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8.555850 - GIULIANI: Guitar Music, Vol. 2
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Mauro Giuliani (1781-1829)
Werke für Gitarre, Vol. 2

Mauro Giuliani, 1781 in der damals zum Königreich Neapel gehörenden Stadt Bisceglie geboren, ging im Alter von fünfundzwanzig Jahren nach Wien, in der Hoffnung auf eine erfolgreiche und einträgliche musikalische Karriere. Galt die Gitarre in seiner Heimat noch als reines Begleitinstrument, so hatte sie sich in der Donaumetropole bereits zu einem veritablen Soloinstrument entwickelt – hier boten sich für einen aufstrebenden Virtuosen glänzende Karriereperspektiven.

Das Instrument hatte soeben einen weiteren Wendepunkt in seiner Baugeschichte erreicht, indem das bis dahin fünfsaitige Modell nunmehr mit einer zusätzlichen sechsten Saite ausgestattet wurde. Während der folgenden zwei Jahrhunderte sollten zu verschiedenen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen Gründen weitere Saiten hinzukommen, aber der sechssaitige Prototyp gilt bis heute weithin als Norm. Trotz ihres relativ geringen Klangvolumens hatte es die Gitarre in Wien zu ungeheurer Popularität gebracht, und mit Giuliani erreichte die Begeisterungswelle ihren absoluten Höhepunkt. Dass er auch ein vorzüglicher Cellist war, beweist seine Mitwirkung bei der Uraufführung von Beethovens Siebenter Sinfonie.

„Wiener Klassik, gespeist von italienischem Lyrismus” – mit dieser Formulierung traf der Biograf Thomas Heck den Kern von Giulianis Kompositionsstil. Zweifellos war der lyrische Aspekt ein wichtiger Teil seines Erfolgs, mit dem blendendes Aussehen, kompositorisches Talent und technische Virtuosität als Erfolgsgaranten einhergingen und ihn in dieser frühromantischen Periode zu einer Berühmtheit machten. Zu Giulianis spektakulärsten Erfolgen zählte die Aufführung eines dreisätzigen Konzerts (vermutlich sein op. 30) vor einem erstaunten Wiener Publikum. Neben überschwänglichem Lob gab es zwar Stimmen, die das geringe Klangvolumen der Gitarre gegenüber dem Orchester bemängelten. Gleichwohl hatte Giuliani mit diesem Konzert ein gültiges Muster geschaffen.

Bei all seinen Erfolgen führte Giuliani ein unstetes, von notorischen Geldsorgen überschattetes Leben, sodass er sich schließlich sogar gezwungen sah, vor seinen Gläubigern nach Rom zu fliehen. Dort machte er die persönliche Bekanntschaft von Rossini und Paganini, mit denen er bald auch in berufliche Beziehung trat. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er in Neapel, wo sich seine Gesundheit zunehmend verschlechterte. Gegen Ende des Jahres 1828 erschien er nicht zu einem Soloauftritt seiner vierzehnjährigen Tochter Emilia, bei dem sogar die Königin anwesend war. Noch kurz zuvor war er zusammen mit seiner Tochter als Duo aufgetreten. Giuliani starb 1829 kurz vor Vollendung seines achtundvierzigsten Lebensjahres.

Die einsätzige Sonata eroica op. 150 ist eine von nur drei Sonaten aus Giulianis Feder (die beiden anderen sind die Werke op. 15 und op. 61). Durch seinen Aufenthalt in Wien war er mit den Arbeiten eines Haydn, Mozart und Beethoven in dieser Gattung zwar gewissermaßen aus nächster Nähe bestens vertraut. Ob er die Variationsform als das für die Gitarre geeignetste Ausdrucksmittel hielt, oder ob er es vorzog, wie Fernando Sor die Sonatenform an seine eigenen musikalischen Vorstellungen anzupassen, darüber gibt es keine sicheren Erkenntnisse. Auf jeden Fall entschied sich Giuliani dafür, dem Vorbild der klassischen Meister nicht nachzueifern. Die Sonata eroica, gewidmet seinem Freund Filippo Isnardi, erschien 1840 posthum bei Ricordi in Mailand. Es könnte sich bei diesem Werk um die Gran Sonata eroica handeln, die Giuliani 1821 als ein „bisher unaufgeführtes Werk von großem Umfang“ angekündigt hatte. Die Musikforschung hat jedoch auf stilistische Brüche innerhalb der Sonate hingewiesen, was darauf hinzudeuten scheint, dass Ricordi das Werk nach dem Tod des Komponisten von fremder Hand ergänzen ließ. Andererseits hatte Giuliani in einem Brief an Ricordi von „einem bisher unbekannten Stil“ gesprochen. Siebzehn Jahre zuvor, 1804, war Beethovens Eroica- Sinfonie entstanden. Die Widmungsgeschichte dieses zunächst Napoleon zugeeigneten Werks ist allbekannt: Als Beethoven erfuhr, dass der Korse sich zum Kaiser ausgerufen hatte, riss er wütend die Titelseite aus dem Manuskript. Nichts deutet in Giulianis Sonate auf einen ähnlich ‚heroischen’ Anlass, wenngleich der schiere Umfang das Werk in eine Reihe mit anderen bedeutenden Essays in dieser Form stellt.

In den Variationen über „Nume perdonami“ op. 102 verwendet Giuliani ein Thema aus Generalis 1816 uraufgeführter Oper I Bacchanali di Roma. Pietro Generali (1773-1832), neun Jahre älter als Rossini, ließ bereits einige Stilmerkmale seines berühmten Zeitgenossen, z.B. dessen orchestrales Crescendo, in einigen seiner eigenen Opern, von denen I Bacchanali di Roma als die bedeutendste gilt, vorausahnen. Die Gattung der Variation war im frühen Jahrhundert in Wien äußerst beliebt, und Giuliani war einer ihrer bekanntesten Exponenten. Die Variationen op. 102 sind der Wiener Sängerin Anna Wranitzky gewidmet. Das Thema, Allegro innocente, wird nach einer kurzen Introduktion vorgestellt und in drei Variationen verändert. Auf die erste, in Triolen, folgt eine Variation, in der die Melodie in Moll über Akkordwiederholungen im Bass erklingt. Die letzte Variation bringt die Rückkehr nach Dur, begleitet von starken dynamischen Kontrasten.

Giuliani schrieb fünf Potpourris, opp. 18, 26, 28, 31 und 41. Außer op. 26 erschienen alle im Wiener Verlag Artaria & Co. im Druck Da Artaria in seinem Veröffentlichungskatalog keine Werke erwähnte, die bei der Konkurrenz erschienen, trägt op. 31 die irreführende Bezeichnung „3. Gran Pot Pourri“. Das Potpourri als musikalische Form eignete sich vorzüglich zur Präsentation modischer Melodien in Veröffentlichungen, die in erster Linie für den großen Amateurmarkt bestimmt waren und mit denen die Verlage ansehnliche Gewinne erzielten. Ob Opernarien, Volkslieder, Gassenhauer oder Wiener Ländler: Giuliani verwendete sie alle und verarbeitete sie zu spielbaren, wenngleich gelegentlich auch formal eher belanglosen Klanggebilden aus Melodien und Harmonien. Einige Themen lassen sich problemlos identifizieren – z.B. Figaros „Non più andrai“ aus Mozarts Nozze und eine Reihe von Rossini-Melodien. Andere Themen stammen aus weniger bekannten, selten aufgeführten Opern, was sie darum nicht weniger interessant macht.

Giulianis Fughetta op. 113 brachte 1824 einen Erlös von zehn Scudi – nur fünfzig Scudi kostete damals ein Hammerklavier! Giuliani bot das Manuskript zunächst Anton Diabelli an; als er sich mit dem Verleger überwarf, ging es an Giulianis Freund Artaria, der es vermutlich nicht herausgab. Die Fugenkomposition stellte für viele Musiker eine ausgesprochene Faszination dar. Johann Sebastian Bach war der Großmeister dieser Form, und auch Mozart erkannte ein Element der Schönheit in der Ausarbeitung ihrer inneren Logik, wenngleich seine kontrapunktische Kunst ihren tiefsten Ausdruck in größeren Werken wie der genialen Jupiter-Sinfonie fand. Giuliani verfolgte andere musikalische Ziele und zeigte seine Fugenkunst nur vereinzelt, wie etwa in dieser wohlproportionierten ‚kleinen Fuge’.

Die Sechs Variationen über das Volkslied „I bin a Kohlbauern Bub“ op. 49 enthalten u.a. die vom Zeitgeschmack geforderte Moll-Variation. Zusammen mit Mehrstimmigkeit, Triolen, einer Studie in Kleinfigurationen, und einer modischen Polonaise entsteht hier ein typisches Beispiel der Form. Das 1814 veröffentlichte Werk ist einer gewissen Mme de Rittersburg gewidmet, einer Amateursopranistin mit einer „recht gefälligen“ Stimme.

Colin Cooper
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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