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8.557293 - Guitar Recital: Dimitri Illarionov
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Dimitri Illarionov - Gitarrenrecital

Dimitri Illarionov - Gitarrenrecital

Giuliani • Tansman • Dyens • Rekhin • Koshkin • Tárrega • Castelnuovo-Tedesco

 

Mauro Giuliani stammte aus der süditalienischen Provinz Bari. Wo genau er geboren wurde, lässt sich ebenso wenig beantworten wie die Frage, auf welche Weise er seine Fähigkeiten als Gitarrist, Flötist und Cellist erwarb. Als er 1806 nach Wien ging, hatte er jedenfalls schon Konzertreisen durch Europa unternommen und sich dabei einen Namen als Gitarrenvirtuose gemacht. In Italien und ganz besonders in seiner Heimatgegend hätte er damals wenig Aussichten gehabt, eine lohnende Karriere zu machen. In Wien stellte sich die Situation völlig anders dar. Hier konnte er schon bald seine ersten Erfolge erringen; er lernte so berühmte Komponisten wie Beethoven, Diabelli und Hummel kennen; er arbeitete als ausübender Musiker und Komponist; und er spielte als Cellist sogar bei der Uraufführung der siebten Symphonie von Beethoven mit. Segovia hat Fernando Sor einmal als „geschwätzig“ bezeichnet. Was hätte er dann wohl erst von einem Giuliani gesagt, der während seiner Wiener Jahre mehr als einhundert Werke veröffentlichte? Nachdem er sich durch amouröse und finanzielle Abenteuer in Schwierigkeiten gebracht hatte, vermochte er sich im Jahre 1819 dem allzu großen Interesse der Wiener Polizei durch seine Flucht nach Italien zu entziehen. Hier brachte er es tatsächlich fertig, an seine bisherigen außergewöhnlichen Erfolge anzuknüpfen. Die Grande Ouverture, ein einsätziges Stück in der Form eines Sonaten-Allegros, war schon 1814 in Mailand veröffentlicht worden, als der Komponist selbst noch in Wien lebte. Sie gehört zu seinen schönsten Werken und ist die Miniaturfassung einer italienischen Opernouvertüre, die vielleicht ein klein wenig parodistisch gemeint ist.

 

Als Alexandre Tansman 1919 seine polnische Heimat verließ, um sich in Paris niederzulassen, hatte er als Komponist und Pianist bereits einige Erfolge aufzuweisen. In der Seine-Metropole lernte er dann rasch Ravel, Milhaud, Honegger und andere etablierte Komponisten kennen. Schon bald nahmen sich die Dirigenten Stokowski, Koussevitsky und Mengelberg seiner Werke an, und Tansman unternahm die ersten seiner weltweiten Konzertreisen. Während des Zweiten Weltkrieges lebte und arbeitete er in den Vereinigten Staaten, und 1946 kehrte er wieder nach Paris zurück. Schon zu Beginn der 1920er Jahre hatte er Andrès Segovia kennengelernt, der zwar immer auf der Suche nach neuen Gitarrenstücken war, der andererseits aber auch wusste, dass Tansman in jeder musikalischen Sprache – vom Romantischen bis zur Atonalität – schreiben konnte. Diese Tatsache machte dem eingefleischten Romantiker Segovia anfangs einige Sorgen. Als er Tansman erstmals um ein Werk bat, fügte er hinzu, er solle zunächst einmal „den Pinsel säubern“, mit dem er etwas für Gitarre komponieren wollte. Und Tansman erfüllte schon in seinem ersten Stück, der Mazurka von 1925, worum in Segovia gebeten hatte. Die Cavatina (1950) ist eine Folge von Tänzen, die an die Musik vergangener Zeiten erinnert, obwohl sie ohne Zitate auskommt und mit der für Tansman üblichen Sparsamkeit geschrieben ist. Die Danza pomposa wurde später hinzugefügt, um dem Stück einen kraftvolleren Schluss zu verleihen.

 

Roland Dyens wurde zwar in Tunis geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung aber in Frankreich. Als Gitarrist hat er viele internationale Preise gewonnen. Einen großen Namen hat er sich als Improvisator gemacht, und es mag sein, dass diese natürliche Begabung etwas mit seiner Herkunft zu tun hat, denn das Extemporieren bildet das Wesen der nahöstlichen Musik. Das französische Wort skaï bedeutet „Kunstleder“ – bezeichnet also etwas Glattes, Billiges und Nettes, das nicht ganz so ist wie das „Original“. In dieser Weise verwendet es Dyens sowohl in seinem bekanntesten Werk, dem Tango en skaï, als auch in der Valse en skaï, die gleichermaßen eine gutmütige Parodie auf etwas bekanntes und echtes ist – auf den Walzer.

 

Der bekannte russische Komponist Igor Rekhin wurde in Tambow geboren. Er war Kompositionsschüler von Aram Chatschaturjan in Moskau und studierte ferner Komposition und Musikwissenschaft bei Vladimir Tystowitsch und Alexander Pen-Chernow in St. Petersburg. Nach seiner Graduierung belegte er einen weiterführenden Kurs am Pädagogischen Institut von Moskau. Er ist der Verfasser zahlreicher Kritiken und Artikel, hat viele Rundfunksendungen gemacht, extensiv als Lehrer und Juror bei vielen nationalen und internationalen Wettbewerben gewirkt und eine Fülle von Ehrungen erhalten. Sein kompositorisches Schaffen enthält Musik für die unterschiedlichsten Besetzungen, darunter eine Vielzahl von Werken für oder mit Gitarre. (Dimitri Illarionov gab 2001 in Danzig die europäische Erstaufführung des zweiten Gitarrenkonzerts.) Die 24 Präludien und Fugen (1984-90), der einzige Zyklus dieser Art für Gitarre, wurde von Vladimir Tervo uraufgeführt, dem das Werk auch gewidmet ist. Rekhin sagt dazu: „Ich habe versucht, so gut wie nur möglich die Ideen der zeitgenössischen Musikkultur einzufangen und sie in einen Zyklus zu kondensieren. Oft habe ich bewusst Klassik und Avantgarde miteinander gemischt und sie durch Elemente des Jazz und Rock sowie lateinamerikanische Rhythmen miteinander vereint.“ Bleibt nur zu sagen, dass sie für jeden Interpreten einen ernste Probe technischer und musikalischer Art darstellen.

 

Mit seiner bahnbrechenden Suite Das Spielzeug des Prinzen präsentierte sich der russische Gitarrist und Komponist Nikita Koshkin erstmals der Gitarrenszene, die in ihm sogleich einen Künstler von großer Fantasie erkannte. Koshkin verfügt über einen Sinn für das Programmatische, das oft auch Märchen und Sagengestalten einschließt, und er versteht sich auf die geschickte Anwendung spezieller Effekte, deren Vorrat er selbst freigiebig erweitert hat. Marionette entstand als fortgeschrittenes Prüfungsstück für einen Wettbewerb, der 1996 in Woronesch stattfand. Die Komposition beschreibt die sprunghaften, holprigen Bewegungen einer Marionette. Dazu Koshkin: „Mehr kann ich dazu nicht sagen. Alles andere ist in der Musik enthalten.“ Dem können wir guten Gewissens beipflichten.

 

Vor vielen Jahren gab ich einen Fernkurs, der, wie ein Teilnehmer aus Übersee meinte, „die Ausführung von Schwierigem einfach macht“. Paganini vermochte seinem Konzertpublikum eben diesen Eindruck so überzeugend zu vermitteln, dass man ihn im Bunde mit dem Teufel glaubte. Auf diesen Aspekt bezieht sich das 1935 entstandene Capriccio diabolico (Hommage an Paganini) von Mario Castelnuovo-Tedesco, wobei die Teufeleien von Passagen unterbrochen werden, die ruhiger, lyrischer und graziöser sind als alles, was Paganini je geschaffen hat. Einer dieser Teile lässt bereits die Stimmung des langsamen Satzes aus Castelnuovo-Tedescos erstem Gitarrenkonzert (1939) erahnen. Gegen Ende des Stückes zitiert der Komponist aus Paganinis La Campanella; es ist dies die einzige wörtliche Anspielung auf das Schaffen des Widmungsträgers.

 

Francisco Tárrega, der sogenannte Vater der modernen Gitarre, hat viele charmante und schön konstruierte Miniaturen geschrieben, war aber in seinen größeren Werken mehr als sonst darauf bedacht, das Publikum der Salons zu beeindrucken. Seine Variationszyklen, darunter derjenige über Karneval in Venedig, dessen Melodie bei Kornettspielern besonders beliebt ist – diese Variationswerke also verraten eine Spannweite gitarristischer Spezialeffekte, die mitunter von recht zweifelhaftem musikalischen Wert sind. In den Salons genossen diese Werke zweifellos großes Ansehen; heute sind sie vor allem dazu angetan, uns die Entwicklung der Gitarrenmusik im Laufe der letzten einhundert Jahre zu verdeutlichen. Man kann sich über die hier vorliegende Komposition etwa genau so amüsieren wie über einen Gondoliere, der „rein zufällig“ beim echten Karneval von Venedig über Bord geht.

 

John W. Duarte

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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