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8.557143 - DELIUS: On Hearing the First Cuckoo in Spring
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Frederick Delius (1862-1934)
On Hearing the First Cuckoo in Spring und andere Orchesterwerke

 

Die zehn Orchesterwerke, die auf der vorliegenden CD in chronologischer Reihenfolge erklingen, überspannen das gesamte schöpferische Leben von Frederick Delius. Überdies zeigen sie uns einen kosmopolitischen Künstler und die vier Länder, die er als besondere Inspirationsquellen schätzte: England, Amerika, Norwegen und Frankreich.

Die hier mit zusätzlichen Flöten- und Kornettstimmen aufgeführte Marche Caprice ist ein Werk des 27jährigen Delius. Ein Jahr nach der Komposition (1889) revidierte er die Partitur. Zwar findet man darin deutliche Einflüsse der Jeux d’enfants von Bizet und ähnlicher Werke, doch im Mittelteil mit seinen schmachtenden Harmonien und seinem fesselnden Oboensolo lassen sich bereits Elemente entdecken, die für Delius charakteristisch werden sollten. Nach dieser Ablenkung besinnt sich der Komponist rechtzeitig darauf, dass er ja eigentlich einen Marsch schreiben wollte – wie kapriziös derselbe auch sein mag.

Man kann mit Fug und Recht annehmen, dass es zu den hier erstmals als Gruppe eingespielten Three Small Tone Poems (1888-90) noch ein viertes Stück gegeben hat: In den „drei kleinen Tongedichten“ werden drei der vier Jahreszeiten nachgezeichnet, und es finden sich Hinweise darauf, dass daneben eine symphonische Dichtung namens Autumn (Herbst) existierte, die noch wiederzuentdecken wäre. Die drei erhaltenen Stücke zeigen ganz eindeutig die instinktive Liebe des Komponisten zur Natur. Summer Evening atmet die entspannte Sinnlichkeit eines Sommerabends, steigert sich aber gegen Ende zu einem vollen, leidenschaftlichen Höhepunkt. Die Winter Night (Winternacht) kennen wir auch unter dem ursprünglichen Titel Sleigh Ride (Schlittenfahrt): Delius schrieb es 1887 als Klavierstück, während er in Leipzig studierte, und in dieser Fassung wurde es bei einer von Edvard Grieg veranstalteten Weihnachtsfeier uraufgeführt. Das charakteristische Schellengeläut und die insgesamt sehr frische, frostig-knisternde Musik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Delius die beiden langsameren Abschnitte des Stückes noch mehr am Herzen lagen – wenn nämlich der Schlitten verschwunden ist und in der mondbeschienenen Landschaft wieder Ruhe einkehrt. Der atmosphärische Spring Morning (Frühlingsmorgen) ist gewissermaßen ein Pendant zu der Idylle de printemps (Frühlingsidylle) aus dem Vorjahr und wurde erst 1989 veröffentlicht.

Von März 1884 bis Juni 1886 lebte Delius in Amerika. Zunächst arbeitete er als Verwalter einer Orangenplantage im Norden Floridas, dann gab er in Virginia Klavier- und Geigenstunden. Die harmonischen Improvisationen der Sklavengesänge sollten seine Kunst nachhaltig beeinflussen. Die American Rhapsody von 1896 ist eine frühere, weit kürzere Fassung der großen Komposition Appalachia für Chor und Orchester (1902) und enthält den fesselnden alten Sklavengesang, der in dem Werk als Thema der nachfolgenden Variationen dient. Das Stück ist für großes Orchester geschrieben und beginnt in dem nachdenklichen Ton, der für Delius so bezeichnend war. Der Sklavengesang wird dann in einem tanzhaften Abschnitt vorgestellt, indessen Harfe und Cello-Pizzikati eine lebhafte „Banjo“-Begleitung liefern. Die Wiederholung des Themas – in langsamerem Tempo und in Moll – wird von den Streichern und den expressiven Harmonien der Bläser gespielt. Schon bald melden sich die Minstrel-Songs Dixie und Yankee Doodle, und plötzlich scheint es, als zöge ein ganzer Trupp amerikanischer Bands mit all ihrem herzhaften Getöse und den willkürlichen Schlägen auf die „dicke Trumm“ an uns vorbei. Eine schmachtende, poetische Coda beendet das Werk. Die Uraufführung der American Rhapsody fand erst 1986 statt.

Von 1899 bis 1901 arbeitete Delius an seiner vierten Oper A Village Romeo and Juliet (Romeo und Julia auf dem Dorfe). Der ausgedehnte Entr’acte zwischen den beiden letzten Szenen, der später als The Walk to the Paradise Garden bekannt wurde, entstand allerdings erst während der Proben zur Berliner Bühnenpremiere des Werkes im Februar 1907. Zunächst hatte Delius ein recht kurzes Orchesterzwischenspiel geschrieben, das mit den ersten fünfzehn Takten der vorliegenden Version begann. Das Stück musste allerdings erweitert werden, weil man für den Szenenwechsel vom Jahrmarkt zu dem Gasthof „The Paradise Garden“ mehr Zeit benötigte. So beginnt nun nach einigen langsamen Einleitungstakten dieser gemächliche „Walk“. Es ist die Musik zweier junger Menschen, die – durch die Unversöhnlichkeit ihrer Eltern voneinander getrennt – sich endlich wiedergefunden und soeben die schlichten Freuden eines Dorfjahrmarkts genossen haben. Um der Überwachung zu entgehen, wollen sie den Gasthof „The Paradise Garden“ aufsuchen; auf dem Weg dorthin werden sie aber von ihrem neuen Glück überwältigt: Sie setzen sich auf eine Bank und tauschen zärtliche Küsse (Holzbläser-Akkorde), die jetzt aber inniger und sehnsüchtiger sind als früher. Die verborgene Liebe zueinander bricht hervor, die Musik steigert sich zu einer leidenschaftlichen Ekstase und weicht dann einem allmählich verklingenden, schmerzlichen Absturz. In seiner Delius-Biographie zitiert Sir Thomas Beecham die passenden Worte eines prominenten Kollegen, der zu der Oper im allgemeinen und dem Entr’acte insbesondere sagte: „Es ist die herzzerreißendste Musik der ganzen Welt.“

In der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts konnte Delius auf eine Folge großformatiger Meisterwerke zurückblicken, doch ironischerweise sollten die Two Pieces for Small Orchestra von 1911-12 seinen Ruhm besiegeln: On Hearing the First Cuckoo in Spring (Man hört den ersten Kuckucksruf des Frühlings) nutzt in der für Delius typischen Rhapsodik ein norwegisches Volkslied, das er durch Percy Grainger kennengelernt und das schon Grieg in seinem Opus 66 benutzt hatte. Es war ein unmittelbarer Erfolg, weil der Komponist die einprägsame Weise mit einer überzeugenden, meisterhaft beherrschten Harmonik zu kombinieren wusste. Die Vortragsbezeichnung lautet In a flowing tempo (in fließendem Tempo) und verrät schon in den ersten zauberischen Akkorden die quasi pantheistische Identifikation mit der Natur, die für Delius Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst war. Das gilt im großen und ganzen auch für die noch erlesenere Summer Night on the River (Sommernacht auf dem Fluss); hier bildet allerdings der Fluss Loing, der an Delius’ Garten in Fontainebleau vorüberfließt, eine konkretere Kulisse: Es ist das ruhig dahingleitende Wasser dieses Flusses, über das in der Abenddämmerung Leuchtkäfer und Mücken dahinhuschen. Die Naturmalerei eines Monet, Pissarro oder Sisley findet hier ihre musikalische Entsprechung.

A Song before Sunrise (1918) ist die letzte Kammerorchesterstudie, in der sich Delius von der Natur inspirieren ließ, und sie gehört zu seinen kraftvollsten Miniaturen. Die äußeren Abschnitte mit der Anweisung Freshly umschließen einen langsameren, nachdenklicheren Mittelabschnitt. Merkwürdig ist nur der Titel. Ein Lied zum Sonnenaufgang ist leicht verständlich, doch was wäre ein Gesang vor dem Sonnenaufgang? Möglicherweise findet man die Erklärung in Nietzsches Schrift Also sprach Zarathustra, die Delius sehr schätzte und auf die er sich in seiner Messe des Lebens bezog: In diesem Buch gibt es ein Kapitel mit der Überschrift Vor Sonnen-Aufgang.

Zum Abschluss erklingt das letzte Stück, das Delius überhaupt geschrieben hat. Bekanntlich hat der erblindete und gelähmte Komponist in den Jahren von 1929 bis 1934 nur noch ganz wenige Stücke ersonnen, die er mühevoll seinem jungen Amanuensis Eric Fenby, einem Organisten aus Yorkshire, diktieren musste. Bei dem in dreiteiliger Liedform (ABA) gehaltenen Fantastic Dance konnte Delius auf ein kurzes, voll instrumentiertes Fragment für den A-Teil und eine damit kontrastierende Skizze (B) zurückgreifen. Wir wissen nicht, wann dieser zweite Teil entstand, doch scheint er der tanzhaften Musik aus der Jahrmarktszene der Oper A Village Romeo and Juliet verwandt zu sein. Das Attribut „fantastisch“ könnte sich auf die Ganztonskala der ersten Takte beziehen, ein Element also, das bei Delius ansonsten selten vorkommt. Der Tanz ist, wie’s sich gehört, dem leidensfähigen Fenby gewidmet und wurde im Januar 1934 in London uraufgeführt. Delius hörte die Rundfunkübertragung des Stückes in Frankreich. Es war die letzte Premiere, die er erlebte. Vier Monate später starb der völlig entkräftete und doch gefasste Komponist im Alter von 72 Jahren.

Hugh Priory
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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