About this Recording
8.555999 - STRAVINSKY: Firebird (The) (Piano Transcription)
English  German 

Igor Strawinsky (1882-1971)

Igor Strawinsky (1882-1971)

Der Feuervogel (Klaviertranskription, 1910)

 

Igor Strawinskys Feuervogel ist ein Werk voller Zufälle, und das in mehr als einer Hinsicht. Es gilt als das „russischste” seiner großen Werke, ist aber eigentlich aus einer kulturellen Tradition erwachsen, in der das Ballett, nach dem Tode Tschaikowskys, keine große Rolle mehr gespielt hat. Außerdem war das Stück für ein nicht-russisches Publikum geschaffen worden, für ein Publikum in einem Land (Frankreich), das eine große Balletttradition besaß, wenn diese auch an Bedeutung verloren hatte.

 

Die Entstehungsgeschichte des Balletts geht bis in das Jahr 1909 zurück, als Sergej Diaghilew, der Impresario der Ballets russes, angesichts des finanziellen Desasters nach seiner ersten Spielzeit in Paris beschloss, sich mehr auf das Ballett als auf Operninszenierungen zu konzentrieren, um die Kosten für die Produktionen zu senken. Da aber die Ballette dieser ersten Spielzeit, allesamt im klassischen Stil, bei weitem nicht so gut aufgenommen worden waren wie die „exotischen” russischen Opern, sah sich Diaghilew gezwungen, Ballette in Auftrag zu geben, in denen volkstümliche Stoffe aus der russischen Märchen- und Sagenwelt im Mittelpunkt stehen. An dieser Entscheidung hatte sein künstlerischer Berater Alexandre Benois großen Anteil, und sie wurde auch von seinem Choreographen Michail Fokin unterstützt, zumal sie dessen Bemühungen um eine Erneuerung des Tanzstils sehr entgegenkam. Fokin war es, der aus zwei verschiedenen russischen Volksmärchen das Szenarium zum Feuervogel verfasste und dabei die Überlieferung um mancherlei eigene Ideen ergänzte. Das Ergebnis war das perfekte „synthetische” russische Volksmärchen; blieb nur noch das Problem, wer es musikalisch umsetzen sollte.

 

Diaghilew ging die Komponisten durch, die für sein 1909 aufgeführtes Ballett Les Sylphides Stücke von Chopin arrangiert hatten, und wandte sich, seiner persönlichen „Rangliste” entsprechend, zunächst an Nikolai Tscherepnin, dessen Musik zu Le pavillon d’Armide in der ersten Spielzeit der Ballets russes einen bescheidenen Erfolg verzeichnen konnte. Tscherepnin begann, an der Musik zu arbeiten, brach jedoch

ab, als es zwischen ihm und Fokin zu Meinungsverschiedenheiten kam. Diaghilew trat nun an Anatoli Ljadow heran, der den Auftrag in Erwägung zog, jedoch schließlich ablehnte; gleiches tat der heute kaum noch bekannte Nikolai Sokolow. Strawinsky war für den Impresario die „letzte Rettung”. Diaghilew hatte im Januar 1909 in St. Petersburg die Uraufführung von Strawinskys Scherzo fantastique miterlebt (nicht diejenige von Feu d’artifice, wie oft gesagt wird; sie fand ein Jahr später statt) und war beeindruckt; kurzerhand beauftragte er Strawinsky, an Les Sylphides mitzuarbeiten. Strawinsky, der die Arrangements für dieses Ballett innerhalb kürzester Frist fertiggestellt hatte, begann im November 1909 mit der Arbeit am Feuervogel; am 25. Juni 1910 wurde das Ballett an der Pariser Opéra uraufgeführt. Der überwältigende Erfolg sicherte Strawinskys Zukunft als Komponist.

 

Diaghilew und Strawinsky haben durch das Medium Ballett die Tradition der russischen Oper weitergeführt; deutlich wird das in der Verbindung zweier musikalischer Stile, einem vom Volkslied abgeleiteten für die menschlichen Gestalten und einem harmonisch „exotischen” für die übernatürlichen Figuren. In dieser Hinsicht reiht sich der Feuervogel in eine Tradition ein, die auf Strawinskys Lehrer Nikolai Rimski-Korsakow zurückgeht, und noch weiter auf den „Vater” der russischen Musik Michail Glinka, im besonderen auf seine Oper Ruslan und Ludmilla aus dem Jahr 1842. Aber auch der Einfluss von Alexander Skrjabin ist spürbar, dessen Klaviersonaten und dessen sinfonische Werke Göttliches Poem und Poem der Ekstase damals das Allerneuste darstellten, was die russische Musikkultur hervorgebracht hat. Alles in allem ist also der Feuervogel ist eine sehr gekonnte Mischung aus alter und neuer russischer Musik.

 

Das Ballett gliedert sich in eine Introduction (Einleitung) und zwei Tableaux (Bilder), wobei das zweite im Grunde genommen eine Coda zum gesamten Werk darstellt. Nach der geheimnisvoll-spannenden Introduction (1) führt die Musik auf den Schauplatz des Geschehens, in den Zaubergarten Kaschtschejs (2). Die mysteriöse Stille wird jäh unterbrochen, als der Feuervogel erscheint, verfolgt von Iwan, dem Zarensohn (3). Tanzend präsentiert der Feuervogel sein prächtiges Federkleid (4), bevor er von Iwan gefangen wird (5). Der Feuervogel fleht Iwan an, ihn wieder freizulassen (6) und bietet ihm als Gegenleistung eine Feder; wenn er einmal in Not sei, solle er sie schwenken, und er, der Feuervogel, werde ihm auf dieses Zeichen hin zu Hilfe eilen. Der Feuervogel erzählt ihm, dass der böse Zauberer Kaschtschej dreizehn Prinzessinnen gefangen hält; Iwan beschließt, sie zu befreien. Nachdem er dem Feuervogel die Freiheit geschenkt hat, sieht er, wie die Prinzessinnen zögernd in den Zaubergarten heraus kommen (7). Musikalisch dargestellt durch ein lebhaftes Scherzo, spielen sie ein Spiel mit den goldenen Äpfeln (8), bis Iwan plötzlich unter sie tritt (9). Er gewinnt das Vertrauen der schönsten der Prinzessinnen, die nun miteinander einen schwermütigen Chorowod (Reigen) tanzen (0) - in dem Strawinsky das Volkslied Im Garten verwendet, das Rimski-Korsakow aufgezeichnet und 1877 in seiner Sammlung Einhundert russische Volkslieder veröffentlicht hatte.

 

Der Tag bricht an, und die Prinzessinnen eilen in Kaschtschejs Palast. Iwan folgt ihnen (!); ein magisches Glockenspiel ertönt, und die Ungeheuer, die den Palast bewachen, erscheinen und nehmen ihn gefangen (@). Kaschtschej der Unsterbliche tritt auf (#), nimmt Iwan ins Kreuzverhör und entscheidet über sein Schicksal, ungeachtet der Fürbitten der Prinzessinnen. Iwan schwenkt die magische Feder in der Luft, um den Feuervogel herbeizurufen; dieser erscheint ($) und verzaubert die Gefolgsleute Kaschtschejs. Unter seinem Bann beginnen sie immer lebhafter zu tanzen (%), bis das Geschehen in den Höllentanz aller Untertanen des Zauberers mündet (^). Auf dem Höhepunkt bricht er ab, und der Feuervogel stimmt ein Wiegenlied (&) an, das sie in den Schlaf versetzt. Kaschtschej erwacht und muss feststellen, dass der Feuervogel Iwan die Schatulle mit dem Ei gezeigt hat, das das Herz des Zauberers ist. Iwan zerschlägt das Ei; Kaschtschej stirbt (*), und tiefe Finsternis legt sich über das Reich des Zauberers. Das kurze zweite Tableau (() zeigt, wie Kaschtschejs Palast verschwindet, sein Bann gelöst wird und die versteinerten Ritter zu neuem Leben erwachen. Glocken erklingen; Iwan und seine Prinzessin fallen einander in die Arme, und alles endet in allgemeiner Freude.

 

Strawinskys Musiksprache hat sich sehr schnell weiterentwickelt, der Feuervogel sollte dennoch zu Lebzeiten des Komponisten sein populärstes Werk bleiben. Strawinsky hat aus der Ballettmusik drei Konzertsuiten zusammengestellt, in den Jahren 1911, 1919 und 1945; die vorliegende Transkription für Klavier solo entstand im Jahre 1910. Von allen Ballettmusiken, die er vor dem Ersten Weltkrieg komponiert hat, hat er nur diese eine in dieser Form arrangiert. Die Möglichkeiten mechanischer Klaviere, die in den Jahren nach dem Krieg entwickelt wurden - das automatische Klavier von Pleyel, das Pianola und das Duo-Art-Klavier mit Rollen - reizten ihn, seine Kompositionen für diese Systeme zu bearbeiten. Der Feuervogel erschien in den Jahren 1926 und 1927 für alle drei Modelle. Die vorliegende Transkription bleibt, als (von Menschen zu spielender) Klavierauszug seiner ersten großen Ballettmusik, ihrer Einzigartigkeit wegen von besonderem Interesse.

 

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Tilo Kittel

 


Close the window