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8.557060 - BEETHOVEN, L. van: Missa Solemnis (L. Phillips, Redmon, J. Taylor, Baylon, Nashville Symphony and Chorus, Schermerhorn)
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Ludwig van BEETHOVEN (1770-1827)

Ludwig van BEETHOVEN (1770-1827)

Missa Solemnis, op. 123

 

Im Jahre 1792 verließ Ludwig van Beethoven seine Heimatstadt Bonn, um in Wien sein Glück zu machen. Schon fünf Jahre zuvor hatte ihn sein Gönner, der Bonner Kurfürst, in die Hauptstadt des Kaiserreiches geschickt, auf dass er sich bei Mozart ausbilden ließe. Die schwere Erkrankung der Mutter aber hatte ihn praktisch postwendend zur Heimreise genötigt. Nachdem nun die Mutter verstorben war, musste er sich zunächst um seine jüngeren Geschwister kümmern, weil der Vater dazu nicht mehr in der Lage war.

 

Als Knabe war Beethoven zunächst von seinem Vater, einem Hoftenoristen der kurfürstlichen Kapelle, in recht unregelmäßiger Weise unterrichtet worden. Später sollte seine Ausbildung allerdings in gründlicheren Bahnen verlaufen. 1792 wurde er dann Schüler von Joseph Haydn, bei dem er nach eigenen Worten aber nichts gelernt haben will. Anschließend nahm er Kontrapunktunterricht bei Albrechtsberger; fernerhin ließ er sich von Salieri in der Vertonung italienischer Texte unterweisen. Versehen mit etlichen Empfehlungsschreiben an diverse Wiener Adlige, konnte er sich rasch als Klaviervirtuose etablierten – und zwar sowohl als Interpret wie auch als überragender Improvisator. Im Laufe der Zeit lernte man ihn einerseits als Persönlichkeit von bemerkenswerter Genialität und Originalität kennen, andererseits aber auch als einen gesellschaftlichen Exzentriker, dem jedes Standesdenken fremd war. Mit seiner zunehmenden Ertaubung, deren erste Symptome sich bereits um die Jahrhundertwende zeigten, wurde er nur noch wunderlicher. Geduldige Mäzene ermöglichten es ihm, sich vor allem als Komponist zu betätigen. In dieser Eigenschaft entwickelte er die klassischen Traditionen Haydns und Mozarts weiter, und er setzte neue Grenzen, die allen späteren Komponistengenerationen sowohl Vorbild als auch Herausforderung waren.

               Zu Beethovens Wiener Gönnern gehörte Erzherzog Rudolph Johann Joseph Rainer, der jüngste Sohn Kaiser Leopolds II. Geboren 1788 in Florenz, hatte er eine recht aufgeklärte Kindheit erlebt, während sein Vater toskanischer Großherzog war. Nach dem Tode Kaiser Josephs II. (1790) kam die Familie nach Wien zurück. Leopold trat die Nachfolge seines Bruders an, starb selbst auch schon 1792 und hinterließ den Thron Rudolphs Bruder Franz. Rudolph interessierte sich vor allem für die Kunst und die Kirche, weil seine schwächliche Kondition martialischere Tätigkeiten verbot. 1803 lernte er Beethoven kennen, und dieser wurde sein Kompositions-, Theorie- und Klavierlehrer. Die Ausbildung ging mit Unterbrechungen über die nächsten Jahre weiter; indessen trug Erzherzog Rudolph viel zu Beethovens Lebensunterhalt bei und war auch eine der treibenden Kräfte, die in dem problematischen Jahr 1809 durch finanzielle Garantien dafür sorgten, dass der berühmte Komponist in Wien blieb. Beethoven hat Rudolph einige seiner schönsten Werke gewidmet, darunter die Klavierkonzerte Nr. 4 und Nr. 5, das sogenannte Erzherzogtrio, die Große Fuge und die Hammerklaviersonate.

               1805 wurde Rudolph zum Bischof von Olmütz ernannt, und 1819 folgte seine Ernennung zum Erzbischof und Kardinal. Dieser Anlass war für Beethoven der Ausgangspunkt zur Komposition der monumentalen Missa Solemnis, die eigentlich zur Inthronisation des Erzbischofs hätte aufgeführt werden sollen. Da das Werk allerdings nicht rechtzeitig fertig wurde, konnte der Kardinal-Erzbischof „seine“ Messe erst 1823 in Händen halten. 1824 wurden in Wien erstmals einige Ausschnitte des Werkes gegeben. Die erste Gesamtaufführung fand dank der Fürsprache des Fürsten Galitzin in St. Petersburg statt.

 

Beethoven hatte sich auf die rund fünfjährige Arbeit unter anderem durch das Studium Händels und des geeigneten Kirchenmusikstils vorbereitet – und das zu einer Zeit, die für ihn keineswegs leicht war, da er mit seiner Schwägerin, der Ehefrau des verstorbenen Bruders Caspar Carl, immer heftiger um das weitere Schicksal seines Neffen Karl stritt. Überdies war die Ertaubung inzwischen eine vollständige und sein Benehmen demzufolge ganz extrem geworden. Dennoch schrieb er just in diesen Jahren seine bemerkenswerten letzten Klaviersonaten und die große neunte Symphonie, die 1824 in demselben Konzert uraufgeführt wurde, in dem auch die Auszüge aus der Missa Solemnis erklangen. Die erste vollständige Wiener Aufführung der Messe fand erst nach Beethovens Tod statt.

 

Das Orchester der Missa Solemnis besteht aus den üblichen doppelten Holzbläsern sowie einem Kontrafagott, vier Hörnern, drei Posaunen, Trompeten und Pauken, Streichern und Orgel; dazu kommen vier Solosänger und Chor. Man hat das gesamtheitlich konzipierte Werk gelegentlich als fünfsätzige Symphonie bezeichnet; gleichwohl ist die Missa trotz ihrer Dimensionen auch, wie ursprünglich beabsichtigt, im Rahmen der Liturgie zu verwenden. Das Kyrie D-dur (Assai sostenuto. Mit Andacht) trägt die Zuschrift Von Herzen - Möge es wieder - zu Herzen gehen! Im ersten Teil verbinden sich Soli und Chor zu einem Gebet, das zu dem zentralen, von den Solisten dominierten Christe eleison in h-moll hinleitet. Das abschließende Kyrie wendet sich an die dritte Manifestation der Dreieinigkeit, den Heiligen Geist, und ist als deutlich veränderte Reprise zu erkennen.

 

Das Gloria beginnt mit einem triumphalen Ausbruch, der bei den Worten et in terra pax hominibus bonae voluntatis vorübergehend zur Ruhe kommt, bevor das laudamus te jubilierend wiederholt wird. In diesem Satz, der eindeutig den Einfluss Händels verrät, bietet die Klausel des glorificamus te Gelegenheit zu einem Fugato. Die Stimmung schlägt um, wenn die Solisten die Worte gratias agimus tibi (in B-dur) singen. Holzbläser und Hörner leiten das Larghetto des qui tollis peccata mundi ein, in dem wiederum die Solisten die Hauptrolle spielen. Die ursprüngliche Tonart wird wieder hergestellt, bevor die von den Posaunen unterstrichene Bitte des miserere nobis weitere Modulationen und Tonmalereien bietet. Plötzlich wird es still, dann folgt das triumphale quoniam tu solus sanctus, das in einer Phrase Mozarts Tuba mirum nachklingen lässt. Das In gloria Dei Patris liefert den Raum zu einer großen Fuge, in der alle erdenklichen kontrapunktischen Techniken zum Einsatz kommen, bevor noch einmal ganz unliturgisch die Worte Gloria in excelsis Deo wiederholt werden.

 

Das Credo in B-dur kombiniert die ersten Worte des Glaubensbekenntnisses mit einem Thema von großen kontrapunktischen Entwicklungsmöglichkeiten. Nacheinander setzen die Gesangsstimmen ein, bis sie sich schließlich bei unum Deum zusammenfinden. Eine jähe Stille bei et invisibilium führt zur Wiederholung des Credo und des Anfangsmotivs. Zu den Worten ante omnia saecula erklingt ein schon bald von Deum de Deo unterbrochenes pianissimo, an das sich die fugierte Vertonung der Worte consubstantialem Patri anschließt. Weitere Tonmalereien führen im folgenden zu der ruhigen Anbetung des et incarnatus est mit seiner sparsameren Instrumentierung und einem ornamentalen Flötensolo; dann singt der Tenor das dramatische et homo factus est.

 

Die Dramatik steigert sich beim Crucifixus und bei dem düsteren passus et sepultus est, löst sich dann aber wieder zu den Worten Et resurrexit tertia die. Die Fugato-Einsätze des aufsteigenden et ascendit in coelum schließen sich an. Die Posaunen beschwören bei judicare vivos et mortuos das Jüngste Gericht. Beethoven wiederholt das Credo-Motiv und begleitet es mit den späteren Klauseln des Glaubensbekenntnisses sowie einer Doppelfuge auf die Worte et vitam venturi saeculi, womit der Satz einen monumentalen Abschluss findet.

 

Das Sanctus (Adagio. Mit Andacht) verzichtet zunächst auf die Violinen. Dem Einsatz der Solostimmen gehen einige Posaunenakkorde vorauf. Die Tremoli der tiefen Streicher unterstreichen die ehrfürchtigen Stimmen, die bald von dem freudigen Pleni sunt coeli und dem fugierten Osanna unterbrochen werden. Das meditative Praeludium der Flöten, Fagotte und tiefen Streicher nebst Orgel soll die Wandlung begleiten. Danach führt das zunächst von den Flöten, dann von den Klarinetten begleitete Violinsolo zum Benedictus qui venit. Es folgen weitere rein instrumentale Takte, bis die Solostimmen einfallen und mit dem Orchester einen ausgedehnten, beinahe pastoralen Satz gestalten.

 

Das Agnus Dei h-moll beginnt mit einem Basssolo, dem sich die andern Stimmen anschließen. Die letzte Bitte dieses Gebets um Erbarmen trägt das Motto Bitte um innern und äußern Frieden. Diese Worte hat man bisweilen als Indiz für den inneren Aufruhr gesehen, den Beethoven damals vor allem hinsichtlich des Sorgerechts für seinen Neffen erleben musste. Beinahe wie eine Vorwegnahme Mahlers verkünden die Trompeten die Wiederholung der ursprünglichen Bitte, der sich das in Form eines Fugato gehaltene dona nobis pacem anschließt. Einer rein orchestralen Passage mit barocken Anklängen folgt ein fortissimo, mit dem die ausgedehnte Coda beginnt, in der es wiederum um die Sehnsucht nach Frieden geht.

 

Man könnte noch anmerken, dass das Ende des Werkes – anders als in so vielen liturgischen Vertonungen der Messe – einen gelungenen Konzertschluss liefert. Ferner wäre vielleicht noch darauf hinzuweisen, dass Beethoven die Komposition vielen Überarbeitungen unterzog und die größte Sorgfalt darauf verwandte, eine neue musikalische, dramatische und liturgische Synthese zu erreichen, wobei ihm ältere Lösungen (von Bach, Händel, Mozart und Haydn) ebenso vorbildhaft waren wie die entsprechenden Werke der aktuelleren Zeitgenossen Cherubini und Spontini. So entstand hier ein Werk, das zugleich alt und völlig neu ist, eine Apotheose, die man mit seiner letzten Symphonie vergleichen kann.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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