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8.557291 - PITFIELD: Piano Concertos Nos. 1 and 2 / Xylophone Sonata
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Thomas Pitfield (1903-1999)
Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 • Studies on an English Dance-Tune
Xylophonsonate

Thomas Pitfield wurde 1903 in Bolton geboren und starb 1999 in Bowdon, Cheshire. Sein Vater war Schreiner und Bauarbeiter, seine Mutter Schneiderin. Die künstlerischen und musikalischen Neigungen, die er schon in früher Kindheit hatte, wurden von seiner angepassten Familie gering geschätzt. Im Alter von vierzehn Jahren wurde ihm unter Protest eine siebenjährige Lehre im Maschinenbau aufgezwungen. Die Ersparnisse aus dieser Zeit ermöglichten ihm immerhin ein einjähriges Studium von Klavier, Cello und Harmonielehre am Royal Manchester College of Music. Nach dem Versuch einer freiberuflichen Karriere als Musiker nötigten ihn geschäftliche Zwänge, die Richtung zu wechseln, und er gewann ein Stipendium, um an der Bolton School of Art Kunst und Kunsttischlerei zu studieren. Während der Jahre als Lehrer für Kunsthandwerk in den Midlands wurde er dank der Hilfe und Ermutigung durch Hubert Foss von Oxford University Press zunehmend als Komponist bekannt. Dieser publizierte viele seiner Kompositionen und beauftragte ihn mit Covergestaltungen – darunter jenes für Brittens Simple Symphony –, Karten, Folksong-Übersetzungen und Buchillustrationen. Im Jahr 1947 wurde Pitfield eingeladen, an seinem alten College Komposition zu unterrichten. Er blieb Mitglied des Lehrkörpers bis zu seinem siebzigsten Geburtstag. In einem langen und fröhlichen Ruhestand verfolgte er seine musikalischen und künstlerischen Interessen bis in seine Neunziger.

Als Komponist war Pitfield weitgehend Autodidakt. Die meisten Werke seines beachtlichen OEuvres sind Miniatur-Sammlungen, viele von ihnen für Kinder und Amateure. Er schien ein natürliches Empfinden für deren Möglichkeiten zu haben. Zu den größeren Werken gehören eine fünfsätzige Sinfonietta, komponiert im Auftrag von Sir John Barbirolli für das Hallé Orchestra, und Konzerte für Klavier, Violine, Blockflöte und Schlagzeug. Dazu kommt Kammermusik für hervorragende Künstler seiner eigenen und nachfolgender Generationen wie Léon Jean Goossens, Evelyn Rothwell, Archie Camden, Carl Frederick Dolmetsch und Osian Ellis. Eine Spezialität war sein Komponieren für ungewöhnliche Instrumente, darunter Solowerke für Akkordeon, Clarsach (eine mittelalterliche schottische Harfe), Xylophon und Mundharmonika. Pitfield erfand sogar eine eigenes Instrument: das „Patterphone“ (von patter = prasseln, plätschern), mit dem er regenartige Klänge erzeugte.

Obwohl er ein eher widerwilliger Klavierspieler war, hat ihn das Instrument Zeit seines Lebens sehr interessiert. Eine seiner frühesten Veröffentlichungen, Prelude Minuet and Reel, ist bis heute sein bekanntestes Werk. Die Idee eines Klavierkonzerts wurde zuerst von der australischen Pianistin Beatrice Tange aufgebracht, die Prelude Minuet and Reel für HMV Sydney aufgenommen hatte. Als ihr das Werk mit Streichorchester- Begleitung dann geschickt wurde, gab sie es ungespielt zurück, da es nicht „auf ihrer Linie“ liege. Wenig hilfreich mag gewesen sein, dass es dem Liverpooler Pianisten Gordon Green gewidmet war. Dieses frühe Konzert wurde schließlich von einem anderen Liverpooler Pianisten, Douglas Miller, aufgeführt, doch Pitfield zog es danach zurück und verwendete das Material in anderen Werken.

Sein nächster Versuch mit dieser Form, das Konzert Nr. 1 in e-Moll mit großem Orchester, entstand 1946/47 im Auftrag eines weiteren Liverpooler Pianisten, Stephen Wearing, der es mit dem (Royal Liverpool) Philharmonic Orchestra unter Hugo Rignold am 12. November 1949 uraufführte. Dafür erntete er das Kritikerlob der Liverpool Daily Post. Weitere Aufführungen unter Louis Cohen, Boult – für das Festival of Britain –, John Hopkins und Vilem Tausky folgten. Doch dann geriet es zum Verdruss des Komponisten – trotz dreier Ausstrahlungen im Radio – in Konflikt mit dem zuständigen Gremium der BBC. Der beleidigende Bericht wurde ihm auf sein Insistieren hin vorgelegt. „Die Worte trafen mich wie in die Haut eingebrannt“, so schreibt er in seiner Autobiographie. Das Werk wurde gleichwohl für Pitfields Abschiedskonzert in der RNCM 1973 durch Anthony Goldstone wieder belebt. Das dreisätzige Konzert enthält viele von Pitfields unverwechselbaren Kennzeichen: parallele Dreiklänge, volksnahe Melodien, üppige, hymnenartige Harmonisierungen, Kaskaden der schwarzen und weißen Tasten im Wechsel beider Hände und Anklänge an Gershwin, Poulenc und Ravel. Die Anmerkungen des Komponisten im Konzertprogramm lauten folgendermaßen:

„Das Intervall der Quarte, mit dem das Werk beginnt, ist eine Art durchgehendes Motto. Es erfährt zuweilen eine allmähliche chromatische Erweiterung, so im schwankenden Bass, der gleich zu Beginn der Exposition erkennbar ist.

Das erste Thema liefert – durch viele Transformationen – das meiste kontrapunktische Material des Werkes und das langsame Thema, das den zweiten Satz eröffnet, das meiste harmonische. Nach einem Auftritt des ersten Themas in den Bässen – etwas unterstützt von den Celli und der Basstrommel – wird es im Kanon zwischen Klavier und Holzbläsern neu formuliert, von letzteren in Umkehrung. Es folgen verschiedene Transformationen: Ausweitungen, Kompressionen, Ostinatos, Kanons in zwei Tonarten und abschließend, in der verlängerten Koda, fugale Ausformungen.

Während eines der drei Themen des ersten Satzes in Kontrast zu den übrigen steht – und hauptsächlich auf das Klavier beschränkt ist –, bleiben Anklänge an die anderen beiden, namentlich das Quarten-Intervall, bestehen. Das dritte, kantablere Thema taucht fragmentarisch im nächsten Satz wieder auf.

Ein feierliches, grabgesangartiges Thema, bei dem die tiefen Streicher antiphonisch zum Klavier verwendet werden, eröffnet den zweiten Satz, der sich weitgehend diesem Thema verdankt. Wenn das Konzert ein Theaterstück wäre, würde das Thema mit Recht als die Hauptrolle betrachtet werden. Es hat sogar einen Bezug zum Theater, da es für eine Laienaufführung von Hamlet in meiner Jugend geschrieben wurde. Es war damals die Begleitmusik zur Sterbeszene. Eher grafisch als nur rein musikalisch betrachtet kann es in Umrissen in dem etwas mysteriösen Scherzo-Abschnitt dieses Satzes aufgespürt werden.

Der dritte Satz ist heiter und unbekümmert – ein Rondo mit einem fugalen Anhang. Die fröhliche Stimmung und diejenige der Fuge kämpfen kurzzeitig um den Vorrang, wobei letztere obsiegt. Das Thema ist wiederum das erste des ersten Satzes. Bald taucht nach und nach in feierlichen Akkorden der Bläser das Hauptthema des zweiten Satzes wie eine drohende Gestalt auf, zunächst nur schwach erkennbar durch die transparentere und komplexere Textur der Fuge. Schließlich überwindet das grabgesangartige Thema die Fuge und tritt in Erscheinung, indem es seinen Triumph unangefochten verkündet. Doch macht es sich den Rhythmus des Fugenthemas – geschlagen auf der Basstrommel und dem Zymbal – zu eigen. Die Triumphstimmung lässt nach, und einige kurze Referenzen an die anderen Stimmungen des Werkes – darunter eine kanonische Kompression des Rondo- Themas – führen das Werk zuende.“

Das Klavierkonzert Nr. 2 hat eine sehr viel bewegtere Geschichte als das erste. Es wurde von Pitfields Freund, dem Verleger Max Hinrichsen, auf Anregung von Peter Edition in den Vereinigten Staaten in Auftrag gegeben und trägt das Veröffentlichungsdatum 1960. Klavierstudenten an amerikanischen Universitäten hatten bei ihren Vorspielen einen Konzertsatz von zehn Minuten Länge vorzutragen – so war die Intention, ein Miniaturkonzert für diesen Zeitrahmen zu schreiben, das ein Spektrum an Geschwindigkeiten und Stimmungen enthält, die ein herausgelöster Einzelsatz niemals bieten könnte. Auf Vorschlag des Verlegers, aber wider besseres Wissen des Komponisten wurde das Werk mit dem Untertitel The Student (Der Student) veröffentlicht. Kaum überraschend wurde dies als von oben herab empfunden, und das Werk fiel zwischen alle Stühle. Berufsmusiker und Studenten mieden es gleichermaßen – abgesehen von einem Studenten, der es mit dem BBC Northern Symphony Orchestra durchspielte. Die Programm-Sammlung des Komponisten enthält keinen Hinweis auf eine offizielle Premiere des Werkes.

Dem Konzert ist ein Zitat von Milton vorangestellt: ... and bring with thee Jest and youthful Jollity („... und bring Spaß und jugendlichen Frohsinn mit“). Der Eröffnungssatz, Dance-Prologue, beginnt mit einem für Pitfield typischen Ostinato aufsteigender Terzen, das regelmäßig wiederkehrt, und kombiniert drei sehr einfache Melodien der weißen Tasten: eine absteigende Tonleiter, eine rührend harmonisierte, hymnenartige Melodie und eine Walzermelodie, die mit einem Motiv aus wiederholten Noten beginnt. Einen Anflug von Varieté vermitteln im Mittelabschnitt einige flamencoartige Harmonien und Rhythmen im Orchester. Der zweite Satz, Interlude on White Keys (Zwischenspiel auf weißen Tasten), hat die Funktion eines Scherzos und bezieht den Kontrast zum ersten Satz von seiner modalen Modulation. Das Hauptmaterial für den Satz ist eine beharrlich fortlaufende Figur, die das Klavier zu Beginn ein führt. Der kontrastierende Mittelabschnitt ist eine anmutige folkartige Melodie – ebenfalls modal –, die das Klavier allein spielt. In der Reprise wird der fortlaufenden Figur eine reelartige Melodie (Reel, ein englischer Tanz) der Klarinette gegenüber gestellt; die kleine Trommel sorgt dabei für rhythmischen Impetus. Dann platzen die übrigen Musiker mit halbherzigen Zwischenrufen hinein, Streicher und Holzbläser führen den Satz zu einem verstummenden Abschluss. Der letzte Satz, ein Folge von drei Variationen über den englischen Folksong The Oak and the Ash, fungiert zugleich als langsamer Satz und Finale. Nach der feierlichen und expressiven Darstellung des Themas ist die erste Variation verspielt und spitzig, gesetzt in dem von Pitfield bevorzugten 5/8-Takt. Die zweite Variation ist eine träumerische Meditation. Die dritte tokkataartige Variation bringt die ausgelassene Stimmung zurück, mit eigenwilligen Ausflügen in entfernte Tonarten, bevor ein gewaltige Sequenz von Orchester-Dreiklängen, die eine Kaskade von Doppeloktaven des Solisten begleitet, das Werk zu einem ebenso jubelnden wie jähen Abschluss in der Ausgangstonart C-Dur führt.

Studies on an English Dance-Tune ist für Pitfields Schüler, den Komponisten und Pianisten John McCabe, geschrieben, der es noch als Student am Royal Manchester College im Februar 1961 uraufführte. Bei der Melodie handelt es sich um Jenny Pluck Pears – jeder der sieben kurzen Sätze unterwirft ein Fragment der Melodie einer rhythmischen, modalen oder spieltechnischen Umformung. Arietta and Finale ist ein 1932 veröffentlichtes Frühwerk, während die für die Pianistin Lucy Pierce aus Manchester – einer Kollegin am RMCM – geschriebene überschäumende Toccata 1953 veröffentlicht wurde.

Die viersätzige Xylophonsonate wurde für den soloschlagzeuger des Hallé Orchestra, Eric Woolliscroft, komponiert. Es ist das erste Werk für das Instrument mit einem Paar fixierter Schlägel in jeder Hand und bereits in das noch junge Xylophon-Repertoire eingegangen.

John Turner
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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