| About this Recording 8.557229 - CHARPENTIER, M.-A.: Messe de Minuit pour Noel / Te Deum (Aradia Ensemble, Mallon) |
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Marc-Antoine Charpentier (1643-1704) Messe de Minuit pour Noël • Te Deum • Dixit Dominus Trotz der beherrschenden Rolle, die Jean-Baptiste Lully über
viele Jahre hinweg im Musikleben des französischen Königshofes spielte, genoss
auch Marc-Antoine Charpentier ein denkbar großes Ansehen. Wir wissen nicht
genau zu sagen, wann und wo er geboren wurde, doch erscheint die Annahme
plausibel, dass er um 1643 in Paris das Licht der Welt erblickte. Seinem
römischen Lehrer Carissimi verdankte er die Kenntnisse der verschiedenen
italienischen Stile. Schon bald nach seiner Heimkehr muss er in den Dienst Maries
von Lothringen, der Herzogin von Guise und Cousine des Königs, getreten sein,
die ihn später zu ihrem maître de musique machte. Dieses Amt bekleidete
Charpentier bis zum Tode der Herzogin im Jahre 1688, wobei er als Vertreter des
von Kardinal Mazarin bevorzugten und von Seiner Majestät geförderten
italienischen Stils besondere Gunst erfuhr. Nachdem Molière 1672 seine
Partnerschaft mit Lully aufgekündigt hatte, schrieb Charpentier an der Stelle
seines Konkurrenten die Musik zu Molières letzter Komödie Der eingebildete
Kranke (1673). Auch mit andern Bühnenautoren der Comédie Française arbeitete er
unter den von Lully verhängten Restriktionen zusammen. Zu einem unmittelbaren, wenngleich recht kurzen Kontakt mit
dem Königshof kam es durch die Tätigkeit für den Thronfolger und durch eine
königliche Pension, die ausgeworfen wurde, nachdem Charpentier sich 1683
vergeblich um eine Anstellung als sous-maître der Königlichen Kapelle bemüht
und in der Schlussphase der erforderlichen Ausscheidung einen Rückzieher
gemacht hatte. Er unterrichtete das musikalischste Mitglied der königlichen
Familie – Philippe II. de Bourbon, den ein wenig aus der Art geschlagenen
Neffen Ludwigs XIV. Der König schätzte ihn, Lully fürchtete ihn als
gefährlichen Rivalen; doch seinen eigentlichen Ruhm hatte Charpentier wohl dem
Amt des maître de musique an der Jesuitenkirche St. Louis zu verdanken, zu dem
ihm wahrscheinlich die einflussreiche Mademoiselle de Guise verholfen hatte.
Vermutlich seit 1687 nahm er dieses renommierte Amt an einer Kirche wahr, die
von den Zeitgenossen als die L’église de l’Opéra bezeichnet wurde, weil man
hier die Sänger der Oper beschäftigte. Von 1698 bis zu seinem Tod im Jahre 1704
hatte er als maître de musique der Sainte-Chapelle einen weiteren Posten von beträchtlichem
Einfluss auf das offizielle Musikleben des Landes inne. Charpentier hinterließ einen immensen Katalog an
Kirchenmusik, bestehend aus Messen, Sequenzen, Antiphonen, Tenebrae-Lesungen,
Responsorien, Cantica, Psalmen, Motetten zur Elevation und dramatische
Motetten. Demgegenüber ist die Zahl instrumentaler und weltlicher Kompositionen
kleiner, nicht aber weniger signifikant. Hier findet man Lieder, dramatische
Kantaten und Musik für die Bühne. Viele dieser Werke spiegeln den Einfluss
Italiens, wenngleich das Theater zwangsläufig einen eher französischen Stil
verlangte. Von Charpentiers mindestens sechs Te Deum-Vertonungen sind
vier erhalten. Das Canticum wurde gern benutzt, wenn es große militärische oder
persönliche Triumphe des Königs zu feiern galt. Das Te Deum H146 entstand für
die Jesuitenkirche und wurde auf das Jahr 1692 datiert. Es erlangte im 20.
Jahrhundert eine gewisse Beliebtheit, da das Hauptthema des Vorspiels als
Erkennungsmelodie der Eurovision benutzt wurde, sollte aber eigentlich als
Beispiel für das musikalische Selbstbewusstsein des Komponisten berühmt sein. Das Te Deum ist für vierstimmigen Chor, acht
Gesangssolisten, Trompeten, Flöten, Oboen, Fagotte und Streicher geschrieben.
Dazu kommt ein Satz Pauken, wie man gleich am Anfang hört. Das Autograph
vermerkt den Namen eines Sängers – und zwar des Bassisten Pierre Beaupuis, den
Mademoiselle de Guise beschäftigt hatte und der nach ihrem Tod an der
Jesuitenkirche tätig war. Am Anfang des Werkes steht ein Prélude in
Rondeau-Form, dessen Hauptthema (oder Refrain) zwei Couplets einfasst, in denen
Pauken und Trompeten schweigen. Im ersten Vers begleiten Streicher und Continuo
das Basssolo. Es folgen der vierstimmige Chor (ohne Bassstimme) sowie Passagen
für die Gesangssolisten. Nachdem Pauken und Trompeten zunächst pausierten,
setzen sie zu den Worten Pleni sunt coeli wieder ein. Ein Solotenor intoniert
den Vers Te per orbem terrarum; nacheinander fallen dann haute-contre und Bass
zu einer Orgelcontinuo-Begleitung ein. Im nächsten, mit der Anweisung guay
(fröhlich) überschriebenen Abschnitt ist dann wieder das volle
Instrumentalensemble zu hören: Hier feiert der Chor den Sieg über den Tod (Tu
devicto mortis aculeo). Eine rasche Fanfare verkündet den Tag des Jüngsten
Gerichts, indessen der Bass mit den Worten Judex crederis esse venturus das
Kommen des höchsten Richters beschwört. Te ergo quaesumus wird dann vom dessus
zu Flöten und Continuo gesungen. Mit Ausnahme von Pauken und Trompeten
begleitet das volle Orchester das Aeterna fac cum Sanctis tuis. Flöten,
Streicher und Continuo unterstützen die Solisten bei der Bitte um die Gnade
Gottes (Dignare Domine die isto). Nach einer kurzen, dramatischen Pause
markiert das gesamte Instrumentalensemble den Beginn des optimistischen In de
Domine speravi, in dem noch einmal die Gesangssolisten und der volle
vierstimmige Chor mit seinen weithin homophonen Texturen kontrastierend
aufeinandertreffen. Charpentier hinterließ sechs Versionen des Vesper-Psalms
Dixit Dominus. Die von dem Charpentier-Forscher Wiley Hitchcock als H204
aufgelistete Vertonung ließ sich, ganz anders als die Werke für Mlle. de Guise,
recht leicht datieren – und zwar auf das Jahr 1690. Zur Aufführung des Psalms
werden hier Streicher und Continuo sowie Solisten und ein vierstimmiger Chor
benötigt. Die Komposition beginnt mit einem kurzen, kontrapunktischen Prélude.
Dann präsentieren zwei Gesangssolisten (Tenor und Bass) den ersten Vers, bevor
der Chor einfällt. Die drei Solisten singen dann die Worte Tecum principium,
und wieder schließt sich der homophon gesetzte Chor an. Das Dominus a dextris
tuis des Basses wird durch zwei Soloviolinen energisch vorangetrieben; dann
folgt nach einem Einwurf des Chores das conquassabit capita in terra multorum –
mithin die siegreiche Aussicht auf die Zerschmetterung der Feinde. Nach einem
kontrastreichen Gloria der Soli und des Chores findet das Dixit Dominus ein
energiegeladenes Ende. Die französischen Noëls stellen eine besondere Tradition
volkstümlicher Weihnachtsfeierlichkeiten dar, die sich schon im 16. Jahrhundert
zu einem ganz beträchtlichen Repertoire ausgewachsen hatten. Einige dieser
populären Lieder basierten auf gregorianischen Chorälen, andere machten sich
weltliche Melodien zunutze. Einige dieser musikalischen Materialien verwandte
Charpentier sowohl in seiner (möglicherweise für das Weihnachtsfest 1694 entstandenen
Messe de Minuit (Mitternachtsmesse) sowie in Instrumentaleinrichtungen der
späten 1680er oder frühen 1690er Jahre. Die Messe ist für vierstimmigen Chor, Solisten, Flöten,
Streicher und Continuo geschrieben und enthält die Melodien von zehn Weihnachtsliedern,
die ganz nach der Art der älteren Parodiemessen behandelt werden. Zunächst
erklingt das Lied Joseph est bien marié, das die Grundlage des vierstimmigen
Kyrie bildet. Dieses wird hier mit notes inégales ausgeführt, d.h. mit jenen
unregelmäßigen Notenwerten oder punktierten Rhythmen, die damals üblich waren.
Vor dem Christe eleison der drei Solisten ist die Melodie des Or nous dites
Marie zu hören, und Une jeune pucelle liefert die melodische Basis für das
zweite Kyrie eleison des vierstimmigen Chores. Das Gloria beginnt
konventionell; dann aber wird bei den Worten Laudamus te mit Les bourgeois de
chastre eine weitere Noël-Melodie eingeführt. Die drei Solisten melden sich
erneut im Domine Deus rex coelestis, worauf der Chor mit den Worten Qui tollis
peccata mundi folgt. Das Sopransolo Quoniam tu solus Sanctus beruht auf Ou s’en
vont ces guays bergers. Das feierlich einsetzende Credo bewegt sich zunächst im
traditionellen Stil; der Abschnitt Deum de Deo bedient sich dann allerdings des
Liedes Vous qui désirez sans fin, das die Instrumente in einer lebhaften
Einleitung vorstellen. Nach dem homophon gesetzten Et incarnatus est und der
anschließenden Pause singen die drei Solisten das Crucifixus etiam pro nobis
auf die Weise Voicy le jour solomnel de noël. Der erste Solosopran singt das Et
in Spiritum Sanctum zur Melodie des A la venue de noël. Zum Offertorium spielen
die Instrumente Laissez paître vos bestes. Das Sanctus bedient sich dann des
Liedes O Dieu que n’estois je en vie, während das Benedictus der drei
Männerstimmen recht formell gestaltet ist. Im Agnus Dei verwendet Charpentier
das A minuit fut fait un resveil, und so verleiht er dem gesamten Werk einen
lebendigen Abschluss. Wie Catherine Cessac in ihrer maßgeblichen Arbeit über
Charpentier schrieb, ist diese Messe de Minuit, die verschiedenen späteren
Komponisten als Vorbild diente, „eine vollkommene Synthese zwischen weltlichem
und liturgischem, volkstümlichem und gelehrtem Stil.“ Keith Anderson Deutsche Fassung: Cris Posslac Zur vorliegenden Aufnahme In seiner Messe de Minuit schreibt Charpentier wiederholt
vor, dass der Organist verschiedene der Weihnachtslieder spielen sollte, die
man in den voraufgegangenen Abschnitten hatte hören können. Bei Aradias erster
Charpentier-Produktion (Nöels and Christmas Motets, Naxos 8.554514) waren
etliche dieser Nöels in ausführlichen Orgelsoli zu hören. In der vorliegenden
Aufnahme hingegen werden die originalen Weihnachtslieder gesungen, und zwar in
Arrangements, die der Leiter des Ensembles hergestellt hat. Besonders
interessant ist hier das Lied Une jeune pucelle, das der französische
Jesuitenmissionar Jean de Brébeuf (1593-1649) die Huronen der kanadischen,
damals „neu-französischen“ Georgian Bay um 1642 gelehrt haben soll. Marion
Newman, die selbst von den Ureinwohnern abstammt, singt das Noël in huronischer
Sprache. |
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