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8.557138 - MUSIC FROM THE TIME OF TILMAN RIEMENSCHNEIDER
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Musik aus der Zeit von Tilman Riemenschneider (ca.1460-1531)

Tilman Riemenschneider, um 1460 geboren, wuchs in einem Deutschland auf, das noch weitgehend im Mittelalter verwurzelt war. Die neuesten künstlerischen Strömungen der Zeit kamen aus Flandern und Nordfrankreich, vor allem aus den reichen Städten Antwerpen und Brügge. In Italien dämmerte bereits eine neue Welt herauf, aber nach Würzburg, das damals sechs- oder siebentausend Seelen zählte, drang noch nichts von alledem herein. Hier ließ sich Tilman Riemenschneider 1483 nieder und hier wurde aus dem Bildschnitzergesellen ein Meisterbildhauer.

Im Gegensatz zu Dürer oder Holbein, die beide bereits zu Lebzeiten Berühmtheiten waren, geriet Riemenschneider, der heute als einer der bedeutendsten Bildhauer der deutschen Spätgotik gilt, schnell in Vergessenheit. Das Interesse an seinem Schaffen erwachte erst im 19. Jahrhundert wieder – zu einer Zeit, in der fast sein gesamtes Lebenswerk bereits entweder zerstört oder aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen war. Fast alles, was über Riemenschneiders Leben bekannt ist, stammt aus öffentlichen Akten, städtischen Rechnungsbüchern, Geschäftsverträgen und Zahlungsbelegen. Diese Dokumente lassen das Bild eines erfolgreichen Meisters seiner Zunft entstehen, der es in der Gesellschaft zu großer Wertschätzung brachte. Wiederholt wurde er in den Rat der Stadt gewählt, 1520 zum ersten Bürgermeister. Während des Bauernkriegs tat sich Riemenschneider mit anderen Ratsherren zusammen, indem er sich weigerte, Würzburg als Stützpunkt des Militärs gegen die aufständischen Bauern missbrauchen zu lassen. Der lokale Fürstbischof rächte sich 1525 mit Verhören, Folterung und der Enteignung eines Teils von Riemenschneiders Besitz.

Während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts war vor allem Flandern, das zu den nördlichen Besitzungen des Herzogtums Burgund gehörte, ein fruchtbarer Boden für neue musikalische Ideen. In Deutschland hingegen fanden diese Entwicklungen nur langsam Eingang in die musikalische Praxis. Einer der Wegbereiter war ab 1450 der blinde Nürnberger Organist Conrad Paumann; er trug entscheidend zur Verbreitung der franko-flämischen Polyphonie und ihres Repertoires bei. Eine Abschrift seines Fundamentum organisandi erschien in einem Band mit der heute als Lochamer Liederbuch (ca.1452-60) bekannten Handschrift aufgezeichneter Liedbearbeitungen – der früheste Beleg für die Eingliederung der subtileren nördlichen Polyphonie in die säkulare deutsche Tradition. Zwei weitere Handschriften aus dieser Zeit, das Schedel- Liederbuch (1460-67) und das Glogauer Liederbuch (ca.1480), enthalten umfangreichere Sammlungen weltlicher Lieder und geistlicher Werke.

Lieder sind traditionell von Musiker zu Musiker weitergereicht worden, wobei der Empfänger sie nicht selten nach Belieben zu bearbeiten pflegte. Die Lieder dieser Zeit waren in einer Vielfalt von Formen über einen weiten Raum verbreitet. Es sollt ein Mann gen Mole fahrn (anonym) findet sich z.B. als dreistimmiges Stück im Glogauer Liederbuch. In der vorliegenden Einspielung erklingt es in einer Instrumentalfassung [Track 19]; der Originaltext enthält die Worte „Rumpel an der Türe nicht“. Als Folge davon erschien dasselbe Lied bisweilen unter dem Titel Rompeltier, u.a. als vierstimmige Fassung von Jacob Obrecht [Track 28] in einer der frühesten im Druck erschienenen Sammlungen, 1502 von Ottavio Petrucci in Venedig herausgegeben.

Der Petrucci-Sammlung eignete ein ausgesprochen „internationaler“ Charakter: Namhafte Komponisten entnahmen ihr beliebte Melodien und verarbeiteten sie zu kunstvollen kontrapunktischen Stücken. Auf diese Weise fand sich etwa ein eher derbes Trinklied wie Zenner, Greiner [Track 6] nach der Transformation durch zwei führende deutsche Komponisten wie Heinrich Finck [Track 7] und Paul Hofhaimer [Track 8] gewissermaßen in gehobener Gesellschaft wieder. Und bis Lieder wie Wir zogen in das Feld [Track 18], Alle furf [Track 26] oder Canto dei lanzi allegri [Track 27] kontrapunktisch gewandet in gedruckten Sammlungen erschienen, hatten sie von den Schlachtfeldern, auf denen sie vielleicht Jahrzehnte zuvor erstmals von Söldnern gesungen wurden, einen weiten Weg zurückgelegt.

Populäre Musik bedurfte in ihrer ursprünglichen Form keiner schriftlichen Festlegung; sie wurde gleichsam von Mund zu Ohr überliefert. Anders die aufgezeichneten Zeugnisse: sie waren für eine vornehmere Zuhörerschaft gedacht und wurden zumeist von sog. Stadtpfeifern gespielt, eine seit dem 14. Jahrhundert nachweisbare Bezeichnung für Instrumentalmusiker im städtischen Dienst. Im Berufseid eines Basler Schalmeispielers um 1500 heißt es beispielsweise, dass die Stadtmusiker „jeden Sonntag nach der Predigt von der Richthalle und nach dem Abendessen von der Rheinbrücke sowie bei Festlichkeiten in den ‚Herrenstuben’ vor und nach dem Bankett“ spielen.

Bei derartigen Anlässen mussten lautere Instrumententypen verwendet werden, die auch im Freien bzw. im Festlärm deutlich zu hören waren. In wohlhabenderen Städten wurde eine fünfköpfige Bläserbesetzung allgemeiner Standard, während kleinere Gemeinden sich mit drei Spielern begnügten. Voraussetzung war zumeist, dass die jeweiligen Stadtpfeifer mehrere und nicht selten sogar vollkommen unterschiediche Instrumente beherrschten. Zeitgenössische Abbildungen zeigen die Musiker ausnahmslos ohne Noten; da es sich jedoch um kontrapunktische Musik handelte, prägte man sich die jeweiligen Stimmen wahrscheinlich anhand einer schriftlich fixierten Partitur ein und improvisierte dann während des Spielens die üblichen Verzierungen.

Einer der in dieser Anthologie vertretenen Komponisten war Jean Mouton (ca.1457-1522). Er stammte aus dem nordfranzösischen Holluige (heute Haut- Wignes), wo er während der Dauer von 25 Jahren in verschiedenen kirchenmusikalischen Positionen tätig war, bevor es ihn an den französischen Hof zog. 1515 war er als Begleiter von Franz I. beim Konkordatsabschluss in Bologna anwesend und erfreute sich der Wertschätzung von Papst Leo X. Wahrscheinlich begleitete er den König auch 1520 bei dessen Zusammentreffen mit Heinrich VIII. auf dem Cap du Drap d’Or. Bei beiden Gelegenheiten spielten die Chorkapellen der Herrscher eine wichtige Rolle bei den umfangreichen Zeremonien.

Heinrich Finck (1444/5-1527), vermutlich in Bamberg geboren, stand mit Unterbrechungen in den Diensten dreier polnischer Könige, bis er 1510 eine feste Anstellung als Kapellmeister des Herzogs Ulrich von Stuttgart erhielt. Es folgte eine Periode an der Hofkapelle von Kaiser Maximilian I. 1520 wurde Finck zum Komponisten des Salzburger Domkapitels berufen. Anschließend ließ er sich in Wien nieder, wo er am Schottenkloster eine Chorvereinigung ins Leben rief. 1527 wirkte er vorübergehend als Hofkapellmeister Ferdinands I. Im Verlauf eines langen und abwechslungsreichen Lebens schuf Finck ein umfangreiches musikalisches Werk, von dem vier Messvertonungen, Motetten, Hymnen und weltliche Lieder überliefert sind. Letztere bezeugen in der Form von Tenorliedern seine Vorliebe für volksliedartige Texte.

Paul Hofhaimer (1459-1537), Organist und Komponist, wirkte am Innsbrucker Hof des Herzogs Sigmund von Tirol. Diese Tätigkeit übte er später neben der Organistenstelle an der Hofkapelle von Maximilian I. aus. Nach dem Tod des Kaisers diente Hofhaimer, 1515 in den Adelsstand erhoben, bis zu seinem Tode im Jahr 1527 als Organist am Salzburger Dom. Seine Improvisationskunst galt als konkurrenzlos, und auch als Lehrer war er weithin bekannt. Zu seinen erhaltenen Kompositionen gehören Clavier-Tabulaturen, zwei liturgische Orgelkompositionen und eine Reihe von Liedern – eine Form, die ihm bei seinen Zeitgenossen großes Lob einbrachte.

Der Komponist und Dichter Johann Walter (1496- 1570) gelangte nach seiner Schulausbildung an die kursächsische Hofkapelle. Nach dem Tod des Kurfürsten im Jahr 1525 ließ er sich mit Unterstützung durch Martin Luther als Stadtkantor in Torgau nieder. Von 1548 bis 1554 übernahm er die Leitung der Dresdner Hofkapelle. Walter spielte eine herausragende Rolle bei der Verbreitung der lutherischen Kirchenmusik in Sachsen, im Besonderen durch sein Geystliches gesangk Buchleyn von 1524, dessen Vorwort von Luther stammt und das in mehreren überarbeiteten und erweiterten Nachdrucken erschien. Zu Walters polyphonem Repertoire gehören Magnificat- Vertonungen und Motetten.

Thomas Stoltzer (um 1480-85-1526), einer der bedeutendsten deutschen Komponisten seiner Zeit, wurde im schlesischen Schweidnitz (Svidnica) geboren. Ob Heinrich Finck, wie vermutet wird, sein Lehrer war, ist bis heute nicht eindeutig nachzuweisen. Aktenkundig wird er erstmals 1519 als Priester in den Rechnungsbüchern des Breslauer Domkapitels. 1522 wurde er als magister capellae an den katholischen ungarischen Hof in Ofen (Buda) berufen, obwohl er innerlich wohl mit der Reformation sympathisierte, wofür die Vertonung einiger lutherischer Texte (u.a. einer Gruppe von vier Psalmen) als Beweis angeführt wird. Der größte Teil seines kompositorischen Schaffens galt jedoch der traditionellen katholischen Liturgie, vor allem mit einer Vielzahl lateinischer Hymnen, von denen 39 den Hauptanteil von Georg Rhaus Sacrorum hymnorum liber primus stellen.

Der vermutlich aus Flandern gebürtige Heinrich Isaac (ca.1450-1517) war vor allem in Italien und Deutschland aktiv. Nach seiner Tätigkeit als Sänger in der Kathedrale von Florenz während der Regierungszeit des Lorenzo de’ Medici gelangte er 1497 nach Wien an den Hof Maximilians I. Die mit der dortigen Hofkapelle unternommenen Reisen gestatteten es ihm, seine Verbindungen zu Florenz aufrecht zu erhalten, wo er 1517 starb. In seinem musikalischen Schaffen fließen niederländische, italienische und deutsche Stilrichtungen zusammen.

Erasmus Lapicida (um 1440-45-1547) wirkte von 1510 bis ca.1521 als Sänger in der Kapelle von Kurfürst Ludwig V. in Heidelberg. Nach seiner Priesterweihe wurde ihm von Erzherzog Ferdinand ein Benefizium im Stift der Schotten in Wien gewährt, wo er vorübergehend auch mit Heinrich Finck zusammen-arbeitete. Lapicida war ein ungewöhnlich langes Leben beschieden, dessen Dauer die Entwicklung der Kompositionsmethoden über mehrere Generationen hinweg widerspiegelt. Zu den von ihm überlieferten Werken zählen geistliche Kompositionen und mehrstimmige, den Einfluss der italienischen frottola unterstreichende Volksliedbearbeitungen.

Einer der führenden niederländischen Komponisten, Jacob Obrecht (ca.1450-1505), wurde vermutlich in Bergen op Zoom geboren. Über Ausbildung und frühe berufliche Tätigkeit sind nur spärlichste Daten überliefert. 1484 wurde Obrecht als Kapellmeister an die Kathedrale von Cambrai berufen, musste seine dortige Anstellung jedoch wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten niederlegen. Als Komponist wurde ihm große Bewunderung zuteil: Tinctoris stellte den als „famosus musicus“ geehrten Komponisten sogar Größen wie Dufay und Ockeghem gleich. Den überwiegenden Teil seiner Laufbahn verbrachte Obrecht in den Niederlanden; 1487-88 wirkte er am Hof von Ferrara, wohin er 1504 als maestro di cappella noch einmal zurückkehrte. Er starb im folgenden Jahr angeblich an der Pest.

Hugh Griffith
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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