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8.557074 - SCHUMANN, R.: Lied Edition, Vol. 1 - 12 Gedichte aus "Liebesfruhling", Op. 37 / Lieder und Gesange aus Goethes Wilhelm Meister, Op. 98a / Minnespiel
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Robert Schumann (1810–1856)
Liebesfrühling • Minnespiel • Wilhelm Meister Lieder

Seinen „Liebesfrühling“ schuf der Dichter Friedrich Rückert im Jahre 1821, als er selbst um seine Braut Luise Wiethaus-Fischer warb. Vollständig ver-öffentlicht wurde die umfangreiche Sammlung erst in der Ausgabe der „Gesammelten Gedichte“ von 1834, wo der Dichter sie in fünf einzelne „Sträusse“ einteilte, die in einer späteren, posthumen Ausgabe auf sechs „Sträusse“ anwuchs.

Aus diesem erfolgreichsten Liebeszyklus der Biedermeierzeit hatte Robert Schumann im Jahre 1840 schon „Du meine Seele, du mein Herz“ vertont, mit dem er unter der Überschrift „Widmung“ die Sammlung der „Myrthen“ op. 25 eröffnete: ein Hochzeitsgeschenk für die Braut Clara. Wenig später, im Jahre 1841 folgte die Vertonung von „Zwölf Gedichten aus Rückerts ‚Liebesfrühling‘“, die zum Teil von der Gattin Clara stammten, zum Teil von Robert Schumann selbst: eine künstlerische Bekräftigung der zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Sorgen und Misshelligkeiten überschatteten Partnerschaft.

Zu Weihnachten 1840 hatte Clara dem Gatten einige selbstkomponierte Lieder auf den Gabentisch gelegt, was Robert Schumann zu diesem Projekt inspirierte: „Die Idee, mit Clara gemeinsam ein Liederheft herauszugeben, hat mich zur Arbeit begeistert. Von Montag zu Montag sind so neun Lieder aus dem Liebesfrühling von Rückert fertiggeworden, in denen ich denke wieder einen besonderen Ton gefunden zu haben“ liest man für die Woche vom 3. bis 10. Januar 1841 im abwechselnd geführten „Ehetagebuch“.

Neben sechs Sololiedern umfasst der Schumannsche Beitrag zum „Liebesfrühling“, der zeitlich unmittelbar der Konzeption der „Frühlings-sinfonie“ vorausging, noch drei Duette. Diese stehen gliedernd in der Mitte (Nr. 6: „Liebste, was kann denn uns scheiden“ und Nr. 7: „Schön ist das Fest des Lenzes“) bzw. am Schluss des Zyklus (Nr. 12: „So wahr die Sonne“). Nr. 6 ist satztechnisch gesehen allerdings kein echtes Duett, da die zweite Stimme sich auf wenige Parallelen zur Oberstimme in der Unterterz beschränkt; in der vorliegenden Aufnahme wird dies dadurch ausgeglichen, dass die Strophen in wechselnder Besetzung erklingen.

Seinem Tagebucheintrag setzte Schumann hinzu: „Klara soll nun auch aus dem Liebesfrühling einige componiren. O thu‘ es Klärchen!“ Diese, von be-ginnender Schwangerschaft beeinträchtigt und auch durch Roberts Kompositionseifer von eigenem Schaffen abgehalten, erfüllte den Wunsch erst zu Schumanns Geburtstag im Juni 1841: „Ich habe diese Woche viel am Componiren gesessen, und denn auch vier Gedichte von Rückert für meinen lieben Robert zu Stande gebracht“, liest man im Ehetagebuch. Drei dieser Lieder, „Warum willst Du And’re fragen“, „Er ist gekommen in Sturm und Regen“ und „Liebst Du um Schönheit“ wurden im Herbst 1841 gemeinsam mit Roberts neun Liedern und Duetten bei Breitkopf und Härtel veröffentlicht.

In einem Schreiben an den Verlag betonte Robert Schumann, seine Beiträge zum Opus seien „meist leicht und einfach gehalten.“ Dies gilt besonders für die schlicht liedhafte Nr. 2 „O ihr Herren“ und das strophi-sche „Liebste, was kann denn uns scheiden“ (Nr. 6). Kunstreicher sind die Nr. 5, „Ich hab in mich gesogen“, mit ihrem polyphonisierten Begleitsatz, der eine Figur bei weit ausgreifender Harmonik ostinat wiederholt, und das dreiteilig mit langsamem Mittel-abschnitt angelegte „Flügel! Flügel!“ (Nr. 8).

Grosse Freude machte es Robert und Clara Schumann, dass Friedrich Rückert, dem sie ein Druckexemplar ihrer Vertonungen zugesandt hatten, auf die Gabe mit einem kunstreichen Ghasel antwortete:


„Lang ist’s, lang
Seit ich meinen Liebesfrühling sang.
Aus Herzensdrang,
Wie er entsprang,
Verklang in Einsamkeit der Klang.
Zwanzig Jahr
Wurden’s, da hört ich hier und dar
Der Vogelschar
Einen, der klar
Pfiff einen Ton, der dorther war.

Und nun gar
Kommt im einundzwanzigsten Jahr
Ein Vogelpaar,
Macht mir erst klar,
Daß nicht ein Ton verloren war.

Meine Lieder
Singt ihr wieder,
Mein Empfinden klingt ihr wieder,
Mein Gefühl
Beschwingt ihr wieder,
Meinen Frühling
Bringt ihr wieder,
Mich, wie schön,
Verjüngt ihr wieder:

Nehmt meinen Dank,
Wenn auch die Welt,
Wie mir einst, ihren vorenthält!

Und werdet ihr den Dank erlangen,
So hab ich meinen mit empfangen.“

Mit seinem Opus 101, dem „Minnespiel“, kam Schumann Jahre später auf Rückerts „Liebesfrühling“ zurück, Reminiszenz an die Zeit von 1840/41, aber zugleich auch Fortsetzung einer Konzeption, die er im „Spanischen Liederspiel“ op. 74 erstmals erprobt hatte. Wie dort bilden einzelne Nummern in wechselnder Besetzung für eine oder mehrere Singstimmen eine lockere Abfolge, die mit dem älteren, auf Carl Friedrich Zelter zurückgehenden singspielnahen Konzept des „Liederspiels“ mit fortlaufender Handlung jedoch nichts zu tun hat.

Manches in Opus 101 weist noch deutlich auf den schwärmerischen Tonfall der Kompositionen des „Liederjahres“ 1839/40 zurück, als ein wahrer kreativer Schaffensrausch Schumann erfasst hatte: so das für Tenor bestimmte „Meine Töne still und heiter“, das als Ständchen vor dem Fenster der Geliebten zu denken ist und aus dem anfänglichen Viervierteltakt zu einer schwungvollen 6/8- Bewegung findet. Wie rezitativisch beginnt „Liebster, deine Worte stehlen“, mit dem der Sopran dem Liebeswerben des Tenors antwortet, bevor eine synkopische Figur zum eigentlichen Liedteil überleitet. Zu den Höhepunkten des Zyklus gehört sicher „Mein schöner Stern!“, wo die Schwärmerei des Sängers in eine überaus kunstvolle, weitschichtige polyphone Anlage des Gesamtsatzes mit gravitätischen Bassakzenten eingebunden ist. Melancholie breitet sich dagegen in „O Freund, mein Schirm, mein Schutz“ aus. In diesem Lied fällt die rhythmisch starre, von chromatischen Wendungen geradezu überwucherte Begleitung auf: die Vertonung scheint eher das quälende Suchen als das Finden dieses Schutzes abzubilden.

Typischer für das Liedschaffen der Spätzeit Schumanns als das „Minnespiel“ sind die „Wilhelm Meister“-Vertonungen opus 98a von 1849, die sich im Opus 98b, dem „Requiem für Mignon“ in die Dimension des Oratoriums weiten. Schumann nahm bei der Anordnung der neun Nummern des op. 98a Umstellungen gegenüber der Reihenfolge der lyrischen Einsprengsel in Goethes Roman vor: Die Lieder Mignons wurden sämtlich weiter nach vorne positioniert, um einen Wechsel mit den Gesängen des Harfners zu schaffen. „Nur wer die Sehnsucht kennt“, in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ursprünglich als „unregelmässiges Duett“ bezeichnet, ist nach Goethes späterer Auffassung auch bei Schumann allein der Mignon zugewiesen.

Nicht zufällig ist im Titel des Schumannschen Opus ausdrücklich von „Liedern und Gesängen“ die Rede. Die Wilhelm-Meister-Vertonungen zeigen gegenüber den Kompositionen des „Liederjahres“ eine wesentlich neue Behandlung der Singstimme. Liedhaft im engeren Sinn des Wortes ist nur noch wenig, und aus den zwischenzeitlichen Erfahrungen Schumanns mit der Oratorien- und Opernkomposition ist vieles in das Opus 98 eingeflossen: Szenisches, Rezitativisches und Deklamatorisches. Mitgespielt haben mag, dass Schumann bereits einmal im Februar 1844 den Plan erwogen hatte, aus dem „Wilhelm Meister“ einen Opernstoff zu gewinnen, wie aus einer Tagebuchnotiz hervorgeht.

Gerade für die düsteren Gesänge des Harfners, in denen sich die Last einstiger Schuld ausdrückt, findet Schumann einen äusserst expressiven Tonfall mit theatralischen Ausbrüchen, exaltierten Oktavsprüngen und unsanglichen verminderten Intervallen. Jäh hinausgeschleudert wird die Anklage „Ihr führt ins Leben uns hinein“ in Nr.4, bevor der Gesang über wuchtigen Klavierakkorden quasi rezitierend endet, und auch auf Mignons „Heiss mich nicht reden“ färbt diese dramatische Anlage ab. Die Vertonung gestaltet sich wie eine Abfolge von Rezitativ und Arioso, und die sprechenden Klaviergesten vor der abschliessenden Schumannschen Wiederholung der Anfangsworte klingen geradezu, als seien sie schon ein Leitmotiv aus Wagners „Ring“.

Geschlossener liedhaft wirkt des Harfners „An die Türen will ich schleichen“ (Nr. 8) mit seiner motivisch einheitlichen Klavierbegleitung, und als Strophenlied gefasst ist die Nr. 1, „Kennst du das Land“, die bereits den Beschluss des „Lieder-Albums für die Jugend“ op. 79 gebildet hatte, und die Schumann von dort übernahm. (Dieses Lied ist hier nicht wiedergegeben, sondern auf der CD mit der Gesamtaufnahme von Schumanns op. 79 enthalten.) Anders als viele andere Vertoner Goethes berücksichtigte Schumann auch das Lied der Philine „Singet nicht in Trauertönen“ (unter Auslassung einer Textstrophe). Mit seiner soubrettenhaften Leichtigkeit bildet es einen wirkungsvollen Kontrast zu den dunklen und sehnsuchtsvollen Gesängen des Harfners und Mignons und folgt ganz der Goetheschen Beschreibung eines „Liedchens auf eine sehr zierliche und gefällige Melodie“.

Gerhard Dietel


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