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8.557067 - Violin Recital: Joseph Lin
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Erich Wolfgang von Korngold (1897-1957)

Erich Wolfgang von Korngold (1897-1957)

Musik für Violine und Klavier

 

Wie Mozart, Mendelssohn, Busoni und Enescu war auch Erich Wolfgang Korngold ein kompositorisches Wunderkind von hohen Graden. Der zweite Sohn des Musikkritikers Julius Korngold wurde am 29. Mai 1897 in Brünn geboren und war erst neun Jahre alt, als er Gustav Mahler mit seinen eigenen Kreationen imponierte. Den ersten Eindruck festigte er dann mit seiner Ballett-Pantomime Der Schneemann, die 1910 an der Wiener Hofoper uraufgeführt wurde. Nach einer Reihe orchestraler, kammermusikalischer und dramatischer Werke kam es schließlich zur Doppeluraufführung der Oper Die tote Stadt (Naxos 8.660060-61), die 1920 simultan in Hamburg und Köln aus der Taufe gehoben wurde. Damit war der 23jährige zu einer internationalen Berühmtheit geworden. Der nächsten Oper, Das Wunder der Heliane, blieb dann allerdings aufgrund der immer finsterer werdenden politischen Lage der Erfolg versagt, und Die Kathrin, die eigentlich 1938 in Wien hätte uraufgeführt werden sollen, kam aufgrund des Anschlusses überhaupt nicht mehr auf die Bühne.

 

1934 ging er auf Einladung von Max Reinhardt nach Hollywood. Hier schrieb er während der nächsten zehn Jahre eine Reihe von Filmmusiken, darunter 1935 Captain Blood (Unter Piratenflagge, Marco Polo 8.223607), Robin Hood, König der Vagabunden (1938) und King’s Row (1941), und diese Musik verhalf ihm zu einem Publikum, das in die Millionen ging. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Korngold wieder dem Konzertsaal zu, doch mit Ausnahme seines von Jascha Heifetz geschätzten Violinkonzerts (Naxos 8.553579) fand sein glühender, spätromantischer Stil im Nachkriegs-Europa nur wenig Anklang, und kaum jemand nahm von Erich Wolfgang Korngolds Tod am 19. November 1957 Notiz. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Interesse an seinen Werken allerdings wieder erwacht. Namentlich sein 100. Geburtstag im Jahre 1997 wurde mit vielen Aufführungen und Aufnahmen gewürdigt.

 

Ähnlich wie sein älterer Kollege Richard Strauss sah auch der ausgebildete Pianist Korngold in der Geige ein instrumentales Pendant zur menschlichen Stimme, weswegen sie auch in seinen Opern und Orchesterwerken eine besondere Rolle spielt. Auf Veranlassung des Geigers Carl Flesch und des Pianisten Artur Schnabel schrieb Korngold 1912 seine Violinsonate G-dur, die die beiden genannten Musiker ein Jahr später in Berlin uraufführten. Der erste Satz (Ben moderato, ma con passione) beginnt mit einer lieblichen Melodie, die die beiden Instrumente unter sich aufteilen. Das zweite Thema bewegt sich zwar weithin im selben Tempo, ist aber sehnsuchtsvoller und introvertierter. Ein interessantes Element der Durchführung besteht darin, dass der Rhythmus des ersten Themas in der linken Hand liegt, indessen die Violine am Steg (sul ponticello) melodische Fragmente spielt. In der Reprise geht es hauptsächlich um das zweite Thema, und endlich verflüchtigt sich der Satz in einer zarten Coda. Das ausgedehnte Scherzo (Allegro molto, con fuoco) beginnt mit tänzelndem Passagenwerk, an das sich ein kapriziöses zweites Thema und weitreichende motivische Verwandlungen anschließen. Das Trio (Moderato cantabile) bringt eine expressive Melodie, die den Vier kleinen fröhlichen Walzern für Klavier entnommen ist. Das Adagio soll mit „tiefster Empfindung” interpretiert werden und macht am Anfang noch einen leicht schwülstigen Eindruck; das ruhige zweite Thema und seine rieselnde Begleitung bilden dazu einen kunstvollen Kontrast. Nach einem leidenschaftlichen Höhepunkt entgleitet die Musik in ätherische Regionen. Das Finale (Allegretto quasi Andante, con grazia) ist eine Folge von Variationen über das liebenswerte Lied Schneeglöckchen aus dem Jahre 1911. Anspielungen auf die vorherigen Sätze sind in der expressiven Apotheose des Finales zu hören, das dann allerdings in gemächlicher Zurückhaltung endet.

 

1918 schrieb Korngold die Musik zu Shakespeares Schauspiel Viel Lärm um Nichts – und zwar für eine Inszenierung, die im Mai 1920 auf Schloss Schönbrunn ihre Premiere erlebte. Als man erkannte, dass das Stück länger als erwartet laufen und das verpflichtete Orchester infolgedessen in den letzten Aufführungen nicht mehr zur Verfügung stehen würde, spielte der Komponist zusammen mit dem Geiger Rudolf Kolisch statt der Orchesterfassung ein Arrangement für Violine und Klavier – und schon bald hatten einige der größten Virtuosen der Zeit vier Sätze dieser Bearbeitung im Repertoire. Mädchen im Brautgemach zeigt eine unsichere Heroin, die sich mit unverkennbaren Emotionen auf ihre Hochzeit vorbereitet. Holzapfel und Schlehwein ist ein humorvoller Marsch der beiden berauschten Nachtwächter, während die ausdrucksvolle Gartenscene zeigt, wie sich Beatrice trotz aller Zurückhaltung immer mehr in Benedikt verliebt. Der handfeste Mummenschanz verleiht der Suite einen gut gelaunten Abschluss.

 

Bei den übrigen Stücken der vorliegenden CD handelt es sich durchweg um Arrangements, deren eigentlicher Zweck darin bestand, Korngolds größte Erfolge noch weiter zu verbreiten (einige dieser Stücke erreichten diesen Zweck zu Lebzeiten allerdings nicht). Die Serenade aus Der Schneemann ist ein einfaches lyrisches Stück, das aufgrund seiner bittersüßen Nostalgie ein ideales Salonstück wurde. Die erst in jüngster Zeit aufgeführte Caprice fantastique schrieb Korngold 1932 für Rózsika Révay nach den Wichtelmännchen aus seinen Märchenbildern für Klavier (1910); überraschenderweise konnte er damit allerdings nicht an den Erfolg der Serenade anknüpfen. Die Arie Ich ging zu ihm ist einer der Höhepunkte aus Korngolds vierter Oper Das Wunder der Heliane. Die Titelheldin betont hier vergeblich ihre Unschuld gegenüber dem jungen Fremden, der einer Diktatur, in der jede Manifestation der Liebe verboten ist, neue Hoffnung bringt.

 

Die erste der beiden Transkriptionen aus Die tote Stadt ist Pierrots Tanzlied, ein Lieblingsstück des Geigers Fritz Kreisler. Darin singt ein Mitglied aus Mariettas Tanzensemble von seiner unglücklichen Liebe zu der Tänzerin. Kaum bekannt ist das vorliegende Arrangement des Marietta-Liedes. Diese bezaubernde Selbstdarstellung der weiblichen Hauptfigur trug dazu bei, dass Korngolds Name auch in den fünfziger und sechziger Jahre nicht vergessen wurde, als das Klima für seine Musik denkbar ungünstig war.

 

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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