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8.557170 - LISZT: Beethoven Symphonies Nos. 4 and 6 (Transcriptions) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 19)
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Franz Liszt (1811-1886): Das gesamte Klavierwerk, Folge 19

Franz Liszt (1811-1886): Das gesamte Klavierwerk, Folge 19

Klaviertranskriptionen den Beethovens Sinfonien (S464/R128)

Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 · Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 (Pastorale)

Das erste Stück, welches Liszt in seinem ersten Concerte spielte, waren die drei letzten Sätze der Pastoral-Symphonie von Beethoven, „Scherzo, orage et Finale". Die Übertragung dieser großartigen und complicirten Composition für das Pianoforte war eine ebenso gewagte, als schwierige Aufgabe, wenn es damit nicht etwa bloß auf ein brillantes Concertstück, sondern vielmehr darauf abgesehen war, ein solches Werk ohne willkürliche Zusätze oder Hinweglassungen seinem Geiste und seiner innersten Wesenheit nach, mit künstlerischer Treue und Gewissenhaftigkeit wiederzugeben, und eben nur ein Künstler, wie Liszt, der nebst einer unbegrenzten Verehrung für Beethoven auch die seltene Gabe besitzt, den großen deutschen Meister zu verstehen, eben nur ein solcher Künstler konnte und durfte sich an ein so gefährliches Unternehmen wagen.

Heinrich Adami, Allgemeiner Theaterzeitung.

21.11.1839

Geboren 1811 im dem damals zu Ungarn gehörenden burgenländischen Dorf Raiding als Sohn des Amtmanns Adam Liszt, der seinen Dienst in der fürstlichen Esterházyschen Schäferei versah, erhielt Franz (Ferenc) Liszt bereits in jungen Jahren die Unterstützung des ungarischen Adels, die es ihm ermöglichte, 1822 nach Wien zu gehen, wo er bei Carl Czerny Unterricht nahm und auch dem berühmten Beethoven begegnete. Von Wien ging er nach Paris. Dort verweigerte ihm Cherubini als Ausländer die Aufnahme ins Conservatoire; dennoch gelang es Liszt, mit seinen Auftritten ein begeistertes Publikum um sich zu scharen. Finanziell unterstützt wurden diese Aufführungen durch die berühmte Klavierbauerfamilie Erard, für deren Produkte Liszt seinerseits durch sein Spiel warb. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1827 widmete er sich eine Zeitlang hauptsächlich der Unterrichtstätigkeit, der Lektüre und dem Pariser gesellschaftlichen Leben, bevor er sich für die Virtuosenlaufbahn entschied, nachdem er den großen Violinisten Paganini gehört hatte, dessen ungeheurer technischer Brillanz er nunmehr auf dem Klavier nacheiferte.

In den folgenden Jahren entstand eine Reihe von eigenen Kompositionen, darunter auch Transkriptionen von Liedern und Opernfantasien, die damals zum unentbehrlichen Reisegepäck eines Klaviervirtuosen gehörten. Das Verhältnis mit einer verheirateten Frau, der Gräfin Marie d’Agoult, führte zu Liszts Abschied von Paris und zu einem jahrelangen Reiseleben — zunächst in der Schweiz, dann in Italien, Wien und Ungarn. Seine Verbindung mit Marie d’Agoult, aus der drei Kinder hervorgingen, dauerte bis 1844. Liszt setzte danach seine Konzerttätigkeit durch ganz Europa bis 1847 fort, als er Caroline von Sayn-Wittgenstein begegnete, die 1848 aus ihrer unglücklichen Ehe mit einem russischen Fürsten floh und sich mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Auf ihre Veranlassung begann sich Liszt nun verstärkt der Kompositionsarbeit zu widmen, und zwar in erster Linie einer neuen Art von Orchesterwerken, der Sinfonischen Dichtung; daneben beschäftigte er sich wie immer mit der Revision und Veröffentlichung früherer Arbeiten.

1861, im Alter von fünfzig Jahren, folgte Liszt der Fürstin nach Rom, die sich dort bereits einige Jahre zuvor niedergelassen hatte. Einer ehelichen Verbindung schien nach ihrer vom Papst nach langem Zögern endlich abgesegneten Scheidung von ihrem russischen Gatten nichts mehr im Wege zu stehen: dennoch lebten beide in Rom in getrennten Wohnungen. Liszt nahm schließlich die niederen Weihen und verbrachte die folgenden Jahre, nun als Abbé, entweder in Weimar, wo er einer jüngeren Komponistengeneration mit Rat und Tat zur Seite stand; in Rom, wo er seinen religiösen Interessen nachging; und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Liszt starb 1886 in Bayreuth, wo er während der Festspiele bei seiner und Marie d’Agoults Tochter Cosima, der Witwe Richard Wagners, zu Besuch weilte und wo er noch wenige Tage vor seinem Tod Aufführungen von Parsifal und Tristan und Isolde beigewohnt hatte.

Liszt drückte seine Beethoven-Verehrung nicht nur durch seine Aktivitäten in Sachen der Beethoven-Denkmäler in Bonn und Wien, seiner Förderung von Beethoven-Musikfestspielen oder durch die Aufführung von dessen Werken aus, sondern auch in seinem 1860 aufgesetzten Testament, in dem als besondere Schätze die Totenmaske des Komponisten und dessen Broadwood-Flügel erwähnt werden, der nach Liszts Tod von der Fürstin von Sayn-Wittgenstein und ihrer Tochter, der Prinzessin Hohenlohe, dem Budapester Nationalmuseum übergeben wurde.

Während der Sommermonate des Jahres 1837, die er in Begleitung von Marie d’Agoult im Landhaus von George Sand in Nohant verbrachte, arbeitete Liszt an seinen Klaviertranskriptionen der Beethoven-Sinfonien Nr. 5 und 6, die — zusammen mit seiner Transkription der 7. Sinfonie — 1840 im Druck erschienen. Drei Jahre später bearbeitete er die Eroica-Sinfonie (Nr. 3). Diese frühen Klavierfassungen von Beethoven-Sinfonien wurden später von ihm überarbeitet; hinzu kamen die Transkriptionen der anderen sechs Sinfonien, einschließlich (wenngleich erst nach einigem Zögern) der Neunten Sinfonie. Die neuen Transkriptionen fertigte er 1863 und 1864 an; als letztes entstand dann 1865 der Finalsatz der Neunten Sinfonie — der eigentliche Grund seines Zögerns. 1863 war Liszt in das Haus der Oratorier des Klosters Madonna del Rosario auf dem Monte Mario außerhalb von Rom gezogen, wo er ein spartanisch eingerichtetes Zimmer bewohnte, in dem ihm nur ein kleines, defektes Klavier zur Verfügung stand. Die allgemeine Ruhe wurde gelegentlich von Besuchern unterbrochen, deren prominentester Papst Pius IX. war. Auf Betreiben des Verlags Breitkopf & Härtel revidierte Liszt seine früheren Transkriptionen der Beethoven-Sinfonien, sodass schließlich alle Sinfonien vorlagen; sie wurden 1865 mit einer Widmung an seinen Schwiegersohn, den berühmten Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow, als vollständige Sammlung veröffentlicht.

Die Transkriptionen sprechen für sich. Äußerste Sorgfalt verwendete Liszt auf die genaue Wiedergabe der ursprünglichen Phrasierung und — wo nötig — der Spezifizierung der Original-Instrumentation. Die Kritik stellte seine Transkriptionen über die früher entstandenen Bearbeitungen des Klaviervirtuosen Kalkbrenner, eines Pioniers auf diesem Gebiet. Es geht Liszt nicht vorrangig um technische Zurschaustellung, so anspruchsvoll seine Transkriptionen auch sind. Besonders gelungen sind seine Lösungen der Probleme von Balance und Klang. Hilfreich sind darüber hinaus die vorgeschlagenen Fingersätze und die Unterscheidung der einzelnen Stimmen.

Die Transkription der Sinfonie Nr. 4, in deren Partitur die jeweilige Originalinstrumentation angegeben ist, beginnt mit der langsamen Einleitung, die — wo erforderlich — die Möglichkeit der Verwendung des Tremolo bietet, um die gehaltenen Holzbläsernoten der Einleitung wiederzugeben. Das Allegro vivace greift auf gebrochene, arpeggierte Akkorde in der linken Hand zurück, wobei durch Modifikationen des Satzes der Effekt des Originals gewahrt bleibt. Höhere technische Ansprüche stellt der langsame Satz mit seinem diffizilen Stimmengeflecht. Wie eine Ruhepause vor der vollen dynamischen Bandbreite des Finalsatzes wirkt das Allegro vivace, ein untanzbares Beethoven-Menuett.

Der erste Satz der Pastoral-Sinfonie, dessen Gegenrhythmen die scheinbare Schlichtheit Lügen strafen, ist minutiös transkribiert und auf die Sprache des Klaviers zugeschnitten. Die Szene am Bach ist mit ihren Begleitfigurationen, Dezimakkorden und Vogellauten in technischer Hinsicht vielleicht am anspruchsvollsten. Das relativ problemlose Lustige Zusammensein der Landleute führt zu einer typisch lisztschen Tour de force des Gewitter, Sturm des vierten Satzes und zu den abschließenden Dankbaren Gefühlen nach dem Sturm — in einer Transkription, in der die Kunst im Dienste der Kunst steht.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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