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8.555861 - Mass of Tournai / St. Luke Passion
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Die Mass von Tournai • Lukas-Passion

Die Mass von Tournai • Lukas-Passion

Die hier vorliegende Aufnahme vereinigt die frühesten vollständigen Vertonungen des Messordinariums und der Passionsgeschichte (nach dem Lukas-Evangelium). Ihre Entstehung – die der Messe im vierzehnten Jahrhundert in Tournai, der damals zu Frankreich gehörenden Stadt an der Schelde (heute: Belgien), die der Passion im England des fünfzehnten Jahrhunderts – markiert eine neue Entwicklungsstufe der abendländischen Musik. Während mehrerer Jahrhunderte war der sog. gregorianische Gesang, der seinerseits auf jüdische und andere Quellen zurückging, das beherrschende Mittel der musikalischen Wiedergabe christlich-liturgischer Texte gewesen. Aus der Perspektive zweier langer Jahrtausende ließe sich das Aufkommen von Manuskripten mit notierter Polyphonie etwa mit der menschlichen Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen vergleichen. Demnach verhalten sich diese spätmittelalterlichen Stücke wie Heranwachsende, die das elterliche Haus verlassen. Vieles zeugt bereits von beachtlicher Individualität, aber es mangelt noch an jener vollkommenen Selbstsicherheit, die die Polyphonie des späten fünfzehnten und des sechzehnten Jahrhunderts auszeichnet. Dies mag wie ein herablassendes Urteil aus der Sicht des einundzwanzigsten Jahrhunderts klingen, man sollte jedoch nicht vergessen, dass das vierzehnte Jahrhundert eine Zeit des musikwissenschaftlichen Ringens um das war, was gesungen werden konnte und das, was sich notieren ließ. Die harmonischen Implikationen, verschiedene zusätzliche Stimmen zum existierenden Choral- oder Pseudochoralgesang hinzuzufügen, waren ebenso verlockend, wie sie neu und unerforscht waren; gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts hatte die rhythmische Komplexität einen Grad erreicht, wie man ihm erst wieder in den zerebralen Experimenten mancher Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts begegnen sollte.

            Vor diesem Hintergrund lässt sich die Messe von Tournai als das betrachten, was sie ist, nämlich als eine Sammlung anonymer Messsätze von verschiedenen Komponisten in älterem und modernerem Stil, zusammengestellt zur Aufführung in den riesigen räumlichen Dimensionen der Kathedrale zu Tournai in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, ungefähr eine Generation vor Machauts meisterhafter Messvertonung (Naxos 8.553833) für die Kathedrale in Reims. Die Kathedrale in Tournai war zu jener Zeit das Zentrum einer großen Diözese, und man pflegte enge Kontakte zu Musikausübenden an anderen Orten (Fassungen des Credo und Ite missa est finden sich in Manuskripten, die mit der päpstlichen Exilresidenz in Avignon in Verbindung gebracht werden.) Die Messe von Tournai wurde 1862 wiederentdeckt, und zwar am Ende eines Manuskriptkonvoluts der Kathedrale, das zum überwiegenden Teil aus gregorianischen Gesängen in verschiedenen Handschriften bestand. Seitdem wurde die Messe mit diversen Bittgottesdiensten in Zusammenhang gebracht, die dort als Folge der schrecklichen Ereignisse der 1340er Jahre – der Belagerung durch den englischen König Edward III. (kurz nach Beginn des Hundertjährigen Krieges) und dem Ausbruch der Pest im Jahre 1349 – abgehalten wurden. Im selben Jahr ordnete der Bischof von Tournai, Jean des Prés, eine tägliche Vokalmesse an, die sechs ausgebildete Sänger verlangte; vermutlich gelangte die Messe von Tournai auf diese Weise zu regelmäßiger Aufführung.

            In den sechs Sätzen der Messe von Tournai begegnet eine überraschende Verschiedenartigkeit des Stils. (In dieser Einspielung erklingen die Sätze ohne gregorianischen Zwischengesang direkt nacheinander, wodurch ein unmittelbarer Vergleich ermöglicht wird.) Das Kyrie ist relativ archaisch und wirft einige interessante Fragen in Bezug auf die Musica ficta auf, während sich im Gloria die charakteristische Komplexität der Ars nova (der „neuen Kunst“ des frühen vierzehnten Jahrhunderts) zeigt; mit seinem gewaltigen ‚Amen’ ist es mindestens so ehrgeizig wie der entsprechende Satz in Machauts Messe. Die Vertonung des Credo geschieht hauptsächlich Note für Note, wobei der Text wird auf bescheidene, aber wirkungsvolle Art ausgestaltet wird. Sanctus und Agnus Dei sind glockenähnliche Vertonungen, die den alten rhythmischen Mustern verpflichtet sind, aber in ihrer harmonischen Farbgebung fortschrittlich erscheinen. Das Ite missa est ist (im Gegensatz zu Machauts Vertonung) eine polytexturale Motette mit einem Liebeslied in französischem Dialekt in der Oberstimme und einem moralistischen lateinischen Gedicht in der motetus-Stimme – undeutlich bleibt, wie dieser Satz im liturgischen Kontext aufgeführt wurde, aber der psychologische Effekt ist der von Befreiung und einer festgefügten Verbindung von geistlichen und weltlichen Angelegenheiten.

            Obwohl die Messe von Tournai und die Lukas-Passion beide in dreistimmiger Polyphonie geschrieben sind, gehören sie verschiedenen Kulturwelten an – geographisch wie historisch. In unserer Einspielung wurde versucht, diese Unterschiede herauszuarbeiten, teilweise durch spezifische Aussprache des lateinischen Texts, sowie auch durch Variierung der Ensemblefarbe in der Passion, um die expressiven Ansprüche der Musik und den bedeutungsschweren Text, den sie ausgestaltet, zum Ausdruck zu bringen.

            Passionsvertonungen sind Teil einer alten Kirchentradition, in der alle vier Evangelistenberichte in der Osterwoche (Lukas am Mittwoch) in gregorianischen Gesängen dargeboten werden. Im Lauf der Jahrhunderte wurden die drei Hauptelemente der Leidensgeschichte auf verschiedene Rezitationstöne verteilt und später unterschiedlichen Sängern anvertraut. Diese zunehmende Dramatisierung wurde im Rationale Divinorum Officiorum noch weiter vorangetrieben, wo es eine Anweisung gibt, zwischen dem berichtenden Ton des Evangelisten, den Christusworten (die gefühlvoll gesungen werden sollten) und den Einwürfen der Volksmenge (entsprechend hart und laut) zu differenzieren; es ist dabei unerheblich, ob dies Auswirkungen auf die Komposition der Lukas-Passion hatte; die großartige Behandlung des Dramas der Leidensgeschichte in ihren neu komponierten polyphonen Abschnitten ist jedenfalls unverkennbar.

            Die anonyme Lukas-Passion aus dem „Windsor-Manuskript“ (Egerton 3307) wurde vermutlich für die St. George’s Chapel in Windsor geschrieben bzw. kompiliert. Der erste Teil der Sammlung besteht aus liturgischer Musik für die Passions- und Osterzeit (interessanterweise enthält er eine dreistimmige Vertonung eines Teils der Messe auf den Seiten unmittelbar vor der Lukas-Passion, die sich ihrerseits ausführlich mit dem letzten Abendmahl beschäftigt); der zweite Teil des Manuskripts besteht in der Hauptsache aus lateinischen und englischen Weihnachtsliedern sowie einem Trinklied. Obwohl die Musik der Lukas-Passion relativ altmodisch ist, fällt ganz besonders die charakteristische Einfühlsamkeit des englischen Harmoniestils auf, vor allem im Vergleich mit dem geradezu nüchternen Rezitationston des Evangelisten und der Christusworte. Diese Einfühlsamkeit, die Martin le Franc poetisch „la contenance Anglaise“ nannte, wurde während des fünfzehnten Jahrhunderts von Musikern auf dem europäischen Festland übernommen und erlebte ihre letzte spätmittelalterliche Blüte in dem herrlichen Wohlklang des englischen Eton Choirbook.

            In diesem Eton Choirbook erreichte die Passionstradition einen weiteren Meilenstein, und zwar mit einem Werk, das erstmals mit dem Namen eines Komponisten versehen ist: Richard Davys St Matthew Passion. Johann Sebastian Bachs Passionsvertonungen sind weithin bekannt; in unserer Zeit haben sich Komponisten wie Arvo Pärt in seiner Johannes-Passion (Naxos 8.555860) wieder auf den traditionellen lateinischen Text und das ritualistische Rahmenwerk der mittelalterlichen Passion besonnen.

            Neben den eingangs erwähnten Inter-pretationsaspekten stellen sich wichtige Fragen wie Tonhöhe und Tempowahl. Wie bei der Musica ficta (wo Akzidentien von den Sängern hinzugefügt wurden – teils um das Intervall des Tritonus zu vermeiden, teils um den Kadenzeffekt zweier Stimmen zu akzentuieren, die in gegenläufiger Bewegung zu einer perfektion Konsonanz einer Quinte oder Oktave gelangen) können zufriedenstellende Lösungen nur durch häufige Proben- und Aufführungspraxis erzielt werden. Wir hoffen, dass die von uns gebotenen Lösungen sowohl für den geschulten Hörer als auch für den Laien einen Sinn ergeben mögen.

 

Antony Pitts

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 

Diese Einspielung ist Luke Warren gewidmet, der während der Aufnahmesitzungen (aber nicht im Studio selbst) geboren wurde.


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