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8.557168 - SZYMANOWSKI: Piano Works, Vol. 4
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Karol Szymanowski (1882–1937)
Klaviermusik, Folge 4

Karol Szymanowski wurde 1882 als Sohn einer aristokratischen polnischen Familie in der Ukraine geboren: im gleichen Jahr wie Strawinsky und Kodály. Er war das dritte von fünf Kindern, die alle eine künstlerische Laufbahn einschlugen, und zeigte lebhaftes Interesse gleichermaßen für Musik und Literatur. Wegen einer Beinverletzung im Alter von vier Jahren erhielt er zunächst zuhause Unterricht, wo er unter Leitung seines Vaters vom siebten Lebensjahr an Klavier lernte. Später wurde er auf die Musikschule seines Onkels Gustav Neuhaus geschickt, um dort Klavier und Theorie zu studieren. Bei Neuhaus lernte er die Werke Bachs, Mozarts, Beethovens, Brahms’ und natürlich Chopins kennen. Sein erstes veröffentlichtes Werk war eine Folge von neun chopinesquen Preludes, geschrieben zwischen 1896 und 1900, jedoch bis 1906 unveröffentlicht. Im Jahr 1901 ging er für weitere Studien nach Warschau, wo er bei Zygmunt Noskowski Stunden in Kontrapunkt und Komposition und bei Marek Zawirski solche in Harmonielehre nahm. Hier entstanden die Freundschaften mit einigen bemerkenswerten Musikern, die wichtige Interpreten seiner Musik wurden: dem Pianisten Artur Rubinstein, dem Violinisten Pawel Kochaƒski und dem Dirigenten Grzegorz Fitelberg. Zusammen mit Fitelberg und zwei anderen Studenten Noskowskis, Ludomir Ró.zycki und Apolinary Szeluto, gründete er die Gruppe „M1oda Polska“ (Junges Polen), um neue polnische Musik zu veröffentlichen und zu fördern.

Neben seinem Landsmann Chopin hatte die Musik von Wagner, Strauss, Reger und Skrjabin nachhaltigen Einfluss auf seine frühe kreative Schaffensphase. Werken wie der Zweiten Sinfonie (1909/10) [Naxos 8.553683] und dem Einakter Hagith (1912/13) ist dies anzuhören. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte Szymanowski nach Hause zurück, um sich auf das Komponieren zu konzentrieren. Zuvor hatten ihn Reisen nach Italien, Sizilien, Algier, Konstantinopel, Biskra und Tunis geführt. Unterdessen hatte er die Musik von Debussy, Ravel und Strawinski kennen gelernt und konnte sich so aus den Fesseln der deutschen Spätromantik befreien. Seine kreative Reife erreichte er in einer Reihe von im Jahr 1915 geschriebenen Werken. Dazu gehören Metopy (Metopen) für Klavier [Naxos 8.553016], Mity (Mythen) für Violine und Klavier und Lieder der Märchenprinzessin für Koloratursopran und Klavier [Naxos 8.553688]. Bis zur erschütternden Erfahrung der russischen Revolution, bei der das Familienanwesen zerstört wurde, war dies Szymanowskis fruchtbarste kreative Periode. Andere Schlüsselwerke jener Zeit sind die Dritte Sinfonie (1914–16), das Erste Violinkonzert (1916) [Naxos 8.553685], die zwölf Etüden (1916) und das Erste Streichquartett (1917).

Bei einem Paris-Aufenthalt 1921 erlebte Szymanowski, wie Strawinski Les Noces auf dem Klavier spielte: ein überwältigender Eindruck. Beide Komponisten hatten sich erstmals 1914 in London getroffen. Szymanowski fühlte sich inspiriert, eine Reihe von Werken zu komponieren, die sich auf die Volksmusik der Tatra im südlichen Polen beziehen. In diese dritte kreative Phase fällt neben anderem die Entstehung des einaktigen Balletts Harnasie (1923–31) und des Zweiten Streichquartetts (1927) [Naxos 8.554315]. Szymanowski starb im Alter von 54 Jahren in einem Sanatorium in Lausanne, nachdem er sich eine Tuberkulose-Infektion zugezogen hatte.

Die Neun Preludes op. 1 enthalten die wohl frühesten erhaltenen Stücke. Das siebte und das achte Prelude entstanden 1896, als der Komponist vierzehn war. Diese Vignetten sind durchweg sehr kunstvoll gestaltet und besitzen ungewöhnliche melodische Schönheit. Als faszinierendes Mittelstück der ganzen Folge ist die Figuration des dramatischen fünften Preludes: bezeichnet Allegro molto, impetuoso: zum Teil Chopins Etüde in c-Moll op. 10 Nr. 10 verpflichtet. Komponiert zwischen 1901 und 1903, sind die Variationen in b-Moll op. 3 streng den klassischen Formprinzipien verhaftet, bei denen die Variationen allgemein die Struktur des Themas beibehalten. Die Variationen sind von einer unglaublichen Vielfalt an Stimmungen und Texturen gekennzeichnet: von der hymnischen Einfachheit der achten zum virtuosen Perpetuum mobile der abschließenden zwölften Variation, von der wehmütigen Mazurka der dritten zum ruhigen Walzer der neunten Variation.

Die zwanzig Mazurkas op. 50 entstanden 1924/25 in Zakopane in der Tatra und wurden in fünf Folgen von jeweils vier Stücken veröffentlicht. Der Einfluss der Volksmusik der Goralen ist durchweg präsent, charakterisiert durch große Quarten und kleine Septimen, melodische Ornamentierung, unregelmäßige Phrasenlänge und die Verwendung der so genannten dudowa kwinta, einer wiederholten offenen Quinte, die den brummenden Effekt des Dydy, des polnischen Dudelsacks, vergegenwärtigt. Der Autor B. M. Maciejewski hebt in seinem Buch über den Komponisten für diese Zeit hervor, dass Szymanowski große Freude hatte beim Hören „auf die Musik, die Schreie und Geräusche, beim Betrachten der fröhlichen Tänzer voller Vitalität, Leidenschaften und Schweiß. Sogar der hölzerne Fußboden und die Holzhäuser tanzten mit den Goralen.“

Am Ende seines Lebens kam Szymanowski noch einmal auf die Mazurka zurück. Die Zwei Mazurkas op. 62 entstanden 1933/34 und sind die letzten vollendeten Werke. Eine der wenigen noch vorhandenen Aufnahmen Szymanowskis ist seine Aufführung der ersten dieser Mazurkas im Jahr 1933, eines Stückes, das er besonders gern mochte. Die Premiere des Werkes fand im November 1934 in Rahmen eines Privatkonzerts bei dem Widmungsträger Sir Victor Cazalet statt.

Der reizende, jedoch sehr kurze Valse Romantique entstand 1925 anlässlich des 25. Geburtstages der Wiener Universal Edition als Tribut an Emil Hertzka. Dieser war der entschieden fortschrittliche Direktor des Musikverlags von 1907 bis 1932. Erst 1967 entdeckt, ist die harmonische Sprache des Walzers der vielleicht deutlichste Ausdruck von Szymanowskis frankophilen Empfindungen.

Die Sonate Nr. 3 op. 36 vollendete der Komponist 1917. Sein letztes magistrales Werk für Klavier ist durchlaufend einsätzig angelegt, wobei es gleichzeitig die vier konventionellen Unterteilungen der herkömmlichen Sonate übernimmt: ein dynamischer erster Satz, bemerkenswert für die Erhebung des zweiten Themas in eine Vorrangstellung; ein elegischer, langsamer Satz in dreifacher Form, den Ganzton- Harmonien dominieren; ein kurzes, aber metrisch abenteuerliches Scherzo sowie ein umwerfendes und technisch mörderisches Fugen-Finale, an dessen Höhepunkt das zweite Thema des ersten Satzes in nahtloser Verbindung mit dem Fugenthema wiederkehrt.

Peter Quinn
Deuetsche Fassung: Thomas Theise


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