About this Recording
8.555959 - RAWSTHORNE: Piano Concertos Nos. 1 and 2
English  German 

Alan Rawsthorne (1905-1971)

Alan Rawsthorne (1905-1971)

Klavierkonzerte

Alan Rawsthorne wurde am 5. Mai 1905 in Haslington in der Grafschaft Lancashire geboren. Nach einem abgebrochenen Zahnmedizin- und Architekturstudium begann er 1925 seine musikalische Ausbildung am Royal Manchester College of Music, wo er 1929 sein Examen ablegte. Einen ersten Erfolg erzielte Rawsthorne 1938 beim Londoner Festival der Internationalen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik mit seiner Komposition Theme and Variations for Two Violins. Bei einer Veranstaltung derselben Gesellschaft anlässlich des 1939 in Warschau veranstalteten Festivals wurden seine Symphonic Studies erfolgreich aufgeführt — seine erste, bereits meisterhaft vollendete Orchesterkomposition, die ein fester Bestandteil des Konzertrepertoires wurde.

Nach dem 2. Weltkrieg, in dem er als Soldat diente, widmete sich Rawsthorne ganz seiner kompositorischen Arbeit, und bis 1971, seinem Todesjahr, entstand eine Reihe gehaltvoller Werke in den meisten gängigen Gattungen, darunter viele Auftragskompositionen, u.a. auch hervorragende Filmmusiken. Zwischen 1937 und 1964 schrieb er nicht weniger als 26 Soundtracks für die Leinwand, u.a. für The Cruel Sea, The Captive Heart, Where No Vultures Fly, Saraband for Dead Lovers, West of Zanzibar und Pandora and the Flying Dutchman..

Mit seinen Konzerten und Solowerken lieferte Rawsthorne einen wichtigen Beitrag zum spärlichen englischen Klavierrepertoire des 20. Jahrhunderts. Seine Musik ist das Resultat einer intimen Vertrautheit mit dem Instrument — er studierte bei Frank Merrick am Royal Manchester College und danach bei Egon Petri in Polen und Deutschland. Seine Arbeiten für Klavier beherrschten in all ihren Ausprägungen sein gesamtes kompositorisches Schaffen.

Rawsthornes höchst persönliche musikalische Sprache äußert sich bereits in seinen ersten veröffentlichten Kompositionen. Sie ist gekennzeichnet durch formale und ausdrucksmäßige Klarheit, Kompromisslosigkeit, die Weigerung, modische Tendenzen zu übernehmen und nicht zuletzt durch ihren gelegentlichen trockenen Witz. Er veröffentlichte

an die siebzig Werke, darunter zahlreiche Kammermusikkompositionen, drei Sinfonien, acht Konzerte, fünfzehn Orchesterstücke, ein Ballett sowie eine Handvoll Chorwerke und Lieder.

Rawsthornes Klavierkonzert Nr. 1 wurde 1939 bei einem Adolph Hallis-Konzert in der Fassung mit Streichern und Schlagzeug uraufgeführt. In der Fassung für großes Orchester gelangte es 1942 bei einem Londoner Promenadenkonzert mit Louis Kentner als Solist und unter der Leitung des Komponisten zur Uraufführung. Dieses frühe, gleichwohl reife Werk zeichnet sich durch viele für Rawsthorne charakteristische Merkmale aus, u.a. durch fließenden Klang, Sparsamkeit und Klarheit der Mittel sowie durch musikalischen Humor. Das toccatenähnliche Capriccio und die sich anschließende Chaconne folgen, wie die Titel bereits andeuten, neoklassizistischen bzw. neobarocken Vorbildern. Der Elan der Eröffnungstakte erlahmt an fast keiner Stelle des Satzes, in dem kontrastierende Zwischenspiele sich ungeduldig zu jagen scheinen. Die schnelle Coda nimmt bereits die Tarantella des Schlusssatzes vorweg. Die Chaconne ist auf einer aus acht Akkorden bestehenden Sequenz aufgebaut, die bei jeder Wiederkehr einen Halbton höher erklingt. Diese Fortschreitung erzeugt den für Rawsthorne typischen Klangfluss und mündet hier in einen gesanglich-melancholischen Lyrismus, der sich in dem Maße entwickelt, wie eine Variation in die andere übergeht, bevor ein Orchester-Tutti in der Satzmitte für eine kurze Unterbrechung sorgt. Danach kehrt das vorherige Muster zurück und endet in dem "cri de cœur" des Schlussakkords. Die abschließende Tarantella ist in der beliebten Form einer Tarantella-plus-Gigue gestaltet, wie wir sie in Rawsthornes Kompositionen häufiger antreffen. Der Satz zeichnet sich durch Humor und Leichtigkeit aus, obwohl sich der Komponist auf dem Höhepunkt eine Anspielung an die politischen Ereignisse der Zeit erlaubt, indem er die Posaunen die mit der republikanischen Seite des Spanischen Bürgerkriegs assoziierte Bandiera rossa deklamieren lässt und damit seine eigenen Sympathien kundtut. Das Understatement des Satzschlusses ist ebenso unerwartet wie wirkungsvoll.

"Mein Zweites Klavierkonzert", schreibt der Komponist, "entstand als Auftragswerk für den Arts Council of Great Britain, und zwar für eine Aufführung bei unserem Festival [of Britain] im Jahre 1951. Es ist, vielleicht als Konsequenz, so angelegt, um die Möglichkeiten sowohl des Klaviers als auch des Pianisten in hohem Maße auszuschöpfen.

"Das Konzert beginnt mit einer von der Flöte gespielten Melodie, begleitet vom Klavier. Andere Instrumente treten hinzu, Klarinetten und Oboen, während das Klavier diese Melodie nun in verzierter Form vorträgt. Die Celli und Kontrabässe entwickeln Phrasen der Melodie, noch immer mit Verzierungen des Klaviers. Diese Durchführung fährt mit rhetorischen Passagen für das Soloinstrument fort, bis ein neues, wesentlich zarteres Thema erreicht wird, das als Basis des Mittelabschnitts dient. Die Reprise ist kurz; jetzt erklingt die Eröffnungsmelodie in der Klarinette.

"Es ist schwierig, von einem ziemlich liebenswürdigen ersten Satz sofort zu einem lyrischen zweiten überzugehen. So hat Beethoven z.B. nur wenige tragische langsame Sätze geschrieben; wo es sie dennoch gibt, liegt der Grund darin, dass seine natürlichen lyrischen Gaben bereits am Werkbeginn in Fülle vorhanden sind. Deshalb habe ich in diesem Konzert die beiden Sätze durch ein eher heftiges Scherzo voneinander getrennt. Es steht in Rondoform. A ist ein energisches, vom Klavier angekündigtes Thema, das vom Orchester weiterentwickelt wird, welches den Solisten mit Ausführungen der Eröffnungsfigur begleitet. B ist ein ruhiges, eher bedrohliches Thema mit dunklen Orchesterfarben: in diesem Abschnitt begegnen noch immer die murmelnden Sechzehntel des A-Teils. Nach dem Ritornell wird C vom Solisten vorgestellt; dieser Abschnitt besitzt einen eher jovialen Charakter. Die folgende, sehr kurze Reprise führt zu D, einem zunächst auf dynamischen Kontrasten basierenden Abschnitt. Als nächstes erklingen alle Themen in Relation zueinander. Danach beendet die Reprise von A den Satz, der sich am Ende in einen Akkord auflöst, der aus den Noten der Phrase besteht, die den langsamen Satz einleitet.

"Der dritte Satz hat etwas von dem nostalgischen Charakter, der von den starren Intellektuellen unserer Zeit so sehr verabscheut wird, die diese Qualität mit dem emotionalen Schwulst des letzten Jahrhunderts verwechseln. Das Stück beginnt mit einer Kantilene für die Klarinette; danach setzt das Klavier mit Arabesken oder Meditationen ein, die sich auf diese Passage beziehen. Im mittleren Abschnitt, "leggiero", steht das Klavier im Vordergrund, und in der kurzen Reprise spielt der Pianist Reminiszenzen an seinen ersten Einsatz.

"Der letzte Satz beginnt mit einer kurzen, kakophonischen Eruption des Orchesters, aus der die erste Phrase der Hauptmelodie entsteht. Diese Melodie, die, so ist zu hoffen, durch ihre metrische Konstruktion (Zweiviertel/Dreiachtel) vor vollständiger Banalität bewahrt wird, bildet die Grundlage für einen episodischen Kompositionstyp und für die Fugato-Coda, mit der das Werk endet" (Alan Rawsthorne, 1958).

Rawsthorne gehörte zu einer Gruppe von Komponisten, die an der Instrumentierung von Lamberts letztem Ballett, Tiresias, mitarbeiteten, das in seinem Todesjahr 1951 uraufgeführt wurde. Seine Improvisations on a Theme by Constant Lambert schrieb Rawsthorne 1960 als Auftragswerk der Northern Sinfonia. Das aus sieben Noten bestehende Thema, die sich alle voneinander unterscheiden und die originalem thematischen Material entsprechen, das Rawsthorne für einen anderweitig verwendeten Variationssatz vorgesehen hatte, entstammt den Eröffnungstakten des Balletts. Der Komponist setzt vielerprobte und bevorzugte Techniken ein (in denen er u.a. seine eigene Ausprägung des Serialismus vorführt). Das Thema wird in den sieben Abschnitten transformiert und erzeugt eine Vielfalt von Stimmungen. Das Stück trägt die Widmung "für Isabel", Rawsthornes Frau, die Witwe Lamberts, von der die Bühnenbilder für Tiresias stammten.

John M. Belcher

Deutsche Fassung: Bernd Delfs

Werkeinführung von Alan Rawsthorne © The Rawsthorne Trust (Eigentumsrechte übertragen 1992).

Diese Aufnahme entstand mit finanzieller Unterstützung und in Zusammenarbeit mit dem Rawsthorne Trust und dem Manchester Musical Heritage Trust.

http://www.musicweb.uk.net/rawsth/index/htm


Close the window