About this Recording
8.555887 - Guitar Music from Cuba
English  German 

Gitarrenmusik aus Kuba


Die kubanische Kultur ist hauptsächlich ein Amalgam aus dreidominanten Faktoren: 400 Jahre spanischer Kolonisationsherrschaft, die 1901endete; die Bedeutung der Religion als Ergebnis der Ein-wanderung durch weißeEuropäer und afrikanische Sklaven; und der sechzigjährige Einfluss dernordamerikanischen Kultur, der erst durch die Revolution von 1959zurückgedrängt wurde. Die den Lateinamerikanern eigene Flexibilitäterleichterte die Assimilierung dieser unterschiedlichen Elemente zu einereigenständigen Nationalkultur. Es ist leicht zu erkennen, wie diese Einflüsseder kubanischen Musik ihren heutigen Charakter aus afro-kubanischen Elementen,Harmonien des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Nebeneinander von Dur und Mollund Elementen aus Jazz und Impressionismus (einem typischen Merkmal der Musikvon José Antonio Rojas) sowie traditionellen europäischen Kompositionsformen(wie in der melancholischen Suite breve von Harold Gramatges) verliehen haben.Die Gitarre gehört zu den Soloinstrumenten, die bestens geeignet sind, dieseneinzigartigen Aspekt der kubanischen Musikkultur zum Ausdruck zu bringen. Dievorliegende Werkauswahl reicht vom populären, vor allem in der Oriente-Regionverbreiteten son montuno zu den zeitgenössischen Harmonisierungen der Yoruba-Melodienvon Hector Angulo. Diese Stücke vermitteln einen Eindruck von der Vielfalt derkubanischen Musik, die sich einerseits nostalgisch und dennoch erfrischend neupräsentiert und andererseits bei aller Komplexität durch ihre Schlichtheit desmusikalischen Ausdrucks besticht.Harmonisierungen.

José Antonio (Ñico) Rojas Beoto wurde 1921 in Havannageboren. Er ist Staatsingenieur, Gitarrist und Komponist und einer derherausragenden Vertreter der so genannten ‚Gefühls’-Bewegung in  der kubanischen Musik, die in den1940er Jahren eine Wiederbelebung des kubanischen populären Liedes bewirkte.Seine Werke verbinden die Klangwelt der Gitarre mit den komplexen rhythmischenund melodischen Elementen der traditionellen Musik Kubas. Seine musikalischeSprache wird von einem improvisatorischen Einfluss geprägt, der vor allem durchWiederaufnehmen der Themen in Passagen, in denen sich die Melodie mit freienRhythmen verbindet, bemerkt werden kann.

Carlos Fariñas wurde 1934 in Cienfuegos geboren undstudierte zunächst in Santa Clara. 1948 wechselte er an das ConservatorioMunicipal de Música in Havanna, um mit Harold Gramatges zu studieren. Er wurde1950 Mitglied in der Sociedad Cultural Nuestro Tiempo, einer Organisation, diesich der Förderung der zeitgenössischen kubanischen Musik widmete. 1956studierte er in Tanglewood Komposition bei Aaron Copland und Dirigieren beiEleazar de Carvalho und Seymour Lipkin, und 1957 legte er am Konservatorium inHavanna sein Examen ab. Seine frühen Kompositionen waren stark vom Nationalismusund dem Neo-Klassizismus beeinflusst. Von 1961 bis 1963 studierte er in Moskau,und 1969 gewann er einen Preis bei der vierten Biennale in Paris mit seinemTiento II, einem Beispiel für ein avantgardistisches Stück jener Zeit. Er waran der Gründung des Orquesta Sinfónica Nacional beteiligt und amtierte alsDirektor des Conservatorio Alejandro García Caturla. Von 1966 bis 1976 leiteteer als Direktor die Musikabteilung der Biblioteca Nacional José Martí und hatteeinen Lehrstuhl für Komposition am Instituto Superior de Arte. 1989 baute erdas Estudio de Música Electroacústiva y por Computadora (EMEC) auf, eineHinweis auf die Richtung, die seine Musik später nehmen sollte. Er starb 2002.Das Preludio, das hier aufgenommen wurde, wurde in Kuba erstmals von JesúsOrtega aufgeführt als Filmmusik für den Film Soy Cuba (Ich bin Kuba) vonMikhail Kalatozow. Es gehört zum Repertoire fast eines jeden kubanischenGitarristen.

Aldo Rodríguez wurde 1955 geboren und studierte Gitarre beiIsaac Nicola und Martha Cuervo. Darüber hinaus besuchte er auch Meisterklassenbei Alirio Diáz, María Luisa Anido und Frank Fernández. Er selbst gabMeisterklassen in Polen, Frankreich, Kolumbien, Bulgarien und Chile undunterrichtet an der Nationalen Musikschule in Havanna. Er hat von derkubanischen Regierung zahlreiche Ehrungen erhalten, darunter auch die Medallapor la Cultura Nacional und die Medallo Alejo Carpentier, die ihm die Regierung2003 verliehen hat.

Eine der führenden Vertreter des kubanischen Musiklebens,Harold Gramatges, wurde 1918 in Santiago geboren und studierte dort zunächstbei Zoila Figueras. Darauf folgten Studien bei Dulce María Serret amConservatorio Provincial de Música de Oriente, wo er seine Kurse 1936 beendete.Er setzte sein Studium am Conservatorio Municipal de Música in Havanna alsSchüler von Amadeo Roldán und José Ardévol fort. Seit der Gründung der Grupo deRenovación Musical 1942 stand er mit ihr in Verbindung, und im selben Jahrermöglichte ihm ein Stipendium den Aufenthalt in Tanglewwod, wo er mit AaronCopland und Sergej Koussewitsky arbeitete. Er studierte1948-49  erneut mit Copland und besuchteSeminare bei Elliot Carter. Er gründete und dirigierte das KammerorchesterHavanna und unterrichtete bis 1958 am Conservatorio Municipal.  Darüber hinaus war er von 1951 bis 1961Präsident der Sociedad Cultural Nuestro Tiempo  und übte zudem weitere bedeutende Ämter im offiziellenKulturleben Kubas aus. Von 1960 bis 1964 diente er als kubanischer Botschafterin Frankreich. Als 1976 das Instituto Superior de Arte gegründet wurde,übernahm er den Lehrstuhl für Komposition und ist heute Professor Emeritus. Erhat zahlreiche nationale und internationale Preise erhalten sowie die höchstenkubanischen Ehrungen, darunter auch den Premio Tomás Luis de Victoria derSociedad General de Autores y Editores de España. Seine frühen Kompositionenfolgten größten Teils dem neoklassischen Stil, den er im Laufe der Jahre durchäußere Einflüsse weiter verfeinerte.

Der Komponist, Gitarrist und Dirigent Leo Brouwer Mezquidawurde 1939 in Havanna in eine Musikerfamilie geboren. Er erhielt seinen erstenMusikunterricht von seinem Vater Juan Brouwer und seiner Tante CaridadMezquida; seine ersten Gitarrestunden bekam er 1953 von Isaac Nicola, der diemoderne Schule des kubanischen Gitarrespiels begründete. 1959 konnte er dankeines Stipendiums seine Gitarrestudien in Amerika an der Hartford Universitätfortsetzen. Darüber hinaus studierte er Komposition an der Juilliard School inNew York mit Vincent Persichetti, Stefan Wolpe, Isadore Preed, J. Diemente andJoseph Iadone. 1960 wurde er zum Direktor des Instituto Cubano de Arte eIndustria Cinematograficos ernannt. Diese Position führte über die Jahre sowohlin Kuba als auch dem Ausland zu einer Reihe von Filmmusik-Kompositionen. Vondieser Zeit an war er mit der kubanischen Musikavantgarde verbunden und wirkteals Berater des Kubanischen Radios in Havanna. Er unterrichtete amConservatorio Nacional und, wenn sich die Gelegenheit bot, auch anausländischen Universitäten. Er gründete den alle zwei Jahre statt findendenkubanischen Gitarrenwettbewerb und das Gitarren-Festival und ist seit 1981Direktor des Orquesta Sinfónica National de Cuba. Verpflichtungen alsGastdirigent haben ihn in zahlreiche Länder geführt.

Die erste der drei erkennbaren Perioden in Brouwerskreativer Laufbahn begann 1954 mit einer Reihe von Stücken, die dieMöglichkeiten der Gitarre in Werken erforschten, die traditionelle klassischeFormen mit kubanischen Inspirationen verbanden. Als er 1961 nach der kubanischenRevolution das Festival Warschauer Herbst besuchte, lernte er die Werke vonAvantgarde-Komponisten wie Penderecki und Bussotti kennen.  Er integrierte diese Einflüsse sowieauch jene anderer führender zeitgenössischer Komponisten, die Kuba besuchten,in einen sehr individuellen Stil, der moderne Techniken der verschiedensten Artverwendet, darunter auch Elemente des Post-Serialismus und der Aleatorik. Inden späten 1970er Jahren setzte eine Periode ein, die Brouwer selbst alsNationale Hyper-Romantik beschrieb, eine Rückkehr zu den afro-kubanischenWurzeln in Verbindung mit Elementen der traditionellen Technik und desMinimalismus. Viele seiner Gitarrenkompositionen haben internationaleAnerkennung und einen festen Platz im gegenwärtigen Repertoire gefunden undwerden von Gitarristen auf der ganzen Welt gespielt und für die Schallplatteaufgenommen. Hier ist er mit den Stücken Berceuse (Cancion de cuna), demZapateo, einem Paar populärer kubanischer Melodien, und Ojos brujos(Bezaubernde Augen) vertreten.

Ein anderer Aspekt der kubanischen Musik erklingt in CantosYoruba de Cuba von Hector Angulo, der heute große Anerkennung genießt. Es sindBearbeitungen von Melodien afrikanischen Ursprungs, die einen weiteren Aspektdes afro-kubanischen Erbes darstellen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Peter Noelke


Close the window