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8.557014 - LISZT: 2 Concert Etudes / 3 Etudes de concert / Mazeppa (Liszt Complete Piano Music, Vol. 20)
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Franz Liszt (1811-1886):
Etude en douze exercices • Etudes de concert
Morceau de salon • Ab irato • Mazeppa

 

Den 1. December gab wieder ein von Pressburg hieher gekommener sehr talentvolle Knabe, mit Nahmen Liszt, im grossen landständlischen Saale Concert, und erregte durch sein Spiel und die daran höchst merwürdige Leichtigkeit allgemeine Bewunderung. … Er erhielt grossen, ermunternden Beyfall.
Wiener Allgemeine Musikalische Zeitung. 7.12.1822

 

Franz Liszt wurde 1811 in Raiding, im damals zu Ungarn gehörenden Burgenland geboren. Sein Vater, Adam Liszt, war Amateurmusiker und Verwalter in den Diensten von Haydns früheren Herrn, dem Fürsten von Esterházy. Daher scheint es kaum verwunderlich, dass Liszt schon früh Ermunterung und Förderung durch Mitglieder des ungarischen Adels erfuhr. Diese Unterstützung erlaubte es der Familie, 1821 nach Wien überzusiedeln und Liszt eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen. Er wurde Schüler von Karl Czerny und begegnete in einem berühmt gewordenen Zusammentreffen Beethoven. Ein Jahr später zogen sie nach Paris, um die Ausbildung am Conservatoire fortsetzen zu lassen. Jedoch wurde die Aufnahme an das Institut von dem damaligen Direktor Luigi Cherubini verweigert. Es gelang Liszt dennoch, das Publikum mit seinen Konzerten zu beeindrucken, und so fand er in der Klavierbauer-Familie Erard großzügige Förderer. Allerdings versäumte es Liszt nicht, auf den bald sich anschließenden Konzertreisen, für die Produkte der Firma zu werben. Als Adam Liszt 1827 starb, kam Liszts Mutter nach Paris und übernahm die Betreuung ihres Sohnes. Liszt nutzte seine Zeit, um zu unterrichten und zu lesen und von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in Kontakt kam, zu lernen. Unter dem Eindruck von Paganinis erstem Auftreten in Paris arbeitete Liszt an der Weiterentwicklung und Vervollkommnung der technischen und expressiven Möglichkeiten seiner virtuoser Klaviermusik.

In den folgenden Jahren entstanden eine Reihe von Kompositionen, zu denen als Teil des Handwerkszeugs eines Virtuosen auch Lied-Transkriptionen und Opernfantasien gehörten. Seine Beziehung zu der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult führte schließlich dazu, dass er Paris verließ und mehrere Jahre mit ausgedehnten Konzertreisen verbrachte. Er ging zunächst in die Schweiz, kehrte jedoch noch einmal nach Paris zurück, um dann nach Italien, Wien und Ungarn aufzubrechen. 1844 war die Verbindung zu Marie d’Agoult, aus der drei gemeinsame Kinder stammen, an ihr Ende gelangt. Liszt setzte seine Konzerttätigkeit bis 1847 fort, bis er eine neue Beziehung mit der ukrainischen, von ihrem Mann getrennt lebenden Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein einging, die er auf seiner letzten Konzertreise in Kiew kennen gelernt hatte. Als Liszt 1848 Hofkapellmeister in Weimar wurde, folgte ihm die Fürstin mit ihrer Tochter nach. In der Goethe-Stadt wandte Liszt seine Aufmerksamkeit nun einer neue Form der Orchestermusik zu, der sinfonischen Dichtung, setzte aber auch die Überarbeitung und Veröffentlichung früherer Kompositionen fort.

Im Jahr 1861, im Alter von 50 Jahren, folgte Liszt Prinzessin Carolyn nach Rom, die bereits ein Jahr zuvor dorthin gezogen war. Scheidung und die Annullierung ihrer Ehe scheinen den Weg für eine Heirat geebnet zu haben, dennoch lebten sie in der Ewigen Stadt in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die vier niederen Weihen und verbrachte seine Zeit abwechselnd in Weimar, Rom und Pest. In Weimar, wo sich ein internationaler Schülerkreis um ihn geschart hatte, gab er sein Wissen an eine jüngere Generation weiter, in Rom war es ihm möglich, seine religiösen Interessen zu verfolgen, und in Pest wurde er als Nationalheld gefeiert. Liszt starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die frühere Ehefrau Hans von Bülows und Witwe Richard Wagners lebte und sich ganz der Förderung der Musik ihres Mannes verschrieben hatte.

Liszt war ein Musiker von bemerkenswerter Produktivität. Auf seinen ersten Konzerten in Oedenburg und Pressburg folgte sein erster Auftritt in Wien, Klavierstunden bei Czerny und Kompositionsunterricht bei Salieri. Bevor er nach Paris weiter reiste, gab er zunächst Konzerte in Pest und schuf sich eine ungarische Identität. Darauf folgte eine Reihe von Auftritten in den führenden deutschen Musikstädten, und wie zuvor Mozart führte ihn sein Weg nach Paris, wo seine Konzerte eine ähnliche Sensation darstellten. Nach einem erfolgreichen Besuch in England 1824 kehrte er nach Paris zurück, um weiteren Kompositionsunterricht bei Ferdinando Paer zu nehmen, der ihm auch bei der Komposition seiner einzigen Oper, Don Sanche, un château d’amour, ermutigte, die im Oktober 1825 an der Pariser Opéra aufgeführt wurde.

Im Alter von 13 Jahren hatte Liszt bereits damit begonnen, an seinen wichtigsten erstveröffentlichten Werken zu arbeiten, den so genannten Étude en douze exercices, die 1826 in Paris und Marseille als Opus 6 unter dem ehrgeizigeren Titel Études en quarante-huit exercices veröffentlicht wurden. Tatsächlich wurden jedoch nur zwölf der geplante 48 Etüden veröffentlicht und mit einer Widmung an Lydia Garella versehen, über die wenig mehr bekannt ist. Sie bildeten allerdings die Grundlage für spätere Überarbeitungen, die schließlich zu den Vingt-quatre grandes études aus dem Jahr 1837 wurden. Sie waren Karl Czerny gewidmet, enthielten aber wiederum nur zwölf Etüden. Aus diesen entstanden dann schließlich die Études d’exécution transcendante von 1851, zu denen später Titel hinzugefügt wurden. Die ursprüngliche Absicht, auf Bachs Das Wohltemperierte Klavier Bezug zu nehmen, wird durch die Wahl der Tonarten deutlich, die mit C-Dur beginnen, gefolgt von a-Moll; darauf folgt der Quintenzirkel, der im weiteren Verlauf die verminderten Tonarten durchschreitet, wie F-Dur und d-Moll, B-Dur und g-Moll, Es-Dur und c-Moll, As-Dur und f-Moll, Des-Dur und schließlich b-Moll. Die Etüden beginnen mit einem brillanten Allegro con fuoco, auf das geteilte Oktaven in der zweiten Etüde folgen. Die dritte Etüde der Sammlung ist verbindlich und ausdrucksstark, während die vierte die Grundlage für die spätere Mazeppa bildet. Die fünfte Etüde ist die Ausgangsbasis für Feux follets (Irrlichter) und die sechste stellt besondere Anforderungen an die Natur ihrer Phrasierung. 1851 erhielt die siebte Etüde den Titel Harmonies du soir (Abend-Harmonien); und die achte stellt eine besondere Übung für schnelle Läufe in der linken Hand dar. Die neunte Etüde, cantabile, bietet einen anmutigen Gegensatz zum vorangegangenen Klangbild und Ungestüm; die zehnte ist eine schnelle und brillante Etüde in Triolen. Die elfte hat in der revidierten Fassung von 1851 kein Gegenstück, und die Sammlung endet mit einer expressiven Legato-Etüde.

Die beiden Konzert-Etüden Gnomenreigen und Waldesrauschen wurden 1862 und 1863 in Rom geschrieben und Dionys Pruckner gewidmet. Sie waren für Lebert und Starks Klavierschule gedacht. Gnomenreigen, als zweite des Paares veröffentlicht, verlangt den Wechsel der Hände in einem schnellen Scherzo. Waldesrauschen ist ein ausdrucksstarkes Stück, dessen Melodie von sanft perlenden Figurationen begleitet wird.

Drei weitere Konzertetüden, die auf 1848 datiert sind, wurden 1849 mit einer Widmung an Liszts Onkel Eguard Liszt, veröffentlicht. In einer späteren Ausgabe erhielten sie die Titel Il lamento, La leggierezza und Un sospiro. Die erste Etüde beginnt mit einer Kadenz, die die absteigende Figur einführt, auf der das gesamte Werk beruht. Die zweite, die an die Klangsprache von Chopin erinnert, hat eine kurze Introduktion, ihr thematisches Quasi allegretto schreitet zu den stärker ausgearbeiteten Figurationen weiter. Die letzte der drei Etüden begleitet eine heute bekannte Melodie, die zwischen den beiden Händen aufgeteilt ist, mit Arpeggien von wachsender Intensität, die zu einem Finale mit großer Feierlichkeit führt.

Das Morceau du salon, étude de perfectionnement wurde 1840 von dem belgischen Komponisten und Theoretiker Francois Joseph Fétis für die Méthode des méthodes de piano geschrieben. Sie wurde 1852 als Ab irato überarbeitet, und ihre „zornige“ Erregung steigert sich, bis eine noch zornigere Passage das Stück beendet.

Mazeppa wurde aus Material gewonnen, das verschiedenen Veränderungen unterworfen wurde. Das Stück erschien zunächst als vierte Etüde in den Douze exercices und entwickelte sich in späteren Überarbeitungen des Werkes weiter. Die Etüde dieses Namens wurde 1840 geschrieben und 1847 mit einer Widmung an Victor Hugo veröffentlicht, auf dessen poetischer Bearbeitung der Handlung sie beruht. Der gleiche Stoff findet sich auch in Liszts sinfonischen Gedicht des selben Titels wieder. Mazeppa, Page des Königs von Polen, wird für schuldig befunden, mit der Frau des Edelmanns eine Intrige gesponnen zu haben. Auf den Rücken eines Pferdes gebunden, wird er durch die Wälder und über Flüsse getragen, bis das Pferd auf den Steppen der Ukraine tot zusammen bricht und Mazeppa von seinen Landsleuten gesund gepflegt wird. In der Nachfolge von Byrons Gedicht aus dem Jahr 1819 zog das Thema das romantisches Interesse auf sich, das sich in Hugos Gedicht und in einem Gemälde von Gércault widerspiegelt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Peter Noelke

 


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