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8.557253 - PENDERECKI: Violin Sonatas Nos. 1 and 2
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Krzysztof Penderecki (geb

Krzysztof Penderecki (geb. 1933)

Violinsonaten Nr. 1 und Nr. 2

 

In Krzysztof Pendereckis kompositorischem Schaffen tritt die Kammermusik nur phasenweise in Erscheinung. Während seiner Studienzeit schrieb der vorzügliche Geiger etliche Werke für kleine Besetzungen – bis hin zum ersten Streichquartett des Jahres 1960. Mit Ausnahme des zweiten Streichquartetts von 1969 lag dann der Schwerpunkt ganz eindeutig auf Opern sowie auf Chor- und Orchesterwerken. Die Kammermusik beschränkte sich seinerzeit auf kurze „Hommages“ für Freunde und Instrumentalisten, bis Penderecki sich in den 1990er Jahren wieder ernsthaft mit den kleineren Ensembles auseinandersetzte. Die vorliegende CD enthält eines der markantesten und bedeutendsten Kammermusikwerke, die Penderecki in jüngster Zeit geschrieben hat; daneben stehen verschiedene kürzere Stücke des jungen und des reifen Komponisten, die den Instrumentalsatz des neuen Werkes in einen Gesamtzusammenhang rücken.

 

Noch bevor Penderecki sein Studium an der Musikhochschule von Krakau begann, verfasste er dort im Jahre 1953 ein Duo, das man seit seiner Veröffentlichung in den neunziger Jahren als seine erste Violinsonate kennt. Die Komposition beginnt mit einigen unheilvollen Klavierakkorden; dann bricht das Allegro mit einem lebhaften, an Schostakowitsch erinnernden Thema los, das in einem zweiten Gedanken seinen expressiveren Widerpart findet. Im Rahmen einer verkürzten Sonatenform wird dieses Wechselspiel der Ideen kunstvoll ausgearbeitet und variiert. Das erste Thema bricht ab und eröffnet nach einer Pause die eher introvertierte Welt des Andante, in der die Violine con sordino mit ihrem Monolog à la Bartók von nachdenklichen Klavierakkorden begleitet wird. Ein plötzlicher Aufschwung führt unmittelbar zu einem toccatenartigen Allegro vivace, dessen schroffes Hauptthema im Wechsel mit einer zarteren Idee das Material eines kurzen, energischen Rondos bildet, das in einer Floskel sein Ende findet.

 

1959 erhielt Penderecki alle drei Preise, die der polnische Komponistenverband damals zu vergeben hatte. Unmittelbar danach komponierte er an der Schwelle zu einer internationalen Karriere die drei Miniaturen für Violine und Klavier, deren konzise, expressive Intensität und subtile Dynamik Anton Weberns Einfluss vermuten lassen. Im ersten Stück stehen abgelöste Klavierakkorde einer erweiterten Violintechnik gegenüber. Als zweites folgt ein gebrochenes Violinsolo. Und die dritte Miniatur bemüht sich, die beiden Instrumente während eines überraschungsreichen Dialogs miteinander zu versöhnen. Die an sich völlig abstrakten Stücke hat der Komponist mit faszinierenden „Vorworten“ versehen – mit Gedichten aus Jerzy Harasymowiczs Zyklus Genealogie der Instrumente. Krzysztof Penderecki brachte die Miniaturen im Juni 1960 in Krakau mit dem Pianisten Henryk Jarznynki zur Uraufführung.

 

Die Cadenza von 1984 ist ein Anhang zu dem Bratschenkonzert, das Penderecki ein Jahr zuvor geschrieben hatte. Beide Werke beginnen mit einer Intervallfigur, die wesentliche Teile der nachfolgenden Komposition durchzieht. Zwar ist die Cadenza ohne Taktstriche geschrieben, doch sie lässt sich deutlich in drei Teile gliedern. Der erste dieser Abschnitte verarbeitet die Anfangsfigur in immer expressiveren Bögen und intensiverer Dynamik. Auf dem Gipfel dieser Entwicklung beginnt ein lebhafter Mittelteil, der dem Solo-Instrument sehr virtuose Aufgaben erteilt. Die musikalische Aktivität steigert sich bis zu einem Höhepunkt und verliert anschließend rasch ihr hohes Tempo, um zum Material des Anfangs und endlich zu der ersten Geste zurückzukehren. Grigory Schislin spielte die Premiere der Cadenza im September 1984 in Luslawice.

 

Seine zweite Violinsonate vollendete Penderecki im Jahre 2000. Das Werk gehört zu den bedeutendsten Instrumentalwerken, die er bis heute verfasst hat. In seiner bogenförmigen Anlage erinnert die fünfsätzige Sonate an viele späte Stücke von Alfred Schnittke (namentlich an seine achte Symphonie und die zweite Cellosonate) sowie an Dmitri Schostakowitsch (besonders an sein achtes Streichquartett). Ruhige Pizzikato-Akkorde der Violine markieren den Beginn des Larghetto. Leidenschaftliche arco-Phrasen fahren gelegentlich dazwischen. Das Klavier stürmt mit einer Skala aufwärts, dann widmen sich beide Instrumente einem unterkühlt-lyrischen Dialog, in dessen Verlauf sie ihr jeweiliges Ausgangsmaterial erläutern. Eine kurze Doppelgriff-Kadenz führt unmittelbar zum Allegretto scherzando, dessen gespreizt-parodistisches Thema zu den bekannten Elementen gehört, die Penderecki seit seinem ersten Violinkonzert benutzte [vgl. Naxos 8.555265]. Die Musik wird immer aggressiver, bevor in der jetzt sordinierten Violine eine flüchtige Erinnerung an das Hauptthema erklingt und eine knappe, unergründliche Geste den Schlusspunkt setzt. Das als Notturno bezeichnete Adagio ist Grundpfeiler, Schlussstein und emotionales Gravitationszentrum des Werkes. Ohne jede Hetze entwickelt sich das Hauptthema, dessen innere Bewegung zu mehreren Höhepunkten führt und damit den freien Diskurs des Satzes wiederholt unterbricht. Im Zentrum steht eine sehnsuchtsvolle Passage, in der sich beide Instrumente in einem eindrucksvollen Moment der Ruhe über die Anfangsfigur des Werkes ergehen. Nachdem durch Anspielungen auf den voraufgegangenen Scherzo-Satz eine kleine Eruption angekündigt wurde, findet das Adagio wieder in jene klagende Stimmung zurück, mit dem es begann. Nach einer kurzen Pause stürmt das Allegro mit einem kraftvollen Gedanken los, der wiederum aus der Anfangsfigur abgeleitet ist. Demgegenüber gibt sich das zweite Thema heiter und ausdrucksvoll, und dergestalt entsteht eine Sonatenform, in der ein kadenzartiger Abschnitt zur Reprise und zu weiteren Anspielungen auf den zweiten Satz überleitet. Den Höhepunkt bildet eine abwärtsstürzende Sequenz der Violine, deren ausgedehnter Triller das abschließende Andante vorbereitet, bei dem es sich weniger um einen autonomen Satz als vielmehr um eine Coda des gesamten Werkes handelt, in der vorherige Gedanken sich zu einer fließenden Fantasie vereinigen und endlich wie bedauernd verklingen.

 

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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