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8.557276 - VAUGHAN WILLIAMS: Symphony No. 4 / Norfolk Rhapsody No. 1 / Flos Campi
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Ralph Vaughan Williams (1872–1958)
Sinfonie Nr. 4 • Flos Campi • Norfolk Rhapsody Nr. 1

Ralph Vaughan Williams wurde 1872 als Sohn eines Geistlichen in Down Ampney, einem Dorf in Gloucestershire, geboren. Seine Herkunft war dabei sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits von durchaus intellektuellem Format. Stammte sein Vater aus einer angesehenen Anwaltsfamilie, so war sein Großvater mütterlicherseits ein Wedgwood und seine Großmutter eine Darwin. Als sein Vater 1875 starb, zog die Familie nach Leith Hill Place in Surrey, wo die Familie der Mutter lebte. In seiner Kindheit lernte Vaughan Williams Klavier und Violine und genoss ansonsten die für die obere Mittelklasse übliche Schulbildung in Charterhouse. Anstatt ein Studium in Cambridge aufzunehmen, zog er es vor, ans Royal College of Music zu gehen, wo unter anderen Hubert Parry und Walter Parrett, der später der Queen’s Musick vorstand, zu seinen Lehrern zählten – beide standen seinerzeit kurz vor ihrem Ritterschlag. 1892 schrieb er sich dann doch in Cambridge ein, wo er am Trinity College Geschichte studierte, zugleich allerdings Kompositionsstunden bei Charles Wood nahm. Nachdem er sowohl in Geschichte als auch in Musik abgeschlossen hatte, kehrte er ans Royal College zurück, wo fortan Stanford sein Kompositionslehrer war. Als wichtiger für ihn sollte sich jedoch die Freundschaft zu seinem Kommilitonen Gustav Holst erweisen, gerade was den offenen gegenseitigen Austausch über die verfertigten Kompositionen in den nächsten Jahren anging.

1897 heiratete Vaughan Williams und nutzte die Gelegenheit zu einem Aufenthalt in Berlin, wo er Privatstunden bei Max Bruch nahm und seinen musikalischen Horizont insgesamt erweitern konnte. Zurück in England wandte er seine Aufmerksamkeit dann dem Sammeln von Volksmusik aus den verschiedenen Regionen des Landes zu, was sich unmittelbar auf seine eigene Musiksprache auswirken sollte. 1908 nahm er dann noch einmal Privatstunden, diesmal bei Ravel in Paris, wobei man sich vornehmlich mit Fragen der Orchestrierung befasste. Unterdessen genoss Vaughan Williams durchaus schon einiges Ansehen als Komponist, nicht zuletzt seit der Uraufführung seiner Sea Symphony im Jahre 1910, in der Vaughan Williams Texte von Walt Whitman vertont hatte. Im selben Jahr war auch bereits seine Fantasia on a Theme of Thomas Tallis zur Uraufführung gekommen. Mit Ausbruch des Krieges im Jahre 1914 meldete sich Vaughan Williams freiwillig zum Militärdienst, wobei er dem Royal Army Medical Corps angehörte. In diesem Jahr entstanden auch die London Symphony und The Lark Ascending, ein rhapsodisches Werk für Violine und Orchester. Nach drei Jahren Kriegsdienst (zuletzt in Salonica) dem er nur wenig abgewinnen konnte, wurde er Offizier in der Royal Garrison Artillery und diente für den Rest des Krieges in Frankreich, wo er nun auch seine musikalischen Fähigkeiten einsetzen konnte.

Nach dem Krieg kehrte Vaughan Williams ans Royal College of Music zurück, nun allerdings als Professor für Komposition, eine Stellung, die er bis 1938 innehaben sollte. In diesen Jahren wurde er zu einer der dominierenden Figuren im britischen Musikleben und schuf eine ganze Reihe von Werken, die man gerne als urenglisch in der Nachfolge Edward Elgars betrachtete, obwohl sich seine musikalische Sprache doch eigentlich auffallend von der Elgars unterschied. Der 1939 ausbrechende Krieg eröffnete ihm die Möglichkeit, Musik für den Film zu komponieren, was er durchaus als Herausforderung verstand. Neben anderen Filmmusiken lieferte Vaughan Williams die Partituren für The 49th Parallel (1940) und Scott of the Antarctic (1948), eine Arbeit, aus der sich dann die siebte seiner Symphonien, die Sinfonia Antartica entwickeln sollte. Zu den Werken, die er noch in seinen letzten zehn Lebensjahren komponierte, gehören zwei weitere Sinfonien, die Oper The Pilgrim’s Progress (Die Pilgerfahrt), eine Violinsonate sowie Konzerte für Harmonika und Tuba — bemerkenswerte Abenteuer für einen Achtzigjährigen.

Der Unmittelbare Auslöser für die Komposition der Sinfonie Nr. 4 war ein Zeitungsartikel, in dem eine ‚moderne’ europäische Sinfonie beschrieben wurde, an deren Erschaffung Vaughan Williams dann periodisch in den nächsten Jahren arbeiten sollte. Anfänglich konnte er dabei noch auf den Rat und die Unterstützung seines Freundes Gustav Holst bauen, der aber 1934 starb und so nie das vollendete Werk hören konnte. Nach der Uraufführung im April 1935 mit dem BBC Symphony Orchestra unter Adrian Boult reagierte die Kritik durchwachsen. Sahen manche im Werk eine Reflektion der verstörenden Zeitumstände, so kritisierten andere den scheinbaren Bruch mit dem bisherigen Stil des Komponisten. Aber auch Vaughan Williams selbst war – wie so oft bei neuen Werken – nicht ganz schlüssig in seinem Urteil. In seinem biographischen Selbstporträt A Musical Autobiography beispielsweise gesteht er ein, dass der Anfang des Werkes von Beethovens 9. Sinfonie inspiriert sei, was er allerdings keinesfalls bedauert, sollte ein Komponist doch – wie er betont – sicherstellen, dass das, was er schreibt, im fraglichen Moment das Richtige ist. Auch später bestand er stets darauf, dass, was auch immer er in der neuen Sinfonie geschrieben habe, auf alle Fälle das war, was er zu jener Zeit habe sagen wollen. Gewidmet hat er das Werk Arnold Bax.

Der verstörend schroffe Einstieg der Sinfonie leitet über in ein appassionato überschriebenes zweites Thema. Zur Ruhe kommt der Satz dann im abschließenden Lento, in dem die Dissonanzen aufgelöst werden. Am Anfang des Andante moderato steht gedämpftes Blech, dem sich Holzbläser und schließlich auch die Streicher mit einer Melodie in den Violinen über einer gezupften Begleitung in den tieferen Streichern anschließen. Oboe, Klarinette und Fagott treten solistisch hervor, melodisch-kontrapunktisch miteinander verwoben, wobei das bereits am Satzbeginn präsente Intervall der Quarte zunehmend an Gewicht gewinnt. Nach einer spannungsgeladenen Steigerung entspannt sich der Satz, der Molto tranquillo mit der solistisch geführten Flöte ausklingt. Das Scherzo eröffnet mit seinen beschwingten Rhythmen sogleich ein kontrastierendes Bild, dem im Trio mit dem gleichen Thema Fagott, Kontrafagott und Tuba antworten, ehe das Scherzo seinen Lauf fortsetzt. Das Finale schließt sich mit einer marschähnlichen Begleitung im Blech ohne Pause direkt an und enthält, wie bereits die anderen Sätze, ebenfalls motivische Reminiszenzen. Der triumphalen Entwicklung des Satzes wird von einem charakteristischen choral-ähnlichen Abschnitt in den Streichern Einhalt geboten, ehe der Impetus des Satzbeginns wiederhergestellt wird, der nun in einen fugierten Epilog überleitet, dessen Thema von Posaunen und Tuba vorgestellt wird. Nachdem dieser Teil zusammen mit anderen motivischen Teilen des Satzes durchgeführt wurde, schließt der Satz mit einer Rückkehr zum Beginn des gesamten Werkes.

Die erste Norfolk Rhapsody, die auf zwei Volksliedern fußt, entstand 1906 und wurde noch im selben Jahr uraufgeführt, später allerdings noch einmal revidiert. Zwei weitere Rhapsodien, die Vaughan Williams im nächsten Jahr schrieb, zog er wieder zurück. Die ausgehaltenen Töne der sordinierten Violinen werden von Flöte und Oboe durchsetzt, ehe rhapsodisch die Klarinette einsetzt, der sich die Soloviola ‚freely as if improvised’ (frei, wie improvisiert) anschließt. Handelt es sich beim ersten Thema um das Lied The Captain’s Apprentice (Der Lehrjunge des Kapitäns), so steht das zweite Lied, Bold Young Apprentice (Frecher junger Lehrjunge), dazu in lebhaftem Kontrast. Das Werk endet mit der Ruhe der Landschaft von Norfolk, die auch den Anfang bestimmte.

Die für Soloviola, kleines Orchester und (textlosen) gemischten Chor gesetzte Suite Flos Campi (Feldblumen) wurde 1925 beendet und uraufgeführt. Den Part der Soloviola übernahm der Widmungsträger Lionel Tertis. Die jedem der sechs Sätze vorangestellten lateinischen Zitate aus dem Lied der Lieder bezeichnen dabei wohl die Quelle der Komposition, mag auch die Interpretation noch so weltlich ausfallen. Dem ersten Satz vorangestellt ist folgender Passus: ‚Sicut Lilium inter spinas, sic amica mea inter filias … Fulcite me floribus, stipate me malis, quia amore langueo’ (Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen … Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe). Man wird bemerken, dass die autorisierte Übersetzung der Bibel [der deutsche Text folgt der Neuen Jerusalemer Bibel] die Vulgata nicht genau wiedergibt. Die veröffentlichte Partitur allerdings enthält beide Versionen. Im bitonalen Beginn verflechten sich zunächst Oboe und Viola, dann verbinden sich Flöte und Viola, ehe die Musik sich mit Eintritt des Chores weiter steigert. ‚Jam enim hiems transiit; imber abiit, et recessit; Flores apparuerunt in terra nostra, Tempus putationis advenit; Vox turturis audita est in terra nostra’ (Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land) ist eine rhapsodische Meditation über den Beginn des Frühlings. Die Kadenz der Viola reicht in den dritten Satz hinüber: ‚Quaesivi quem diligit anima mea; quaesivi illum, et non inveni’ … ‚Adjuro vos, filiae Jerusalem, si inveneritis dilectum meum, ut nuntietis et quia amore langueo’ … ‚Quo abiit dilectus tuus, O pulcherrima mulierum? Quo declinavit dilectus tuus? et quaeremus eum tecum’. (Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht … Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter: Wenn ihr meinen Geliebten findet, sagt ihm, ich bin krank vor Liebe … Wohin ist dein Geliebter gegangen, du schönste der Frauen? Wohin wandte sich dein Geliebter? Wir wollen ihn suchen mit dir). ‚En lectulum Solomonis sexaginta fortes ambiunt … omnes tenentes gladios, et ad bellum doctissimi’ (Sieh da, das ist Salomos Sänfte; sechzig Helden geleiten sie … alle vertraut mit dem Schwert, geschult für den Kampf) leitet, dem Text angemessen, einen Marsch ein. Der fünfte Satz, ‚Revertere, revertere Sulamitis! Revertere, revertere ut intueamur te … Quam pulchri sunt gressus tui in calceamentis, filia principis’ (Wende dich, wende dich, Schulamit! … Wie schön sind deine Schritte in den Sandalen, du Edelgeborene) steigert sich leidenschaftlich, bis endlich die Viola mit ‚Pone me ut signaculum super cor tuum’ (Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz) eine Auflösung von größter Schlichtheit bringt, ein Thema, das dann vom Orchester aufgenommen wird, womit das Werk besiegelt wäre.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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