About this Recording
8.557132 - WOLF, E.W.: 4 Symphonies
English  German 

Ernst Wilhelm Wolf (1735-1792)
Vier Sinfonien

Ernst Wilhelm Wolf war dreißig Jahre lang Hofkapellmeister des deutschen Kulturjuwels, des Städtchens Weimar in Thüringen. Man meinte bis jetzt seine Bedeutung eher in seiner Rolle als Hofkapellmeister der Goethezeit als in seinem Schaffen an sich zu erkennen. Neben seinen Klavier- und Singspielkompositionen hatte das sinfonische Schaffen kaum Erwähnung gefunden. Ein Sachverhalt, der mit der vorliegenden Einspielung revidiert werden soll.

Ernst Wilhelm Wolf, getauft am 25. Februar 1735 in Großenbehringen bei Gotha, kam bereits in jungen Jahren mit dem Klavier in Berührung. Sein Bruder Ernst Friedrich, Stadtorganist in Kahla an der Saale, prägte und unterrichtete den jüngeren Bruder. Der erste selbstständige Schritt führte Wolf auf die Schule in Eisenach, wo er schnell zum Präfectus des Chores aufstieg. Aus dieser Zeit wissen wir, dass er sich bereits mit dem Komponieren von einzelnen Arien und Motetten beschäftigte. Doch es war die Schulzeit in Gotha, die für Wolf musikalisch prägend war. Hier hörte er eine gutbesetzte herzogliche Kapelle im Konzert, und hier hörte er Carl Philipp Emmanuel Bach im Jahr 1752 die Orgel spielen. Auch mit den Arien von Johann Adolf Hasse, zu jener Zeit in Sächsischem Dienst am Dresdner Hof, beschäftigte sich der junge Ernst Wilhelm. Jedoch es waren die Kompositionen des preußischen Kapellmeisters Carl Heinrich Graun und Carl Philipp Emmanuel Bach, die einen nachhaltigen Einfluss auf das Gesamtschaffen Wolfs haben sollten. Jedoch es waren die Kompositionen des preußischen Kapellmeisters Carl Heinrich Graun und Carl Philipp Emmanuel Bach, die einen nachhaltigen Einfluss auf das Schaffen Wolfs haben sollten. Besonders prägend wirkten diese Vorbilder auf Wolfs Kirchenmusik (Graun) und die Klaviermusik (Bach), während er die entscheidenden Impulse für die Sinfonien erst später in Weimar bekommen sollte.

Das Studentenleben führte ihn anschließend in die Thüringer Universitätsstadt Jena, in der er weniger studierte als musizierte. Als Leiter des Collegium Musicum der Universität fand Wolf den ersten bleibenden Platz in der Musikgeschichte Thüringens.

Wie genau er in das naheliegende Residenzstädtchen Weimar gelangte, weiß man nicht. Wolf selbst hinterließ hierzu lediglich eine etwas unglaubwürdige Anekdote eines Herrn von Ponikau, der ihn innerhalb einer Reise dort ausgesetzt haben soll. Doch wie auch immer es geschah, Weimar wurde für den Rest seines Lebens die Städte seines musikalischen Wirkens.

Ernst Wilhelm Wolf kam 1761 nach Weimar, das von der jungen Herzogin Anna Amalia regiert wurde. Es war ihr Bestreben, aus der dörflichen Residenz ein musisches und literarisches Zentrum zu machen. In der ersten Zeit verdiente sich Wolf seinen Unterhalt als Klavierlehrer. War er zunächst der Lehrer der beiden Söhne Anna Amalias, so machte Sie ihn nach einiger Zeit auch zu ihrem eigenen, ein Verhältnis, das lange Jahre anhielt. Bei den regelmäßigen Konzerten jeden Samstag im Schloss Belvedere nahe Weimar, wirkte Wolf bereits kurz nach seinem Eintreffen in Weimar als Konzertmeister. Als der Weimarer Hoforganist Vogler zwei Jahre nach Wolfs Anfangszeit in Weimar starb, ernannte Anna Amalia ihn 1763 zu dessen Nachfolger. Und nachdem Wolf die Sängerin Karoline Benda, Tochter des berühmten Franz Benda, Kapellmeister Friedrichs II. im Jahr 1770 geehelicht hatte, wurde er nicht nur zum Mitglied einer der wichtigsten Musikerfamilien der Zeit, sondern am 31.Juli 1772 auch zum Weimarer Hofkapellmeister ernannt.

Ernst Wilhelm Wolfs Weimarer Karriere und seine Ernennung zum Hofkapellmeister, das Amt, das er bis zu seinem Tod inne hatte, gingen einher mit der musikalischen und kulturelle Entwicklung am Weimarer Hof. Fand er bei seinem Amtsantritt noch eine klägliche Hofkapelle vor, so verlangte und legitimierte die wachsende Begeisterung des Weimarer Publikums für Oper uns Singspiel eine gutbesetzte Hofkapelle, die für die instrumentale Begleitung dieser Aufführungen zuständig war. Diese Begeisterung bedeutete ebenfalls die Existenz der sogenannten Schauspiel Truppen oder Gesellschaften, die einige Zeit, manchmal sogar Jahre, an einem Hof blieben und dort die nötige Abwechslung boten.

In der Mitte der 70er Jahre rückte jedoch zunächst das Liebhabertheater in den Mittelpunkt höfischen Interesses. Im September 1775 übergab die Herzogin Anna Amalia die Regierungsgeschäfte ihrem Sohn, um sich unter anderem der berühmten Tafelrunde zu widmen. Man bevorzugte das Musizieren in kleinem Rahmen, und benötigte hierzu keine größere Hofkapelle. Auch Johann Wolfgang von Goethe traf 1775 in Weimar ein und gab der kleinen Residenzstadt Weimar damals (wie heute) den literarischen Glanz einer Kulturmetropole. Er war ein wichtiges Mitglied der Tafelrunde und machte kein Hehl daraus, dass er den Hofkapellmeister Wolf nicht leiden konnte und dass er sich für die musikalische Zusammenarbeit einen anderen Komponisten wünschte.

In den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts traf die Bellomosche Truppe in Weimar ein und der Ruf nach einer gut besetzten Hofkapelle wurde laut, um das Bühnenrepertoire spielen zu können. Für Wolf brach eine letzte fruchtbare Zeit an (auch er widmete sich einer großen Anzahl an Singspiel-Kompositionen) bevor er sich mehr und mehr ins Privatleben zurückzog.

Nach einem Schlaganfall wurde Wolf immer hinfälliger. Ende November 1792 erkrankte er ernsthaft und wurde am 1.Dezember 1792 in Weimar begraben.

Dass Wolf ein an seinem musikalischen Umfeld interessierter Beobachter war, beweißt seine „Kleine Musikalische Reise“, die ihn zwar weniger in die großen Metropolen des damaligen Europas führte als an die kleineren Höfe. Hier rezipierte er das tägliche Musikleben in deutschen Bürger- und Adelskreisen, das er, wie auch weitere, umfangreiche musiktheoretische Schriften, für seine Um- und Nachwelt zu Papier brachte.

Constanze Dahlet

Die Sinfonien

In seiner Zeit als Weimarer Hofkapellmeister 1772- 1791 komponierte Wolf rund 35 Sinfonien, von denen mindestens 26 erhalten sind. Die meisten entstanden vermutlich im Auftrag des Weimarer Hofes und wurden dort in Konzerten und in den Zwischenakten von Theateraufführungen gespielt. Die Nähe zum Theater ist auch daran erkennbar, dass einige dieser Werke, darunter die hier vorliegende C-Dur-Sinfonie, sowohl als Singspielouvertüren als auch als eigenständige Sinfonien verwendet wurden. Die noch heute vorhandenen Noten von Wolf-Sinfonien außerhalb Weimars weisen ebenso auf eine breite Rezeption hin wie die häufigen Aufführungen in den Leipziger Gewandhauskonzerten der Jahre 1781-1790, immerhin eine der bedeutendsten Einrichtungen des damaligen öffentlichen Musiklebens in Deutschland. Was die Zeitgenossen Wolfs an dessen Sinfonien besonders schätzten, verrät eine kurze Stelle aus dem Artikel „Ueber die Mode in der Musik“, erschienen im Juni 1793 im Weimarer „Journal des Luxus und der Moden“: „Seine Instrumentalsachen […] können, in Betreff der Wirkung und gehörigen Kenntniß der Blaß=Instrumente, zu einem sehr nachahmungswürdigen Muster dienen.“

Beispiele für diese hohe Bedeutung der Blasinstrumente lassen sich auch in den hier eingespielten Sinfonien finden. In der Es-Dur-Sinfonie erinnert der kammermusikalische Einsatz der Bläser im Seitensatz der Kopfsatz-Exposition zunächst noch an die Sinfonien der späten Mannheimer Schule sowie Johann Christian Bachs. Im letzten Satz finden sich hingegen schon ungewöhnlich virtuose Passagen für die Flöte und das sonst meist nur als Bassinstrument eingesetzte Fagott.

Bezeichnend für den bewussten Umgang mit den spezifischen Klangfarben der einzelnen Instrumente ist ferner die häufig vorkommende abweichende Besetzung des langsamen Satzes, und zwar nicht nur, wie es weit verbreitet war, durch eine Reduzierung des Klangapparats, sondern vielfach auch durch einen Instrumenten-Tausch (zum Beispiel Flöten statt Oboen in der F-Dur-Sinfonie) oder gar eine Erweiterung der Besetzung (C-Dur-Sinfonie).

Im gesamten sinfonischen Schaffen Wolfs gibt es trotz des relativ kurzen Zeitraums von knapp 20 Jahren eine Entwicklung, die deutliche Parallelen zur Entwicklung der Gattung „Sinfonie“ insgesamt aufweist. Erkennbar ist dies bei den vorliegenden Sinfonien u. a. an den unterschiedlichen Ausprägungen der Sonatenform im Kopfsatz. So gibt es in der undatierten, aber als ein frühes Werk Wolfs einzuordnenden D-Dur-Sinfonie zwar schon einen in allen Parametern klar ausgeprägten Themendualismus; der fünftaktige Mittelteil hat jedoch nur Überleitungscharakter, so dass von einer „Durchführung“ noch keine Rede sein kann. Umfangreichere Durchführungen finden sich in der (ebenfalls undatierten) Es-Dur- sowie der C-Dur- Sinfonie (1786). Auffällig jedoch ist, dass sich schon in dieser frühen Sinfonie eine Besonderheit ankündigt, die in nahezu allen folgenden Sinfonien aufgegriffen und vertieft wird. Es handelt sich dabei um kleine Veränderungen in der Reprise des Hauptsatzes, für deren volle Ausprägung die C-Dur-Sinfonie beispielhaft ist. Hier erhält die Reprise durch die Integration von Abspaltungen, Sequenzen und Modulationen beinahe den Charakter einer zweiten Durchführung.

Eine Sonderstellung unter den Kopfsätzen Wolfs nimmt der erste Satz der F-Dur-Sinfonie ein. Er beginnt mit einer langsamen Einleitung, die jedoch nicht, wie in der Zeit weit verbreitet, einen fanfarenartigen Eröffnungscharakters hat, sondern eher suchend und fragend klingt und ihr Ziel schließlich im motivisch verwandten Hauptthema des Satzes findet. Höchst ungewöhnlich sind ferner die formal bedeutenden Reminiszenzen an die langsame Einleitung im weiteren Verlauf des Satzes.

Charakteristisch für die hier vorgestellten langsamen Sätze ist der gezielte Einsatz verschiedener Klangfarben, wozu Wolf sich nicht nur der Bläser bedient, sondern teilweise auch unterschiedlicher Spielweisen (pizzikato, con sordino) und extremer Lagen. Besonders deutlich wird dies in der Es-Dur- Sinfonie. Harmonisch gelingen ihm zum Teil überaus reizvolle Passagen, so im langsamen Satz der F-Dur- Sinfonie, in dem er über einem sequenzierten Bratschenmotiv die Sekundspannungen in den Flöten und Violinen voll auskostet.

Gemeinsames Merkmal der Finalsätze Wolfs ist der Versuch, den Hörer immer wieder zu überraschen. So verbindet zum Beispiel die Es-Dur-Sinfonie im Schluss-Satz den Charakter eines gemäßigten Tanzsatzes im Stil der älteren Wiener Sinfonik mit virtuos-konzertanten Elementen und der Form eines Sonatensatzes. Da in der C-Dur-Sinfonie dem Finale ein Menuett vorausgeht, beschließt Wolf diese Sinfonie, erneut kontrastierend, mit einem äußerst schnellen Allegro, bei dem u. a. durch die raketenartig aufsteigenden Skalen eine Affinität zum Musiktheater erkennbar wird.

Insgesamt präsentieren die Sinfonien Wolfs ein facettenreiches Bild. Auf der einen Seite belegen die vorliegenden Beispiele Wolfs gründliche Kenntnis der verschiedenen Strömungen zeitgenössischer Sinfonik. Mit dem Prinzip größtmöglicher Abwechselung in der Verwendung der Mittel orientiert sich Wolf am damaligen Weimarer Musikgeschmack. Dazu zählt der differenzierte Bläsereinsatz ebenso wie das Experimentieren mit unterschiedlichen Klangfarben. Hörbar ist außerdem die Wirkungsbezogenheit dieser Musik, derer sich Wolf voll bewusst ist und die er stets geschickt steuert. Im Kopfsatz der F-Dur-Sinfonie schließlich verwirklicht er originelle Experimente in der Auseinandersetzung mit der Gattung „Sinfonie“.

Cornelia Brockmann


Close the window