About this Recording
8.557016 - VIEUXTEMPS, H.: Violin Concertos Nos. 5, 6 and 7
English  German 

Henry Vieuxtemps (1820-1881)

Henry Vieuxtemps (1820-1881)

Violinkonzerte Nr. 5 –7

Als Sohn eines Webers, Amateurviolinisten und Geigenbauers wurde Henry Vieuxtemps 1820 in Verviers (Belgien) geboren. Die ersten Unterweisungen auf der Violine erhielt er im Alter von vier Jahren von seinem Vater, bevor er seinen Unterricht bei einem angesehenen Lehrer in Verviers fortsetzte. Als Sechsähriger trat er mit dem Vortrag eines Solokonzerts von Rode erstmals öffentlich auf, und bereits 1827 folgte seine erste Konzertreise, auf der ihn sein Vater und sein Lehrer begleiteten. Bei einem Auftritt in Brüssel hörte ihn der Violinist Charles de Bériot und übernahm seinen Unterricht – zunächst in Belgien, später in Paris, wo Vieuxtemps 1829 debütierte, wiederum mit einem Konzert von Rode. Aufgrund der Revolution des folgenden Jahres und der Heirat und Abreise Bériots, der selbst auf Konzerttournee ging, kehrte Vieuxtemps nach Brüssel zurück, wo er seine Technik perfektionierte und seine allgemeine musikalische Ausbildung vorantrieb. Mit Bériots Schwägerin Pauline, der späteren Pauline Garcia, Mutter des Geigers Paul Viardot, trat er als Duo auf. Pauline war ein Jahr jünger als er und studierte Klavier bei Franz Liszt. Später machte sie jedoch – ebenso wie ihre Schwester – als Sängerin Karriere. Während einer Konzertreise durch Deutschland im Jahre 1833 freundete sich Vieuxtemps mit Louis Spohr an, und in Wien machte der die Bekanntschaft von Musikerkollegen, die noch mit Beethoven zusammengearbeitet hatten, dessen Violinkonzert er im März 1834 nach nur zweiwöchigem Studium aufführte. In Leipzig erntete er das Lob Robert Schumanns, der ihn mit Paganini verglich; noch im selben Jahr lernte Vieuxtemps den berühmten Virtuosen in London persönlich kennen. Nach Paris zurückgekehrt, nahm er Kompositionsunterricht bei Antonín Reicha, der sein Interesse auf die Komposition von Violinkonzerten lenkte. Das Ergebnis war das Violinkonzert fis-Moll op. 19 von 1836, das später als Violinkonzert Nr. 2 veröffentlicht wurde (Naxos 8.554114).

            1837 reiste Vieuxtemps erstmals nach Russland. Im folgenden Jahr kehrte er dorthin zurück und trat – nach einem langwierigen Genesungsprozess von einer Krankeit – die er sich auf der Reise zugezogen hatte – in einer Reihe von Konzerten auf. In Russland entstand das neuartige Werk, das später als Violinkonzert Nr. 1 E-Dur op. 10 veröffentlicht wurde (Naxos 8.554506). Es gelangte in Russland und in Brüssel zur Aufführung, bevor Vieuxtemps es 1841 dem Pariser Publikum vorstellte. Mit diesem neuen Werk, das von der Kritik mitr Beifall aufgenommen wurde, erweiterte er das gängige Violinrepertoire, das zu techisch brillanten Variationen und Fantasien über bekannte Opernmelodien tendierte, um eine neue Dimension.

Weitere Konzerttourneen schlossen sich in den folgenden Jahren an. 1844 trat Vieuxtemps in Amerika auf, wo der das Publikum mit Variationen über Yankee Doodle für sich einnahm. In Wien und London war er als Primarius in Beethoven-Quartetten zu hören und trat dort auch, ebenso wie in anderen europäischen Städten, als Konzertsolist auf. 1846 ging er als Hofviolinist nach St. Petersburg; dort blieb er bis 1852, und in dieser Periode schrieb er sein Violinkonzert Nr. 4 d-Moll op. 31 (Naxos 8.554506). Neben seiner kompositorischen und pädagogischen Beschäftigung betätigte er sich weiterhin als Konzertsolist und in Kammermusikensembles. Vor allem gelang es ihm, dem Violinrepertoire eine eher klassisch orientierte Richtung zu geben, indem er nicht nur Beethovens Konzert, sondern auch Mendelssohns e-moll-Konzert aufführte, das noch immer als Neuheit galt. Gemeinsam mit Anton Rubinstein spielte er Beethovens Violinsonaten und trat mit dem russischen Pianisten in Konzerten in Paris auf, nachdem er Russland 1852 verlassen hatte, um sich wieder seiner Tätigkeit als reisender Virtuose zu widmen. Schließlich ließ er sich überreden, eine Lehrtätigkeit am Brüsseler Konservatorium zu übernehmen, wo bereits sein Lehrer de Bériot unterrichtet hatte, dem Hubert Léonard nachgefolgt war. So kehrte er 1871 nach Brüssel zurück, gab aber auch weiterhin Konzerte.

            1873 erlitt Vieuxtemps einen Schlaganfall, durch den sein rechter Arm gelähmt blieb. 1875 übernahm Wieniawski seine Violinklassen; doch trotz seiner Behinderung war ihm das Komponieren nach wie vor möglich, und mit der Zeit konnte er sich auch wieder kammermusikalisch betätigen, jedenfalls im privaten Rahmen. 1879, nachdem eine erfolgreiche Fortsetzung seiner Karriere sich endgültig als aussichtslos herausgestellt hatte, zog er zu seiner Tochter und seinem Schwiegersohn nach Algerien. Dort setzte er zwar seine kompositorische Arbeit fort, litt aber unter dem Umstand, dass er seine Arbeiten nicht mehr selbst spielen konnte und sich auch keine Aufführungsgelegenheiten ergaben. Er starb im Juni 1881.

            Vieuxtemps war ohne Zweifel einer der größten Geigenvirtuosen seiner Zeit. In seiner Kunst vereinigten sich technische Vollendung und hohe Musikalität. Er gilt als Repräsentant der belgisch-französischen Schule in der Nachfolge de Bériots. Zu seinen Schülern und künstlerischen Erben zählen u.a. Eugène Isaÿe, Jenö Hubay und Leopold Auer.

            Das fünfte seiner vollendeten Konzerte, das Violinkonzert a-Moll op. 37, schrieb Vieuxtemps zwischen 1858 und 1859 für Hubert Léonard, der ein Wettbewerbsstück für das Brüsseler Konservatorium benötigte. Das Konzert gefiel Léonard und Leopold Auer auf Anhieb. Die drei Sätze des Werks sind so miteinander verknüpft, dass der Eindruck eines einzigen erweiterten Satzes entsteht. Der erste Satz beginnt mit einer Orchesterexposition, die drei kontrastierende Themen vorstellt; danach folgt der dramatische Einsatz des Solisten, der zu einem lyrischen Thema führt. Ein zweites Thema des Soloinstruments, in C-Dur, enthält weiteres lyrisches Material, das während seiner Wiederholung im Orchester vom Solisten begleitet wird. Die erweiterte Durchführung bietet Gelegenheit zu solistischer Virtuosität, bevor eine Kadenz erreicht wird; von ihr gibt es zwei Originalfassungen. Die zweite, hier eingespielte Fassung bearbeitet das bereits vorgestellte Material auf kontrapunktische Art. Eine kurze Moderato-Überleitung führt zu dem gesanglichen Andante mit seinem anrührenden a-Moll-Thema. Einer Modulation nach A-Dur folgt eine C-Dur-Melodie aus Grétrys Oper Lucile – eine Anspielung, der das Konzert seinen Beinamen verdankt. Ein kurzes Allegro con fuoco in a-Moll beschließt das Konzert.

            Das Violinkonzert Nr. 6 G-Dur op. 47 und das Violinkonzert Nr. 7 a-Moll op. 49 entstanden in Vieuxtemps letztem Lebensjahr, das er im algerischen Mustapha Supérieur verbrachte. Diese Werke lagen ihm sehr am Herzen, aber er kam nicht mehr dazu, die letzten Revisionen auszuführen, da es ihm nicht vergönnt war, diese Kompositionen zu hören, deren Aufführung durch Eugène Isaÿe geplant war. Das sechste Konzert widmete er der tschechischen Violinistin Wilma Normand-Neruda, das siebente Jenö Hubay; beide Künstler hatten ihn in Algerien besucht.

            Das erste dieser beiden letzten Konzerte beginnt mit einem verkürzten Sonatenformsatz mit einer Exposition für das Orchester und den Solisten, wobei letzterem das lyrische Material anvertraut ist. Der zweite Satz ist eine sanfte Pastorale, der ein Intermezzo folgt, in dem der charakteristische Siciliano-Tanzrhythmus im zusammengesetzten 12/8-Takt vom Soloinstrument gespielt wird, während die Orchesterbegleitung im einfachen Vierertakt gestaltet ist – ein ungewöhnliches Experiment mit kontrastierenden Rhythmen. Das Konzert endet mit einem Rondo, dessen reizendes Hauptthema einer heiteren Oper entstammen könnte.

            Das siebente Konzert ist im Solopart vielleicht ein wenig virtuoser gestaltet. Der mit einer kurzen Orcherstereinleitung beginnende erste Satz enthält zwei Themen in der traditionellen Sonatensatzform, die jeweils in e-Moll und A-Dur in der Reprise zurückkehren und zu einer brillanten Coda führen. Der langsame Satz, der die passende Überschrift Mélancolie trägt, steht in a-Moll. Ein Tarantella-Thema eröffnet den Finalsatz, dem sich ein spanisch anmutendes Thema anschließt, das vom Orchester als Echo beantwortet wird.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window