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8.557048 - Salon Orchestra Favourites, Vol. 3
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Lieblingsstücke für Salonorchester, Folge 3

Lieblingsstücke für Salonorchester, Folge 3

 

Musikalische Erinnerungen an die gute alte Zeit

 

Mit der Rede von der ‚guten alten Zeit’ werden ganz unterschiedliche Assoziationen geweckt. Fast scheint es unmöglich, mit diesen vagen Vorstellungen konkrete historische Umstände zu verknüpfen. Und doch fehlt es nicht an einem Bezugspunkt, in dem viele Linien zusammenlaufen, an einer Zeit und einem Raum, auf den sich unterhaltende Literatur und Filme schon früh gerne bezogen, weil dort das Leben solch eigene Qualität besessen hatte: das Österreich der kaiserlich-königlichen Donaumonarchie, das Reich des beinahe legendären Kaisers Franz Joseph mit seiner Hauptstadt Wien.

 

Vieles wäre an diesem erinnernd verklärten Bild zu korrigieren, wenn es um historische Genauigkeit ginge, doch bleibt aber auch festzuhalten, wie viele Anknüpfungspunkte für die nachträgliche Idyllisierung tatsächlich vorhanden waren: das bunte Völkergemisch, dessen Zusammenleben nie durch eine recht behäbige Verwaltung durchgreifend normiert werden konnte; eine Wirtschaft, die sich nur begrenzt den Zwängen der modernen Industrialisierung unterwerfen ließ; und eine Ambivalenz dem Militärischen gegenüber, die dem „Feschen“ der Uniform fast größere Bedeutung zumaß als der Effizienz des Einsatzes, um nur einmal drei Beispiele zu nennen. Es war ein Leben, das seinem eigenen Gang folgte – und immer begleitet von einer genauso eigenen Musik.

 

Das Militär des 1918 untergegangenen Reiches blieb denn auch weniger durch seine Siege als durch seine Märsche in Erinnerung. Ein führender Vertreter der altösterreichischen Militärmusik war der in Prag geborene Julius Fucˇik (1872-1916), der seit 1897 – zumeist im ungarischen Budapest – als Militärkapellmeister tätig war. Der 1907 entstandene Florentiner Marsch gehört zu seinen bekanntesten Schöpfungen, vielleicht nur noch übertroffen von seinem Einzug der Gladiatoren von 1899. Auch Karl Komzák (1850-1905) war in Prag geboren und verdiente als k. u. k. Militärkapellmeister seinen Lebensunterhalt. Bei zahlreichen Kompositionen arbeitete er übrigens mit seinem gleichnamigen Vater zusammen, so dass eindeutige Zuweisungen nur selten möglich sind. Sein Sturm-Galopp nimmt fast ebenso augenzwinkernd auf die Armee Bezug wie der Teufelsmarsch des großen Wiener Operettenkomponisten Franz von Suppé (1819-1895), der eigentlich den klangvollen italienischen Namen Francesco Ezechiele Ermengildo Cavaliere Suppe Demelli trug.

 

Es wäre allerdings ziemlich einseitig, beim Stichwort ‚Wiener Musik’ nur an Märsche zu denken – wo bliebe denn da Johann Strauß und die Wiener Operette? Aber dass es nicht immer Johann sein muss, sondern auch einmal sein Bruder Josef (1827-1870) sein darf, führt hoffentlich dessen schwebend-tänzerische Polka-Mazurka Die Libelle vor Ohren. Und für die Farbigkeit der Gattung ‚Wiener Operette’ sorgte sowieso die Vielzahl weiterer Talente. Zu ihnen ist Richard Heuberger (1850-1914) zu zählen, ausgebildeter Ingenieur, dann Musikkritiker und schließlich Komponist, der mit seinen großen Erfolgen Abenteuer einer Neujahrsnacht (1896) und Opernball (1898) noch ganz dem 19. Jahrhundert angehörte; und genauso Oscar Straus (1870-1954). Der wurde zwar ebenfalls noch vom Kaiserreich geprägt (seine Operette Walzertraum, aus dem Leise, ganz leise stammt, fand 1907 ihre Uraufführung), doch war er auch noch in den 1920er und 1930er Jahren sehr erfolgreich.

 

Spätestens 1938 war die ‚gute alte Zeit’ in Österreich jedoch Vergangenheit. Nach der Bildung des nationalsozialistischen ‚Großdeutschen Reiches’ war kein Platz mehr für tolerantes Miteinanderleben: Oscar Straus mußte genauso über Frankreich in die USA emigrieren wie der gebürtige Ungar Emmerich Kálmán (1882-1953). Kálmán hatte seiner Heimat mit der Csárdásfürstin schon 1915 ein klingendes Denkmal gesetzt; 1925 folgte dann mit Gräfin Mariza ein weiteres. In die Reihe der aus Wien Emigrierten ist auch Fritz Kreisler (1875-1962) zu stellen, der 1943 sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Der große Geigenvirtuose war zunehmend auch als vermeintlicher Bearbeiter älterer Stücke hervorgetreten, etwa bei seinen drei Alt-Wiener Tanzweisen, zu denen neben Schön Rosmarin eben auch Liebesleid und Liebesfreud zählen. Erst 1935 bekannte sich Kreisler dazu, seine ‚Bearbeitungen’ einfach im Stil vergangener Zeiten komponiert zu haben.

 

Bei aller Bedeutung Österreichs: Hatten nicht auch andere Länder ihre ‚gute alte Zeit’? Der Ära Kaiser Franz Josephs ist ohne weiteres das England der Queen Victoria an die Seite zu stellen. Seine Spätzeit prägte Edward Elgar (1857-1934), der noch heute als bedeutendster britischer Komponist zwischen Henry Purcell und Benjamin Britten gilt. Seine zahlreichen symphonischen und chormusikalischen Werke haben jedoch nicht annährend die Verbreitung seiner frühen salonmusikalischen Perlen gefunden, Salut d’amour.

 

Die spezifische Ambivalenz der Salonmusik jener Zeit ist an diesem Werk beispielhaft abzulesen: Durchaus Elgar-typisch, ja vielleicht sogar mit subtilem britischen Akzent, trägt es doch einen französischen Titel und erweist so der ‚Grande Nation’ und der Internationalität bourgeoiser Kultur seine Referenz. Die damaligen Größen französischer Musik haben aber längst viel von ihrer einstigen Bedeutung eingebüsst. Dass Einige ihrer Schöpfungen überhaupt überlebten, ist nicht zuletzt das Werk begabter Arrangeure. Die ziemlich schwülstige, 1894 in Paris uraufgeführte Oper Thaïs ist als solche genauso zu Recht vergessen wie Jocelyn, die 1888 in Brüssel Premiere gehabt hatte. Ohne seine in letzterer enthaltene Berceuse, die vor allem in den 1920er und 1930er Jahren fast zahllose Bearbeitungen erfuhr, wäre Benjamin Godard (1849-1895) völlig der Namenlosigkeit anheim gefallen. Und nur wenig besser stünde es um Jules Massenet (1842-1912), der immerhin nach dem Tode Bizets die große Leitfigur der französischen Oper des späten 19. Jahrhunderts war. Die eine oder andere seiner vielen Opern wird zwar noch hin und wieder gespielt, wirklich populär ist aber nur ein kleines Stück seiner Thaïs geblieben, ein verträumtes Violinsolo mit dem Titel Méditation.

 

Konrad Dussel


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