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8.557295 - Guitar Music from Brazil
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Brasilianische Gitarrenmusik

 

In der Entwicklungsgeschichte der brasilianischen Musik, vor allem im zwanzigsten Jahrhundert, hat die Gitarre eine bedeutende Rolle gespielt. Wie in Spanien ist sie auch in Brasilien das Nationalinstrument, das auch von den berühmtesten Liedermachern des Landes wie Gilberto Gil, Caetano Veloso, Chico Buarque, Milton Nascimento, João Bosco und anderen gespielt wird. Die meisten Gitarrenschüler kommen im Laufe ihres Studiums früher oder später mit brasilianischer Musik in Berührung und viele erliegen ihrem einzigartigen Charme.

Marco Pereira gilt heute als einer der bedeutendsten brasilianischen Gitarrenkomponisten. Als Instrumentalist ist er in der ganzen Welt aufgetreten. Seine zahlreichen Kompositionen für Gitarrre reflektieren die diversen Rhythmen und musikalischen Formen der brasilianischen Musik. Pixaim, das erste Stück dieser Einspielung, ist eine Art Frevo, ein sehr schneller rhythmischer Tanz, der normalerweise von kleinen Orchestern mit Blechbläsern und Schlagzeug gespielt wird. Der Tanz hat seinen Ursprung im Nordosten des Landes und wird besonders gern während des Karnevals in Recife und Olinda gespielt.

Plainte-Lamento ist ein schönes, einfaches Stück im Stil des brasilianischen Walzers. Num pagode em Planatina ist eine Hommage an den großen Liedermacher und Gitarristen João Bosco. Planatina ist eine kleine Stadt in Brasilien und pagode eine Art Gesellschaft, bei der man singt und vor allem Samba in verschiedenen Varianten tanzt. Pereira fängt Boscos einzigartigen Gitarrenstil mit seinen verschiedenen Spieltechniken auf brillante Weise ein.

Das brasilianische Genre des Chôro entstand im späten achtzehnten Jahrhundert. Damals bildete sich eine Art Ensemble aus Gitarre, Cavaquinho (ein kleines, gitarrenförmig gebautes, hohes Instrument) und Flöte, und man spielte Tangos, Walzer und Polkas. Aus dieser Art des Ensemblespiels entstand schließlich der eigentliche Chôro. Er galt lange als Musik der unteren Mittelklasse und wurde von der Oberschicht kaum akzeptiert. Dennoch entwickelte er sich weiter und erlangte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts große Popularität.

Einer der brasilianischen Pioniere des Chôro war der Gitarrist João Pernambuco (1883–1947). Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in der Eisenindustrie, aber er war auch ein hervorragender Musiker. Sein Sons de Carilhôes (Glockenklänge) ist ein Chôro, den alle Gitarristen kennen und in der ganzen Welt spielen. Ich habe noch zwei weitere seiner Kompositionen für diese Einspielung ausgewählt, die freche Grauna (Amsel) und Po de Mico, was wörtlich übersetzt ‚Juckpulver’ bedeutet.

Der in Rio de Janeiro geborene Antonio (Tom) Carlos Jobim (1927–1994) war einer der Begründer der Bossa Nova-Bewegung. Garota de Ipanema (Mädchen aus Ipanema) war wohl sein bekanntestes Lied. Während seiner Karriere komponierte Jobim viele wunderbare Stücke und klassische Lieder. Eines seiner schönsten Stücke trägt den Titel Luiza; es ist hier von Marco Pereira für Sologitarre arrangiert.

Luis Bonfa (1922–2001) trug wie Jobim dazu bei, den Bossa Nova weltweit bekannt zu machen. Er war ein begabter Gitarrist und Komponist und gelangte zu erstem Ruhm mit seinem Lied Manhã de Carnaval, das er für den Film Orfeu Negro komponierte.

Sergio Assad und sein Bruder Odair bilden ein brillantes Gitarrenduo, das Duo Assad. In letzter Zeit hat sich Sergio verstärkt der Komposition gewidmet. Aquarelle entstand 1986 für den berühmten schottischen Gitarristen David Russell. Der erste Satz, Divertimento, basiert auf einem Dreitonmotiv (D-B-C), das am Beginn des Stücks erklingt. Dieses Motiv begegnet im Verlauf des Satzes in verschiedenen Registern. Der mittlere Satz, Valseana, ist eine inspirierte, herrliche Melodie, die zu Preludio e Tocatina überleitet. Auf das verträumte Preludio folgt die ungestüme Toccata, mit der das Stück schließt.

Raphael Rabello (1962–1995) war ein wundervoller Gitarrist von außergewöhnlicher technischer Begabung. Während seines tragisch kurzen Lebens (er starb bereits im Alter von 33 Jahren) erlangte er weltweite Anerkennung. Seine Komposition Sete Cordas (Sieben Saiten) ist eine eindrucksvolle Hommage an die siebensaitige Gitarre, die er so meisterhaft spielte.

Egberto Gismonti ist einer der heute bekanntesten brasilianischen Musiker. Seine Kombination aus Formen der populären brasilianischen Musik vermischt mit Improvisation hat ihm eine große Anhängerschaft gesichert. Er hat erstaunlich viel komponiert. Agua e Vinho (Wasser und Wein) ist eines meiner Lieblingsstücke. Nach eigener Aussage hat er sich zu Agua e Vinho vom ‚Geheimnis des Katholizismus‘ inspirieren lassen, dem Grundelement des Lebens—eine interessante, widersprüchliche Kombination.

Heitor Villa-Lobos (1887–1959) ist vielleicht der berühmteste brasilianische Komponist. Seine Sentimental Melody schrieb er 1957 für den Film Green Mansions. Der einprägsame Lyrizismus gemahnt an den Geist und die Erfindungskraft seiner Bachianas Brasileiras. Hier erklingt das Stück in der brillanten Gitarrenbearbeitung des brasilianischen Gitarristen Carlos Barbosa-Lima.

Ronaldo Miranda, ein extrem talentierter Komponist, wurde 1948 in Rio de Janeiro geboren. Appassionata ist sein bislang einziges Werk für Gitarre. Es ist ein echtes Virtuosenstück mit weitem, leidenschaftlichem Temperament, Augenblicken melancholischer Reflexion und üppigen Harmonien.

Abschließend muss ich gestehen, dass es ungemein schwierig war, das Repertoire für diese Einspielung auszuwählen. Es gibt noch so viele andere wundervolle und bedeutende brasilianische Komponisten mit großartigen Stücken, die ich gerne aufgenommen hätte. Und so ist denn dieses Programm nicht zuletzt als Anregung gedacht, tiefer in die sinnliche Schönheit der brasilianischen Musik einzutauchen.


Graham Anthony Devine
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 

Diese Aufnahme möchte ich meiner Familie und all meinen Freunden in Brasilien widmen. Mein besonderer Dank gilt Alun Morgan. Danken möchte ich auch Stuart Bladgen für sein Engagement für die brasilianische Musik und für seine Unterstützung bei der Vorbereitung des Notenmaterials.


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