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8.557204 - BRITTEN / BERKELEY: Auden Songs
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Benjamin Britten (1913-1976) • Lennox Berkeley (1903-1989)

Benjamin Britten (1913-1976) • Lennox Berkeley (1903-1989)

Liedvertonungen nach W.H. Auden

 

Durch Benjamin Brittens großartige Nachkriegskarriere als Opernkomponist wurden die beachtlichen Leistungen seiner früheren Jahre ein wenig in den Hintergrund gedrängt. Zwischen seinem offiziellen op. 1, der Sinfonietta von 1932, die er als Neunzehnjähriger schrieb, und der 1945 vollendeten Oper Peter Grimes, schuf er eine große Anzahl von Werken in allen Gattungen, von denen viele selbst heute noch viel zu wenig bekannt sind. Darunter befinden sich auch fünf größere Werke nach Texten des englischen Schriftstellers W.H. Auden: die Liederzyklen Our Hunting Fathers (1936) und On This Island (1937), die Ballad of Heroes (1939) für Chor und Orchester, die ‚Operette’ Paul Bunyan (vollendet 1941) und die Hymn to St Cecilia (1942) für Chor. Darüber hinaus vertonte Britten während dieser Zeit eine Reihe anderer Gedichte von Auden, die zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht blieben und die in dieser Aufnahme vorgestellt werden.

 

Britten und Auden begegneten sich erstmals im Juli des Jahres 1935, als beide für den GPO Film Unit arbeiteten, eine Organisation, die pädagogische Dokumentarfilme herstellte. Auden wurde zu einem der wichtigsten Einflüsse im Leben des jungen Komponisten, und obwohl Britten gestand, dass er sich vom brillanten Intellekt des Schriftstellers eingeschüchtert fühlte, entwickelte sich ihre Zusammenarbeit zweifellos zu einer von gegenseitiger Bewunderung geprägten Partnerschaft. Ihre ersten gemeinsamen Arbeiten waren die Filme Coal Face (1935) und Night Mail (1936). Besonders vom Erfolg des letzteren fühlten sich die beiden zu größeren Projekten ermutigt, und 1936 entwarf Auden den Text für eines von Brittens bedeutendsten früheren Werken, das der Komponist als sein eigentliches op. 1 bezeichnete, den Liederzyklus Our Hunting Fathers für Sopran (Tenor) und Orchester. Kurz nach der Uraufführung dieses Werks beim Norfolk und Norwich Festival des Jahres 1936 besorgte sich Britten ein Exemplar eines neuerschienenen Gedichtbandes von W.H. Auden mit dem Titel Look, Stranger!. Zwei der dort veröffentlichten Gedichte, Underneath the abject willow und Night covers up the rigid land, waren ihm gewidmet. Britten vertonte das erste dieser beiden Gedichte im November 1936 als die zweite seiner Two Ballads für zwei Gesangsstimmen und Klavier. Im Mai und Oktober des folgenden Jahres vollendete er acht weitere Vertonungen, von denen er fünf für den Zyklus On This Island op. 11 für Solostimme und Klavier auswählte. Die Uraufführung durch die am Klavier vom Komponisten begleitete Sopranistin Sophie Weiss fand im November 1937 bei einem BBC-Konzert für zeitgenössische Musik statt. Die Partitur erschien im Oktober 1938 bei Boosey & Hawkes. Der ursprüngliche Zusatz ‚vol.1’ lässt vermuten, dass die restlichen drei Vertonungen für ein zweites Heft bestimmt waren, zu dessen Veröffentlichung es jedoch nie kam.

 

On This Island war Brittens erster im Druck erschienener Liederzyklus mit Klavier. Die Werkgruppe ist eher eine Folge in sich abgeschlossener Vignetten als eine quasi-sinfonische Einheit wie etwa Our Hunting Fathers. Die einzelnen Lieder sind auch wesentlich schlichter in ihrer relativ orthodoxen Textvertonung und traditionelleren Harmonisierung. Am bemerkenswertesten ist vielleicht noch das vierte Lied, Nocturne, das mit seiner durchaus gewagten musikalischen Ökonomie am persönlichsten wirkt und bereits die inspirierte Schlichtheit späterer Werke wie Les illuminations und die Michelangelo Sonnets vorwegnimmt.

 

Im Januar 1938 vollendete Britten eine weitere Vertonung eines Gedichts aus Look, Stranger!, Fish in the unruffled lakes, das 1947 in einer Druckausgabe erschien. Zwei weitere Vertonungen, What’s in your mind und eine neue Fassung (für Solostimme) von Underneath the abject willow wurden in den ersten Monaten des Jahres 1940 komponiert, blieben aber Manuskript. Diese Lieder erschienen zusammen mit den bis dahin unveröffentlichten Vertonungen von 1937 schließlich 1997 unter dem Titel Fish in the Unruffled Lakes: Six Settings of W.H. Auden im Verlag Boosey & Hawkes. Underneath the abject willow ist von besonderem Interesse, da der Text Britten gewidmet ist – eine unzweideutige sexuelle Einladung Audens an den jungen Komponisten. Gleichwohl bleibt Brittens Vertonung bemerkenswert unpersönlich und wirkt eher wie ein kalkuliertes Missverständnis. Die beiden Fassungen, die Britten von diesem Lied erstellte, unterscheiden sich vor allem in der Begleitstimme, wobei die spätere Version für Solostimme einfacher und in ihrer Wirkung direkter ist, obwohl man sich in beiden Fassungen eines merkwürdig unbeteiligten Ausdrucks nicht erwehren kann.

 

Die Four Cabaret Songs, komponiert zwischen 1937 und 1939, aber erst 1980 veröffentlicht, enthüllen eine andere, unbeschwertere Seite der künstlerischen Partnerschaft von Britten und Auden. Diese Lieder entstanden für Hedli Anderson, bekannt geworden durch eine Partie in The Ascent of F6 in dem Bühnenstück von Auden und Isherwood, für das Britten 1937 die Musik geschrieben hatte. The Funeral Blues entstand ursprünglich für diese Produktion (gesungen vom Chor und begleitet von zwei Klavieren und Schlagzeug), wurde aber später für Solostimme und Klavier bearbeitet. Tell me the truth about love und Johnny sind eindeutig von damals modischen Schlagern à la Cole Porter beeinflusst, wohingegen die lautmalerischen Eisenbahngeräusche von Calypso bereits auf Midnight on the Great Western aus Brittens Thomas-Hardy-Zyklus Winter Words von 1953 hinweisen. Von ähnlich heiterem Charakter ist das kurze When you’re feeling like expressing your affection, das vermutlich 1935 für einen Werbefilm für Telefonzellen entstand.

 

Brittens Bekanntschaft mit Lennox Berkeley datiert aus der Mitte der 1930er Jahre, als beide eng miteinander befreundet waren und eine Zeitlang zusammen in Brittens Haus in Snape in der Grafschaft Suffolk wohnten. 1937 arbeiteten sie an der Orchestersuite über katalonische Volksmelodien, Mont Juic, zusammen, und 1938 widmete Britten Berkeley sein gerade vollendetes Klavierkonzert. Vermutlich lernte Berkeley durch Britten Audens Gedichte kennen, denn seine ersten Auden-Vertonungen, Night covers up the rigid land und Lay your sleeping head, my love (beide hier eingespielt), datieren aus dieser Zeit. Bei letzterem handelt es sich um ein weiteres Britten gewidmetes Gedicht, das dieser jedoch nie vertonte. (Berkeley folgte Audens Beispiel und dedizierte seine Vertonung ‚B.B.’) Berkeleys Fassung von Night covers up the rigid land ist nachdenklicher und statischer als Brittens; sie greift die Stimmung des Gedichts auf und hält sie fest anstatt sie – wie sein jüngerer Kollege es tat – zu entwickeln.

 

In seinen 1958 entstandenen Five Poems op. 53 griff Berkeley noch einmal auf Texte von W.H. Auden zurück. Interessanterweise waren alle mit Ausnahme des ersten Lieds, Lauds, das Auden 1952 geschrieben hatte, bereits zuvor von Britten vertont worden: Carry her over the water ist Teil des zweiten Akts von Paul Bunyan, wo es als Hochzeitslied für Slim und Tiny gesungen wird. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass Berkeley Brittens Fassung kannte (Paul Bunyan verschwand nach der ersten Aufführungsserie in New York von der Bühne und wurde erst 1974 wieder aufgeführt), sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Vertonungen, z.B. der zusammengesetzte Rhythmus und die dreifache Wiederholung des Wortes ‚agreeably’, frappant. In diesen herrlichen Liedern zeigt sich Berkeley in der gefühlvollen Textbehandlung und der Fähigkeit, Worte und Musik zu einer festgefügten Einheit zu verschmelzen, Benjamin Britten ebenbürtig.

 

Lloyd Moore

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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