentlichung enthält sechzehn Ländler D. 366 und vier Ländler D. 814. Die ersteren hat Schubert zwischen 1816 und 1824 geschrieben, letztere (für Klavier zu vier Händen) zeigen Schubert von einer leichteren musikalischen Seite. Womöglich entstanden die Stücke zur Unterhaltung seiner Freunde. Was immer ihre kommerziellen Möglichkeiten hätten sein können – zu seinen Lebzeiten wurden nur zwei Stücke aus D. 366 veröffentlicht; alle andern erschienen erst 1869.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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