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8.555919 - KHACHATURIAN, A.I.: Violin Concerto / Concerto-Rhapsody
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Aram Chatschaturjan (1903-1978)

Aram Chatschaturjan (1903-1978)

Konzert-Rhapsodie b-Moll • Violinkonzert d-Moll

 

Man kann wohl kaum behaupten, dass Aram Chatschaturjans Ruhm in dem Vierteljahrhundert nach seinem Tod verblasst sei. Jedoch wurde die Musik des armenischen Komponisten zu seinen Lebzeiten nicht zuletzt Dank seiner Auftritte als Dirigent so häufig aufgeführt wie die von Prokofjew oder Schostakowitsch. Chatschaturjan fand erst spät den Weg an das Moskauer Konservatorium, an dem er als bereits 26-Jähriger 1929 mit dem Studium begann. Doch schon mit seiner Examensarbeit, der Sinfonie Nr. 1, konnte er einen großen Erfolg landen und diesen Erfolg sowohl in seiner Heimat als auch im Westen mit einer Reihe von Konzerten – und vor allem zu Beginn des so genannten Großen Vaterländischen Krieges mit dem Ballett Gajaneh – festigen. Der Misserfolg seiner Dritten Sinfonie aus dem Jahr 1947 und seine Denunziation als Teil des berüchtigten Zhdanov-Dekrets im folgenden Jahr, bedeuteten einen schweren Rückschlag, den auch der Erfolg des Balletts Spartacus von 1950 nur bedingt auffangen konnte. In seinen späteren Jahren war Chatschaturjan eher als musikalischer Staatsmann anerkannt, denn als Komponist bewundert. Diese Situation mag sich jetzt vielleicht ändern, da die hundertste Wiederkehr seines Geburtstages bevorsteht.

 

In den 1960er Jahren komponierte Chatschaturjan drei Konzert-Rhapsodien. Sie entfalten sich frei in einem einzigen Satz und bilden einen Kontrapunkt zu den frühen Konzerten. Sie können als Beleg dafür gesehen werden, dass sich der Komponist wohler fühlte, wenn er außerhalb der Beschränkungen durch die sinfonische Form arbeiten konnte. Die Konzert-Rhapsodie b-Moll wurde 1962 für den Geiger Leonid Kogan komponiert, der auch am 3. November des Jahres die Uraufführung mit Kyril Kondraschin und dem Moskauer Philharmonischen Orchester spielte. Das Werk beginnt mit flehender Musik für die Streicher und Blechbläser, die eine angespannte und fast unangenehme Atmosphäre schafft. Die rätselhafte absteigende Figur für  Flöte und Harfe bereitet den Einsatz des Solisten mit einer virtuosen, Kadenz-ähnlichen Passage vor. Darauf folgt die Vorstellung des ersten Themas über pulsierenden Holzbläser-Akkorden. Dieses Muster bleibt erhalten, während die Musik lebhafter wird und einen volksmusikartigen Charakter annimmt. Dann wird gegen die Mitte des Stückes eine gefühlvolle Variante des Hauptthemas erreicht. Mit zigeunerähnlicher Musik für den Solisten beginnt die lebhaftere zweite Hälfte, in der der für Chatschaturjan typische derbe Stil für Blechbläser und Schlagwerk zu hören ist. Das Eröffnungsthema kehrt zurück, um das Werk wieder in elegischere Regionen zu steuern. Mit der absteigenden Figur erscheint das Ausdrucks-spektrum noch einmal ausgeweitet. Eine gemeinsame Kraftanstrengung sowohl des Solisten als auch des Orchesters führt das Werk zu einem lebhaften und virtuosen Schluss.

 

Das Violinkonzert d-Moll wurde in nur zwei Monaten im Sommer 1940 komponiert und am 16. November des Jahres von seinem Widmungsträger David Oistrach in Moskau uraufgeführt. Es ist das zweite in einem Triptychon von Konzerten, die Chatschaturjan in einem Jahrzehnt seit Mitte der 1930er Jahre komponierte und die dazu beitrugen, seinen Ruf als führenden armenischen Komponisten seiner Generation zu etablieren. Das Werk steht in einer Linie mit den großen romantischen Violinkonzerten – nicht zuletzt dem von Tschaikowsky. Es wurde schnell von den Solisten aus Ost und West aufgegriffen und hat bis heute nichts von seiner Popularität verloren.

 

Das einleitende Allegro con fermezza beginnt mit einer brüsken, absteigenden Geste des Orchesters, nach der der Solist mit einem prägnanten, folkloristisch gefärbten Thema einsetzt. Eine Oboe führt das schwermütige zweite Thema ein, während der Solist nachdenklich über pulsierenden Akkorden in Flöte und Harfe zu hören ist. Dann kehrt die anfängliche Lebhaftigkeit zurück, und ein zentraler Durchführungs-abschnitt, der einfallsreich instrumentiert ist, kontrastiert und kombiniert einfallsreich beide Themen miteinander. Die Kadenz, die im Wesentlichen vom zweiten Flötenthema beherrscht wird, erscheint etwa in der Mitte des Satzes. Dann bringt eine Referenz an den unverwechselbaren Rhythmus das erste Thema als Beginn einer modifizierten Reprise zurück. Eine lebhafte und herrische Coda beendet den Satz.

 

Fagott und tiefe Streicher, gefolgt von stechenden Blechbläser-Akkorden, geleiten uns in das Andante sostenuto, in dem der Solist mit einer Melodie mit deutlich slawischer Färbung betraut wird. Die Streicher intensivieren die angeschlagene Stimmung, während Holzbläser-Einwürfe jeden Anflug von Sentimentalität im Keim ersticken. Auf einen kurzen orchestralen Ausbruch folgt eine Erinnerung an die tiefen Streicher vom Beginn, dann kehrt der Solist zurück und leitet zu einer tief empfundenen Behandlung des Hauptthemas durch das Orchester über. Mit dem Schluss kehrt der Satz zu den dunklen Schatten zurück, von denen er seinen Ausgang genommen hat. (Man beachte die anspielungsreiche Präsenz der absteigenden Figur aus dem Hauptthema des vorhergehenden Satzes am Ende.)

 

Das Finale, Allegro vivace, beginnt mit dem größt-möglichen Kontrast, einem viel gepriesenen Orchester-Tutti, das den Hintergrund für die lebhafte Haupt-melodie des Solisten bildet. Sie wird im Verlauf des Satzes in ihrer Figuration häufig modifiziert. Im Mittelteil bietet ein gefühlvolles Thema, das aus dem Thema des ersten Satzes abgeleitet ist, eine Ruhepause, obwohl die häufig synkopierte Begleitung sicherstellt, dass das Hauptthema wenigstens im Hintergrund präsent bleibt. Ein kurzer orchestraler Höhepunkt bringt es in seiner vollständigen Form zurück. Mit der Kombination beider Themen findet der Satz seine Vollendung und erreicht ein kraftvolles und entschiedenes Finale.

 

Richard Whitehouse

Übersetzung: Peter Noelke


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