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8.557079 - SCHUMANN, R.: Lied Edition, Vol. 6 - Myrthen, Op. 25 / 6 Gedichte und Requiem, Op. 90
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Robert Schumann (1810–1856)
Myrthen op. 25 • Sechs Gedichte und Requiem op. 90

 

Robert Schumann war in vieler Hinsicht typisch für das Zeitalter, in dem er lebte, da er nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seinem Leben eine Reihe der wichtigsten Charakteristika der Romantik miteinander verband. Er wurde 1810 in Zwickau als Sohn eines Buchhändlers, Verlegers und Autors geboren, interessierte sich schon früh für die Literatur und sollte sich später selbst einen Namen als Schriftsteller und Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik machen, die seit 1834 veröffentlicht wurde. Sein Vater unterstützte die literarischen und musikalischen Interessen. Zeitweilig dachte er sogar daran, ihn bei Carl Maria von Weber ausbilden zu lassen; dieser Plan wurde allerdings durch den Tod des letzteren vereitelt.

Wenig später starb auch Vater Schumann, worauf die Karriere des Sohnes zunächst einen eher konventionellen Verlauf nahm. 1828 immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität, wo er allerdings ebenso sporadische Studien betrieb wie im nächsten Jahr in Heidelberg. Schließlich vermochte er seine Mutter und seinen Vormund davon zu überzeugen, dass es für ihn das Richtige wäre, bei dem bekannten Klavierlehrer Friedrich Wieck zu studieren, der seine Energie freilich mit ziemlichem Nachdruck auf die Ausbildung seiner Tochter Clara verwandte, eine wunderbare Frühbegabung auf dem Klavier. Schumanns pianistische Ambitionen wurden durch eine (wie auch immer geartete) Schwäche der Finger vereitelt, und seiner sonstigen musikalischen Ausbildung fehlten die Anwendungsmöglichkeiten. Gleichwohl schrieb er in den dreißiger Jahren viel Klaviermusik, oft in Form kürzerer Genrestücke mit literarischen oder autobiographischen Bezügen. Nach der vorübergehenden Affaire mit einer Schülerin Wiecks richtete er seit 1835 seine Aufmerksamkeit auf Clara Wieck, die neun Jahre jüngere Tochter seines Lehrers. Deren Vater hatte gute Gründe gegen die Liaison vorzubringen: Seine Tochter hatte eine Konzertlaufbahn vor sich, und Schumann verriet eine gewisse charakterliche Instabilität, so begabt er als Komponist auch sein mochte. Die Angelegenheit steigerte sich bis zum Extrem, als Wieck einen Prozess anstrengte, mit dem er versuchte, die seiner Meinung nach verhängnisvolle Ehe zu verhindern.

Erst 1840 konnte Schumann schließlich seine Clara heiraten, nachdem der alte Wieck ein für allemal mit seinen rechtlichen Schritten gescheitert war. Im September fand die Hochzeit statt, worauf das Ehepaar zunächst seinen Wohnsitz in Leipzig behielt. Von hier aus unternahm Clara ihre Konzertreisen, bei denen sie üblicherweise von ihrem Mann begleitet wurde, der damals eine weniger distinguierte Position bekleidete. 1844 übersiedelte man nach Dresden, wo Schumann anscheinend von seinen depressiven Anfällen genas, unter denen er zu Beginn der Ehe gelitten hatte. Die Möglichkeit einer festen Anstellung eröffnete sich allerdings erst 1849, und zwar in Düsseldorf, wo er seit 1850 als Musikdirektor wirkte.

Felix Mendelssohn hatte es mit den Düsseldorfer Autoritäten schon nicht leicht gehabt, und der als Administrator und Dirigent weitaus unerfahrenere Schumann wurde mit den entstehenden Problemen noch weniger fertig. Der Druck führte Anfang 1854 zu einem totalen Nervenzusammenbruch, und die letzten Jahre verbrachte er im Irrenhaus von Endenich bei Bonn, wo er 1856 starb.

Robert Schumann verfügte über eine große literarische Bildung, und so war es ihm ein leichtes, sich die zur Vertonung geeigneten Texte zusammenzustellen und allein in dem legendären Liederjahr 1840 um die 150 Stücke zu verfassen—darunter neben dem Liederkreis op. 24 nach Heinrich Heine auch die Myrthen op. 25, bei denen es sich nun freilich weniger um einen Zyklus als um eine Kollektion nach Gedichten verschiedener Poeten handelt.

Die sechsundzwanzig Stücke, die Schumann „seiner geliebten Braut“ dedizierte, beginnen mit einer Widmung [1] nach Friedrich Rückert (1788–1866). Der Schweinfurter Anwaltssohn, der verschiedenen akademischen Tätigkeiten nachging, ehe er sich 1848 zur Ruhe setzte, um sein weiteres Leben unter anderem dem Studium orientalischer Sprachen zu widmen—Rückert also verfügte über einen flüssigen Stil und eine meisterhafte Verstechnik, dabei aber auch über eine Direktheit und Einfachheit, die bei Schumann ein offenes Ohr fand. Die Widmung („Du meine Seele, du mein Herz“) entstammt Rückerts Liebesfrühling, mithin der Werbung um die 1821 geehelichte Braut, womit er gewissermaßen die Situation des musikalischen Brautpaares vorformulierte. Was Wunder also, dass der Komponist aus Rückerts Sammlung noch zwei weitere Titel vertonte: die beiden Lieder der Braut [11] und [12], in denen der Dichter den Gesichtspunkt des weiblichen Parts einnimmt. Zunächst beschwichtigt die Braut ihre Mutter in einem „sehr innigen“ Andantino, sie auch weiterhin lieben zu wollen, ob sie gleich ihn liebe, und im zweiten, einem akkordisch einfachen Larghetto, möcht’ sie nichts als „ihm am Busen hangen“, ganz gleich, wie alles enden wird. Friedrich Rückerts Worte beschließen auch die Myrthen: Aus der 1822 entstandenen Sammlung Östliche Rosen stammt das ruhig-zarte Ich sende einen Gruß wie Duft der Rosen [25], und Zum Schluss [26] überreichen Dichter und Komponist der „Schwester Braut“ den „vollkommenen Kranz“ der jenseits sich erfüllenden Liebe, die in schlichten Akkorden verklingt.

Fünf Lieder der Sammlung fußen auf Johann Wolfgang von Goethe—zunächst gleich der Freisinn [2] aus dem zweiten Teil des Westöstlichen Diwan, der durch den persischen Dichter Hafiz angeregt wurde: „Über meiner Mütze nur die Sterne“, jagen Poet und Komponist auf stürmischem Ross gemeinsam durch die Nacht. Dem Schenkenbuch des zwölfbändigen Diwan entnommen sind Sitz’ ich allein [5], das der zufriedene Zecher beim Weine deklamiert, sowie die anschließende Beschwerde: Setze mir nicht, du Grobian, mir den Krug so derb vor die Nase [6]. Im Westöstlichen Diwan fand Robert Schumann schließlich auch die Talismane [8] mit dem universellen Ausruf: „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!“ sowie das Lied der Suleika [9]. Dieses gehört in das gleichnamige Buch, das zum Teil von Goethes enger Freundin Marianne von Willemer (1784–1860) verfasst wurde, die—mit dem zweimal verwitweten Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer verheiratet—offenbar eine sehr innige Suleika ihres „Hatem“ Goethe war.

Drei Myrthen stammen von Heinrich Heine: Die „ziemlich langsam“ zu einer einfachen akkordischen Sechsviertel-Bewegung vorzutragende Lotosblume [7] aus dem Lyrischen Intermezzo (1822–23), die innige, von ungewöhnlichen Dissonanzen durchsetzte Frage Was will die einsame Träne? [21] aus der Kollektion Die Heimkehr (1823–24) und schließlich die schlicht pulsierende Liebeserklärung Du bist wie eine Blume [24], die Schumann aus gutem Grunde direkt vor Rückerts „östliche Rosen“ plazierte.

Auch vor fremdsprachiger Literatur machte Robert Schumann keinen Halt, wenngleich er dieselbe zumeist in deutschen Übersetzungen las wie etwa die Werke von Sir Walter Scott oder von Robert Burns, die er in der just erschienenen Übertragung durch den deutschen Dichter Wilhelm Gerhard (1780–1858) kannte. Für seine Myrthen wählte er die innige Leidenschaft von einem, dessen Herz betrübt ist um Jemand [4]; Die Hochländer-Witwe [10], die auch nie wieder ins Tiefland gehen will; ferner des Hochländers Abschied [13], der seine geliebten Berge verlassen muss; ein leise bewegtes Hochländisches Wieglied [14]; des Hauptmann’s Weib [19], das es „hoch zu Pferd“ in die Schlacht zieht; die Klage des Mädchens, dessen Liebster Weit, weit ) weg ist; die frische und trotzige Klarstellung des Ehemanns, dass ihn Niemand [22] zum Hahnrei macht („Seitenstück zu Jemand“, lautet die Überschrift des Titels)—und endlich geht der Blick weit hinaus übers Meer, wenn Im Westen [23] die Sonne sinkt. Vielfach verdoppelt das Klavier dabei die Melodien, ohne dass kaum eines der Klischees vorkäme, die man gemeinhin für „schottische Musik“ hält.

Der politisch aktive Bankier und Literat Ferdinand Freiligrath (1810–1876) übersetzte neben Werken von Burns und Byron unter anderem auch die National Airs von Thomas Moore, deren zwei in die Myrthen aufgenommenen Titel nach Venedig führen: Leis’ rudern hier, mein Gondoliere [17] ist die „heimlich, streng im Takt“ bewegte Aufforderung, bei der leisen Fahrt zur Geliebten keine unnötigen Geräusche zu machen, wobei der gleichbleibende Rhythmus des Gefährts zu den Worten „O könnte, wie er schauen kann, der Himmel reden“ unterbrochen wird, um manch unaussprechliches Geheimnis der Nacht anzudeuten. Wenn durch die Piazzetta die Abendluft weht [18], wird die maskierte und verschleierte Geliebte ihren sehnsüchtig wartenden Liebsten unschwer erkennen: Er trägt sich als Schiffer, um mit ihr durch die Lagunen zu flieh’n …

Das heitere Rätsel [16] hat der durch seine vorzüglichen Dante- und Byron-Übertragungen bekannte Karl Friedrich Ludwig Kannegiesser (1781–1861) nach Catherine Maria Fanshawe ins Deutsche übersetzt. In dem Gedicht ist ein Laut zu entdecken, den der Himmel flüstert, die Hölle murrt und der zwiefach in der Höhe summt—am Ende aber wird er doch verschwiegen: Das H. Robert Schumann ging noch, wie viele andere, davon aus, dass das Rätsel aus der Feder Lord Byrons stammte, weshalb er es direkt mit dem tatsächlich authentischen Mein Herz ist schwer [15] aus den Hebräischen Gesängen koppelte. Traurig zarter Harfenklang trägt die Melodie, die zu den Worten „Kann noch mein Herz ein Hoffen nähren“ vorübergehend ein wenig Zuversicht zu verbreiten scheint. Die Übersetzung stammt von Karl Julius Körner. Aus den 1836 veröffentlichten Gedichten des Dramatikers und Poeten Julius Mosen (1803–1867) stammt der besonders bekannte Nussbaum [3], offenbar ein lauschiger Treffpunkt derer, die da gern „je zwei zu zwei gepaart“ von ihrer Liebe hauchen.

Natürlicherweise fühlte sich Robert Schumann ganz besonders von Nikolaus Lenaus Werken angezogen. Auch er war von impulsiver Wesensart, wechselhaft und anfällig für Depressionen, die 1844 zu einem letzten mentalen Zusammenbruch und somit ins Irrenhaus führten. Mit seinen Sechs Gedichte[n] und Requiem op. 90 bezeugte der Komponist dem Dichter seinen Respekt: Er schloss die Lieder ab, als er Anfang August vom vermeintlichen Tode des inzwischen 48-jährigen Lenau erfuhr (der allerdings erst am 22. desselben Monats verschied). Robert Schumann selbst hatte erst im Juni die nicht gerade erfolgreiche Leipziger Aufführung seiner Oper Genoveva miterlebt, war im Juli wieder nach Dresden gekommen und richtete sich, während er an seinem Opus 90 arbeitete, bereits auf den Umzug nach Düsseldorf ein. Die Lenau-Lieder wurden zu Ehren des Dichters um ein „altkatholisches Gedicht“ ergänzt, „als dessen Verfasserin Abälard’s Geliebte, Heloise, genannt wird“, wie wir aus den Noten erfahren.

Der Zyklus beginnt volksliedhaft mit dem Lied eines Schmiedes [27], der vernehmlich auf seinen Amboss schlägt. Meine Rose [28] umschreibt die Sorge um eine erlöschende Liebe, in Kommen und Scheiden [29] verblasst ein Jugendtraum, und Die Sennin [30] soll noch einmal ihren Ruf ins Tal senden, ehe eines Tages die „grauen Felsenzinnen“ ohne ihren Gesang auskommen müssen. Einsamkeit [31] beklagt leise die Quelle im dunklen Fichtenhain, indessen ein grauer Vogel in den Zweigen die Klage des einsamen Herzens um die hoffnungslose Liebe wiederholt. Der schwere Abend [32] mit düster herabgesunkenen Wolken in „sternloser“ Nacht ist die Szene eines bekümmerten Abschieds. Und endlich erfleht das Requiem [33] um „Ruh’ von schmerzensreichen Mühen und heißem Liebesglühen“—eine Sehnsucht, die in Schumann einen besonderen Widerhall gefunden haben dürfte. Um diese Zeit etwa beginnen die „späten Jahre“ des 40-jährigen Komponisten…


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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