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8.557270 - MENDELSSOHN / BRUCH: String Octets
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Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-47): Oktett Es-dur op. 20 (1825)
Max Bruch (1838-1920): Oktett B-dur op. posth. (1920)

 

Felix Mendelssohn wurde 1809 in Hamburg geboren. Er war der Enkel des großen jüdischen Denkers Moses Mendelssohn und der älteste Sohn des Bankiers Abraham Mendelssohn, der den zweiten Nachnamen annahm, als er sich und seine Familie taufen ließ (dieser Akt war für Heinrich Heine die Eintrittskarte zur europäischen Kulturszene gewesen). 1812 ließen sich die Mendelssohns in Berlin nieder, wo Felix in den Genuss des großen kulturellen Angebots kam, das ihm seine Familie aufgrund eigener Interessen und persönlicher Kontakte zu bieten hatte.

Mendelssohns Begabung manifestierte sich bald in verschiedenen Richtungen - nicht zuletzt in einer ausgeprägten Frühreife als Komponist und Instrumentalist. Diese außergewöhnlichen Fähigkeiten erfuhren seitens der Familie und Freunde jede nur denkbare Unterstützung, wenngleich Abraham Mendelssohn zunächst nicht von dem Nutzen überzeugt war, den eine Musikerkarriere für seinen Sohn bedeutet hätte. Diese Vorbehalte wurden unter anderem durch Luigi Cherubini in Paris sowie durch die zunehmenden Anzeichen überragender musikalischer Fertigkeiten und Interessen zum Schweigen gebracht.

Als junger Mann konnte Mendelssohn verschiedene Reisen unternehmen, die ihn im Süden bis nach Neapel, im Norden bis zu den Hebriden führten, wobei sowohl Italien als auch Schottland symphonische Werke inspirierten. Sein beruflicher Weg führte den jungen Künstler zum Niederrheinischen Musikfest und zum Amt des Städtischen Musikdirektors von Düsseldorf. 1835 wurde er dann als Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters verpflichtet, wo er eine Tätigkeit fortsetzen konnte, die er sechs Jahre zuvor in Berlin begonnen hatte, als unter seiner Leitung nach Jahrzehnten der Missachtung erstmals wieder die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach erklang. In Leipzig erlebte Mendelssohn eine Zufriedenheit, wie sie ihm Berlin nicht bieten konnte, wohin er 1841 auf Einladung Friedrich Wilhelms IV. zurückkehrte. 1843 war er wieder in Leipzig, wo er ein neues Konservatorium gründete. Hier wirkte er bis zu seinem frühen Lebensende: Felix Mendelssohn starb am 4. November 1847 im Alter von 38 Jahren – sechs Monate nach dem Tod seiner begabten und geliebten Schwester Fanny.

Seine frühe geigerische Ausbildung verdankte Mendelssohn seinem Lehrer und Freund Eduard Rietz, der 1802 als Sohn eines Geigers an der Berliner Hofkapelle geboren wurde und 1819 selbst in dieses Orchester eingetreten war, bevor er 1825 nach Zwistigkeiten mit dem Dirigenten Spontini seinen Abschied nahm. Im folgenden Jahr gründete er die Berliner Philharmonische Gesellschaft, deren semiprofessionelles Orchester er in Konzerten mit der Berliner Singakademie leitete. Es war dies dasselbe Ensemble, an dessen erstem Pult er saß, als 1829 unter Mendelssohn die berühmte Wiederaufführung der Matthäus-Passion stattfand - ein Unterfangen, an dem Rietz und sein Bruder, der Cellist Julius, auch dadurch beteiligt waren, dass sie bei der Herstellung des Aufführungsmaterials geholfen hatten. Mendelssohn dedizierte Rietz sein Violinkonzert d-moll, das Oktett op. 20 und die Violinsonate f-moll op. 4. Als er 1832 an der Schwindsucht starb, widmete Mendelssohn dem Gedächtnis des Freundes den langsamen Satz seines Streichquintetts op. 18.

Das Oktett Es-dur, bei dessen Aufführungen Mendelssohn gelegentlich die zweite Bratsche spielte, entstand im Jahre 1825 und geht somit unmittelbar der Ouvertüre zu Ein Sommernachtstraum vorauf, mit der das Scherzo offensichtliche Gemeinsamkeiten teilt. Das Werk ist orchestral erfunden und mit seiner innovativen Instrumentierung und Instrumentenbehandlung für einen Sechzehnjährigen eine erstaunlich virtuose Leistung. Erhebliche Aufgaben werden der ersten Violine übertragen, deren Part ursprünglich für Rietz gedacht war und ein Geburtstagsgeschenk für ihn hätte sein sollen. Häufig wird die aufsteigende Figuration des ersten Themas gebraucht, das Mendelssohn voll ausnutzt. Das Nebenthema stellt er zunächst in Sextgängen zwischen der vierten Geige und der ersten Bratsche vor. Nach der Wiederholung der Exposition folgt, wie sich’s gehört, eine Durchführung, die die Möglichkeiten zu texturellen, dynamischen und stimmungsmäßigen Veränderungen bietet. Die Musik erreicht einen Höhepunkt, den die beteiligten Instrumente in weitgehend einhelliger Tätigkeit bestreiten, worauf in der Reprise das erste Thema wiederkehrt. – Der langsame Satz in c-moll ist verschiedentlich analysiert worden. Auf den Beginn der Bratschen und Celli antworten die Violinen, indessen sich das erste Thema einer abgewandelten Sonatenform entfaltet. Der ätherischen Schönheit dieses Satzes folgt das Scherzo in g-moll, das nach den Worten Fanny Mendelssohns von der Walpurgisnacht aus Goethes Faust angeregt wurde: „Wolkenzug und Nebelflor / erhellen sich von oben. / Luft im Laub und Wind im Rohr / - und alles ist zerstoben.“ - Das geschäftige Figurenwerk setzt sich im fugierten Presto-Finale fort, dessen Hauptthema vom ersten Einsatz des zweiten Cellos durch die verschiedenen Instrumente emporwandert. Die permanente Bewegung erlaubt gleichwohl den Eintritt weiterer thematischer Elemente sowie ausdrückliche Anspielungen auf das voraufgegangene Scherzo.

Max Bruch kennt man heute vor allem als Verfasser von Werken für Streicher. Neben seinem nach wie vor populären ersten Violinkonzert g-moll, das sehr zum Ärger seines Verfassers viele seiner anderen Werke überschattete, kann man bisweilen die Schottische Fantasie für Violine und Orchester sowie das zweite Violinkonzert und die Fantasie Kol Nidrei für Violoncello und Orchester hören. Weitgehend vergessen sind die drei Symphonien, vor allem aber auch die großen Chorwerke, für die der Komponist seinerzeit berühmt war. Zwischen 1870 und 1900 erlebten beispielsweise Odysseus, Frithjof und Das Lied von der Glocke zahlreiche Aufführungen, aufgrund derer der Name Max Bruch zeitweilig denjenigen von Johannes Brahms überstrahlte.

Max Bruch wurde am 6. Januar 1838 (im selben Jahre also wie Georges Bizet) in Köln geboren. Er studierte bei Ferdinand Hiller und Carl Reinecke. Den ausgedehnten In- und Auslandsreisen des Studenten folgte eine längere Zeit in Mannheim, wo 1863 seine Oper Loreley herauskam, die ein größeres Publikum auf ihn aufmerksam machte. (Das Libretto stammte von Emanuel Geibel und hatte zunächst für Mendelssohn sein sollen.) Die ersten offiziellen Ämter, die Max Bruch bekleidete, waren die Kapellmeisterstellen zunächst in Koblenz (1865-67) und dann in Sondershausen (bis 1870). Danach folgte ein längerer Aufenthalt in Berlin, worauf er sich von 1873 bis 1878 in Bonn ausschließlich der Komposition widmete. Danach war er Direktor des Sternschen Gesangsvereins in Berlin, bis er 1880 als Nachfolger von Julius Benedict zum Dirigenten der Liverpooler Philharmoniker berufen wurde. 1883 verließ er England und wurde Leiter des Breslauer Orchestervereins. Schließlich übernahm er 1891 in Berlin die Meisterklassen für Komposition (unter anderem zählte Ottorino Respighi zu seinen Schülern). 1911 setzte er sich zur Ruhe, um sich ganz der Komposition zu widmen, wobei der traditionelle Stil, dessen er sich bediente, inzwischen längst aus der Mode gekommen schien. Max Bruch starb am 2. Oktober 1920 in Berlin.

Das Oktett B-dur, eines seiner letzten Werke, schrieb Max Bruch im Januar und Februar 1920, sieben Monate vor seinem Tode. Es ist anscheinend die Überarbeitung eines kurz zuvor entstandenen Streichquintetts und augenscheinlich Mendelssohns Oktett nachgebildet. (Das Werk kann allerdings auch als Konzert für Streichorchester aufgeführt werden; dabei ist das zweite Cello durch eine Kontrabass-Stimme ersetzt.) Der Geiger Willy Hess und seine Schüler spielten das Oktett noch dem greisen Komponisten vor.

Das ruhige Hauptthema des ersten Allegro moderato ist zunächst der ersten Bratsche übertragen, wird dann von der ersten Geige fortgeführt und von einem zweiten, kräftiger konturierten Thema abgelöst. Die zentrale Durchführung des breit angelegten Sonatensatzes greift zunächst die Anfangsstimmung wieder auf, wobei anderes Material der Exposition erkundet wird; dann scheint es, als solle das erste Thema wiederkehren, das allerdings aufgeschoben wird, bis es schließlich - nach einem Unisono-Höhepunkt wie bei Mendelssohn – noch einmal in grandioser Gestalt erklingt. Der langsame Satz klingt mit seinem ernsten Anfang in es-moll zunächst wie eine Erinnerung an den entsprechenden Satz aus Schumanns Klavierquintett, worauf dann die erste Violine mit dem Hauptthema einsetzt. Den Nebengedanken in B-dur (Andante con molto di moto) präsentiert die erste Violine zu einer Begleitung, an der sich das erste Violoncello mit Pizzikati beteiligt. Anschließend wiederholen die erste und dritte Geige im Oktavabstand zu einer kunstvolleren Begleitung das erste Thema in der Ausgangstonart. Nach einer kurzen Überleitungspassage in B-dur meldet sich das zweite Thema, jetzt in Es-dur, um den Satz auf heitere Weise abzuschließen. Dem unheilvollen Beginn des Finales tritt bald die erste Violine mit ihrem Einsatz entgegen, worauf die veränderte Stimmung und Tonart den Boden für das wirkungsvolle lyrische Nebenthema bereiten, das das erste Violoncello mit der Unterstützung der zweiten Bratsche vorstellt. Dieser Gedanke erscheint später in der gehörigen Schlusstonart wieder, der in mancher Hinsicht an die leichte Textur und Bewegung des Mendelssohnschen perpetuum mobile erinnert.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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