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8.557040 - BRITISH GUITAR MUSIC
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Britische Gitarrenmusik
Walton • Maxwell Davies • Rawsthorne • Berkeley • Rodney Bennett

Eine Vielzahl von Werken britischer Komponisten für die Gitarre verdankt ihre Entstehung der Anregung durch Julian Bream. Anknüpfend an das Wirken des großen Gitarristen Andres Segovia beauftragte er Komponisten von internationalem Rang, Werke für sein Instrument zu schreiben, und so entstand ein ganzes Repertoire an neuer Gitarrenmusik – bis dahin assoziierte man Gitarrenmusik größtenteils mit der Klangwelt Spaniens und Lateinamerikas. Zur gleichen Zeit spielte Julian Bream eine bedeutende Rolle bei der Wiederentdeckung der Laute des Elisabethanischen Zeitalters, er gab Konzerte mit Werken für Laute solo, begleitete Sänger wie Peter Pears oder Robert Tear auf der Laute, trat gemeinsam mit dem Cembalisten George Malcolm auf und gründete ein eigenes Ensemble, mit dem er alte Musik einem neuen Publikum nahebrachte.

Die vorliegende Aufnahme beginnt mit William Waltons einzigem Werk für Gitarre solo, seinen fünf Bagatellen. Diese Miniaturen, die der Komponist seinem Kollegen Malcolm Arnold widmete, haben bis heute einen festen Platz in den Konzertprogrammen der Gitarristen. Julian Bream war es, der sie im Jahre 1972 zur Uraufführung brachte. Als Walton von Julian Bream gebeten wurde, ein Stück für Gitarre solo zu komponieren, war er sich nicht recht sicher, ob er sich an eine solche Aufgabe heranwagen sollte. Später erinnerte er sich: „Ich hatte nie daran gedacht, für Gitarre zu schreiben, also bat ich Julian erst einmal um eine Grifftabelle, aus der klar wird, was die Gitarre kann. Schließlich habe ich ein paar ganz hübsche Stücke für ihn zustande gebracht – abgesehen davon, dass die ersten sechs Töne des ersten Stücks allesamt auf den Leersaiten zu spielen sind: Wenn er anfängt zu spielen, wird das Publikum wahrscheinlich denken, er stimmt das verdammte Ding ...!“

Mit ihrem fanfarenartigen Beginn zieht die erste Bagatelle sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Der erste Abschnitt ist voller Charme und Witz, durchdrungen von jazzigen Harmonien. Es folgt ein mehr melancholischer Mittelteil; eine wundervolle nachdenkliche Melodie wird gegen klangprächtige Begleitakkorde geführt. Schließlich kehrt der Beginn zurück, und das Stück endet triumphal. Die zweite Bagatelle erinnert ein wenig an Satie, mit ihrer hypnotisierenden Begleitung, über der eine luftig-kühle Melodie schwebt. Das dritte Stück, Alla Cubana überschrieben, verwendet die synkopierten Rhythmen, die man oft in der lateinamerikanischen Musik findet. Die ruhig-heitere vierte Bagatelle leitet über zu der virtuos-glänzenden fünften, dem großartigen Schlusshöhepunkt des kleinen Zyklus’.

Peter Maxwell Davies, einer der führenden britischen Komponisten unserer Zeit, hat in den vielfältigsten Formen und Stilen komponiert, darunter auch für die Gitarre. Das hier aufgenommene Stück Farewell to Stromness (Abschied von Stromness, einem Ort auf den Orkney-Inseln) wurde ursprünglich für Klavier geschrieben, es stammt aus einer Folge kabarettistischer Stücke für mehrere Sänger und Klavier mit dem Titel The Yellow Cake Revue („Yellow Cake“, wörtlich „gelber Kuchen“, ist ein durch chemische Verarbeitung gewonnenes gelbes Urankonzentrat; Davies nimmt in dieser „Revue“ den Uranbergbau auf den Orkney-Inseln aufs Korn). Die vorliegende Bearbeitung für Gitarre stammt von Timothy Walker.

Alan Rawsthorne brach als Neunzehnjähriger sein Zahnmedizin- und Architekturstudium ab und schrieb sich im Jahre 1925 am Royal Manchester College of Music ein. Er studierte Klavier bei Frank Merrick und später, in Berlin, bei dem Busoni-Schüler Egon Petri. Die Elegie für Gitarre war seine letzte Komposition. Als er im Jahre 1971 starb, hinterließ er sie unvollendet, Julian Bream stellte sie an Hand der Skizzen fertig. Die Elegie ist ein ergreifendes Werk, voller Leidenschaft; und tiefer Empfindung; man hat den Eindruck, der Komponist reflektiert in diesem Stück die Vorahnung seines Todes. Vom grüblerischen, düsteren Beginn an schafft Rawsthorne eine Atmosphäre der Trauer und Verzweiflung. Ein hektischer, toccata-ähnlicher Abschnitt schließt sich an, bevor das Werk mit einer Reprise des ersten Teils endet.

Im Jahre 1957 komponierte Lennox Berkeley seine Sonatine op. 52 für Julian Bream, der sie im darauf folgenden Jahr zur Uraufführung brachte. Der erste Satz ist in traditioneller Sonatenform aufgebaut, sein lyrischer Beginn erinnert an die Klangwelt des englischen Volksliedes. Der zweite Satz weist französische Einflüsse auf - ein Wesensmerkmal der Musik Berkeleys, der selbst französische Vorfahren hatte und der Schüler von Nadia Boulanger war. Der Satz beginnt mit einem einfachen Motiv, das durch eine Vielfalt von Ausdrucksbereichen geführt wird und dabei auf zauberhafte Art und Weise das Nachdenklich- Delikate mancher Klavierstücke Debussys heraufbeschwört. Die Sonatine endet mit einem Rondo.

Berkeleys Thema und Variationen op. 77 entstanden im Jahre 1970 für den italienischen Gitarristen Angelo Gilardino, der sie ein Jahr später in Italien uraufführte. Wie in der Sonatine sind auch in diesem Werk englische und französische Einflüsse zu erkennen. Dem Thema folgen sechs kurze, meisterhaft gearbeitete Variationen, von denen die nachdenkliche letzte von besonderer Schönheit ist.

Die Quatre Pièces pour la guitare (Vier Stücke für Gitarre) desselben Komponisten entstanden während seiner Studienzeit bei Nadia Boulanger in Paris (1927- 1932). Sie waren für Andres Segovia geschrieben worden, der im Jahre 1924 sein Pariser Debüt gegeben hatte. Was Berkeleys spätere Kompositionen für die Gitarre auszeichnet, wird bereits in diesem frühen Werk deutlich: sein ausgeprägtes Verständnis für die Möglichkeiten der Gitarre und für eine instrumentengerechte Schreibweise. Kurioserweise hat Segovia die Quatre Pièces nie öffentlich gespielt, sie sind erst im Jahre 2001 in seinem Nachlass entdeckt worden.

Richard Rodney Bennett ist einer der vielseitigsten britischen Komponisten und Interpreten. Sein Werkkatalog reicht von Stücken für ein Soloinstrument bis hin zu großen sinfonischen Werken, von Kompositionen für Blasorchester bis hin zur Oper. Und daneben, als wäre ihm das noch nicht genug, schreibt er Filmmusik und tritt regelmäßig als Jazzpianist, Sänger und Komponist auf, sowohl in seiner Heimat als auch auf ausgedehnten Tourneen durch die ganze Welt. Die Fünf Impromptus aus dem Jahr 1968 waren seine ersten Kompositionen für Gitarre, sie sind Julian Bream gewidmet. Jedes Stück erkundet eine andere Stimmungswelt - rastlos, ruhig, kühn oder sinnlich.

Wenige der Werke auf dieser Aufnahme wären geschrieben worden ohne das hingebungsvolle, inspirierende, meisterhafte Gitarrenspiel Julian Breams. Ich möchte diese Aufnahme dem größten Gitarristen des 20. Jahrhunderts, Julian Bream, und all den Komponisten widmen, die er dazu inspiriert hat, für die Gitarre zu schreiben.

Graham Devine
Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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