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8.555938 - VIVALDI, A.: Bassoon Concertos (Complete), Vol. 2
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Antonio Vivaldi (1678-1741)
Sämtliche Fagottkonzerte, Folge 2: RV 467, 475, 486, 488, 501, 504

Antonio Vivaldi, in seiner Geburtsstadt Venedig wegen seiner Haarfarbe „der rote Priester“ genannt, wurde 1678 als Sohn eines Barbiers, der später als Violinist in der großen Basilika von St. Markus wirkte, geboren. Er studierte Theologie und wurde 1703 zum Priester geweiht. Gleichzeitig hatte er Ansehen als Violinspieler von phänomenalen Fähigkeiten erworben und wurde zum ersten Geiger des Ospedale della Pietà ernannt. Letzteres war eines von vier wohltätigen Instituten, die zur Ausbildung von verwaisten, bedürftigen oder unehelich geborenen Mädchen gegründet worden waren. Diese Ospedales rühmten sich ihrer großen Musiktradition. Hier wurden die Mädchen musikalisch ausgebildet, einige der besonders Talentierten arbeiteten danach als Hilfslehrerinnen, um so die Aussteuer für ihre Heirat zu erwerben. Vivaldis Verbindung zu diesem Haus blieb mit Unterbrechungen sein ganzes Leben bestehen – seit 1723 mit einem Vertrag, der ihn zur Komposition von monatlich zwei neuen Konzerten verpflichtete. In dieser Zeit hatte er auch Verbindung zum Theater – als Komponist von mehr als fünfzig Opern, Regisseur und Intendant. Vivaldi verließ Venedig endgültig 1741 und wandte sich nach Wien, wo es Möglichkeiten zu geben schien, seine Karriere unter kaiserlichem Patronat auszubauen. Er starb jedoch wenige Wochen nach seiner Ankunft in relativer Armut. Einst war er 50.000 Dukaten im Jahr wert gewesen; dergleichen konnte er nun nicht mehr vorweisen, weshalb er Vorbereitungen getroffen hatte, einige der mitgebrachten Kompositionen zu verkaufen.

Besucher Venedigs haben Vivaldis überragendes Können als Violinist bezeugt, wobei einige seine Auftritte eher als bemerkenswert denn als angenehm empfanden. Er schöpfte gewiss alle Möglichkeiten des Instruments aus, wobei er die neue Form des italienischen Solokonzerts perfektionierte. Vivaldi hinterließ nahezu 500 Konzerte, viele für Violine, aber auch andere für ein ganzes Spektrum an Instrumenten oder Instrumentengruppen. Er behauptete, ein neues Werk schneller komponieren zu können als es ein Kopist ausschreibt. Tatsächlich verbanden sich bei Vivaldi außergewöhnliche Mühelosigkeit und eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Vielfalt innerhalb der dreisätzigen Form mit ihren zwei schnelleren Ecksätzen und einem langsamen Mittelsatz.

Die Mädchen im Ospedale hatten neben den Streich- und Tasteninstrumenten ein ganzes Spektrum an anderen Instrumente zur Verfügung, darunter das Fagott, für das Vivaldi 39 Konzerte schrieb. Der Grund für diese erstaunliche Zahl an Konzerten für ein relativ ungebräuchliches Instrument ist unbekannt. Auch die Tatsache, dass ein Konzert dem Grafen Morzin, einem Förderer Vivaldis aus Böhmen, und ein anderes einem Musiker in Venedig, Gioseppino Biancardi gewidmet ist, sagt wenig, obschon bemerkt wurde, dass Biancardi eine ältere Tradition des Fagottspiels repräsentierte, das Dulzian. Das ergibt sich daraus, dass die Grundnote des jüngeren Instruments, das B, hier vermieden wird. Das Fagott war fester Bestandteil der deutschen Hoforchester des 18. Jh., wo es die Basslinie verdoppelte und öfter eingesetzt wurde als heute. Der Orchesterpart des Fagotts war nicht ausgeschrieben, es sei denn – was gelegentlich vorkam –, er wich von der Basslinie ab, die Cello, Doppel-Bass und Continuo spielten. Die Tatsache, dass Fagotte ausdrücklich unter den von den Mädchen der Pietà gespielten Instrumenten genannt werden, lässt vermuten, dass sie zumindest für diesen Zweck genutzt wurden. Es gab Solokonzerte für dieses Instrument im 17. Jh.; technische Veränderungen führten zu einer Reihe von Konzerten in der Mitte des 18. Jh., gleichwohl ist die Zahl der Fagottkonzerte von Vivaldi ungewöhnlich.

Sieben von Vivaldis Fagottkonzerten stehen in F-Dur. Das Konzert in F-Dur, RV 486, wie üblich für Soloinstrument, Streichorchester und Continuo geschrieben, beginnt mit einem Ritornell des Orchesters, dann folgt das erste Solo. Das Wechselspiel zwischen Orchester- und Solopassagen fordert vom Fagott beachtliche Virtuosität. Der langsame Satz hat die Form einer Arie für das Fagott und Continuo und lässt die lyrischen Qualitäten des Soloinstruments zur Geltung kommen, vornehmlich im Tenor-Register. Das Prinzip des Wechsels zwischen Ritornellen und Solopassagen wird auch im dritten Satz verfolgt, der voller Energie gleichsam hereinplatzt.

Das Konzert in C-Dur, RV 475, eines von vierzehn in dieser Tonart, beginnt im Unisono mit dem üblichen Ritornell, dessen relativ zurückhaltender Ton die lebhafte Virtuosität des Fagotts mit seinen charakteristischen raschen Figuren freisetzt. Der langsame Satz beginnt mit einer Introduktion des Orchesters, es folgt eine lyrisch-klagende Arie des Soloinstruments. Das finale Allegro non molto beginnt wiederum mit einem Ritornell von lebhafter Delikatesse, das vom Solisten reflektiert wird.

Das Konzert in b-Moll, „La notte“, RV 501, ist eines der relativ wenigen Konzerte Vivaldis mit einem Programm – wie Die Vier Jahreszeiten –, welches im Haupttitel und in den Satzbenennungen deutlich wird. Der kurze erste Satz eröffnet die Szenerie mit einer vom Fagott vorgetragenen rezitativartigen, ornamentierten Melodie. I fantasmi führt die dramatischen Möglichkeiten vor, die der Titel in sich birgt: Das Fagott evoziert die Fantasmagorien der Nacht, gefolgt von der relativen Ruhe von Il sonno (Der Schlaf), beendet erst von Sorge l’aurora (Tagesanbruch) mit der Energie des Fagotts, kontrastiert von den verschiedenen Reaktionen des Orchesters.

Das Konzert in F-Dur, RV 488, beginnt mit einer ausgedehnten Figur, die vom Fagott aufgegriffen wird. Das zentrale Largo ist von lyrischen Passagen des Fagotts mit Continuo geprägt, die vom Orchester verknüpft werden. Die punktierten Rhythmen des Ritornells im letzten Satz mit seinen schnell wiederholten Noten umrahmen virtuose Episoden des Fagotts.

Das Konzert in b-Moll, RV 504, eines von vier Konzerten in dieser Tonart, beginnt wiederum mit einem effektvollen Ritornell, dessen rasende Tonleitern im folgenden Fagottsolo reflektiert werden mit dessen ganzer Gestaltungsvielfalt. Einmal mehr zeigt sich hier Vivaldis Einfallsreichtum innerhalb einer klar vorgegebenen Struktur. Der Solist trägt im langsamen Satz eine ergreifende Arie vor, geschrieben für Fagott und Continuo. Rasche Tonleitern sind auch im finalen Allegro bestimmend.

Vivaldis Konzert in C-Dur, RV 467, hat einen vielgestaltigen, fröhlich-energischen ersten Satz, in dem Moll- Töne immer wieder einen Kontrast bilden. Der langsame Satz in Moll beginnt in melancholischer Stimmung, gefolgt von einem lyrischen Fagottsolo. Das Ritornell des letzten Satzes liefert den notwendigen Gegensatz zu der Agilität, die die wiederkehrenden Solopassagen demonstrieren, bevor das Werk zu einem effektvollen Abschluss kommt. Ein Beweis mehr für Vivaldis Können und seinen unerschöpflichen Erfindungsreichtum.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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