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8.557322 - SAINT-GEORGES: Violin Concertos No. 1, Op. 3 and Nos. 2 and 10
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Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-Georges (ca. 1745-1799)
Violinkonzerte - Folge 2

 

In einer Zeit, die ohnehin reich war an bemerkenswerten Persönlichkeiten, nimmt der Athlet, Violinvirtuose und Komponist Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-Georges, eine einzigartige Position ein. Der Sohn eines ehemaligen Ratsherrn aus Metz und einer Farbigen wurde in der Nähe von Basse Terre auf Guadeloupe, der Heimatinsel seiner Mutter, geboren und lebte – bevor sich die Familie 1749 in Paris niederließ – einige Zeit auf einem Gut auf San Domingo. Zu Beginn seines zweiten Lebensjahrzehnts kam er in die Lehre des berühmten Fechtmeisters La Boëssière. Außerdem erhielt er Reitunterricht bei Dugast in den Tuilerien. Sein erstes Gefecht führte er am 8. September 1766 gegen Giuseppe Gianfaldoni; zwar verlor er den Kampf, doch sein Gegner prophezeite ihm, er werde eines Tages der beste Fechter Europas sein.

Über Saint-Georges’ musikalische Erziehung ist praktisch nichts bekannt. Frühen Berichten zufolge soll ihn Platon, der Plantagenverwalter seines Vaters auf San Domingo, unterwiesen haben. Ferner wird angenommen, dass er später bei Leclair Violin- und bei Gossec Kompositionsunterricht erhielt. Da die sechs Jahre, die er bei La Boëssière zubrachte, ganz und gar der Körperertüchtigung und den akademischen Studien vorbehalten waren, hat man vermutet, dass er den größten Teil seiner musikalischen Ausbildung seit 1758 erfuhr – und zwar bis zum Jahre 1769, in dem er seine erste berufliche Anstellung als Geiger in Gossecs Concert des Amateurs erhielt. Gossec dürfte auch seine kompositorischen Ambitionen unterstützt und ihm professionelle Ratschläge erteilt haben, wenngleich zwischen beiden keine offizielle Lehrer-Schüler-Beziehung bestand. 1772 gab Saint-Georges bei dem Concert des Amateurs sein öffentliches Solistendebüt mit der Aufführung seiner beiden Violinkonzerte op. 2. Als Gossec 1773 Direktor der Concert Spirituel wurde, folgte ihm Saint-Georges als musikalischer Leiter und Konzertmeister der Amateurs, die bald als eines der besten französischen Orchester galten.

Im Jahre 1777 gab Saint-Georges mit Ernestine an der Comédie-Italienne sein Debüt als Opernkomponist, und noch während desselben Jahres knüpfte er Kontakte zum Privattheater und den Concerts der Madame de Montesson an, die heimlich mit dem Herzog von Orléans verheiratet war. Dieser wiederum machte sich Saint-Georges andere Talente zunutze und übertrug ihm die Verantwortung für das Jagdgefolge auf seinem Sitz in Le Raincy.

Nachdem im Januar 1781 die Amateurs vermutlich wegen fortgesetzter Finanzprobleme von der Bildfläche verschwanden, gründete Saint-Georges das Concert de la Loge Olympique, für das Graf d’Ogny bei Haydn die brillanten sechs „Pariser“ Symphonien bestellte. Nachdem der Herzog von Orléans 1785 verstorben war, musste sich Saint-Georges nach einem neuen Broterwerb umsehen. Er ging nach London, wo er in Domenico Angelo’s Academy als Schaukämpfer auftrat. 1787 war er dann wieder in Paris, wo er die nur mäßig erfolgreiche Komödie La fille-garçon komponierte und seine Arbeit bei der Loge Olympique wieder aufnahm.

Sechs Monate nach dem Ausbruch der Revolution wurde die Loge Olympique aufgelöst. Saint-Georges reiste erneut nach England – und zwar in Begleitung des jungen Herzogs von Orléans, Philippe-Egalité. Auch dieses Mal hielt er sich in London mit Schaugefechten über Wasser, und jetzt konnte er seine Fechtkunst in Brighton sogar vor dem Prinzen von Wales demonstrieren. 1790 kehrte er nach Paris zurück. Von hier aus unternahm er mit der Schauspielerin Louise Fusil und dem Hornisten Lamothe eine Tournee durch Nordfrankreich. Zwei Jahre später finden wir ihn als Hauptmann der Nationalgarde in Lille. Er formierte im Sommer 1792 ein Korps leichter Truppen, das aus eintausend schwarzen Soldaten bestehen sollte. Dieser Légion Nationale du Midi war kein großer militärischer Erfolg beschieden: Saint-Georges wurde seines Kommandos enthoben, achtzehn Monate eingekerkert und durfte sich nach seiner Freilassung nicht mehr in der Nähe seiner ehemaligen Legionäre aufhalten.

In dem rauhen wirtschaftlichen Klima der französischen Revolution sah sich Saint-Georges äußerst schwierigen Lebensumständen gegenüber. Er vagabundierte mit Lamothe dahin und dorthin und lebte sogar einige Zeit wieder auf San Domingo. 1797 war er wieder in Paris, wo er kurz als Direktor einer neuen musikalischen Organisation, dem Cercle de l’Harmonie, tätig war. Er starb im Juni 1799 in Paris.

Dass Saint-Georges nur ein recht kleines musikalisches Oeuvre hinterlassen hat, dürfte sich aus der Vielzahl seiner unterschiedlichen Aktivitäten erklären. Die meisten seiner Instrumentalwerke wurden zwischen 1772 und 1779 in Paris veröffentlicht. Dazu gehören Streichquartette, Violinkonzerte und konzertante Symphonien. Die Konzerte, die er zu seinem eigenen Gebrauch komponierte, lassen auf einen außergewöhnlichen Musiker schließen, dem Bravourpassagen selbst in den höchsten Lagen mit Leichtigkeit von der Hand gingen und der selbst die raschesten Saitenwechsel und Doppelgriffe beherrschte. Louise Fusil schrieb, dass sein expressives Spiel ganz besonders verdienstvoll gewesen sei, und tatsächlich findet man in seinen Konzerten weit mehr als bloß virtuose Demonstrationen. Seine lyrischen Fähigkeiten sind vor allem in den langsamen Sätzen offenkundig, in denen der Komponist auf die komplexen Verzierungen verzichtet, die ansonsten im frühklassischen Konzert üblich waren. Mögen die Kopfsätze auch strukturell gelungen und gut ausgeführt sein, so sind sie angesichts des benutzten Materials gelegentlich doch ein wenig lang – was allerdings auf dem Gebiet des Konzerts insgesamt nicht eben ungewöhnlich ist. Als Finale bevorzugte Saint-Georges in vielen seiner Konzerte das modische Rondeau, dessen Episoden er immer wieder mit attraktiven Themen anreicherte.

Die drei hier vorliegenden Werke zeichnen ein interessantes Bild von der Karriere des Konzertkomponisten Saint-Georges. Das älteste Stück ist das Konzert D-dur op. 3 Nr. 1, mithin eines der beiden Werke, die der Pariser Verleger Bailleux 1773 veröffentlichte. Es entstand wahrscheinlich zur Aufführung beim Concert des Amateurs, nachdem er hier mit seinen beiden Konzerten op. 2 sein enorm erfolgreiches Debüt gegeben hatte. Der erste Satz überrascht uns sogleich mit seinem modernen, prickelnden und entschlossenen Orchestersatz und seiner breiten, klassischen Phrasierung. Diese Musik ist denkbar weit von dem altmodischen Stil entfernt, in dem die Wiener Komponisten wie Haydn, Hofmann und Dittersdorf damals noch ihre Konzertsätze schrieben. Die Solostimme ist von einer strahlenden, unverwechselbaren und äußerst faszinierenden Frische. Im langsamen Satz werden wir daran erinnert, was Louise Fusil über das expressive Violinspiel des Komponisten sagte. Das abschließende Rondeau, dessen Thema im Stil eines eleganten Menuetts geschrieben ist, beschwört plastische Lebensbilder aus der Zeit des ancien régime.

Das Konzert Nr. 10 G-dur entstand wahrscheinlich kurz vor seiner Drucklegung im Jahre 1777 und wurde zweifellos wie schon die früheren Konzerte von Saint-Georges und den Amateurs uraufgeführt. Stilistisch ähnlich wie seine älteren Geschwister gestaltet, bietet das Werk einen Überfluss an attraktiven Melodien und eindrucksvollen, bravourösen Soli. Interessanterweise ist der schöne langsame Satz identisch mit demjenigen des Konzertes A-dur op. 5 Nr. 2, das (soweit es sich bestimmen lässt) Mitte der siebziger Jahre komponiert wurde. Zwar gibt es kleinere Abweichungen zwischen den beiden Fassungen, doch dabei könnte es sich um Übertragungsfehler aus der Partitur oder den Stimmen handeln, die Sieber als Vorlage seines Druckes dienten. Anstelle des üblichen Rondo-Finales steht hier ein umfangreicher Satz in der hybriden Sonaten-Rondo-Form, der man gemeinhin in Kopfsätzen begegnet. Das brillante Werk ist eines der attraktivsten und vorzüglichsten Violinkonzerte seiner Zeit. Mozart hätte sicher viele bewundernswerte Dinge darin entdeckt, wenn er Saint-Georges während seines Aufenthalts in Paris von 1778 hätte spielen hören.

Das Konzert D-dur op. posth. Nr. 2 wurde um 1800, mithin nach Saint-Georges’ Tod, von dem Komponisten und Verleger Ignaz Pleyel veröffentlicht. Wenn man bedenkt, wie berühmt Saint-Georges vor der Revolution gewesen war, dann wird man kaum annehmen dürfen, dass der Komponist auf die Veröffentlichung des Werkes verzichtet hätte, wenn es damals bereits vorhanden gewesen wäre. Die Ecksätze geben keinen Aufschluss darüber, ob das Konzert wesentlich jüngeren Datums ist als seine Geschwister. Der ungewöhnliche Mittelsatz allerdings ist völlig anders als alles, was man in den Konzerten der siebziger Jahre zu hören bekommt. Dem fesselnden Anfang mit seinem rhapsodischen Solopart folgt ein wunderbares Thema für das tiefe und mittlere Register des Instruments, worauf sich (nach der Art eines alternierenden Variationssatzes von Haydn) ein zweites Thema anschließt. Das erste dieser Themen wird dann mit einer herrlich geistreichen Variation der Solostimme wiederholt, während das zweite Thema nicht wieder auftaucht. Dem eigentümlichen, höchst originellen Satz folgt dann ein funkelndes Rondo, in dem eine der unwiderstehlichsten thematischen Erfindungen von Saint-Georges die Hauptrolle spielt.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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