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8.557130 - RUTTER: Requiem / Anthems
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John Rutter (geb

John Rutter (geb. 1945)

Requiem und andere geistliche Werke

Ende der 1950er und Anfang der 60er Jahre erlangte die Highgate School im Norden Londons Bekanntheit als Quelle musikalischer Aktivität. Der Schulchor gehörte zu den besten Großbritanniens und trat häufig bei den Londoner Promenadenkonzerten sowie auch bei Uraufführungen in Erscheinung. Als junges Mitglied dieses Chors wirkte John Rutter 1963 bei der Schallplattenaufnahme von Benjamin Brittens War Requiem unter der Stabführung des Komponisten mit — eine Erfahrung, von der Rutter später sagte, dass man das Gefühl gehabt habe, als berühre man den Mantel der Geschichte. Es verwundert daher nicht, dass sich Rutter, zu dessen Mitschülern der Komponist John Tavener und Nicholas Snowman, Gründer der London Sinfonietta gehörten, in diesem einzigartigen Umfeld rasch zu dem vielseitigen Musiker von internationalem Format und zu einem bedeutenden Exponenten der Chormusik des späten zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte.

Wenn die Highgate School das Sprungbrett für seine musikalische Karriere war, so begann am Clare College in Cambridge, wo Rutter 1964 sein Studium begann, sein eigentlicher Reifeprozess. Die enge Verbindung zu dieser Hochschule dauert nun seit fast vierzig Jahren an und hat sich in den verschiedensten Formen geäußert. Als Studienanfänger komponierte er im Alter von achtzehn Jahren sein noch immer populäres Shepherd’s Pipe Carol; es erschien, zusammen mit weiteren Stücken, noch vor seinem Examen im Druck. Als Graduierter schloss er Freundschaft mit Herbert Howells und Sir David Willcocks, der damals als Director of Music am benachbarten King’s College unterrichtete. Mit Willcocks arbeitete er später an der Serie Carols for Choirs zusammen, die bis heute als eine der Hauptanthologien für zahlreiche Kirchen- und Collegechöre in aller Welt dient. 1975 erfolgte Rutters Berufung zum Director of Music am Clare College; zu seinem dortigen Aufgabenbereich zählten Seminare für Studenten sowie die tägliche Leitung des in dieser Aufnahme vorgestellten Chapel Choir, einem der ersten gemischten College-Chöre in Cambridge. Unter seiner Leitung begann der Aufstieg dieses Chors zu internationalem Ruhm. 1979, nach dem großen Erfolg seines Gloria, der zu einer Fülle von Aufträgen führte, trat Rutter von seinem Posten zurück und begann sich ganz seiner kompositorischen Arbeit zu widmen. Zu seinem Nachfolger als Leiter des Chapel Choir wurde Tim Brown berufen.

Eines der Werke, die während Rutters Zeit als Chorleiter in Cambridge entstanden, waren die Variations on an Easter theme (1983), mit dem die hier vorliegende Einspielung schließt. Es gehört zu den wenigen Werken für Orgel-Duo und ist so komponiert, dass sich die beiden Spieler das Pedal gewissermaßen diplomatisch teilen müssen; das Stück entstand als Auftragskomposition für die Riesenorgel der Washington National Cathedral in den Vereinigten Staaten. Basierend auf der Melodie O Filii et Filiae aus dem English Hymnal, besitzt jede Variation eine unterschiedliche Skala an Klangwirkungen, einschließlich einer sanften, Blues-ähnlichen Passage in der Mitte des Werks.

Bereits zehn Jahre zuvor hatte Rutter mit der 1974 entstandenen Toccata in 7, einem lebhaften Stück, dessen 7/8-Takt dem Titel zugrunde liegt, seine Fähigkeiten als Komponist von Solo-Orgelwerken unter Beweis gestellt. Komponiert als Auftragswerk der Oxford University Press für einen Band mit neuen Orgelwerken, erschien der Name des jungen Komponisten neben Grandseigneurs der englischen Kirchenmusik wie Herbert Sumsion und William Harris. Im selben Jahr hatte Rutter seinen ersten großen internationalen Erfolg mit dem Gloria, einem fröhlich-lebendigen Werk für Chor, Blechbläser und Schlagzeug. Damals konnte er nicht ahnen, dass ihm ein Jahrzehnt später ein ebenso überwältiger Erfolg gelingen würde, und zwar mit einer Komposition, die bis heute zu den beliebtesten Werken dieses Repertoires zählt.

Der spontane Erfolg des Requiems (1985), das Rutter dem Andenken seines Vaters widmete, der im voraufgegangenen Jahr gestorben war und dessen Initialen die Widmung schmücken, kam geradezu einem Wunder gleich. In den ersten sechs Monaten nach seiner Veröffentlichung erlebte das Werk allein in Amerika über fünfhundert Aufführungen. Das Requiem vermittelt eine von Rutters eigenem Verlust in jener Zeit geprägte Stimmung des Trostes. Das Werk ist in einer Musiksprache geschrieben, die der Komponist beschrieb als „eine, die meinem Vater persönlich sehr gefallen hätte". Es bezieht seine Inspiration nicht zuletzt aus Gabriel Faurés 1888 entstandenem Requiem. Die Entstehung dieses Werks war begleitet von endlosen Revisionen, die Rutter Mitte der 1980er Jahre veranlassten, das kurz zuvor wiederentdeckte Manuskript in der Pariser Bibliothèque Nationale zu studieren. Als er die kostbaren Partiturseiten mit ihrem Wechselspiel von Soloinstrumental- und Chorpassagen in der Hand hielt, kam ihm die Idee zu einem zeitgenössischen Requiem fernab der gewaltigen, dunklen Klangfarben und dramatischen Rhythmen eines Berlioz, Verdi oder Britten. Dieses Werk sollte eine persönliche Auswahl aus dem 1662 erschienenen Book of Common Prayer enthalten sowie die von der Liturgie vorgeschriebenen Texte; vor allem aber sollte es ein „Requiem unserer Zeit" sein.

Die beiden Fassungen des Requiems, die Orchesterversion und die (hier erstmals eingespielte) Fassung für Kammerorchester wurden gleichzeitig komponiert. Auf diese Weise entstand ein Werk, das sowohl im Konzertsaal als auch innerhalb der Liturgie eines Gottesdienstes aufgeführt werden konnte. Die straff gespannte, bogenartige Architektur verleiht dem Requiem eine strukturelle Balance, die der gesamten Komposition eine besondere Geschlossenheit verleiht. Der erste und letzte Satz (mit Texten aus der Missa pro defunctis) dienen als Gebete zu Gott namens der gesamten Menschheit, wobei die Pauken des einleitenden Trauermarschs im Requiem aeternam 1 im abschließenden Lux aeterna 7 scheinbar abgemildert werden zu einem Herzschlag, der eine langsamere, mystische Rückkehr des Eingangsmaterials vorwegnimmt, gewissermaßen wie im Traum. In ähnlicher Weise erklingt der düstere Psalm Out of the deep 2 mit seinem eröffnenden c-Moll-Cellosolo als Echo im hellen C-Dur seines Gegenstücks, dem Psalm The Lord is my shepherd 6, diesmal mit obligater Oboe. Interessanterweise hat letzterer Satz denselben Bezug zum Ganzen wie Faurés Libera me, indem beide Sätze als separate Stücke bereits ungefähr zehn Jahre vor ihrer Eingliederung in die Requiem-Vertonungen entstanden waren. Zwei persönliche Gebete, Pie Jesu 3 und Agnus Dei 5 bilden den Rahmen des zentralen Sanctus 4, wobei die Verwendung eines Glockenspiel-Ostinatos an die Glocken erinnert, die traditionell an dieser Stelle der Messe geläutet werden. Der Zusammenhang des thematischen Materials in seiner symmetrischen Formung sowie die eingestreuten Fragmente gregorianischen Gesangs heben das Werk auf eine gänzlich höhere Ebene. Die ästhetische Schönheit und die technische Stringenz machen das Requiem zu einer der bedeutendsten Messvertonungen.

Während Rutters Bekanntheitsgrad nach der Gründung der Cambridge Singers und seines eigenen Schallplatten-Labels, Collegium Records, während der 1980er Jahre stieg, riss sein enger Kontakt zum Clare College zu keinem Zeitpunkt ab, nicht zuletzt aufgrund seiner hinzugekommenen — wenngleich tragischerweise kurzen — Vaterfunktion. Sein Sohn Christopher begann im Jahr 2000 ein Informatikstudium am College und wurde Mitglied desselben Chors, den sein Vater mehr als zwanzig Jahre zuvor geleitet hatte. In seinem ersten Studienjahr erlag Christopher Rutter im März 2001 den Folgen eines Verkehrsunfalls. Während seiner kurzen Zugehörigkeit zum Chor sang er in mehreren Werken seines Vaters, darunter solchen, die John Rutter dem Chor als musikalisches Vermächtnis hinterlassen hatte. Hierzu gehören zwei schlichte, zarte Segnungen: Go forth into the world in peace (1988), die er dem Chor am Vorabend der ersten Amerikareise widmete, sowie A Clare Benediction (1998), eine Verbeugung vor seiner Alma mater. Musica Dei donum (1998) auf einen anonymen, nur aus Orlando di Lassos Vertonung von 1594 bekannten Text, komponierte Rutter ebenfalls für seinen Chor. Das Stück, dem die rhapsodisch Soloflöte seinen besonderen Charakter verleiht, ist eine Hommage an die Musik. Sir Paul McCartney nahm es in seine aus neun Gesangsstücken bestehende Gedenksammlung A Garland for Linda auf, die er 1999 veröffentlichte.

Arise shine (1999), ein Auftragswerk für die Westminster Cathedral für einen Adventsgottesdienst, und Come down, O Love divine (1998), komponiert für die vereinigten Chöre der Westminster Abbey, der Westminster Cathedral und der St. Paul’s Cathedral, sind Erstaufnahmen. Come down, O Love divine gehört zu einer Reihe von weniger bekannten Stücken, zu denen auch die frühere Hymn to the Creator of light zählt. Mit seinem dichten Doppelchor-Satz und dem reichen Lyrismus steht Come down, O Love divine in der Tradition der phantasievollen Chromatik eines Herbert Howells und der üppigen Klangwirkungen eines Wiliam Harris.

Der Perfektionismus, mit dem John Rutter seine unterschiedlichen Funktionen als Komponist, Dirigent, Arrangeur und Produzent wahrnimmt, ist ein Garant dafür, dass seine Musik in der ganzen Welt anerkannt und geschätzt wird. Aus der Musikbegeisterung der Highgate School in den 1950er Jahren erhob sich diese einzigartige Stimme, die seit über einem halben Jahrhundert niemals verstummt ist.

Tarik O’Regan

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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