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8.557264 - BEETHOVEN, L. van: Egmont / Ah, perfido / Marches (Pierard, New Zealand Symphony, Judd)
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Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Schauspielmusik zu ‘Egmont’ op. 84 • Szene und Arie ‘Ah! perfido’ op. 65

 

Als Sohn eines Sängers und Enkel eines ehemaligen Hofkapellmeisters beim Kölner Fürsterzbischof lernte Ludwig van Beethoven in Bonn schon sehr früh das Repertoire des Theaters kennen. Christian Gottlob Neefe, sein Lehrer, machte ihn 1782 zu seinem Assistenten und überließ ihm die Einstudierung der Schauspielmusik. Während der nächsten Bonner Jahre kam der Jüngling auch mit einem umfangreichen Opernrepertoire in Berührung, und seine diesbezüglichen Kenntnisse vermehrten sich beträchtlich, seit er 1792 nach Wien gekommen war, wo er viele neue Werke hören konnte. Nachdem er in seinem vorletzten Bonner Jahr 1791 die Musik zu einem Ritterballett des Grafen Waldstein geschrieben hatte, lieferte er zehn Jahre später die Musik zu Salvatore Viganòs Ballett Die Geschöpfe des Prometheus. Ungeachtet seiner Einlagearien zu fremden Opern begann er erst 1804 mit seiner einzigen Oper, die nach zwei umfassenden Revisionen 1814 in ihrer definitiven Gestalt als Fidelio auf die Bühne kam.

Das Jahr 1807 hatte eine Ouvertüre zu Heinrich von Collins Schauspiel Coriolan gezeitigt, die einerseits in Anerkennung des Dichters, andererseits aber auch wohl im Hinblick auf eine neuerliche Aufführung des Dramas zustande gekommen war. Als nächstes Projekt schlug Collin dem Komponisten eine Oper nach Macbeth vor; außerdem fasste man unter anderem auch Goethes Faust in seiner damaligen Gestalt ins Auge—doch nichts davon materialisierte sich. Als das Kaiserlich- Königliche Hoftheater für die Spielzeit 1809/10 eine Inszenierung von Goethes Trauerspiel Egmont plante, wurde Beethoven mit der Komposition einer Bühnenmusik beauftragt. Diese erste von mehreren ähnlichen Arbeiten war allerdings noch nicht fertig, als die neue Egmont-Produktion am 24. Mai 1810 im Wiener Burgtheater ihre Premiere hatte: Erst im Zusammenhang mit der dritten Aufführung des Schauspiels am 15. Juni wird auch die Musik erwähnt. Man geht allerdings davon aus, dass Klärchens Lieder Die Trommel gerühret! aus dem ersten sowie Freudvoll und leidvoll aus dem dritten Aufzug schon in den früheren Vorstellungen zu hören waren. Goethe lässt das erste der beiden genannten Lieder von Clara und Brackenburg im Duett singen; eine Musik verlangte der Dichter auch zu Klärchens Tod in der dritten Szene des letzten Aufzugs sowie für Egmonts Traum, der sich unmittelbar anschließt.

Die Tragödie spielt im 16. Jahrhundert und handelt von der Erhebung des Grafen Egmont gegen die spanischen Herren der Niederlande. Als man das Stück in Wien neu herausbrachte, war es bereits dreißig Jahre alt und doch von einer gewissen politischen Relevanz. Egmont, der nur seinem eigenen Urteil traut, wird von einer Leidenschaft vorwärtsgedrängt, die im Kampf gegen den Staat, dem er bislang loyal gedient hatte, jegliche Vernunft weit hinter sich lässt. Die Idee von der politischen Freiheit verbindet sich hier mit der Liebe zu dem Bürgermädchen Klara, die sich das Leben nimmt, als es ihr nicht gelingen will, das Volk zu Egmonts Rettung zu mobilisieren.

Die Ouvertüre, die Beethoven zu dem Schauspiel komponierte, ist programmatischer Natur. Man hat gelegentlich den Sarabandenrhythmus des Anfangs als Anspielung auf den Herzog von Alba interpretiert, der die Regentschaft in der Provinz übernehmen wird, und im ersten Thema des anschließenden Allegro-Teils einen Hinweis auf die Rebellion entdecken wollen. Der Schlussabschnitt markiert Egmonts Tod, worauf allerdings ein letztes Allegro con brio den moralischen Sieg des Titelhelden verkündet. Die dritte Szene des ersten Aktes spielt in Klärchens Elternhaus. Das Mädchen liebt den Grafen Egmont, der sich gegen die Unterdrückung der Niederlande durch die spanischen Herren verwendet, ohne bislang seine Loyalität gegenüber König Philipp und seiner Schwester, der Regentin Margarete von Parma aufzugeben. Die häusliche Szene zeigt Klärchen, ihre Mutter und den Brüsseler Bürgersohn Brackenburg, der momentan ein wenig erregt scheint. „Singt doch eins!“ schlägt daher die Mutter vor, und die beiden jungen Menschen stimmen Klärchens „Leibstück“ an, das als rechtes Soldatenlied mit Pikkolo, Klarinetten, Fagotten, Hörnern und Pauken beginnt, ehe die Streicher einsetzen. Brackenburg ist gerührt, denn er liebt das Mädchen. Vom Fenster aus sieht er, dass die Regentin die Patrouillen hat verstärken lassen, und er geht ab, um ähere Erkundigungen einzuziehen. Als er zurückkommt, berichtet er von Tumulten, die in Flandern ausgebrochen sein sollen. Klärchen und ihre Mutter lassen ihn allein, worauf er am Ende seines Monologs ein Giftfläschchen hervorzieht, dass er aus seines „Bruders Doktorkästchen“ entwendet hat für den Fall, dass seine Liebe zu Klärchen keine Erwiderung finden sollte.

Nach dem ersten Entr’acte sieht man einen Platz in Brüssel, wo verschiedene Bürger die aktuelle Situation esprechen. Immer mehr Volk strömt herbei, und es kommt zu Handgreiflichkeiten, die erst mit dem Auftreten Egmonts und seiner Soldaten ein Ende finden. Egmonts Großmut und Gerechtigkeitssinn prägen die nächste Szene, in der er sich zunächst mit seinem Sekretär unterhält, um anschließend mit dem Prinzen von Oranien über die gegenwärtige Vorgehensweise der Regentin zu sprechen: Angeblich soll die Tochter des Kaisers durch einen weitaus strengeren Herrn abgelöst werden—den Herzog von Alba, der bereits, wie man vernimmt, auf dem Wege sei.

Der zweite Entr’acte schlägt die Brücke zum dritten Aufzug, der in Margaretes Palast beginnt: Diese hat durch ein Schreiben ihres Bruders Philipp die unwillkommene Nachricht erhalten, dass Alba sich fortan um die Unzufriedenheit der Niederländer kümmern werde. Die zweite Szene zeigt wiederum Klärchens Wohnung. Während die Mutter auf die Verheiratung mit Brackenburg drängt, singt die Tochter von ihrer großen Liebe zu Egmont („Freudvoll und leidvoll“), der plötzlich und unerwartet „in einem Reitermantel, den Hut ins Gesicht gedrückt“, das Zimmer betritt. Wenn er im Laufe der Szene den Umhang ablegt, wird ein prächtiges Gewand mit allen Zeichen der offiziellen Würden sichtbar. Klärchen ist tief beeindruckt.

Der dritte Entr’acte endet mit einem Marsch. Wenn der vierte Aufzug beginnt, sieht man eine Straße, auf der mehrere Leute über die unterdrückerischen Maßnahmen des Herzogs von Alba debattieren. Der neue Beherrscher der Niederlande gibt in der nächsten Szene zu verstehen, dass er Egmont bei einem bevorstehenden Empfang festnehmen lassen will. Nach einem umfänglichen Dialog lässt der Herzog den Grafen am Ende der Szene tatsächlich arretieren.—Nach einer letzten Zwischenaktmusik beginnt der fünfte Aufzug auf einer in der Dämmerung liegenden Straße. Brackenburg will Klärchen davon überzeugen, dass ihre Versuche, das Volk zu Egmonts Rettung zu motivieren, zum Scheitern verurteilt seien. Danach sieht man eine Kerkerzelle, in der Egmont schlaflos auf einem Bette liegt. Klärchen wartet derweil zu Hause auf Nachrichten von Brackenburg. Dieser berichtet, Egmont sei verurteilt worden und solle hingerichtet werden. Das Mädchen sieht keinen andern Ausweg mehr, als sich zu vergiften, und die Szene endet mit „Musik, Klärchens Tod bezeichnend“. Die letzte Szene findet noch einmal im Gefängnis statt. Egmont hofft vergeblich auf die Hilfe seines Freundes Ferdinand (bei dem es sich um Albas „natürlichen Sohn“ handelt). Er sendet eine letzte Nachricht an die Geliebte. Endlich findet er Schlaf, und in seinem Traum hat er die Vision der Freiheit: Diese „hat die Züge von Klärchen“, bedauert ihn zunächst, reicht ihm dann aber mit ermutigenden Gebärden die Krone des Siegers. Egmonts letzte Worte sind als Melodram vertont. Er erwacht. Die spanischen Soldaten führen ihn zum Heldentod, der für ihn zu einem moralischen Triumph und in der abschließenden Siegessymphonie gefeiert wird.

Die beiden F-dur-Märsche WoO 18 und WoO 19 komponierte Beethoven 1809 und 1810 für Erzherzog Anton, den älteren Bruder seines Mäzens und Schülers Erzherzog Rudolf. Diese „Musik für Pferde“ ist dem Auftraggeber gewidmet und wurde erstmals am 24. August 1810 bei einem Turnier aufgeführt, das zum Geburtstag der Kaiserin Maria Ludovica stattfand. Die Trios hat Beethoven offenbar 1822 oder 1823 angefügt, als er versuchte, die Märsche nebst anderen Stücken bei Peters zu veröffentlichen.

In der Szene und Arie Ah! perfido verwendet Beethoven 1795/96 eine Textpassage aus Metastasios Libretto Achille in Sciro. Auf der Titelseite einer Abschrift, die er selbst durchgesehen hatte, vermerkte der Komponist den Titel Une grande scène mise en musique par L.v.Beethoven à Prague, 1796. Auf der ersten Seite findet sich die Erklärung: Recitativo ed Aria composta e dedicata alla Signora Contessa di Clari da L.v.Beethoven. Wahrscheinlich wurde das Werk 1796 in Prag vollendet, und zwar für Madame Duschek, die es dort anscheinend auch gesungen hat. Zumindest findet sich die Erwähnung einer italienischen Szene, die Beethoven für sie geschrieben habe. Die eigentliche Widmungsträgerin scheint aber die Gräfin Josephine Clary gewesen zu sein, eine Wiener Amateursängerin, die 1797 den Grafen Christian Clam-Gallas ehelichte. Das Werk wurde 1805 veröffentlicht und erfuhr bei der ob ihrer Länge berüchtigten, schlecht vorbereiteten „Akademie“ vom 22. Dezember 1808 eine nicht eben glückliche Aufführung. Das überaus anspruchsvolle Programm, das an jenem Abend in dem eisigen Theater an der Wien gegeben wurde, enthielt unter anderem die fünfte und sechste Symphonie, das vierte Klavierkonzert und die Chorfantasie, die nach dem einleitenden Klaviersolo „geschmissen“ wurde und daraufhin neu begonnen werden musste. Johann Friedrich Reichardt besuchte das Konzert auf Einladung von Beethovens Gönner Fürst Lobkowitz und berichtete, dass es zunächst die Pastorale gegeben habe, worauf »als sechstes Stück [NB: Reichardt zählt die fünf Sätze der Symphonie als einzelne Stücke] eine lange italienische Scene, von Demoiselle Killizky, der schönen Böhmin mit der schönen Stimme, gesungen. Dass das schöne Kind heute mehr zitterte als sang, war ihr bei der grimmigen Kälte nicht zu verdenken: denn wir zitterten in den dichten Logen in unsere Pelze und Mäntel gehüllt.« Die Sängerin Josephine Killitschgy war die Schwägerin des Geigers Schuppanzigh und für die Sopranistin Anna Milder eingesprungen, mit der sich Beethoven zerstritten hatte.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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