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8.555928-29 - BRUCKNER, A.: Symphony No. 3, WAB 103 (1877 and 1889 Versions)
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Anton Bruckner (1824-1896)

Anton Bruckner (1824-1896)

Symphonie Nr. 3 ‘Wagner-Symphonie’ (Versionen 1877 und 1889)

 

Die erste Version der Wagner-Symphonie war in relativ kurzer Zeit fertiggestellt: Vom Februar bis Dezember 1873 arbeitete Bruckner an der Partitur. Die Widmungskopie zog sich noch bis zum Sommer 1874 hin. Am 24. Juni dankte Cosima Wagner Bruckner brieflich im Namen ihres Mannes und teilte mit, Wagner habe die Partitur mit Hans Richter – damals Kapellmeister in Pest – durchgenommen; eine Aufführung sei für 1876 angedacht. Unabhängig davon reichte Bruckner die Dritte bei den Wiener Philharmonikern zur Aufführung ein; es kam unter Otto Dessoff im Sommer 1874 auch zu einer Durchspielprobe. Doch am 12. Jänner 1875 beklagte sich Bruckner in einem Brief an Moritz von Mayfeld, Dessoff habe sein Wort bezüglich einer Aufführung gebrochen. Am 11. August 1875 machte Bruckner bei den Philharmonikern einen neuen Anlauf und erklärte sich sogar angesichts großer Länge „mit einer eventuellen Theilung der Symphonie für zwei Concerte einverstanden“ – ohne Erfolg: Wiederum wurde das Werk abgelehnt. Unterdessen hatte sich Bruckner zäh, doch erfolgreich bemüht, nach seiner Übersiedelung im Jahre 1868 in Wien beruflich und sozial Fuß zu fassen. Im Mai 1869 erntete er als ,bester Orgelvirtuose seines Landes‘ Erfolge in Nancy und Paris, ein Jahr später in London; am 9. Mai 1868 dirigierte er die Uraufführung seiner Ersten, später der e-moll-Messe,drei Aufführungen der f-moll-Messe sowie die ersten Aufführungen der Zweiten Symphonie. Im Herbst 1868 wurde er Professor für Harmonielehre, Kontrapunkt und Orgelspiel am Wiener Konservatorium und Anwärter auf das Organistenamt der Hofkapelle. Zusätzlich baute er sich einen Kreis von Privatschülern auf, nahm Lehraufträge und Nebentätigkeiten an. Im Herbst 1875 wurde er zum Lektor für Musiktheorie an der Universität ernannt, 1878 schließlich festes Mitglied der Hofkapelle – in weniger als zehn Jahren war Bruckner ganz weit oben angekommen.

 

Naturgemäß wuchsen mit fortschreitender Praxis Bruckners Einsichten in seine Kompositionsprozesse wie auch in die Aufführungspraxis seiner Werke; er konnte ja als Dirigent eigener Uraufführungen erhebliche Erfahrung sammeln. Wenn er nun daran ging, vor der endgültigen Fertigstellung seines Meisterstücks, der Fünften, die vorausgehenden vier Symphonien noch einmal umzuarbeiten, so hatte dies vor allem damit zu tun, daß er sie für das Publikum faßlicher, aber zugleich auch musiktheoretisch stichhaltiger gestalten wollte. Das brachte oftmals Kürzungen, manchmal auch Erweiterungen und zahlreiche Detail-Korrekturen mit sich. Ab 1876 wurden die Partituren viel reicher bezeichnet, was auch deren Aufführung erleichterte. Schließlich hatte sich auch Bruckners Gespür für Stimmführung und Instrumentation verbessert; er verfolgte die kontrapunktischen Mutationsprozesse seiner Themen und Motive durch die Symphonie hindurch nun konsequenter im Sinne einer Evolution und warf dabei überflüssigen Ballast über Bord. Die Instrumentation wurde vermehrt in den Dienst der harmonischen und kontrapunktischen Faktur gestellt; außerdem bemühte sich Bruckner um die Erzielung von mehr Resonanz des Klangs.

 

Die Dritte Symphonie wurde mehrmals durchgearbeitet. Insgesamt wurden im ersten Satz 94, im zweiten Satz 27 und im Finale 126 Takte gekürzt; das Scherzo wurde allerdings um 8 Takte erweitert. Erhalten ist auch ein Zwischenstadium des zweiten Satzes, das die Gesamtausgabe als ,Adagio 1876‘ separat herausgegeben hat. Im Mai 1877 war die Partitur soweit gediehen, daß Bruckner sie erneut in die Stimmen schreiben lassen und den Wiener Philharmonikern zur Aufführung anbieten konnte. Sie lehnten nach einer Durchspielprobe das Werk zum dritten Mal ab, aber der Dirigent Johann Herbeck berief eine Sondersitzung der Direktion ein und setzte durch, daß er das Werk dennoch am 16. Dezember 1877 uraufführen würde. Herbeck starb allerdings unerwartet am 28. Oktober; Bruckner wurde gebeten, selbst zu übernehmen. Als er seine Wagner-Symphonie schließlich uraufführte, konnten Kritiker mit ihr nicht viel anfangen. Eduard Hanslick schrieb: „Wir müssen bescheiden gestehen, daß wir seine gigantische Symphonie nicht verstanden haben. Weder seine poetischen Intentionen wurden uns klar – vielleicht eine Vision, wie Beethovens Neunte mit Wagners Walküre Freundschaft schließt und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät – noch den rein musikalischen Zusammenhang mochten wir zu fassen.“ Auch beim Publikum kam das Werk nicht gut an. Es wird berichtet, daß nach jedem Satz Zuhörer den Saal verließen, bis am Ende nur noch wenige übrig waren.

 

Bruckner war zunächst untröstlich, aber zu seinem Erstaunen erbot sich nach dem Konzert der Verleger Theodor Rättig, die Symphonie herauszugeben. Bereits gleich im Anschluß an die Uraufführung machte sich Bruckner deshalb frischen Mutes daran, den Druck vorzubereiten und – noch weitere Veränderungen anzubringen... Dazu zählt zunächst die heute in die Gesamtausgabe aufgenommene Coda zum Scherzo, die in der Uraufführung aber gar nicht erklungen war: Bruckner hatte sie am 30. Jänner 1878 nachkomponiert, sich später aber wieder gegen ihre Aufnahme in die im November 1879 gedruckte Partitur entschieden und sie getilgt. Viele Musikforscher und Liebhaber, aber auch manche Dirigenten finden die zweite Version ausgewogener und schlüssiger als die erste. Problematisch ist allerdings eine Kürzung im zweiten Satz, die dessen ursprüngliche Fünfteiligkeit zerstört. Manche Dirigenten verwenden deshalb inzwischen die frühere, längere Bearbeitung des Adagios von 1876 als Variante. Im Finale vermißt man gegenüber der ersten Version vielleicht besonders die einleitenden Polka-Takte zur Gesangsperiode und die an Beethovens Neunte erinnernde Remineszenz an die Themen der vorausgehenden Sätze. Auch fehlt in der zweiten Version manche wilde Passage, die der ersten ihre eruptive Kraft verliehen hatte. Andrerseits ist die Symphonie durchaus faßlicher und durchhörbarer geworden; das in der ersten Version noch fehlende Zitat des Anfangsthemas aus dem ersten Satz in den allerletzten Takten des Finales schließt hier sinnvoll einen Kreis.

 

Aufgrund des im Fortschrittsglauben wurzelnden Kniefalls vor der ,Fassung letzter Hand‘ hat sich im Konzertleben die dritte Version der Dritten durchgesetzt, die 1888/89 in Zusammenarbeit mit Franz Schalk entstand. Andrerseits gab es gerade aufgrund dieser Zusammenarbeit Bruckners auch immer wieder Vorwürfe. Der 1997 erschienene Revisionsbericht zur Dritten von Thomas Röder konnte sich eingehend mit der Entstehung der letzten Version und ihrer Motivation beschäftigen, für die der Autor ein ganzes Ursachenbündel nachweisen konnte; letztlich hat die veröffentlichte dritte Version zu gelten, zumal viele der kritisierten Kürzungen wohl bereits bis auf die Uraufführung von 1877 zurückgingen. In den ersten drei Sätzen der letzten Version fallen die Änderungen gegenüber der Version von 1877 nicht so sehr ins Gewicht, wenn auch manche Passage sich stilistisch recht weit von der ursprünglichen Welt der Dritten entfernt: Umgearbeiteten Passagen im ersten Satz (T. 373–392) und im Finale (T. 393–426) liegen möglicherweise sogar Skizzen für die Neunte zugrunde, und im Adagio taucht im Höhepunkt eine Melodie in den Trompeten auf, die das Non Confundar aus dem Te Deum zitiert, welches ja auch in der Neunten eine Rolle spielt. Im Finale bleiben überdies unleugbar stilistische Einflüsse von Schalk erhalten, zum Beispiel die für Bruckner ganz untypische Schreibweise der Trompeten und Hörner und die effektvolle Verwendung der Pauken. Bruckner hat allerdings in der Letztversion der Dritten viele Prozesse ökonomischer gestaltet, manchmal auch einige rückwirkend leer klingende Stellen sehr effektvoll verdichtet. Die Kürzungen im Finale von insgesamt 143 Takten mag mancher bedauern, aber der Satz gewinnt dadurch doch eine Art Kehraus-Charakter, wie ihn auch die Finali der Ersten, Sechsten und Siebenten Symphonie tragen. Das mag dem Hörerlebnis besonders im Konzert nicht unbedingt abträglich sein.

 

Benjamin-Gunnar Cohrs


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