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8.557171 - SCHUBERT, F.: Lied Edition 15 - Friends, Vol. 2
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Franz Peter Schubert (1797-1828)
Lieder aus dem „Schubert-Kreis“, Folge 2

 

Die kurze Zeitspanne von Schuberts Leben ist geprägt durch umwälzende politische und gesellschaftliche Ereignisse von fundamentaler Bedeutung. Die Ideale der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - hatten sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Weder die Radikalisierung und Pervertierung des Geschehens in Frankreich selbst (Robespierres blutiger Terror, später die Kaiser-Krönung Napoleons) noch die folgenden Kriege bis hin zu den Eroberungsfeldzügen Napoleons bis nach Moskau konnten daran etwas ändern. Vielmehr schien sich eine Wende zum Guten anzubahnen: An den gegen die französische Okkupation gerichteten Befreiungs-kriegen nahmen Tausende von begeisterten Freiwilligen teil, unter ihnen auch viele Künstler. Die Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) und der Einmarsch der alliierten Mächte (Russland, Preußen und Österreich) in Paris wurden von den Menschen als Befreiung von Tyrannei und Fremdherrschaft gefeiert; die Verwirklichung der demokratischen Ideale schien möglich.

Der Wiener Kongress (1814/15) machte diese Hoffnungen bald zunichte: Die Schaffung eines wirklichen demokratischen Nationalstaates wurde verhindert, im neu geschaffenen „Deutschen Bund“, dem auch Österreich angehörte, hatten die konservativen politischen Kräfte das Heft fest in der Hand, obrigkeitsstaatliche Strukturen wurden wiedererrichtet. Die gegen die politische und geistige Freiheit gerichteten „Karlsbader Beschlüsse“ (1819) erzeugten ein Klima der Repression und des Spitzeltums.

In diesem Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Enttäuschung entwickelte sich die deutschsprachige Lyrik zwischen 1800 und 1830, und das Wissen um ihre geschichtlichen Hintergründe offenbart sie - natürlich nicht ausschließlich, aber auch - als Reaktion auf das Zeitgeschehen und Ausdruck des Zeitgefühls. Auch die Gedichte von Schuberts Freunden zeigen das. Dem heutigen Leser ist ihre chiffrierte Bedeutungsebene nicht leicht erkennbar. Dennoch beinhalten sie bewusst gesetzte Kommentare zu den realen Lebens-verhältnissen. In Natur-Bildern und mythologischen Stoffen wird buchstäblich „durch die Blume“ ausgesprochen, was direkt nicht gesagt werden durfte. Diese Lyrik entsprang also nicht dilettantischer Schwärmerei, und wir tun heute gut daran, wenn wir von welkenden Blumen oder rauschenden Bächlein lesen, ihre Verfasser nicht harmloser Sentimentalität zu verdächtigen, sondern uns zu fragen, was denn noch Anderes damit gemeint sein könnte. So zeigt beispielsweise das Gedicht Die Krähe aus der Winterreise eine verborgene Bedeutungsebene, wenn man weiß, dass „Krähe“ im österreichischen Jargon ein allgemein bekanntes Synonym für den Spitzel war.

Natürlich handelt es sich dabei um eine von vielen Bedeutungsebenen. Lyrik destilliert individuelle und soziale Lebenserfahrung und birgt so eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten. Aber auch mit unter-schiedlichen individuellen Biographien teilte man im Freundeskreis um Schubert ein Lebensgefühl; dies ist aus den Briefwechseln deutlich herauszulesen. Wahrscheinlich war es im Innersten ein Zerrissen-Sein: Polaritäten, die den vorausgehenden Generationen in einer übergeordneten Harmonie aufgehoben schienen, wurden nun als unvereinbare Gegensätze erlebt, und dieses Erleben hat eindeutige zeitgeschichtliche Hintergründe.

So kreisen die hier vertonten Gedichte um die Themen Hoffnung und Enttäuschung, Utopie und Desillusionierung, Engagement und Rückzug, Religiosität und Glaubensverlust. Bei aller Verschiedenartigkeit ihrer Sujets zeigen sie hierin Gemeinsamkeit.

Die beiden Blumenballaden Viola (D786) und Vergissmeinnicht (D792) des Franz von Schober, einem der engsten Freunde Schuberts, behandeln das Motiv der treuen, aber enttäuschten (Blumen-)Braut, die Ruhe nur im Tod oder in resignativem Rückzug findet. Die damit verknüpfte Natursymbolik offenbart einen grundlegenden ideellen Verlust: Natur ist nicht mehr harmonischer Kreislauf, sondern tragisches Geschehen, die gottgegebene „gute“ Weltordnung existiert nicht mehr. Gleichzeitig beinhalten die Blumen-Balladen zeitgeschichtliche Metaphern: Viola, die sich zu früh in das Licht des Frühlings gewagt hat und stirbt, ist leicht als Allegorie der Freiheit zu identifizieren. Vergißmeinnicht, die zu spät erwachte, in Innerlichkeit und Träumerei endende, mag den Menschen des Biedermeier symbolisieren, der sich von seinen enttäuschten großen Hoffnungen ins kleine private Idyll zurückzieht. Dass für Schubert diese Texte alles andere waren als sentimentale Rührstücke, belegt seine Musik vom ersten Ton an: In Viola dient ein ebenso einfaches wie eindringliches Glockenmotiv als Refrain für die ganze, ungeheuer farben- und facettenreiche Komposition. Das immer wiederkehrende, stets neu beleuchtete, am Ende ersterbende Thema erzählt von Aufbruch und Scheitern. Vergissmeinnicht ist musikalisch-thematisch weniger prägnant, dafür harmonisch kühner, extremer in der Gegenüberstellung zwischen lyrisch verweilenden und dramatisch vorwärtsdrängenden Abschnitten. Eine lange, schmerzlich-aufgewühlte Passage (Strophe 13/”Tränen sprechen ihren Schmerz nur aus“) belegt in Tonart, Orgelpunkt-Verfahren und rhythmischem Grundmuster die zeitliche und emotionale Nähe der Ballade zur berühmten „Unvollendeten“ Sinfonie. Gerade die manchmal fast überlange, insistierende Wiederholung und Variierung zentraler musikalischer Motive bezeugt Schuberts starkes inneres Engagement. So klingt beispielsweise die lange Schilderung des schlafenden Vergissmeinnichts (“Da im weichen Samt des Mooses...“) mit wunderbar zärtlicher und unter der Oberfläche hocherotischer Musik wie ein „Nicht-genug-davon-bekommen-können“. Auch die ebenso ausladende wie betörende musikalische Umsetzung der Selbstbespiegelung der Blume im Wasser - Bild der mythologischen Gestalt des Narziss - ist Zeugnis von Schuberts und seiner Freunde Lebensdilemma: Dieses „Auf-sich-selbst-bezogensein“ entsprang wohl nicht narzisstisch-überbordender Selbstverliebtheit, sondern war Ausdruck von Not und Trauer angesichts unerfüllter Hoffnungen, Ideale und Träume.

So öde und hoffnungslos ihnen ihre Zeit erschienen sein mag, trostlos war sie nicht: Die Kunst, insbesondere die Musik, wurde zur Trösterin stilisiert. Todesmusik (D758) und Trost im Liede (D546), ebenfalls von Schober, dokumentieren somit auch eine Tendenz des Rückzugs: Im zweiten wird die Musik als ein Schutzschild gegen „des Unglücks Sturm“ gepriesen, im ersten fungiert sie als Trösterin des Sterbenden, die ihn den Tod in mystischer Verklärung erleben lässt. Musik wurde in der Lyrik des Freundeskreises immer wieder als Zufluchtsort vor den „grauen Stunden“ der Wirklichkeit beschrieben, und immer fand Schubert in diesen „Musik über Musik”-Stücken einen eigenen, absolut fesselnden Tonfall.

Wie sehr Schuberts Lebenszeit Schmelzpunkt widersprüchlicher Lebensphilosophien war, zeigen zwei Lieder, die einander extrem entgegengesetzte Positionen einnehmen: Bruchmanns Schwestergruß (D762) und Matthäus von Collins Wehmut (D772). Bruchmann begibt sich mit seiner Schilderung einer nächtlichen Geistererscheinung in die Bereiche religiös-mystischer Ekstatik. Das Gedicht nimmt Bezug auf den Tod einer seiner Schwestern, und wahrscheinlich komponierte Schubert es zu einer „Schubertiade“ im November 1822, um die „immer wiederkehrende, traurige Erinnerung an die selige Sibille soviel wie möglich zu verscheuchen“. (Moritz von Schwind an Schober). Die nächtliche Geistererscheinung schwankt zwischen Unheimlichem und Tröstendem und wird von Schubert in grandiose Musik gesetzt. Dagegen formuliert Collin in seinem Gedicht ein „memento mori”, das den Trost paradiesischer Verheißung nicht mehr kennt: Hier erscheint die Kehrseite der Todesverherrlichung der Todesmusik und des Schwestergruß: Der „horror vacui”, die Angst vor dem Nichts. Das abschließende „...entschwindet und vergeht”, lapidar und endgültig, ohne Glaube an den Übertritt in ein besseres Jenseits, wird von Schubert so konsequent wie genial musikalisch gestaltet. Eine eigenartige, gleichzeitig lustvolle und schmerzliche Verbindung beider Pole schafft Collins Nacht und Träume (D827). Die Träume, die die Menschen im Schlaf „mit Lust“ belauschen, werden vom Tagesanbruch zerstört, zurück bleibt der sehnliche Wunsch: „Holde Träume, kehret wieder!“ Dahinter scheint die unausgesprochene Frage auf, ob den Menschen denn nichts bleibe als Träumereien. (Eine radikale Antwort gibt Im Dorfe aus der Winterreise: „Ich bin zu Ende mit allen Träumen, was soll ich unter den Schläfern säumen.“) Wie Schubert hier mit sparsamsten kompositorischen Mitteln Entrücktheit und abgrundtiefe Trauer in Eins bringt, ist einzigartig. Diese Thematik berührte ihn in seinem Innersten. Hier war keiner am Werk, der seinen Hobby-Dichter-Freunden mit der Vertonung einen Gefallen tat. Man sprach eine gemeinsame Sprache, seine Freunde in Worten, er in Tönen.

Ein weltanschaulicher Vorläufer der Antipoden Schwestergruß und Wehmut ist Auf einen Kirchhof (D151). Hier wird der Tod beschrieben als ein Naturereignis wie der Untergang der Sonne. Wie diese wird die Seele wieder auferstehen und unsterblich sein. Schubert nähert sich der religiösen Naivität des Gedichts mit historisierenden kompositorischen Mitteln: Der stetige Wechsel zwischen Arioso und Rezitativ und die abschließende Stretta sind so „unzeitgemäß”, wie sie dem positivistischen Erlösungsglauben des Gedichts angemessen sind.

Zwei weitere Liedtexte stammen von Franz von Bruchmann, dessen Biographie - wie viele aus Schuberts Freundeskreis - Unstetigkeit und Zerrissenheit spiegelt: geboren 1798, zuerst kaufmännische, dann juristische Ausbildung, intensive Beschäftigung mit Antike und Philosophie, Loslösung vom Katholizismus, Freundschaft mit Schubert und seinem Kreis, Entfremdung und Zerwürfnis mit diesen, Promotion zum Dr. jur., Heirat, Tod der Frau einige Monate später nach der Geburt eines Sohnes, tiefe innere Krise, Rückkehr zum Katholizismus und Eintritt in den Redemptoristenorden, Priesterweihe, bedeutende Persönlichkeit in diesem Orden, starb er1867 im Kloster Gars am Inn.

Im Haine (D738) ist ein schlichtes Naturidyll, angesichts dessen „ziehn von dannen alle Schmerzen”, und von dem erhofft wird, es möge „aller Qualen Spur“ tilgen. Hier ist sie wieder, die rauhe, unwirtliche Gegenwartszeit - als Hintergrundfolie des Idylls.

Am See (D746) zeigt das Bild des Sees, in dem durch die Reflexionen des Sonnenlichts sich viele Sterne zu spiegeln scheinen, als Gleichnis: Auch die Seele des Menschen, wenn sie „zum See geworden“ ist, wird zur Spiegelfläche himmlischer „Sterne“. Faszinierend ist es, das inhaltlich und musikalisch verwandte Auf dem See nach Goethe gegenüber-zustellen: Die Goethe-Vertonung zeigt kraftvolle Frische, unmittelbare Empfindung, nach kurzer Eintrübung beschwingten Neubeginn; die Bruchmann-Vertonung tiefe Versenkung, ereignislose Betrachtung, unmerklichen musikalischen Übergang vom Bild zum Gleichnis - deutlicher könnten kaum zwei Lieder mit ähnlichem Sujet die Verschiedenartigkeit der Lebenser-fahrung der klassischen und der nachklassischen Generation zeigen.

Leiden der Trennung (D509) nach Heinrich von Collin (Matthäus’ Bruder) verwendet das Bild des Kreislaufs des Wassers, das stets seinen Weg zurück zum Meer, dem Lebensspender und Ort des Friedens, sucht, als Symbol für Trennung und Wiedervereinigung dessen, was zusammen gehört. Geschrieben ist es „in der Wohnung des Herrn von Schober”, der für längere Zeit verreist war.

Oft vermitteln die hier eingespielten Lieder den Eindruck, dass die Vertonung nicht ein Hinzufügen zu bereits Vorhandenem bedeutet, sondern vielmehr ein Zu-Ende-Bringen, ein Zusammenfügen zu einer jetzt erst endgültigen Gestalt. Dass Schubert dabei seine Freunde (die fast alle höchstens semiprofessionelle Schriftsteller, meist Hobby-Dichter mit bürgerlichen Berufen waren) an Genialität weit überragte, tut dem keinen Abbruch. Vielmehr bringt seine Musik gedankliche Qualitäten zum Vorschein, die hinter handwerklicher Ungeschicklichkeit oder sprachlichen Schwülstigkeiten verborgen liegen. Selbst die mit „Romanze“ untertitelte Schauerballade Lieb Minna (D222), die rezitiert heute wahrscheinlich ein Lacherfolg wäre, erhält durch Schuberts Musik einen eigentümlich morbiden Reiz. Die Verserzählung über das vergebliche Warten des Mädchens auf ihren Wilhelm, der in die Schlacht gezogen ist, hat zudem einen eindeutigen zeitgeschichtlichen Hintergrund in den anti-napoleonischen Befreiungskriegen.

Aus Diego Manazares. Ilmerine (D458) thematisiert ebenfalls die wartende Geliebte. Mit seiner geballten musikalischen Kraft macht es Neugier auf eine leider unterbliebene Weitervertonung des Textes aus einem verschollenen Schauspiel Franz von Schlechtas.

Das Namenstagslied (D695) ist eine Gebrauchs-komposition auf ein Gedicht des Freundes Albert Stadler zu Ehren des Vaters der Josefine (‚Pepi‘) von Koller. Diese „sang und spielte Klavier und pflegte bei der Aufführung Schubert’scher Kompositionen den Sopranpart zu übernehmen”, so Heinrich von Kreißle, der 1865 Schuberts erste Biographie veröffentlichte.

Dagegen ist Der Knabe in der Wiege (D579) nach Ottenwald durch sein hohes kompositorisches Niveau der Sphäre der Gebrauchsmusik weit enthoben. Das scheinbar einfache, aber harmonisch diffizil komponierte Wiegenlied mag uns heute vielleicht sentimental und allzu idyllisch erscheinen. Bedenkt man allerdings, dass Schuberts leibliche Mutter 14 Kinder gebar, von denen nur fünf das Erwachsenenalter erreichten - und dieses Verhältnis war die Regel, nicht die Ausnahme - so wird nachvollziehbar, wie das ausgeprägte „Alles ist gut - Alles wird gut”-Gefühl dieser Lieder entstand. Es ist Ausdruck banger Hoffnung, nicht von Gewissheit.

„...mit Kranichen ein strebender Gefährte zu wandern in ein milder Land”, heißt es in einem der stärksten Gedichte Johann Mayrhofers, des bedeutendsten lyrischen Vertreters des Freundeskreises. Mit zunehmender Zementierung der verhassten äußeren Zustände, in etwa um 1820, verlagerte sich das Lebensgefühl von der Rebellion zur Resignation, trat an die Stelle der Auflehnung das allgemeine Leiden am Leben, der individuelle „Weltschmerz“. Die Hoffnung auf eine „bessere Welt“ wurde entweder gänzlich in Frage gestellt oder vom Dies- ins Jenseits verschoben. Von den als unveränderbar erlebten Zeiten wandte man sich in die Ewigkeiten.

Zwischen und nach diesen Extremen aber etablierte sich eine Poesie, die die großen philosophischen Entwürfe und politischen Utopien beiseite ließ, sich auf die Beschreibung der Freuden und Leiden des alltäglichen Lebens beschränkte und kleine, private, unantastbare Inseln des Wohlbehagens entwarf; sie ist das, was wir heute etwas abschätzig als biedermeierlich bezeichnen. Dass sie nicht nur selbstgefällige Behaglichkeit ausbreitete, sondern auch die Qualität des Witzes und der leisen Ironie hervorzubringen wusste, dafür sind die Gedichte Widerschein (D639) und Des Fräuleins Liebeslauschen (D698) des Franz von Schlechta Beleg. Die geistige Verwandtschaft zu Carl Spitzwegs Gemälden ist evident. Tatsächlich wurde Liebeslauschen nach einer Lithographie Ludwig Schnorr von Carolsfelds gedichtet. Auch diese Poesie hat Schubert mit dem hörbar größten Vergnügen komponiert.

Ulrich Eisenlohr


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