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8.557076 - SCHUMANN, R.: Lied Edition, Vol. 3 - Lieder-Album fur die Jugend, Op. 79 / Lieder und Gesange I, Op. 27
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Robert Schumann (1810–1856)
Liederalbum für die Jugend • Lieder und Gesänge op.27

 

„Bemühe dich, wenn du auch nur wenig Stimme hast, ohne Hilfe des Instruments vom Blatt zu singen... Hast du aber eine klangvolle Stimme, so säume keinen Augenblick, sie auszubilden, betrachte sie als das schönste Geschenk, das dir der Himmel verliehen!“ Wer sich umfassend zur musikalischen Persönlichkeit bilden will, der soll nicht nur nach instrumentaler Virtuosität streben, etwa nach der am Klavier, sondern das Singen nicht vernachlässigen – so empfiehlt es Robert Schumann in seinen „Musikalischen Haus- und Lebensregeln“.

Sowohl für die instrumentale wie für die sängerische Ausbildung der Jugend versuchte Schumann auch als Komponist, einen Beitrag zu leisten. Zunächst veröffentlichte er mit seinem „Album für die Jugend“ im Jahre 1848 eine musikpädagogisch ausgerichtete Sammlung von Klavierstücken, die in aufsteigender Schwierigkeit Übezweck mit poetischem Gehalt verbanden.

Dieser Sammlung, die bis zum heutigen Tag zum Kernbestand der pianistischen Ausbildung gehört, liess Schumann wenig später ein ähnlich angelegtes „Liederalbum für die Jugend“ op. 79 folgen (auf dem Titelblatt des Erstdrucks kürzer als „Lieder für die Jugend“ bezeichnet). Für die Vertonungen wählte Schumann gezielt „dem Jugendalter angemessene Gedichte, und zwar nur von den besten Dichtern“, und wie im Album für die Jugend war es seine Absicht, „vom Leichten und Einfachen zum Schwierigen überzugehen“.

Inhaltlich ist das nachzuvollziehen. Der Themenkreis, der ausgeschritten wird, beginnt in der kindlichen Vorstellungswelt: von Tieren, Natur und dem Tageslauf handeln die Lieder, vom Zigeunerbuben und Hirtenknaben ist die Rede, vom Sandmann und vom Marienwürmchen. Der Abteilung „Für Jüngere“ folgt freilich die „Für Aeltere“, die in eine geweitete Erfahrungs- und Empfindungswelt führt: zum pantheistischen Weltgefühl von Goethes „Lied Lynceus, des Thürmers“ und zum Sehnsuchtston des „Kennst du das Land“: „Mignon schliesst, ahnungsvoll den Blick in ein bewegteres Seelenleben richtend.“

Auch musikalisch zeigt Schumanns Liederalbum op. 79 aufsteigenden Schwierigkeitsgrad. Am Beginn stehen leicht fassliche „Kinderlieder“, in denen das Klavier die Melodie lediglich harmonisch stützt und zur Erleichterung des Sängers mitspielt. Schumann stellt sich hierin ganz in die Tradition der pädagogisch ausgerichteten Liedsammlungen „für Kinder“ des 18. Jahrhunderts, wie man sie etwa von Johann Adam Hiller kennt. Manche der Nummern sind auch als Gebrauchsmusik beim gemeinsamen Musizieren im Familienkreis zu verstehen. Das „Mailied“ besitzt eine zweite Stimme ad libitum, einige Nummern sind zweistimmig oder das „Spinnelied“ sogar dreistimmig gesetzt, und ins „Weihnachtslied“ kann am Schluss ein Chor mit dem Refrain „Hallelujah, Kind Jesus“ einstimmen.

Doch führt der Entwicklungsbogen der Sammlung vom Kinderlied schliesslich zum reinen Kunstlied, vertreten etwa durch die Mörike-Vertonung „Er ist’s“ und durch „Mignon“, das Schumann identisch als Eröffnungsstück in seine „Lieder und Gesänge aus Wilhelm Meister“ op. 98a übernahm.

Für eine jugendliche, noch wenig ausgebildete Stimme scheinen solche Nummern bereits zu anspruchsvoll: weiträumige und sprungweise Melodieführungen, die Phrasengliederung der Singstimme und ihre Vernetzung mit dem Klavierpart erfordern einen geschulten Interpreten. Im heutigen Musikleben nehmen die Lieder aus Schumanns op. 79 darum eine Randstellung ein: bedeuten sie für junge Sänger teils eine Überforderung, so werden sie wegen ihrer pädagogischen Zweckbestimmung von den professionellen erwachsenen Sängern dagegen in ihrem Kunstwert unterschätzt.

Zu kindlich scheinen zumal die ersten Nummern des Albums für den Vortrag eines Konzertsängers. Einzuwenden wäre dagegen immerhin, dass Schumanns Lieder nicht naiv, sondern sentimentalisch die unschuldige Kinderwelt beschwören. Insofern stehen sie inhaltlich auch den Schumannschen „Kinderszenen“ op. 15 für Klavier nahe, die eine weitgehend idyllisch verklärte Rückspiegelung der Jugendzeit für Erwachsene darstellen. Das Titelblatt der Erstausgabe, von dem mit Schumann bekannten Ludwig Richter gezeichnet, zeigt denn auch eine Gruppe singender und musizierender Kinder innerhalb eines paradiesischen Naturzustandes, umgeben von Rankenwerk mit Blüten, Früchten und nistenden Vögeln. Ausgeblendet wird dabei allerdings, dass Schumann in seine Sammlung auch Lieder wie „Die Waise“ und „Zigeunerliedchen“ aufgenommen hat, in denen menschliches Leid, Verfolgung von Minderheiten und kriegerische Grausamkeit ganz konkret benannt werden.

So idyllisch das „Liederalbum“ dennoch im Grossen und Ganzen anmutet, so bedrängt waren die Entstehungsumstände in den politisch unruhigen Frühlingsmonaten des Jahres 1849. Die Dresdner Maiaufstände, die ausbrachen, als der sächsische König sich weigerte, die in der Frankfurter Paulskirche erarbeitete Reichsverfassung zu akzeptieren, liessen Schumann mit seiner Familie ins nahe Bad Kreischa fliehen, wo von den Barrikadenkämpfen in der Residenzstadt nichts zu spüren war.

In einem Brief Clara Schumanns aus diesen Tagen liest man: „Hier ist es himmlisch, und haben wir nie das Frühjahr schöner genossen als gerade dies Jahr inmitten aller Wirren der Außenwelt. Es ist, als ob das Schreckliche von außen ganz entgegengesetzte Empfindungen in meinem Manne erregt, denn gerade in letzter Zeit hat mein Mann die lieblichsten, friedlichsten Lieder gemacht, wo Jeder glaubte, er würde sich in den fürchterlichsten Schlachtsymphonien auslassen.“

Schumann, wiewohl am politischen Geschehen interessiert, nahm nicht wie Richard Wagner aktiv an den Dresdner Auseinandersetzungen teil. Aber ganz spurlos sind die Zeitumstände am „Lieder-Album für die Jugend“ nicht vorbeigegangen. Dass der damals von der Reaktion verfemte, politisch fortschrittlich gesinnte Hoffmann von Fallersleben der in op. 79 am häufigsten vertretene Dichter ist, ist ein erstes Indiz für Schumanns politische Neigung. Kein Zufall ist es vielleicht auch, wenn zwei der vertonten Texte Schillers Drama „Wilhelm Tell“ entnommen sind, das von Freiheitskampf und Tyrannenmord handelt; bei „Des Buben Schützenlied“ steht auf Schumanns Manuskript ausdrücklich zu lesen „3. Mai (Revolution in Dresden)“. Schliesslich fällt auf, dass fast ein Drittel der Lieder den Frühling zum Thema hat, was wohl nicht nur den Lenztagen zu verdanken ist, in denen sie komponiert wurden. In der Dichtung der ganzen Vormärzzeit steht der Frühling als Metapher für den allseits erhofften politischen „Völkerfrühling“.

In manchen Nummern des Liederalbums schlägt sich die politische Konnotation auch in der Musik nieder. Die „Frühlingsbotschaft“, die den anscheinend ganz unverfänglichen Kuckuck als Helden bezeichnet, der den Winter in die Flucht geschlagen hat, veranlasst Schumann zu einer geradezu marschartigen Vertonung. Einen aufrührerischen Unterton hört man auch aus den Fanfarenmotiven in „Des Knaben Berglied“ heraus: ganz passend zu dem ganz unverhüllt freiheitskämpferischen Tonfall der Dichtung von Ludwig Uhland, der ebenfalls zu den radikalen Demokraten zählte.

Freilich sollte man diese Tendenzen im Hinblick auf das gesamte Liederheft nicht überbetonen. Die genüssliche Schilderung vom „Schlaraffenland“, der gemütvolle „Sonntag“, der spielerisch-humoristische „Sandmann“ oder der leicht erhobene Zeigefinger in der Goethe-Vertonung „Die wandelnde Glocke“ sprechen eine andere Sprache.

In eben jenem Jahr 1849, in dem Schumann sein „Liederalbum für die Jugend“ komponierte, erschien auch sein Opus 27 im Druck, ein erstes Heft von „Liedern und Gesängen“, denen ein zweites unter der Opuszahl 51 folgte. Die niedrige Opuszahl deutet richtig an, dass es sich um früher entstandene Kompositionen handelt, von denen einige schon einzeln an verstreuter Stelle publiziert worden waren, z.B. die Nr. 5 als Musikbeilage in der von Schumann herausgegebenen „Neuen Zeitschrift für Musik“. Der Entstehung nach handelt es sich um Arbeiten aus dem „Liederjahr“ Schumanns 1839/40, in dem binnen kurzer Zeit in einem ungeheuren Schaffensschub ein Grossteil von Schumanns gesamter Liedproduktion entstand.

Anders als bei den grossen Eichendorff- und Heine-Zyklen handelt es sich bei Opus 27 um eine lockere Gruppierung von Liedern nach verschiedenen Dichtern, in denen Naturthematik, zum Teil mit allegorischer Bedeutung, und Liebeslieder im Vordergrund stehen. Burns und Rückert sind mit je einem Gedicht vertreten, die in der der Braut Clara gewidmeten Sammlung „Myrthen“ eine hervorragende Rolle spielten. Das lässt annehmen, dass auch op. 27/2 und op. 27/4 ursprünglich zum Kreis der für die „Myrthen“ bestimmten Lieder rechneten.

Neben dem bereits angesprochenen Rückert-Lied „Jasminenstrauch“ gehört das ganz empfindsam gefasste „Nur ein lächelnder Blick“ nach einer Dichtung des schwäbischen Theologen und Privatgelehrten Georg Wilhelm Zimmermann zu den bekannteren Liedern aus Schumanns op. 27. Als schlichtes Strophenlied im Volkston beginnt „Sag an, o lieber Vogel mein“ nach Hebbel, während die inhaltlich abgesetzte Schlussstrophe bei belebterer Begleitung harmonisch weiter ausgreift.

Um das Thema Liebe und Treue geht es in „Dem roten Röslein gleicht meine Lieb“. Schumann, der die zugrundeliegende Dichtung von Burns in der deutschen Übersetzung von Gerhard kennengelernt hatte, dürfte kaum gewusst haben, dass Burns selbst eine Melodie zu diesem Lied schrieb. In Schumanns Komposition mit ihrem in Singstimme und Klavierpart immer wieder erscheinendem Kurz-kurz-lang-Rhythmus kann man einen Versuch sehen, eine schottisch-folkloristische Färbung zu erzielen. Besonders bemerkenswert in der Textauswahl ist „Was soll ich sagen?“ nach Adalbert von Chamisso. Der Dichter schildert aus eigenem Erleben die Liebeszweifel eines älteren Mannes gegenüber seiner jüngeren Braut. Offenbar konnte Schumann, der eben im Begriff war, die neun Jahre jüngere Clara Wieck zu ehelichen, diesen Gedanken nur zu gut nachvollziehen: in einer ernsten, sehr langsamen und fast rezitativischen Vertonung voller verminderter Akkorde und chromatischer Wendungen im Klavierpart.

Gerhard Dietel

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/557076.htm

 


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