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8.557121 - Violin Recital: Frank Huang
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Violinfantasien • Frank Huang

Violinfantasien • Frank Huang

Schubert • Ernst • Schönberg • Waxman

 

Franz Schubert komponierte die  Fantasie C-Dur D934 gegen Ende seines kurzen Lebens.  Der Sohn eines Wiener Schulmeisters war Chorknabe in der kaiserlichen Kapelle. Nach dem Stimmbruch entschloss er sich, ebenfalls das Amt eines Schullehrers anzustreben und verbrachte dadurch viel Zeit in der Gesellschaft gleichgesinnter Freunde. Schubert war ein äußerst produktiver Komponist und schrieb vor allem zahlreiche Lieder. Der Tod überwältigte ihn gerade zu der Zeit, als er seine ersten Erfolge feiern konnte. 1828 hatte das erste öffentliche Konzert stattgefunden, das seiner Musik gewidmet war, und die Aufmerksamkeit der Verleger geweckt. Die Fantasie wurde Ende 1827 für Josef Slavik geschrieben, einen tschechischen Geigenvirtuosen, der 1833 in Budapest im Alter von 27 Jahren starb. Slavik spielte die Uraufführung des Werkes im Januar 1828 mit Carl Maria von Bocklet. Doch die Anforderungen, die das Stück an die Zuhörer – und auch einige Kritiker – stellte, ließ viele vorzeitig den Saal verlassen, obwohl die vielen virtuosen Elemente des Stücks dem Zeitgeschmack entgegen kamen. Die Fantasie besteht aus vier Abschnitten, die Andante molto, Allegretto, Andantino und Allegro bezeichnet sind, und geht dann über in ein resümierendes Allegretto und ein abschließendes Presto. Die Tonarten durchschreiten ausgehend von C-Dur a-Moll und A-Dur, erreichen dann im dritten Abschnitt As-Dur. Diese Tonart wird nach einem Wechsel nach C-Dur erneut erreicht und kehrt auch im abschließenden Presto zurück. Die Violine beginnt über den Tremoli im Klavier und weckt Erinnerungen an ein feierliches und trauriges Lied. Eine neue Violinmelodie eröffnet den Allegretto-Abschnitt in a-Moll, in dem Violine und Klavier die Melodie abwechselnd spielen. Mit dem Wechsel zu A-Dur wird die Musik lebhafter und scheint von der Tradition der österreichischen Volksmusik inspiriert zu sein. Dann kehrt das a-Moll-Thema zurück. Wechsel der Tonarten bereiten das Andantino vor, das mit drei Variationen über das Lied „Sei mir gegrüßt“ das Zentrum des Werks bildet. Die vierte Variation über das Thema endet mit einer kadenzähnlichen Passage für die Violine, auf die eine kurze Rückkehr des Beginns folgt. Ein fröhliches Allegro mit Violin-Tremoli sorgt für einen Moment der Ruhe und knüpft an das Lied mit Variationen an. Doch die Ruhe währt nur kurz und wird schon bald von einem abschließenden virtuosen Presto abgelöst.

 

Der Geiger und Komponist Heinrich Wilhelm Ernst wurde 1814 in Brünn geboren und wechselte nach ersten Studien in seiner Heimatstadt 1825 an das Wiener Konservatorium, um bei Böhm und Seyfried zu studieren. Drei Jahre später hörte er in einem Konzert Paganini, und schon kurz darauf gab er sein Studium auf, nachdem disziplinäre Maßnahmen gegen ihn verhängt worden waren, weil er unerlaubt dem Unterricht fern geblieben war. Er begab sich auf eine Konzertreise, die ihn auch nach Paris führt. Hier hörte er weitere Auftritte von Paganini und spielte seine unveröffentlichten Stücke nach dem Gehör nach. 1837 kam er Paganinis Ankunft in Marseille zuvor und gab dort ein eigenes Konzert. Bis 1857 trat er in ganz Europa auf und wandte seine Aufmerksamkeit dann verstärkt der Kammermusik zu. Von 1859 an arbeitete er mit Joachim, Wieniawski und Piatti in der Beethoven Quartett Gesellschaft zusammen. 1864 setzte er sich schließlich in Nizza zur Ruhe, um sich seine Gicht zu kurieren. Er starb dort im folgenden Jahr. Die Fantaisie brillante sur la marche et la romance d’Otello de Rossini wurde 1839 veröffentlicht. Rossinis auf Shakespeares Drama beruhende Oper Otello  war 1816 erstmals auf die Bühne gekommen und wurde später überarbeitet. Ernsts Fantaisie beginnt mit einer Introduction, in der sowohl der Marsch als auch die Roamanze angestimmt werden. Eine Kadenz führt zur Rückkehr des Marsches, die von der Violine mit Mehrfachgriffen angekündigt werden. Die erste Variation verlangt nach den virtuosen Fähigkeiten eines Paganini. Die zweite Variation fordert vom Geiger weite Sprünge zu den hohen Flageoletts, und dann führt ein Tonartwechsel zur Romanze, die ebenfalls variiert wird. Eine Kadenz leitet zur dritten Variation über, in der die Violine den Marsch mit ihren eigenen komplizierten Verzierungen umspielt. Es folgt eine Rückkehr zum eher lyrischen Material der Introduction, bevor eine elegante virtuose Passage das Werk beschließt.

 

Mit Schönbergs Fantasie für Violine mit Klavierbegleitung, eine treffende Beschreibung des Werkes, begeben wir uns auf ein ganz anderes musikalisches Terrain. Geboren in Wien verbrachte Schönberg den größten Teil seiner frühen Karriere in Berlin, bis ihn der Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus zwangen, ins Ausland zu fliehen. Er ließ sich schließlich in Amerika nieder, wo er 1951 starb. Sein Einfluss auf die Musik des 20. Jahrhunderts war sehr groß, vor allem durch seine Entwicklung und Verbreitung der Kompositionstheorie, in der die Einheit eines Werkes durch die Verwendung einer vorgegebenen Reihe der zwölf Halbtöne der Oktave hergestellt wird. Die Reihe kann auch in der Umkehrung oder der Spiegelung erscheinen sowie  mit Oktavvertauschung oder derselben Note in einem höheren oder tieferen Register. Diese Reihentechnik, verbunden mit der Atonalität, dem Meiden einer Tonart oder eines Zentraltons, fand viele Befürworter und wurde von einigen Komponisten auch auf andere Aspekte der Musik übertragen. Die Fantasie op. 47, geschrieben 1949, was Schönbergs letzte Instrumentalkomposition. Sie beruht auf einer Reihe von zwölf Halbtönen, in der die ersten sechs Noten umgekehrt werden, um den zweiten Teil der Reihe zu bilden. Diese werden zu Beginn von der Violine vorgestellt, während das Klavier, das im allgemeinen eine untergeordnetere Rolle spielt, Noten aus der Umkehrung der Reihe entweder in akkordischen Clustern oder in schneller Folge spielt. Obwohl es oft schwierig ist, der Form von Werken dieser Art hörend zu folgen, sollte es durchaus möglich sein, die drei kurzen Episoden zu unterscheiden, die den ersten Abschnitt, Grave bilden. Die zweite Episode beginnt mit einem Glissando und die dritte mit einem schweren Klavierakkord und weiten Sprüngen in der Violine zu einem hohen Flageolett. Es folgt eine Passage mit neun Takten, die Più mosso, furioso überschrieben ist. Auf ein Lento folgt ein Grazioso-Abschnitt, der zu einem Scherzando und einem Meno mosso überleitet. Es schließen sich die Rückkehr zum Grave des Beginns und weitere Elemente des Più mosso an.

 

Wie Schönberg war auch Franz Waxman aus Hitler-Deutschland geflohen. Er wurde 1906 in Oberschlesien als Sohn eines Industriellen geboren und musste sich mit dem väterlichen Widerstand auseinandersetzen setzen, einen so unsicheren Beruf wie den des Musikers zu ergreifen. Nachdem er kurze Zeit in einer Bank gearbeitet hatte, hatte er genug Geld gespart, um in Berlin und Dresden studieren zu können. Er arbeitete als Caféhaus-Pianist und wurde durch seine Zusammenarbeit mit den Weintraub Syncopaters bekannt, für die er auch Arrangements schrieb. Darüber hinaus arrangierte er Musik für Filme und traf mit Friedrich Holländer zusammen. Das führte schließlich dazu, dass er dessen Partitur für Josef von Sternbergs Film Der blaue Engel instrumentierte. Als Flüchtling aus Deutschland, wo er die Brutalität  des neuen Regimes am eigenen Leib zu spüren bekam, floh er nach Frankreich und dann in die USA, wo er sich in Los Angeles niederließ. Er fand Arbeit in der Filmindustrie bei Warner Brothers und war Mitglied einer Gruppe begabter Komponisten in Hollywood, zu der auch Korngold gehörte. Für Jean Negrolescus Film Humoresque, in dem die reiche Salondame Joan Crawford einen widerstrebenden, aber talentierten Geiger umwirbt, der von John Garfield gespielt wird, schrieb Waxman, wie er sich nun nannte, die Musik, die für einen Oscar nominiert wurde. Die Filmmusik bringt die unvermeidliche Komposition gleichen Titels von Dvo˘rák, enthält jedoch auch die Carmen-Fantasie, die Themen aus Bizets Oper verwendet. Das Werk beginnt mit dem Marsch des Toreros, wie er in der Opernouvertüre zu hören ist. Es schließt sich eine ausgeschmückte Version der berühmten Habanera an, und dann folgt Melodie auf Melodie, darunter auch Carmens Seguidilla und ein charakteristischer spanischer Tanz. Alle Melodien werden zu einem überaus dichten und virtuosen Werk verwoben, das zweifellos seinen ursprünglichen dramatischen Zweck erfüllte.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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