About this Recording
8.557242 - DELIUS: Violin Concerto (Tintner Edition 10)
English  French  German 

TINTNER-GEDENKEDITION FOLGE 10

TINTNER-GEDENKEDITION             FOLGE 10

 

Frederick (eigtl. Fritz Theodor Albert) Delius wurde als Sohn deutscher Eltern im englischen Bradford geboren, wo sein Vater einen Wollhandel betrieb. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens im Ausland, vor allem in Frankreich, Skandinavien und Amerika, und kosmopolitisch ist auch seine Musik. Trotz heftigen Widerstands von Seiten der Eltern setzte Delius seinen Wunsch durch, Musik zu studieren, nachdem er mit anderen Tätigkeiten, u.a. sogar als Orangenpflanzer in Florida (wo er auf musikalischem Gebiet jedoch starke Anregungen durch Negro-Spirituals erhielt, die sich in seinem ersten veröffentlichten Werk, Florida Suite, niederschlugen), kläglich gescheitert war. Auf Fürsprache von Edvard Grieg ließ Delius’ Vater ihn in Leipzig ein Kompositionsstudium aufnehmen. Sein frühes Werk Schlittenfahrt sollte bei einem der von Grieg veranstalteten Privatfeiern uraufgeführt werden, wozu es jedoch wegen übermäßigem Alkoholgenuss nicht kam. Maestro Tintner über dieses Stück: „Man würde nie glauben, dass es von Delius stammt, außer vielleicht in den letzten Takten. Es ist ein hübsches Stück, und es ist interessant zu sehen, wie ein Großer einmal klein angefangen hat.“

 

Von Leipzig ging Delius nach Paris, wo er ein ausschweifendes Leben führte. Hier entstanden seine ersten bedeutenden Kompositionen, u.a. die Oper Irmelin, die erst 1953 uraufgeführt wurde, neunzehn Jahre nach Delius’ Tod. Das Irmelin-Vorspiel, das einzige, was heute noch an diese Oper erinnert, ist ein 1931 von Delius’ Amanuensis Eric Fenby zusammen-gestelltes Konzertstück.

 

1897 vollendete Delius seine dritte Oper, Koanga. Mit ihrer Handlung über die kreolische Gesellschaft in Louisiana ist sie die erste Oper mit einem afro-amerikanischen Sujet. Der Tanz La Calinda, der bereits in einer früheren Fassung in der Florida-Suite begegnete, ist eines der bekanntesten und schönsten Stücke des Komponisten. Zwischen 1899 und 1901 schrieb er seine der Form nach mit Debussys Pelléas et Mélisande vergleichbare (und zeitgleich mit ihr entstandene) Oper A Village Romeo and Juliet (orig. dt. Titel Romeo und Julia auf dem Dorfe), von der Thomas Beecham 1953 sagte, sie sei „das einheit-lichste musikalische Bühnenwerk dieser Art seit sechzig Jahren“. Die Oper besteht aus einer Reihe von Bildern, die durch Zwischenspiele miteinander verbundenen sind; eines dieser Interludien trägt den Titel The Walk to the Paradise Garden.

 

Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1901 zog Delius nach Grez-sur-Loing in das Haus der Künstlerin Jelka Rosen, die er 1896 kennen gelernt hatte. Sie heirateten 1903. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit in England verbrachte Delius dort den Rest seines Lebens.

 

Seine letzte Oper, Fennimore and Gerda, nach Jens Peter Jakobsens Buch Niels Lhyne, komponierte Delius 1908-1910. Sie ist wie auch seine anderen Opern heute in Vergessenheit geraten, nur das aus zwei Zwischenspielen zusammengestellte Intermezzo wird noch regelmäßig aufgeführt. Delius’ bekannteste Werke, Summer Night on the River und On Hearing the First Cuckoo in Spring, entstanden 1911 bzw. 1912. Sie zeigen den Miniaturisten Delius von seiner schönsten Seite. Als Naturschilderungen sind sie unübertroffen.

 

Das Violinkonzert, ein einsätziges rhapsodisches Stück, folgte 1916. Inspiriert wurde Delius zu dieser Komposition von Brahms’ Doppelkonzert. Er widmete es Albert Sammons, der es 1919 (mit dem von Adrian Boult dirigierten Royal Philharmonic Orchestra) aus der Taufe hob. Obwohl es ein herrlicher Monolog für Violine ist (Delius war selbst ein guter Geiger), hat sich das Werk nie einen Platz im Standardrepertoire erobern können, vielleicht weil es alles andere als ein Virtuosenstück ist, das außerdem noch höchst publikumsunwirksam im Pianissimo endet. Gleichwohl ist es ein anspruchsvolles Werk für den Solisten, dem im musikalischen Verlauf kaum eine Pause gegönnt wird. Georg Tintner: „[Anders als bei einem ‚normalen’ Konzert] handelt es sich nicht um eine Gegenüberstellung von Solist und Orchester, sondern um eine wundervolle, aus dem Augenblick heraus entstandene Improvisation. Natürlich ist alles genau kalkuliert, es darf nur nicht so klingen.“

 

1912 hatten sich bei Delius erste Symptome einer Syphilis-Erkrankung bemerkbar gemacht. 1921 kam es dann zu einer Lähmung beider Hände und 1925 zur Erblindung. Dennoch setzte er, unterstützt durch seinen Sekretär Eric Fenby, seine kompositorische Tätigkeit fort. Die späten Werke, die er Fenby diktierte und die häufig auf älterem Material aufbauen, bedeuteten jedoch keinen schöpferischen Fortschritt. Nach schwerem Leiden starb Delius am 10. Juni 1934.

 

Obwohl Frederick Delius heute als englischer Komponist gilt, war seine Musik zu seinen Lebzeiten in Deutschland ungleich beliebter. Auch Komponisten wie Kodály und Bartók, deren eigene Musik kaum unterschiedlicher sein könnte, schätzten seine Arbeiten. Heute ist Delius’ Musik aus der Mode gekommen – der moderne Zeitgeschmack bevorzugt keine Werke, die nie vulgär, nie grell sind. Für diejenigen Musikliebhaber jedoch, die ein Ohr für diese sanfte, subtile Musik haben, bleibt Delius ein Meister.

 

 

Georg Tintner

 

Georg Tintner wurde 1917 in Wien geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von sechs Jahren, und kurz darauf begann er bereits zu komponieren. Zwischen seinem neunten und dreizehnten Lebensjahr war er Mitglied der Wiener Sängerknaben, die er auch bei Aufführungen seiner eigenen Stücke leitete. Als Dreizehnjähriger begann er ein Studium an der Wiener Musikakademie, wo er bei Josef Marx Komposition und bei Felix Weingartner Dirigieren studierte. 1936 studierte er als Achtzehnjähriger die Wiener Sängernknaben für eine von Bruno Walter geleitete Aufführung von Mahlers Achter Sinfonie ein. Seine Kompositionen wurden in Konzerten und im Österreichischen Rundfunk gespielt, und im Alter von neunzehn Jahren erhielt er an der Wiener Volksoper ein Engagement als musikalischer Assistent.

 

1938 flüchtete er vor den Nationalsozialisten und verbrachte ein Jahr in England, bevor er nach Neuseeland emigrierte. Dort leitete er in den ersten Jahren eine Geflügelfarm – und war fortan strenger Vegetarier! –, bevor er 1947 Musikdirektor der Auckland String Players und der Auckland Choral Society wurde. Er war ein überzeugter Sozialist und Pazifist und fuhr Fahrrad als „Ausdruck äußerster Harmlosigkeit“.

 

1954 ging er nach Australien als Ständiger Dirigent der National Opera und später der Elizabethan Opera. In den darauffolgenden Jahren unternahm er Tourneen durch Australien und wirkte bei den ersten Opernproduktionen des australischen Rundfunks mit. 1964 war er Musikdirektor der New Zealand Opera, und von 1966-67 übernahm er in Südafrika die musikalische Leitung des Cape Town Municipal Orchestra. Obwohl ihm dort ein langjähriger Vertrag angeboten wurde, verließ Tintner das Land aus politischen Gründen und ging nach England, wo er drei Jahre lang der Londoner Sadler’s Wells Opera (der heutigen English National Opera) angehörte, und wo er als Gastdirigent mit den London Mozart Players, dem Bournemouth Symphony Orchestra und für die BBC mit dem Northern Sinfonia und dem London Symphony Orchestra arbeitete.

 

1970 kehrte er als Musikdirektor der West Australian Opera Company nach Australien zurück. 1971 verpflichtete ihn das National Youth Orchestra of Canada als Musikdirektor – eine Zusammenarbeit, die so erfolgreich war, dass sie zu sieben weiteren Einladungen führte. Tintner arbeitete besonders gern mit jungen Musikern zusammen und dirigierte und trat häufig mit Jugendorchestern verschiedener Länder auf. 1974 wurden mehrere seiner Vorlesungen von englischsprachigen Rundfunkanstalten gesendet. Wie diese Edition dokumentiert, war er auch bekannt für seine Werkeinführungen.

 

Tintners Repertoire umfasste 56 Opern, von denen er zwei Drittel auswendig dirigierte. 1974-76 war er Senior Resident Conductor der Australian Opera. Während dieser Zeit leitete er u.a. die legendären Fidelio-Aufführungen, die zum Symbol seines eigenen, ein Leben lang praktizierten Humanismus wurden. Ab 1976 wirkte Tintner als Musikdirektor des Queensland Philharmonic Orchestra, bevor er 1987 dieselbe Position beim Symphony Nova Scotia übernahm. Er trat am Pult aller australischen und neuseeländischen Orchester und Opernhäuser auf, später auch mit bedeutenden kanadischen Klangkörpern wie den Sinfonieorchestern von Montreal und Toronto. In den USA ging er er mit den Musikern des Canadian Brass auf Tournee und leitete Aufführungen am Michigan Opera Theatre.

 

Neben seiner Konzerttätigkeit machte er zahlreiche Schallplattenaufnahmen, darunter auch die in dieser Edition vorgestellten, für die Canadian Broadcasting Corporation (CBC) entstandenen Einspielungen. Die in seinen zwei letzten Lebensjahren für Naxos produzierten Aufnahmen sämtlicher Bruckner-Sinfonien brachten ihm weltweite Anerkennung.

 

Georg Tintner wurde in vier Ländern offiziell geehrt. Er erhielt mehrere Ehrendoktorate und ist Träger des österreichischen Ehrenzeichens sowie des kanadischen Verdienstordens.

 

Er starb im Oktober 1999 in Halifax in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

 

 

Symphony Nova Scotia

 

Symphony Nova Scotia (SNS) ist das einzige Berufsorchester Kanadas östlich von Quebec City. Das 1983 gegründete und aus 37 Musikern bestehende Ensemble erhielt den Auftrag, „die Lebensqualität der Bürger von Nova Scotia zu erhöhen”. Das Orchester sieht es als seine Aufgabe an, in seinen Live-Konzerten den Einwohnern von Nova Scotia klassische Musikerlebnisse zu vermitteln. Darüber hinaus ist hat es sich durch zahlreiche von der CBC übertragene Konzerte in ganz Kanada einen Namen gemacht. Das Orchester hat an Theater- und Tanzaufführungen mitgewirkt und kürzlich einen eigenen Chor, den Symphony Nova Scotia Chorus, gegründet.

 

Durch die in dieser Serie vorgenommene Aufstellung der zweiten Violinen rechts vom Dirigenten wird der von den Komponisten erwartete antiphonale Effekt zwischen ersten und zweiten Violinen erzielt.


Close the window