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8.557003 - HANDEL: Coronation Anthems / Silete Venti
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Georg Friedrich Händel (1685-1759)

Georg Friedrich Händel (1685-1759)

Krönungs-Anthems • Silete Venti

Am 4. September 1727 wurde Maurice Greene Organist und Komponist an der English Chapel Royal, just als man ernsthaft mit den Vorbereitungen zur Krönung Georgs II. begann. Nur fünf Tage später jedoch war zu hören, daß der eben eingebürgerte Deutsche Georg Friedrich Händel auf Geheiß des künftigen Monarchen dabei war, die Musik zu dem Krönungsgottesdienst zu schreiben. Wiederum anderthalb Wochen später wurde das Programm des Inthronisationsgottesdienstes abgeschlossen. Es blieben Händel also noch genau zwei Wochen, um seine vier neuen Anthems aufführungsfähig zu machen (wir dürfen freilich annehmen, daß er zu diesem Zeitpunkt einen beträchtlichen Teil der Arbeit schon erledigt hatte). Dann mußte die Krönung um eine Woche verschoben werden, weil die Themse über die Ufer zu treten und Westminster zu überfluten drohte. Schließlich wurde George II. an dem feuchten Morgen des 11. Oktober 1727 gekrönt. Neben den neuen Werken von Händel gab es Musik von Purcell, Blow, Child, Gibbons, Farmer und Tallis, die bis zu 150 Jahre alt war.

Eines der musikalischen Rätsel um die Krönungsfeierlichkeiten Georges II. ist die Frage, wie sich der Chor neben dem Orchester überhaupt hat Gehör verschaffen können. Händel spezifizierte 47 Sänger (was zufälligerweise genau der Besetzung auf der vorliegenden CD entspricht); aus einem Artikel der Norwich Gazette vom 14. Oktober 1727 geht hervor, daß viermal so viele Instrumentalisten wie Sänger an den Feierlichkeiten beteiligt waren (in unserer Aufnahme sind es halb so viele). Dieses Mißverhältnis könnte der Grund dafür gewesen sein, daß William Wake, der Erzbischof von Canterbury, die Aufführung von The King shall rejoice als ein „völliges Durcheinander" beschrieb.

Noch immer wird darüber diskutiert, in welcher Reihenfolge die Stücke bei den Krönungsfeierlichkeiten gespielt wurden. Vermutlich war es so, daß Händels Anthem The King shall rejoice (Herr, der König freuet sich in deiner Kraft) den Anfang bildete - jenes Werk also, an dem sich die Kritik des Erzbischofs William entzündete. Händel wählte hierfür den Text aus Psalm XXI, wie er im Book of Common Prayer überliefert ist.

Der jubilierende Einsatz des Chores wird zunächst von Streichern und Oboen, dann von Pauken und Trompeten vorbereitet. Wie so oft bei Händel finden wir auch hier eine ebenso schlichte wie wirkungsvolle Wortmalerei: Das Wort „rejoice" (freuet sich) ist in weit ausgreifenden Melismen gehalten, während die Worte „in deiner Kraft" homophon und solide gesetzt sind. Es folgt ein wiegender Satz im Dreiertakt, der zeigt, daß der König „sehr fröhlich ist" - und zwar auf eine selbstgenügsame, zurückhaltende Weise, die so ganz anders ist als der Überschwang des ersten Satzes. Die erlesenste Musik hat Händel für die Worte „deine Segnungen" aufgespart, wo er ganze Vorhalt-Ketten verwendet, um dem Geschehen einen archaisch-ekklesiastischen Charakter zu verleihen. Den kontrapunktischen dritten Satz leitet ein strahlender Aufschwung ein. Im Anschluß daran handelt der Satz vom „Segen der Güte", die schließlich durch eine goldene, durch die Wiederkehr der Blechbläser symbolisierte Krone belohnt wird. Der vierte Satz beginnt in einer scheinbar ernsten Haltung, wobei die embryonale Fuge allerdings schon bald mit einem überraschenden Tutti-Einsatz aneinander gerät. Die markanteste Geste des abschließenden Satzes dürften wohl die wie ein tiefes Lachen klingenden Figuren sein, mit denen Händel die Schlußsilbe des Wortes „Alleluia" ziert.

Als nächstes folgte bei der Salbung des neuen Monarchen der berühmte Zadok the Priest. Den Text aus dem Ersten Buch der Könige hatte man bereits 1685 bei der Krönung James’ II. hören können - und zwar in einer Vertonung, die Henry Lawes schon 1661 für die Inthronisation Charles’ II. verfaßt hatte. Im Gegensatz zu dieser nicht sonderlich einprägsamen Komposition ist Händels Werk mit den huschenden Arpeggien der Einleitung, dem überwältigenden Choreinsatz, dem unvergleichlich munteren Jubilieren, dem Tumult des „God save the King" und den immer wieder alternierenden „Alleluia-" und „Amen"-Rufen ein spektakuläres, unnachahmliches Werk. Wen wundert’s also, daß Zadok the Priest seit 1727 noch bei jeder britischen Krönung aufgeführt wurde.

Das dritte Anthem dürfte Let thy Hand be strengthened (aus Psalm 89) gewesen sein, dessen Text schon Dr. John Blow für die Krönungsfeierlichkeiten des Jahres 1685 vertont hatte. In seiner Komposition übertrifft Händel das Werk seines älteren Kollegen, obwohl er auf Pauken und Trompeten verzichtet. Der erste Satz handelt von dem „gewaltigen Arm, der starken Hand", die hier in barocker Gelassenheit und Sanftmut agieren; demgegenüber sind „Gerechtigkeit und Gericht" des zweiten Satzes durch ein deutlich historisierendes Aroma charakterisiert. Der letzte Satz ist ein wunderbar beherrschtes „Alleluia". Es bezeichnet den versierten Kunsthandwerker Händel, daß das Alleluia in dem Augenblick, wo der neue König rituell auf dem Thron der Westminster Abbey seinen Platz einnahm - daß er sich just in diesem Moment allein auf kontrapunktische Techniken und intuitive Tongeflechte verließ und auf Getöse und Lärm grandioser Gebärden verzichtete.

Als letztes seiner Krönungs-Anthems ließ Händel My Heart is inditing aufführen. Der Text stammt aus Psalm 45 und dem Buch Jesaja und begleitete die Krönung der Königin Caroline. Im Gegensatz zu den vorigen Anthems ist My Heart is inditing (Mein Herz dichtet ein feines Lied) kein Full Anthem, sondern ein Verse Anthem*: Nach der Orchestereinleitung sind zunächst vier Solostimmen zu hören, deren Beitrag der Chor anschließend mit leichten Variationen und Verzierungen wiederholt. Der zweite Satz handelt von den Töchtern des Königs und ist in seiner Grazie und Koketterie eine Studie in barocker Weiblichkeit. Auf ähnliche Weise stellt der dritte Satz die transparenten Texturen der spröden Königin mit den lüstern ausgeführten Vergnügungen des Königs dar. Im Anschluß an die stereotypen Geschlechtsspezifika jedoch vereinigt der letzte Satz Könige und Königinnen zu Vätern und Müttern, die ihre Nachkommen nähren. Gleichwohl kann Händel nicht widerstehen, die höchsten Töne des Chores den Königen und nicht den Königinnen zu übertragen. Angesichts der entwaffnenden Direktheit der Musik muß man sich daran erinnern, daß Händel das Werk vor ziemlich genau 275 Jahren geschrieben hat.

Drei Jahre vor der Krönung König Georgs II. schrieb Händel die lateinische Motette Silete Venti (Schweigt, ihr Winde), die eindeutig von einer Opernsängerin aufgeführt werden sollte, denn sie bedarf einer unbeschwerten Virtuosität und soliden Vokaltechnik. Das Orchester beginnt in der Manier einer französischen Ouvertüre, mit den langsam und zeremoniös punktierten Rhythmen einer homophonen Musik. Von Anfang an spielt Händel mit seinem Publikum, indem er drei überraschende piano-Momente einschaltet. Es folgt eine stürmische Fuge, die die Solistin schließlich bei ihrem nachdrücklichen Einsatz mit eindeutigen Worten zum Schweigen bringt. Darauf herrscht lieblicher Friede. Der zweite Satz ist eine da capo-Arie, in der Händel die ekstatische Liebe zu Christus darstellt. Der kurze dritte Satz ist ein tief empfundenes Rezitativ, das zum vierten Satz führt, in dem der Sturm des Anfangs durch eine pastorale Träumerei ersetzt ist. Der Mittelteil dieser da capo-Arie sieht jedoch den Wind neue Kraft gewinnen - jetzt freilich wehen nur noch sanfte Brisen, keine heftigen Böen mehr. Der Schlußsatz ist ein raffiniertes, ganz und gar virtuoses Alleluia, das die bemerkenswerte Motette zu einem funkelnden Abschluß bringt.

Jeremy Summerly

Übersetzung: Cris Posslac

* Full Anthems sind chorisch besetzte Werke, während in Verse Anthems solistische und chorische Beiträge abwechseln.


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