About this Recording
8.557287 - MILHAUD, D.: Creation du monde (La) / Le Boeuf sur le toit / Suite provencale
English  French  German 

Darius Milhaud (1892-1974)
La Création du monde • Le Boeuf sur le toit • Suite provençale

Mit einem an die 450 Opusnummern umfassenden, die verschiedensten Musikgattungen einschließenden Werkkatalog zählt Darius Milhaud zu den produktivsten und vielseitig begabtesten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts. Trotz dieser umfangreichen, ein langes Komponistenleben umspannenden Arbeit beruht die posthume Reputation diesen bedeutenden Polystilisten hauptsächlich auf seinen gegen Ende des 1. Weltkriegs und während der frühen 1920er Jahre entstandenen Werken, die sich – fern jeglicher dogmatisch verstandenen Ästhetik – durch formale Stringenz, virtuosen Zugriff und überquellenden Ideenreichtum auszeichnen. Drei dieser Werke enthält die vorliegende Einspielung.

Während seiner Zeit als Botschaftsattaché Paul Claudels in Rio de Janeiro von 1916-18 hatte Milhaud die brasilianische Folklore kennen gelernt, deren Einfluss in vielen seiner im folgenden Jahrzehnt komponierten Werke spürbar ist. Die 1919 ursprünglich als Stummfilmbegleitung entstandene, später als Ballett auf ein Szenario von Jean Cocteau berühmt gewordene Musik Le Boeuf sur le toit gehört zu diesen südamerikanisch kolorierten Werken. Nicht dass ein ‚Ochse auf dem Dach’ etwa in dem Sück vorkäme. Es entbehrt einer eigentlichen Handlung und besteht vielmehr aus einer Sequenz von diversen Episoden, deren genialer struktureller Zusammenhang durch eine brasilianische Melodie erreicht wird, die als Refrain durch alle zwölf Dur- und mehrere Molltonarten wandert. So kehrt das lebhafte Eröffnungsthema in regelmäßigen Abständen wieder, unterbrochen von verschiedenen Nebengedanken, u.a. einer synkopisch rhythmisierten Streichermelodie, einer eleganten Holzbläserpassage und einem lärmenden Blechbläserthema. Als Hauptideen fungieren eine rhapsodische Passage für Streicher und ein unverkennbar südamerikanisch timbriertes Thema. Gegen Ende des Balletts führt der Komponist die wichtigsten Gedanken in einer Coda zusammen. Durchzogen wird die Musik von polytonalen Klangfolgen, einer für Milhauds Musik aus dieser Periode bezeichnenden Technik, die für unerwartete harmonische Wendungen sorgt, während sie gleichzeitig keinerlei Zweifel am melodischen und rhythmischen Reiz der Partitur aufkommen lässt.

Eine Brasilien-Tournee von Diaghilews Ballets russes, während der Nijinsky zum letztenmal öffentlich auftrat, inspirierte Milhaud zu seiner 1917-18 entstandenen Ballettmusik L’Homme et son désir. Das allegorische Szenario, nach einer Erzählung von Claudel, spielt in einem urzeitlichen Regenwald des Amazonas und bedient sich solcher Symbolismen wie einem janusköpfigen Mond und der Befreiung des Mannes durch das für Liebe und Tod stehende Phantom der Frau. In der Choreographie von Jean Borlin hinterließ das Ballett bei der Pariser Uraufführung am 6. Juni 1921 durch das Ballets Suédois einen zwiespältigen Eindruck; die Musik aber – für vier vokalisierende Gesangsstimmen, Solobläser und Streicher sowie eine gewaltige Schlagzeugbatterie – fand großes Lob für ihre polytonale und polyrhythmische Subtilität und die faszinierende räumliche Klangwirkung. Eine Zeitlang galt das Werk als Milhauds radikalste und einflussreichste Komposition. Über pulsierendem Schlagzeug erzeugen Streicher und Holzbläser eine dichte polyphone Struktur, zu der die vier Gesangsstimmen mit einer eigenen Klangschicht hinzutreten. Ein ritualisierender Abschnitt für Harfe und Trommeln schließt sich an, gefolgt von einer nachdenklichen Streicherpassage und einem flüchtigen Scherzo à la Strawinsky. Dem bedrohlichen Crescendo des unbegleiteten Schlagwerks (einschließlich Peitsche) gebietet eine unbeschwerte Flötenmelodie Einhalt, bis das Werk einen zentralen Punkt des Stillstands erreicht, von dem aus Harfe und Schlagzeug einen lebhaften Neubeginn einleiten. Auf eine ungestüme Trompetenpassage folgt sodann ein Abschnitt, in dem Holzbläser- und Streicher-Ostinati auf Vokalstimmen prallen, bevor nach einer von den Kontrabässen erzwungenen Unterbrechung der Höhepunkt vorbereitet wird. Aus ihm entwickelt sich ein ruhiger Abschnitt im Stil eines ‚slow blues’, wobei von den Vokalstimmen einzig der Sopran übrig bleibt. Mit dem Rückbezug der knappen, vom Schlagzeug dominierten Coda auf den Werkbeginn schließt sich der Kreis.

Ein vergleichbares Szenario wird in dem Ballett La Création du monde verwendet, das Milhaud nach seiner Rückkehr nach Frankreich am Ende des Jahrzehnts komponierte. Als bewusstes Stilidiom hatte der Jazz Eingang in die klassische französische Musik gefunden. Als Milhaud in den 1920er Jahren eine amerikanische Big Band in London spielen hörte, kam ihm die Idee, deren Rhythmen und Timbres in den Kontext eines Kammermusikwerks zu übernehmen. Ein Besuch im New Yorker Stadtteil Harlem lieferte ihm dann den afrikanischen Mythos als Grundlage eines Balletts, das die Erschaffung der Welt zum Thema hat, im Orchester besetzt mit siebzehn Instrumenten (einschließlich Altsaxophon, Schlagzeug und Klavier). Das 1923 bei der Pariser Uraufführung durch das Ballet suédois von Publikum und Fachkritik noch mit einigem Unverständnis aufgenommene Werk galt bald als eine bedeutende musikalische und kulturelle Synthese und ist seit langem das meistgespielte Werk des Komponisten. Der dumpf-schwermütige Beginn stellt das Saxophon gegen die Streicher in einer seelenvollen Melodie, die den Verlauf des gesamten Stücks beeinflusst. Lebhafte Ausbrüche in Blech und Schlagzeug kündigen einen Abschnitt an, in dem Holzund Blechbläser über Schlagzeugbegleitung einen von Synkopen markierten Dialog führen. Über pulsierenden Bässen leiten die Klarinetten dann zur Beginnmusik zurück, die nun – mit synkopierter Cellobegleitung – in den Flöten erklingt. Aus ihr erwächst blütenartig eine lyrische Holzbläsermelodie, bevor die Streicher einen übermütigen Gedanken präsentieren, von dem sich das gesamte Ensemble anstecken lässt. Danach kehrt die lyrische Melodie in mehreren Instrumenten zurück. Es folgt ein keckes Klarinettenthema, zu dem der Klang der Oboe einen melancholischen Kontrast bildet. Mit dem Hinzutreten des Horns beginnen sich die Hauptideen in einem Ausbruch rhythmischer Energie zu überlagern. Schließlich signalisiert die von der Oboe eingeleitete, ruhig-gelassene Coda die Vollendung des Schöpfungsprozesses.

Bevor sich Milhaud 1939 relativ spät der Komposition einer großen Sinfonie zuwandte, hatte er zwischen 1917 und 1922 zwar sechs kleinere Stücke in dieser Gattung vorgelegt, den Hauptanteil an seiner Orchestermusik aus dieser Periode bildeten jedoch Suiten aus Bühnen- und Filmmusiken. Zu diesen Arbeiten zählt auch die aus seiner 1936 entstandenen Musik zu Valmy-Baisses Schauspiel Bertran de Born zusammengestellte Suite provençale, in der Milhaud aus dem reichen Melodiengut seiner provenzalischen Heimat schöpft. Nach einem kurzen, feierlichen Animé verbreitet das Très modéré eine nachdenklichere Atmosphäre. Es folgt ein folkoristisches Modéré, dessen rhapsodischer Gestus mit dem ungestümen Wirbel des Vif überschriebenen Satzes kontrastiert. Nach einem weiteren Modéré- und Vif-Abschnitt folgt der in seiner schwermütigen Melancholie den expressiven Höhepunkt bildende Lent-Teil. Im abschließenden Vif vereinigen sich sodann alle Instrumente in einem kraftvollen Rondo, mit dem die Suite in volkstümlich-heiterer Stimmung ausklingt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window