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8.557222 - BRITTEN: Folk Song Arrangements, Vol. 2 (English Song, Vol. 13)
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Benjamin Britten (1913–1976)
Folk Song Arrangements • 2

Benjamin Britten nimmt nicht allein innerhalb der englischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts eine konkurrenzlose Stellung ein. Auch sein Platz in der Musikwelt insgesamt ist von größter Bedeutung. War Elgar in gewisser Hinsicht noch Teil der deutschen romantischen Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so vermied Britten es, dem von seinen älteren Landsmännern gepflegten musikalischen Nationalismus oder der insularen Verpflichtung gegenüber der Volksmusik anheim zu fallen, profitierte in einem weiteren europäischen Kontext andererseits jedoch durchaus von dieser Tradition. Sein besonderes Talent bei der Vertonung von Texten und Vokalmusik im allgemeinen erinnert an die Leichtigkeit, die Purcell in diesem Zusammenhang gezeigt hatte, und bildete die Grundlage einer bemerkenswerten Reihe von Opern, die der englischen Oper erstmals auch international Anerkennung brachten. In seiner der Tonalität verpflichteten musikalischen Sprache verstand er es sehr genau, originelle, phantasievolle und dabei vor allem stets musikalische Techniken einzusetzen, die in anderen Händen oftmals nüchtern wirkten. Viel verdankt sein Werk nicht zuletzt auch der Freundschaft und lange währenden Partnerschaft mit dem Tenor Peter Pears, für den Britten viele wichtige Rollen in seinen Opern schuf und dessen vokale Qualitäten und Intelligenz deutliche Spuren im Vokalstil Brittens hinterlassen haben.

Britten wurde 1913 im an der ostenglischen Küste gelegenen Lowestoft geboren und zeigte schon recht früh kompositorisches Talent. Er studierte bei Frank Bridge, noch ehe er sein weniger glückliches Studium am Royal College of Music in London aufnahm. Seine Zusammenarbeit mit dem Dichter W. H. Auden, die in verschiedenen Werken ihren Niederschlag fand, stand zu einem gewissen Teil auch hinter der Amerikareise von Britten und Pears, die 1939 ihren Anfang nahm. Amerika schien künstlerisch bessere Möglichkeiten zu bieten als England, wo sich Britten mit engstirnigen Eifersüchteleien und Hindernissen aller Art konfrontiert sah, in einer Zeit, in der musikalisches Können und Genie nicht selten suspekt schienen. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges tat ein Übriges dazu. Sowohl Britten als auch Pears waren strenge Pazifisten, zugleich aber auch schockiert von den Auswüchsen des Nationalsozialismus und den Leiden, die dieser Krieg nach sich zog. Brittens Sehnsucht nach seinem Heimatland und seinen Wurzeln führte schließlich 1942 zur Rückkehr nach England. Dort blieben Britten und Pears ihrem Pazifismus treu und weigerten sich etwa, ihren Militärdienst formal als Musiker in Uniform abzuleisten. Immerhin gestattete man Ihnen dennoch, auch weiterhin Konzerte zu geben, um andere zu ermutigen, auch wenn diese Auftritte oft unter schwierigen Umständen stattfanden. Die Wiedereröffnung des Sadler’s Wells Theatre mit Brittens Oper Peter Grimes läutete dann eine neue Ära der englischen Oper ein. Es kam zur Gründung der English Opera Group, die sowohl eine Reihe von Kammeropern als auch größer besetzte Werke Brittens zur Aufführung brachte und diesen als Komponisten ersten Ranges etablierte, eine Einschätzung, die mit Brittens Erhebung in den Adelsstand kurz vor seinem Tod eine späte, aber eindrückliche Bestätigung fand, war diese Ehre doch noch keinem englischen Komponisten vor ihm zuteil geworden.

In gewisser Hinsicht steht hinter den vielen Volkslied-Arrangements Brittens so etwas wie Nostalgie. Britten besaß eine besondere Gabe, was das Herausarbeiten der einer Melodie oder einem Text innewohnenden Qualitäten anging, eine Gabe, die er eindrücklich bereits mit seiner Fassung der Beggar’s Opera unter Beweis gestellt hatte. Die erste Sammlung mit Liedern von den britischen Inseln veröffentlichte Britten 1943, wobei sich weitere Sammlungen in den folgenden Jahren anschließen sollten. Die letzte Sammlung solcher Arrangements entstand in Brittens letztem Sommer. Sein Gesundheitszustand hatte sich verschlechtert, und seine Herzoperation von 1973, in deren Verlauf er einen schwachen Infarkt erlitten hatte, verunmöglichte weitere Auftritte als Pianist. So konzentrierte er 1973 all’ seine Kräfte auf die Vollendung seiner letzten Oper, Death in Venice, in der auch die letzte große Partie für Peter Pears angelegt war, nämlich die des Aschenbach. Von Britten ermuntert, bestritt Pears die weiteren Liederabende mit dem Pianisten Murray Perahia, und 1975 komponierte er sein fünftes Canticle, The Death of St Narcissus, für Pears und den Harfenisten Osian Ellis.

Auch die letzten acht Volkslied-Arrangements, für hohe Stimme und Harfe, entstanden für Peter Pears und Osian Ellis. Lord! I married me a wife entstammt dabei den von Cecil Sharp zusammengetragenen English Folk Songs from the Southern Appalachians. Das einfache Stück ist bestimmt von der charakteristischen Klanglichkeit der Harfe, mit der die sich wiederholenden Anfangsworte und die Folgen der Heirat mit den Worten ‚wife’, ‚life’ und ‚work’ durchsetzt werden. She’s like a swallow ist den von Maud Karpeles gesammelten Folk Songs from Newfoundland entnommen und zeichnet sich durch die fließende Begleitung der Harfe aus. Lemady wurde von einem Sänger in Whitby aufgezeichnet und wird anfänglich in der denkbar einfachsten Form begleitet, was dann mit Fortschreiten des Liedes allerdings ausgreifender wird. Das vierte Lied, Bonny at morn, das der Sammlung Northumbrian Minstrelsie entstammt, greift auf typische Kanon-Fragmente zurück. Es schließen sich zwei walisische Volkslieder an: Bugeilio’r Gwenith Gwyn, mit einer aus Arpeggios bestehenden Begleitung, zu dem Osian Ellis mit I was lonely and forlorn eine englische Textversion beigesteuert hat, und Dafydd y Garreg Wen (David of the White Rock), bei dem Britten wiederum kanonische Techniken bemüht. The False Knight upon the road entstammt erneut den von Cecil Sharp gesammelten English Folk Songs from the Southern Appalachians, die – wie im vorangegangenen Falle auch – von Maud Karpeles herausgegeben worden sind. Melodie und Begleitung werden in den sieben Strophen und sich wiederkehrenden Antworten wiederholt. Am Ende der Sammlung steht der lebendige Bird Scarer’s Song, den Cecil Sharp 1904 in Somerset aufgelesen hat, wobei die Harfe in ihrer Begleitung den Text sehr bildlich illustriert.

Brittens unbegleitetes Arrangement von The Holly and the Ivy entstand 1957 für June Gordon und die Haddo House Choral Society. King Herod and the Cock und The Twelve Apostles schrieb Britten 1962 für die London Boy Singers, wobei das erste dramatisch umgesetzt wird, das zweite dagegen durch die phantasievolle Verwendung des Klaviers belebt wird. Auch das unvollendet gebliebene The Bitter Withy schrieb Britten für dieses Ensemble, für Solo-Tenor und Knabenstimmen also, die auch solistisch hervortreten. Die Aufnahme hält sich an die von Britten überlieferte Form, weshalb der Satz in der siebten Strophe abbricht.

Die Sammlung französischer Volkslieder, Brittens zweite, wurde 1946 veröffentlicht und ist Brittens jungen Freunden Arnold und Humphrey Gyde gewidmet, den Kindern der Sängerin Sophie Wyss, die die ersten Aufführungen von Les Illuminations gesungen und gemeinsam mit dem Komponisten 1943 fünf der französischen Volkslied-Arrangements aufgenommen hatte. Diese Arrangements entstanden 1942 in Snape und waren Teil des Lieder-Repertoires von Pears und Britten. Die orchestrierten Lieder beinhalten ein Jagd-Lied – natürlich mit den obligaten Jagdhörnern –, ein Spinn-Lied, Fileuse, das von einer dem Inhalt entsprechenden Begleitfigur geprägt ist, ein pastorales Liebeslied, ein Hirten-Idyll und die traurige Geschichte eines Hirtenjungen, mit einem eingängigen, oft wiederkehrenden Refrain. Von den ursprünglichen acht Liedern wurden lediglich fünf von Britten orchestriert. Sie erklangen erstmals in Chicago mit dem französischen Bariton Martial Singher, dem Schwiegersohn von Fritz Busch, der in dieser Aufführung auch das Chicago Symphony Orchestra leitete. Eine sechste Orchestrierung, La noël passée, entstand vermutlich 1953.

Auch vier der ursprünglich in der ersten Sammlung von 1943 veröffentlichten Lieder wurden von Britten orchestriert, und zwar für ein Konzert von Peter Pears mit dem New London Orchestra unter Alex Sherman im Dezember 1942. Dazu gehören etwa die Fassungen von The Salley Gardens, einem irischen Lied mit einem volksliedartigen Text von W. B. Yeats, wobei eben zwei Orchestrierungen aus dieser Zeit überliefert sind: eine nur mit Streichern und eine mit Streichern, Fagott und Harfe. Das zweite Lied, Little Sir William, ist eine Ballade, deren Text für die Veröffentlichung ein wenig modifiziert wurde, um den traditionellen Antisemitismus des Textes zu vermeiden. Der bitteren schottischen Klage um The Bonny Earl o’Moray schließt sich eine zweite schottische Weise, O can ye sew cushions?, an – ein Wiegenlied, das wahrscheinlich zur gleichen Zeit orchestriert wurde. Das letzte orchestrierte Lied aus der ersten Sammlung von Volkslied-Arrangements ist dann Oliver Cromwell, ein lebhaftes Kinderlied aus Suffolk. Die Orchesterfassungen von The Plough Boy, O Waly, Waly und Come you not from Newcastle aus der dritten Volkslied- Sammlung Brittens entstanden in den 1950er Jahren.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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