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8.557268 - BACH, J.S.: Goldberg Variations, BWV 988
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Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Goldberg-Variationen, BWV 988

Die Aria und ihre 30 Variationen, die man als Goldberg- Variationen kennt, legen ein beredtes Zeugnis ab von Johann Sebastian Bachs Beherrschung kontrapunktischer Formen für das Klavier und seinem Sinn für musikalische Strukturen generell. Das Werk entstand dabei relativ spät in Bachs Karriere. Zuvor hatte er als Organist gedient, worauf eine glückliche, wenn auch kurze Zeit als Hofkapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen folgte. Nach der Köthener Stelle, die er bis zur Hochzeit des Fürsten, 1723 innehatte trat er das Amt des Thomas-Kantors in Leipzig an, wobei er für die Kirchenmusik an den Hauptkirchen der Stadt zuständig war. In Leipzig sollte er bis zu seinem Lebensende bleiben.

Die Goldberg-Variationen wurden wahrscheinlich 1741 veröffentlicht, als vierter und letzter Teil seiner Clavier-Übung – ein Titel, den er bereits für die drei vorangegangenen Sammlungen von Musik für Tasteninstrumente verwendet hatte und den vor ihm schon sein Vorgänger als Thomas-Kantor, Johann Kuhnau, gebraucht hatte. Der erste, 1731 veröffentlichte Teil bestand aus den sechs Partiten – Werke, die in jährlichem Abstand seit 1726, also drei Jahre nach seiner Ankunft in Leipzig, einzeln herausgegeben worden waren. Der zweite, 1735 veröffentlichte Teil bestand aus dem Concerto nach Italienischen [sic!] Gusto und der Ouvertüre nach Französischer Art. Der dritte Teil schließlich, 1739 veröffentlicht, enthielt verschiedene Orgelwerke sowie Duette. Den vierten Teil kann man so durchaus als Kulmination einer sorgfältig geplanten Reihe be-trachten.

Die Geschichte, die sich um die Goldberg- Variationen und die Quelle des Titels rankt, ist verschiedentlich angezweifelt worden. Nach Johann Nikolaus Forkel, Bachs erstem Biographen, hat Baron Hermann Karl von Keyserlingk, Russischer Gesandter am Dresdner Hof, das Werk für seinen Protegé, den jungen Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg, in Auftrag gegeben, um ihn in den nächtlichen Stunden der Schlaflosigkeit aufzuheitern. Goldberg war 1727 in Danzig geboren worden, wo Keyserlingk dann zehn Jahre später auf ihn aufmerksam wurde. Er soll sowohl bei Johann Sebastian Bach selbst, als auch bei dessen ältestem Sohn, Wilhelm Friedemann, Unterricht erhalten haben, der von 1733 bis 1746 in Dresden wirkte. Goldberg blieb auch nach Keyserlingks Weggang nach Potsdam 1745 noch in Dresden, um dann 1751 in die Dienste des ersten sächsischen Premierministers, Graf Heinrich von Brühl, zu treten. Goldberg starb 1756 im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose und ging weniger als Komponist denn vorrangig als Virtuose in die Annalen der Musikgeschichte ein.

Außer Frage steht die enge Verbindung zwischen Johann Sebastian Bach und Graf Keyserlingk, Bachs Fürsprecher am Dresdner Hof, durch den ihm 1736 überhaupt erst der Titel des „königlich polnischen und kurfürstlich sächsischen Hofcompositeurs“ zuerkannt wurde. Zudem studierte Keyserlingks einziger Sohn ab 1741 in Leipzig, so dass sowohl Keyserlingk als auch Goldberg Bach hätten besuchen können. Auch Wilhelm Friedemann Bach verdankte seine Einführung am Hofe dem Einfluss Keyserlingks, dessen Haus auch anderen Dresdner Musikern von Rang offen stand. Bei seiner Veröffentlichung aber trug das Werk keine Widmung, und der Titel lautete einfach „Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“, von Bach den „Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget“. Wiederholt ist auch darauf hingewiesen worden, dass Goldberg zum Zeitpunkt der Komposition erstaunlich jung gewesen sei, obschon der technische Schwierigkeitsgrad des Werkes durchaus innerhalb der Möglichkeiten des jungen Virtuosen gelegen haben kann, selbst wenn dieser seinerzeit erst 14 Jahre alt war. Forkel beschließt seine Anekdote mit dem Hinweis auf die reiche Entlohnung Bachs durch Keyserlingk, der ihm einen goldenen Becher, gefüllt mit 100 Louis d’or, für sein Werk gegeben haben soll. Die 1802 veröffentlichte Biographie Forkels ist dafür allerdings der einzige Beleg.

Die Aria, die Bach seinen Variationen als Thema voranstellt, findet sich bereits in jenem Clavierbüchlein, das Bachs zweite Frau, Anna Magdalena, 1725 kopiert hatte. Ein unbetiteltes Stück, dessen erste acht Takte auf dem in der französischen Tradition gebräuchlichen Chaconne-Bass basieren. Die sich anschließenden Variationen leiten sich von der harmonischen Struktur und der Basslinie der Aria ab und sind in Dreiergruppen gegliedert. Jede dritte Variation ist dabei ein Kanon, der jeweils eine Intervallstufe höher beginnt. Bei der letzten Variation handelt es sich dann um ein Quodlibet, ein Mischmasch, anscheinend weit entfernt von der ursprünglichen Aria, die dann als Abschluss des Zyklus’ noch einmal erklingt. Da Bach für das Werk ein zweimanualiges Cembalo vorgesehen hat, kommt es bei der Interpretation auf einem einmanualigen Klavier zu gelegentlichen, wenn auch nicht unüberwindbaren technischen Tücken.

Die ersten drei Variationen, die mit einem Kanon im Einklang enden, sind noch für ein Manual geschrieben. Die fünfte Variation in der zweiten Dreiergruppe aber profitiert von einem optionalen zweiten Manual und leitet in einen Kanon in der Sekunde. Auch die siebte Variation, eine Gigue, legt – wie die achte nach ihr – die Verwendung eines zweiten Manuals nahe. Der sich anschließende Kanon steht in der Terz. Die vierte Dreiergruppe beginnt mit einer Fughetta und endet mit einem Kanon in der Quarte. Gänzlich für zwei Manuale ausgelegt ist die fünfte Dreiergruppe, deren abschließender g-Moll Kanon in der Quinte allerdings mit einem Manual auskommt. Eine Ouvertüre nach französischer Art eröffnet die sechste Dreiergruppe, womit Variation 16 den Anfang des zweiten Werkteils markiert. Dem feierlichen ersten Teil schließt sich ein fugierter Abschnitt an. Die Gruppe wird von einem Kanon in der Sexte beendet. Steht am Schluss der siebten Gruppe ein g-Moll Kanon in der Septime, so schließt die achte Gruppe mit einem Kanon in der Oktave. Bach eröffnet die neunte Gruppe dann ebenfalls in g-Moll und schließt mit einem Kanon in der None. In der letzten Gruppe gibt Bach dem Interpreten dann noch einmal die Gelegenheit, technisch zu brillieren, ehe die letzte Variation als das besagte Quodlibet, eine Gegen-einanderstellung bekannter Volkslieder, daher-kommt. In diesem Falle hat Bach die Volkslieder Ich bin so lang nit bey dir g’west und Kraut und Rüben haben mich vertrieben als Grundlage seiner Variation gewählt.

Die Goldberg-Variationen bieten eine Zusammenfassung von Bachs geistiger Größe und technischer Vollkommenheit und leiten jene letzte Schaffensperiode ein, in der er das Potential des Kanons und die Verwendung eines einzelnen Themas weiter ausloten sollte, namentlich im Musikalischen Opfer und in der Kunst der Fuge.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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