About this Recording
8.557232 - CLARINET (THE ART OF THE)
English  German 

Kammermusik für Klarinette

Kammermusik für Klarinette

Beethoven • Brahms • Berg • Mendelssohn

Eine kleine Historie der Klarinette

Die Klarinette ist eines der jüngsten Instrumente der Musikgeschichte.Als ihre Schwestern, die Oboe und die Flöte, bei den Meistern des Barock schon blühende Zeiten erlebten, vollzog sie noch die ersten Entwicklungsschritte zu jenen technischen und klanglichen Standards, die ihr später eine umso glänzendere Karriere gewährleisteten. Rameau und Johann Christian Bach waren die ersten maßgeblichen Komponisten, die Mitte des 18. Jahrhunderts die Klarinette in ihre Partituren einbezogen. In den Wiener Orchestern wurde sie erst 1767 eingeführt. Gluck verwendete sie ab 1774.

Die nachmalige Primadonna aus der Familie der Holzblasinstrumente hat ihre Wurzeln im Nahen Osten, ihre Ursprungsinstrumente waren das altägyptische Arghúl und das arabische Zummarah. Die Urform der Klarinette - sozusagen ihr Homo Neanderthaliensis -war das mittelalterliche Chalumeau, ein primitives zylindrisches Rohr ohne Schalltrichter mit integriertem Mundstück. Der Begriff leitet sich wie "Schalmei" vom griechischen Calamos ("Schilfrohr") her. Das Chalumeau, das noch in Glucks Opern Orfeo und Alceste vorgeschrieben ist, gilt heute als verschollen und ist nur aus Rekonstruktionen geläufig. Doch das tiefe Klarinettenregister wird dem Urahnen zu Ehren nach wie vor "Chalumeau-Register" tituliert.

Um 1690 - also etwa zur Zeit der Geburt Bachs - bahnte der Nürnberger Instrumentenbauer Johann Christoph Denner durch Erweiterungen des Tonumfangs eine bescheidene Entwicklung des Chalumeaus in Richtung Klarinette an. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich das aus dem Chalumeau entwickelte "Clarinetto" durchzusetzen. Wie bei kaum einem anderen Instrument waren es Virtuosen, die sich um die Entwicklung des Instruments und den Aufbau des Repertoires verdient machten. Die Brüder Stadler in Wien zum Beispiel (wegen des von ihnen betriebenen Käsehandels in der Literatur bisweilen zu Unrecht gering geschätzt) bahnten nicht nur technische Verbesserungen an, sondern regten auch Mozart zu den ersten Meisterwerken der Klarinettenliteratur an.

Doch wenn wir das Klarinettenkonzert (Naxos 8.550345) und das Klarinettenquintett in A-Dur (erschienen auf Naxos 8.550390) bewundern, sind wir uns oft nicht bewußt, daß Mozart diese Stücke nie auf der heutigen Höhe klanglicher und technischer Möglichkeiten hören konnte. Dieser Umstand führt nach wie vor zu regen Kontroversen zwischen "Originaltönern" und den Verfechtern des romantischen Orchesterklangs. Das bis in die Zeit Beethovens gebräuchliche "Clarinetto" heißt, aus dem Italienischen übersetzt, mit gutem Grund "kleine Trompete". Der Klang war hart und unbeweglich, so daß etwa Mozart in Così fan tutte zwei Trompeten als Unterstimme zur Klarinette einsetzte: ein Ansinnen, das mit dem heutigen weichen Klarinettenklang nur zu verifizieren ist, indem man die Trompeten wesentlich dämpft. Aber der zweite Satz des Klarinettenkonzerts, mit dem Mozart quasi die musikalische Romantik erfand, ist weder hart noch unbeweglich. Ich meine: Mozart war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus. Was immer er anfaßte, wies in neue ästhetische Dimensionen.Weshalb sollen wir ihn, den Meister des ewigen morgen, auf Instrumenten von vorgestern spielen? So wie Tristan und Isolde zunächst als unaufführbar galt, weil Wagner die Musikgeschichte in seine Standards zwang (und nicht umgekehrt), hatte auch im Falle Mozarts die Zeit die Voraussetzungen zur authentischen Wiedergabe noch nicht bereit.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts bahnte der Klarinettist Iwan Müller die Revolution an: Er kostruierte schon im wesentlichen die moderne Klarinette mit 13 Klappen. Mußte man früher für jede Tonart eine eigens gestimmte Klarinette verwenden, hatte man nunmehr das bewegliche, charakteristische Instrument, das im Orchester seinen gleichberechtigten Platz neben der Oboe und der Flöte einzunehmen begann. Als Kammermusik-Instrument aber wurde sie bald wichtiger als beide mitsammen.

Nach der Wiener Klassik mit Mozart und Beethoven (mehr im Kapitel über das Gassenhauer-Trio op. 11) erlebte die Klarinette, schon in ihrer modernen Form, einen vergleichslosen Aufstieg in der deutschen Hochromantik. Und abermals waren es Virtuosen, die ihr Instrument und den hiefür ausersehenen Meister oft um Quantensprünge weiterbrachten: Richard Mühlfeld (mehr im Kapitel über das Brahms-Trio op. 114) inspirierte Brahms zur letzten Hochblüte seines Lebens. Vater und Sohn Baermann (mehr im Kapitel über die Mendelssohn-Stücke für Klarinette und Bassetthorn) begeisterten Weber und den jungen Mendelssohn.

Die Klarinette blieb auch im 20. Jahrhundert ein Schlüsselinstrument der Moderne: Salome und Elektra von Richard Strauss sind explizite Klarinettenwerke. Alban Berg (mehr im Kapitel über die Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5), Strawinsky und Karlheinz Stockhausen schrieben Essentielles für die ewigjunge Primadonna unter den Holzblasinstrumenten. Dank Benny Goodman, im Nebenerwerb einer der bedeutendsten klassischen Klarinettisten des 20. Jahrhunderts, wurde die Klarinette auch ein zentrales Instrument des Jazz.

Welche Klarinetten gibt es?

Normalklarinetten:

Die B-Klarinette. Das Standardinstrument mit dem Tonumfang klein d bis b 3. Charakter: leuchtend, füllig, glänzend.

Die A-Klarinette. Der B-Klarinette ähnlich, aber milder und transparenter im Klang (klein cis bis a3)

Etwas aus dem Gebrauch ist die C-Klarinette, der ein bäuerlicher, greller Klang nachgesagt wird, die aber von Smetana in der Verkauften Braut und von Richard Strauss im Rosenkavalier zwingend vorgeschrieben ist. Dennoch wird manchmal auf die B-Klarinette ausgewichen (klein e bis c4)

Hohe Klarinetten:

Die kleinen Es und D-Klarinetten, Charakter: witzig, pointierend. In Till Eulenspiegel und Salome von Richard Strauss auftauchend.

Tiefe Klarinetten:

Die Baßklarinette,von Bedeutung bei Wagner, Liszt, Richard Strauss, Tschaikowsky oder Schostakowitsch zur Illustration des Unheimlichen, Gefährlichen.

Das Bassetthorn. Dieses rar gewordene Instrument mit der geheimnisvoll-schweren, dunklen Farbe wurde Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland erfunden. Sein Tonumfang reicht von F bis C 3. Mit einem Horn hat es naturgemäß nichts zu tun - die gleichnamige Instrumentenbauerfamilie dürfte für die Bezeichnung verantwortlich sein.

Mit seiner Gesamtlänge von mehr als einem Meter muß es abgestützt gespielt werden. Es war in der Klassik (Zauberflöte, Requiem von Mozart) bedeutender als in der Romantik, wo man es durch die im Klang kräftigere Alt-Klarinettezu ersetzen begann. Richard Strauss setzte das Bassetthorn wieder in Elektra und Capriccio ein.

Zur Familie gehören auch die außerordentlich seltene

Kontrabaßklarinette und das Saxophon.

Wie funktioniert eine Klarinette?

Der auch gegenüber den anderen Holz-blasinstrumenten beträchtliche Tonumfang erklärt sich daraus, daß die Klarinette beim Überblasen (also bei starkem Luftstrom) nicht acht, sondern zwölf Töne überspringt. Das Rohr einer modernen Normalklarinette hat inklusive des Schalltrichters und des Mundstücks eine Gesamtlänge von 67 cm (B-Klarinette) bzw. 71 cm (A-Klarinette). Es besteht im wesentlichen aus Grenadillholz. Das Mundstück wird heute meistens aus Kautschuk oder einem Kunststoffprodukt gefertigt.

Die Klarinette setzt sich aus fünf Teilen zusammen:

1. Das Mundstück. Das auf ihm aufliegende Rohrblatt wird aus dem am Mittelmeer heimischen Rohrgras Arundo donax L. hergestellt .

2. Die Birne ist ein kurzes, erweitertes Rohr unter dem Mundstück. Durch Einsatz verschieden langer Birnen kann die Stimmung des Instruments korrigiert werden.

3. Das Linke-Hand oder obere Stück ist, ebenso wie

4. das Rechte-Hand oder untere Stück zylindrisch. Das unterscheidet die Klarinette von den anderen Holzblasinstrumenten, die konkav angelegt sind.

5. Der Schalltrichter oder Schallbecher leitet die Klänge nach außen.

Der Charakter der Klarinette

Daß uns die Klarinette berührt wie eine beseelte menschliche Stimme, hat zunächst unsentimentale physikalische Gründe. Da sie, anders als die anderen Holzblasinstrumente, zylindrisch und nicht konkav angelegt ist, werden die geradzahligen Obertöne praktisch hinweggefiltert. Akustiker erklären damit die besondere Reinheit des Klarinettenklangs. Auch befindet sich auf dem Mundstück nur ein Rohrblatt und nicht — wie etwa bei der Oboe — zwei, deren Aneinanderschlagen den charakteristischen schnarrenden Ton verursacht. Das Einzelrohrblatt hingegen vibriert schnell und frei schwingend. Der Klang wird von den Lippen und der Mundhöhle des Spielers geformt. So ist seine weiche und ruhige Entfaltung gewährleistet.

Die Klarinette ist ausdrucksfähig wie kein anderes Blasinstrument. Man kann mit ihr weinen, lachen, poltern, verführen und singen. Ihr Tonumfang ist groß, und man kann mit dieser Fülle an Tönen ungewöhnlich

viel tun, denn sie erreicht in jeder Lage das hauchzarte Pianissimo wie das Fortissimo. Das Horn hätte ähnliche Möglichkeiten, ist aber weniger formbar und im Ansatz gefährdet. Die Klarinette hingegen ist nicht so schwer erlernbar und setzt dem Spieler keine unüberwindlichen technischen Schwierigkeiten entgegen. Er kann sich also ganz auf ihre Ausdrucksfähigkeit und ihre fast unendlich vielen Farben konzentrieren, die von lyrischer Beseeltheit bis zur Hochdramatik reichen. Um einer Violine leidliche Töne entlocken zu können, sind mindestens sieben Jahre Grundschulung vonnöten. Wenn man hingegen mit der Klarinette vier bis sechs Jahre lang ordentlichen Umgang pflegt, hat man sie ganz gut im Griff.

Ihre Aufgaben waren seit jeher umfassend: Sie ist ein wichtiges Instrument der Militärmusik, sie prägte die böhmische und die jüdische Volksmusik. Sie bestimmte Mozarts Reifejahre, und sie erreichte ihre Hochblüte in der Romantik, deren Emotionalität und Suggestivität sie besonders entgegenkam.

Die Emotionalität ist auch den Klarinetten-Soli in der Oper gemeinsam. Nie verkörpern sie das Keusche, Edle und Hehre. Ihr Feld ist der Gefühlsausbruch bis zur instrumentalen Erotik. Die Klarinette beweint die Liebespein des Jägerburschen Max im Freischütz und der Violetta Valéry in La Traviata. Die Klarinette begleitet Cavaradossi in Tosca auf dem Weg zur Erschießung und Alvaro in Verdis Macht des Schicksals zur Erkenntnis, daß sein Leben in Trümmern liegt.

Die CD: Werke von Beethoven, Brahms, Mendelssohn und Alban Berg.

Ludwig van Beethoven, Trio B-Dur op. 11, "Gassenhauertrio" für Klavier, Klarinette und Violoncello

Beethoven war kein angenehmer Zeit- und Zunftgenosse. Gegen mediokre Zeitgeister und ihre heute im Dunkel des kulturhistorischen Kuriositätenfundus versunkenen Eintagssensationen hatte er ein teuflisches Mittel bereit: Er demütigte sie, indem er sie variierte. Als der mächtige Verleger Diabelli die musikalische Elite seiner Zeit zu Klaviervariationen über ein von ihm geschaffenes Thema nötigte, zogen sich 50 Tonsetzer, unter ihnen Schubert und der elfjährige Liszt, mit minutenlangen Pflichtbeiträgen aus der Affäre. Beethoven aber, der das

Thema verachtete, widmete ihm das gewaltigste Variationenwerk seit Bachs "Goldbergvariationen". Auch über das Terzett für drei Bassbuffostimmen "Pria ch´io l´impegno" aus der Komischen Oper Der Korsar oder Die Liebe unter Seeleuten von Joseph Weigl soll sich Beethoven mit Häme geäußert haben. Auf welchem Weg das zu seiner Zeit unvorstellbar populäre und häufig variierte Stück in das Trio B-Dur op. 11 des 27jährigen Beethoven geriet, muß Gegenstand von Spekulationen bleiben. Tatsache ist: Beethoven hat das Thema dem dritten Satz - Tema con variazioni. Allegretto - zugrunde gelegt. Diesem Umstand ist auch der gebräuchliche Name "Gassenhauertrio" zuzuschreiben.

Mozart hatte im "Kegelstatt-Trio" (Es-Dur, KV 498 für Klavier, Klarinette und Viola, Naxos 8.550493) den demokratischen Weg auch für die künftige Kammermusik mit Bläserbeteiligung vorgegeben: drei gleichberechtigte Partner treten in ein Gespräch ein. Beethoven erfand dann mit dem "Gassenhauertrio" ein nachmals erfolgreiches Genre, das Klaviertrio mit Klarinette und Cello. Die Besetzung dürfte - wie oft in der Klarinettenliteratur - auf die Begegnung des Komponisten mit einem Virtuosen zurückzuführen sein: Joseph Beer (nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Star-Klarinettisten seiner Zeit)wirkte in der Fürstlich Liechtensteinischen Hofkapelle in Wien.

Daß das Werk heute fast nur noch in der -möglicherweise vom Verleger Mollo hergestellten - Fassung für Klavier, Violine und Cello gespielt wird, ist ein Fehler, dem mit der vorliegenden Aufnahme begegnet werden soll: Was nämlich in der Violinfassung banal und den Möglichkeiten des Instruments nicht angemessen erscheinen könnte, erweist sich in der Klarinettenfassung als überzeugendes und richtungweisendes Stück Genre-Geschichte.

So ist der erste Satz - Allegro con brio - ein mit den Hörgewohnheiten der Zeit spielendes und sie auf virtuose Art irritierendes Meisterstückchen. Das folgende Adagio con espressivo, umso schlichter in dreiteiliger Liedform gehalten, führt in seiner emotionellen Tiefe weit in die romantische Gefühls- und Gedankenwelt. Der Clou aber ist der schon erwähnte dritte Satz, in dem Beethoven mit unermeßlicher Phantasie, klirrender Ironie, aggressivem Witz und zuletzt offenem Hohn über Weigls banales Thema herfällt.

Diese Aufnahme soll also einem seit mehr als 200 Jahren ungebrochen populären, aber von der Musikwissenschaft nicht immer gebührend rezipierten Werk Ehre widerfahren lassen.

 

Johannes Brahms: Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello a-moll op. 114

Brahms hatte mit dem Komponieren schon abgeschlossen, als er Anfang 1891, sechs Jahre vor seinem Tod, ins Herzogtum Meiningen reiste, um der Uraufführung der Tragödie Oenone seines Freundes Joseph Viktor Widmann beizuwohnen. Das bläßliche klassizistische Stück von der Liebe einer Nymphe zum armen Paris ist vergessen. Doch in Meiningen widerfuhr Brahms die letzte entscheidende Begegnung seines Lebens: Richard Mühlfeld, Klarinettist des von Hans von Bülow geleiteten Hoforchesters, interpretierte Mozarts Klarinettenquintett und weihte Brahms per Colloqium in die Geheimnisse des damals schon weit entwickelten Instruments ein. Brahms hatte seine letzte Lebensfreundschaft gefunden.

Eine (krisenreich mit Clara Schumann zugebrachte) Woche später war er wieder in Österreich. Über Wien reiste er nach Bad Ischl, wo vier der letzten Meisterwerke seines Lebens entstanden: das Klarinettentrio a-moll op. 114, das Klarinettenquintett h-moll op. 115 und die Klarinettensonaten op. 120 in f-moll und Es-Dur.

So bezeichnet das Klarinettentrio in der von Beethoven vorgegebenen Besetzung Klavier, Klarinette und Cello den Beginn der letzten Schaffensperiode Brahms’ (der um der leichteren Verbreitbarkeit willen auch eine Bratschenfassung herstellte). In der kaiserlichen Operettenmetropole Bad Ischl entstand ein ungemein österreichisches Werk: voll spätherbstlicher Wehmut und Zärtlichkeit, mit einem Schubertischen Lächeln unter Tränen.

Die Klarinette und das Cello sind die beseeltesten und der menschlichen Stimme nächsten Instrumente. Elegisch, kantabel, kunstvoll und doch ganz und gar unspektakulär, vereinen sie sich im Trio auf wundersam sanfte und organische Weise mit dem Klavier. Drei gleichberechtigte Instrumente scheinen, wie schon zu Brahms’ Zeiten festgestellt, eine Liebesbeziehung eingegangen zu sein.

Uraufgeführt wurde das Trio in Meiningen von Brahms, Mühlfeld und Robert Hausmann, dem Cellisten des Joachim-Quartetts. An der Wiener Erstaufführung versagte sogar der Brahms-Apologet Eduard Hanslick, der im Trio "mehr das Werk tonkünstlerischer Kombination als des freudigen Schaffens" zu erspähen meinte. Es war nicht das einzige Fehlurteil des Wagner- und Bruckner-Quälers.

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Konzertstücke F-Dur op. 113 und d-moll op. 114 für Klarinette, Bassetthorn und Klavier

Um die beiden Werke rankt sich vor allem eine alberne Anekdote, die gleichwohl belegt, daß auch Mendelssohn dem Schicksal aller großen Komponisten im Umgang mit der Klarinette nicht entging: Wie Mozart von Stadler und Brahms von Mühlfeld empfing auch er die Anregung durch einen Virtuosen seines Fachs. Heinrich Baermann, Freund und vielfacher Widmungsträger Carl Maria von Webers, ereilte dessen

dreiundzwanzigjährigen Bewunderer Mendelssohn 1832 in Berlin. In Baermanns Begleitung befand sich sein Sohn Carl, ein Virtuose auf dem damals schon aus dem Gebrauch geratenden Bassetthorn. Die Baermanns

waren auch für ihre Kochkunst berühmt: Selbst das sächsische Königshaus delektierte sich an ihren Dampfnudeln - einer in Weinsauce gereichten gebackenen Spezialität aus Mehl, Hefe, Zucker, Butter und Ei - und ihrem Rahmstrudel. Das zweite Konzertstück entstand im Austausch gegen diese Delikatessen. Während die Baermanns in der Küche werkten, vollendete Mendelssohn nebenan das Werk.

Die beiden je dreiteiligen Stücke erinnern in ihrem stark opernhaften, virtuosen Brio an Rossini (von dem immerhin selbst die frühen Sinfonien Schuberts inspiriert scheinen). Bisweilen klingen sie wie Terzette für Sopran, Tenor und Baßbuffo. Mendelssohn schätzte sie sehr und orchestrierte später den Klavierpart.

Lassen wir ihn die beiden Stücke in ihrer harmlosen, positiven Virtuosität selbst analysieren. Mendelssohn zu den Baermanns über Opus 113: "Die Schlacht bei Prag. Ein grosses Duett für Dampfnudel oder Rahmstrudel, Clarinet und Bassetthorn, componirt u. demütig dedicirt an Bärmann sen. und Bärmann jun." Und zu op. 114, für das Mendelssohn ein Werk Baermanns variierte: "Beim ersten Stück dem Dein Thema zugrund liegt, dachte ich mir in meiner Phantasie Hrn. Stern, wenn Ihr ihm alles Geld im Whist abgenommen hattet und er nun in Wuth gerieth. Beim Adagio wollte ich Dir eine Erinnerung an das letzte diner mitgeben, wo ich es componiren mußte, die Clarinet malt meine Sehnsuchtsgefühle, während die Bewegung des Bassetthornes mein Bauchknurren dabei vorstellt. Das letzte Stück ist kalt gehalten, weil Ihr nach Rußland reist, wo die Temperatür ebenso sein soll."

Alban Berg: Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5

Revolutionär, genial, auf kompromißlos neuem Weg: das sind die Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5, die Alban Berg 1913 im Alter von 28 Jahren schrieb. Berg widmete sie seinem Lehrer Arnold Schönberg, der - wie Anton von Webern, der große Dritte der Wiener Schule - äußerste Verknappung zu "expressionistischen Moments musicaux" (so der bedeutende Kulturtheoretiker Theodor W. Adorno) anstrebte. Bevorzugte Berg, im Grunde ein wahrer Spätromantiker aus der Wiener Tradition, in seinen späteren Werken tonale Einsprengsel, so sind die je dreiteilig angelegten Klarinettenstücke streng atonal. In sich bilden sie eine Sonate: eine Art Allegro das erste, ein Adagio das zweite, ein Scherzo das dritte. Das vierte allerdings entzieht sich jeder derartigen Analogie.

Schönberg nahm das ihm zugedachte Werk unfreundlich auf, und Berg begab sich auf seinen eigenen, großen Weg der Spätromantik, der sein Werk heute in einen großen Traditions- und Interpretationsstrang mit dem Beethovens oder Brahms´ - und damit auch in die Kernkompetenz der Wiener Philharmoniker - rückt. Ihren Klang hatten alle diese Meister im Ohr. Der Kreis schließt sich. Wir legen unseren Hörern ein Stück des zeitenüberdauernden und gegen alle Moden resistenten Wiener Klangs an die Herzen.

Peter Schmidl

Peter Schmidl (Klarinette)

Geboren in Olmütz (heute: Tschechische Republik). Nach der Matura Studium an der Hochschule für Musik (heute: Musikuniversität) in Wien bei Rudolf Jettel. Diplomprüfung mit Auszeichnung. 1965 ins Orchester der Wiener Philharmoniker engagiert, deren Soloklarinettist und Geschäftsführer er heute ist. Als Solist Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern, dem MDR Orchester Leipzig, dem Mozarteum Orchester Salzburg, dem New Philharmonia Orchestra Tokyo, etc. unter den Dirigenten Leonard Bernstein, Sir André Previn, Karl Böhm, James Levine, Riccardo Muti, Seiji Ozawa, Nikolaus Harnoncourt, Christoph Eschenbach u.a. Seit 1967 Professor an der Wiener Musikuniversität. Meisterkurse in Europa und Japan. Peter Schmidl hat fast das gesamte Klarinettenrepertoire auf Tonträger eingespielt. Wichtige Veröffentlichungen: Mozarts Klarinettenkonzert unter Leonard Bernstein (auch als Bildplatte). Jazzaufnahmen mit "Prelude, Fuge and Riffs" von Bernstein. Mozart, Sinfonia concertante für Bläser unter Karl Böhm. Kammermusik von Mozart, Beethoven, Brahms, Weber, Schönberg, Danzi, Ibert und Hindemith u. a mit Andras Schiff, Edita Gruberova, Cecilia Bartoli etc.

Madoka Inui (Klavier)

Geboren in Kobe, Japan. Erste Klavierstudien in Tokyo. 1990 Übersiedlung nach Wien. Studium am Konservatorium der Stadt Wien bei den Professoren Dianko Iliew und Roland Batik. Diplomprüfung mit einstimmiger Auszeichnung. Erster Preis beim internationalen Klavierwettbewerb "Città di Stresa", Italien. Solistische Tätigkeit in Österreich, Japan und Spanien. Seit 1997 intensive Kammermusiktätigkeit u. a. mit den Wiener Philharmonikern Franz Bartolomey, Clemens Hellsberg, Peter Schmidl und Volkhard Steude. Produktionen für den Österreichischen Rundfunk. Konzerte, Galas und Gesprächskonzerte u. a. mit Luc Bondy, Gérard Mortier, Gert Voss, Ioan Holender, Peter Ruzicka, Neil Shicoff, Thomas Hampson, Ferruccio Furlanetto, Giuseppe Taddei, Samuel Ramey und Leo Nucci. Matineen und Soireen u. a. mit Salman Rushdie, Umberto Eco, Antonio Lobo Antunes und Donna Leon. CD mit dem philharmonischen Solocellisten Franz Bartolomey: Werke für Cello und Klavier von Johannes Brahms, Johann Strauß und Richard Strauss.

www.madokamusic.com

Teodora Miteva (Violoncello)

Geboren in Russe (Bulgarien). Ab dem 4. Lebensjahr Violinunterricht bei der Mutter. Studium bei Valentin Erben (Alban Berg Quartett) an der Wiener Musikuniversität. 1. Diplomprüfung Magna cum laude. Meisterkurse bei Svetoslav Popow, Tobias Kühne, Harvey Shapiro, Arto Noras, Miklos Pereny, David Geringas, Mstislaw Rostropowitsch. Solokonzerte in Bulgarien, bei den Wiener Festwochen, in der Hong Kong City Hall, beim Aaron Copland Festival u. a. Konzerte in Griechenland, Österreich, der Schweiz, Hong Kong, Spanien und Bulgarien. Wettbewerbssiege. Alban-Berg- und Herbert-von-Karajan-Centrum-Stipendiatin.

Pierre Pichler (Bassetthorn)

Geboren in Bruck an der Mur (Österreich). Studium am Konservatorium Graz. 1. Preis beim Wettbewerb "Jugend musiziert". Universitätsstudium bei Peter Schmidl. Diplomprüfungen mit ausgezeichnetem Erfolg. Meisterkurs bei Alfred Prinz. Solokonzerte an der Ohio State University und an der Indiana University Bloomington. Regelmäßige Substitut-entätigkeit bei den Wiener Philharmonikern und an der Wiener Staatsoper. Konzertreisen unter Sir Simon Rattle, Seiji Ozawa, Zubin Mehta, Mariss Jansons, Ricardo Muti, Nikolaus Harnoncourt und Pierre Boulez. Spielte außerdem u. a. bei den Wiener Symphonikern, dem RSO-Wien, bei den Wiener Virtuosen und beim Mahler Chamber Orchestra.


Close the window