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8.557131 - Dialogue for Two Organs
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Dialog für zwei Orgeln
Cherubini • Galuppi • Clementi • Bonazzi • Busi • Canneti

Das Repertoire für zwei Orgeln ist begreiflicherweise recht begrenzt. Denn wo fände man schon die instrumentalen Voraussetzungen, die den weiträumigen Dialog überhaupt ermöglichten? Allenfalls in den großen Kathedralen und Domen von Venedig, Mailand, Padua, Bologna, Rom, Neapel und ähnlich bedeutenden Städten, für die eine Reihe der berühmtesten italienischen Orgelbauer tätig waren und in denen überdies viele Generationen großer Organisten- Komponisten die Königin der Instrumente bedienten.

Welch faszinierendes Ereignis solche Dialoge auf zwei Orgeln gewesen sein müssen, berichtet schon der Musiker Girolamo Diruta (ca. 1550 - nach 1612) in seinem Il Transilvano, einem Lehrbuch über die wahre Art, die Orgel und das Cembalo zu spielen: Plastisch beschreibt er, wie er im „hochberühmten Dom von S. Marco zu Venedig ein Duell zwischen zwei Orgelspielern hörte, die einander mit solcher Kunstfertigkeit und Anmut antworteten, dass es mir fast die Sprache verschlagen hätte.“ Die beiden, die sich hier nach allen Regeln der Kunst einen musikalischen Wettstreit lieferten, waren keine Geringeren als Claudio Merulo und Andrea Gabrielli ...

Die Tradition wirkte noch bis weit ins 19. Jahrhundert fort, wie die hier eingespielten Beispiele organistischer Duos demonstrieren. Das Programm beginnt mit der Sonate für zwei Orgeln, die der Florentiner Luigi Cherubini (1760-1842) im Jahre 1780 in Mailand komponierte, als er noch bei dem bekannten Opernkomponisten Giuseppe Sarti studierte – mithin vor seinem großen internationalen Durchbruch, der sich Mitte der 1780er allmählich andeutete: Cherubini ging zunächst nach London und lernte 1785 in Paris den Geiger Viotti kennen, für dessen neue Operntruppe er dann seit 1789 als musikalischer Direktor tätig war. Nach einer revolutionsbedingten Unterbrechung unterrichtete Cherubini an dem neuen Pariser Institut National de Musique, aus dem das berühmte Konservatorium hervorging, das er viele Jahre beherrschen sollte. Die hier eingespielte Sonate ist trotz ihrer frühen Entstehungszeit eine kontrapunktische Meisterleistung, in der die beiden Instrumente nach einem fröhlichen ersten Thema jeweils mit einer Fuge zu Worte kommen und sich am Ende in einem rhythmisch bewegten Wettstreit zusammenfinden.

Baldassare Galuppi (1706-1785) stammte aus Burano bei Venedig, weswegen man ihn in seiner Heimat „il Buranello“ nannte. Der Sohn eines geigenden Baders erlebte als Sechzehnjähriger eine mäßig erfolgreiche Aufführung seiner ersten Oper, wurde danach von Antonio Lotti ausgebildet und wirkte als Cembalist am Teatro della Pergola von Florenz, bevor er wieder nach Venedig zurückkehrte, wo er sich nun auch als Komponist einen Namen machte. Seine spätere Karriere führte ihn nach London und St. Petersburg; dann zog es ihn wieder nach Venedig, wo er auch verstarb. Neben einer großen Zahl an Opern und geistlichen Werken schrieb er viel Musik für Tasteninstrumente, darunter die hier vorliegende Sonate für zwei Cembali oder Orgel und Spinett, die in ihren leichten, eleganten Formulierungen eindeutig dem galanten Stil zuzuordnen ist.

Die Sonate für zwei Orgeln des unbekannten Italieners aus dem 19. Jahrhundert sowie die Kompositionen von Muzio Clementi und Ferdinando Bonazzi stammen aus dem großen Archiv des Mailänder Doms und wurden von dem Verlag Armelin in Padua neu herausgegeben. Das Werk des Anonymus ist recht einfach gehalten und spielt letztlich in einer klaren, flüssigen Textur mit einer idiomatischen Verteilung des Materials auf die beiden Instrumente. Die nachfolgende Sonata per due organi von Muzio Clementi (1752-1832) zeigt von Anfang an das pianistische Empfinden ihres Verfassers, der sich als Komponist, Lehrer und Klavierhändler einen Namen machte. Er war der Sohn eines römischen Silberschmieds, hatte seinen frühen Unterricht in seiner Heimatstadt erfahren und hatte mit 14 Jahren kurze Zeit die Orgel an San Lorenzo in Damaso gespielt. Der Vetter des englischen Schriftstellers William Beckford soll ihn dann dem Vernehmen nach für sieben Jahre „gekauft“ und vornehmlich auf seinem Landsitz in Dorset beschäftigt habe. Clementi machte später in London als Instrumentalist und Komponist Karriere. Reisen führten ihn in verschiedene europäische Musikzentren, so auch nach Wien, wo er sich mit Mozart ein denkwürdiges pianistisches Duell lieferte.

Aus dem Mailänder Domarchiv stammen auch die Suonata und Pastorale von Ferdinando Bonazzi (1764- 1845), dem Hauptorganisten des Domes, an dem es zwei Titularorganisten gab, die sich auf den kostbaren Instrumenten von Gian Giacomo Antegnati (1559) und Cristoforo Valvassori (1607) abwechselten. Der galanten Suonata steht eine leichtfüßige, dreiteilige Pastorale mit den Abschnitten Andante, Minuetto- Allegro und Allegro zur Seite.

Der Organist und Komponist Giuseppe Busi (1808- 1871) stammte aus Bologna und erwarb sich sein großes handwerkliches Können dadurch, dass er sich mit den älteren Komponisten seiner Heimatstadt auseinandersetzte. 1832 wurde er Mitglied der Accademia filarmonica, 1845 war er principe und ein Jahr später maestro compositore der römischen Accademia di Santa Cecilia. 1857 wurde er Professor für Kontrapunkt am Liceo Musicale zu Bologna, und seit 1858 war er maestro di cappella an der Basilica San Paolo. Zu seinen Werken gehören eine Oper, Konzerte für verschiedene Bläser, dann eine Pastorale und ein Adagio bellissimo für Orgel sowie die hier eingespielten vier Duo-Sonaten. Diese vier Werke markieren die Entwicklung einer musikalischen Sprache, die ein wenig gegen die damals allbeherrschende Musik der Bühne zu revoltieren scheint. Während die ersten drei Sonaten trotz ihrer verschiedenen „Gangarten“ durch rhythmische, harmonische und melodische Stilmittel des damaligen Wortschatzes verbunden sind, bildet die vierte Sonate einen stillen, transparenten und linearen Schlussdialog.

Francesco Canneti (1807-1884) wurde 1848 Organist und maestro di cappella des Domes von Vicenza. Noch heute erinnert das Instituto Musicale F. Canneti an die großen künstlerischen Leistungen, die er in seiner Heimatstadt auch als Lehrer vollbracht hat. Im Gegensatz zu dem fast gleichaltrigen Bologneser Busi stand er der zeitgenössischen Oper aufgeschlossener gegenüber. Es war damals durchaus üblich, Ouvertüren, Arien, Märsche und andere Ausschnitte berühmter Bühnenwerke auf die Orgel zu übertragen. Ein Musterbeispiel für diese Mode ist Cannetis Finale für zwei Orgeln aus der Oper Aida von Verdi – ein durch und durch unterhaltsames Stück, das mit den Klängen des Triumphmarsches endet.

Die Aufnahmen entstanden in der großartigen Basilica Pontificia Maria SS. Dell Misericordia, die sich wunderbar in das mittelalterliche Stadtbild von S. Elpidio a Mare einfügt und unter anderem wegen ihrer Gemälde und Fresken von Andrea Boscoli, Pomarancio und Andrea Lilli berühmt ist. Berühmt sind auch die beiden Orgeln der Kirche, die von zwei der größten Orgelbauer Venetiens gebaut wurden, von Pietro Nacchini (1694-nach 1769) und seinem Schüler Gaëtano Callido (1727-1813). Nacchini wurde als Petar Naki´c im damals zur Republik Venedig gehörenden Dalmatien geboren. Er trat in den Orden der Franziskaner ein und wurde einer der bedeutendsten Orgelbauer in der Region um Venedig. Im Laufe seines Lebens baute er rund 500 Instrumente, und ähnlich produktiv war auch sein Schüler und Nachfolger Callido, der 1770 zum Orgelbauer des Markusdoms ernannt wurde: Dieser stammte aus der Gegend von Padua und brachte es immerhin auch auf 400 Orgeln.

Seit etwa zwanzig Jahren verfügt die Basilica della Misericordia über zwei spielbare Instrumente. Ursprünglich hatte es hier lediglich eine Orgel von Nacchini gegeben – und zwar auf der rechten Seite des Chores. Dieser hatte man aus Gründen des optischen Gleichgewichts auf der linken Seite eine bloße Fassade gegenübergestellt. 1981 wurde dann die Callido-Orgel von der benachbarten Kirche San Francesco in die Basilika „umgesiedelt“, und auf diese Weise eröffneten sich völlig neue musikalische Möglichkeiten in einem akustisch vollkommenen Raum. Hier erleben heute die Organisten und Orgelmusikfreunde aus aller Welt ähnlich faszinierende Dialoge wie weiland Girolamo Diruta, der gebannt am Eingang des Markusdoms verharrte, um den musikalischen Wettstreit der beiden großen venezianischen Meister in vollen Zügen auszukosten.

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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