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8.557364 - LISZT: 2 Ballades / 2 Polonaises / 3 Morceaux suisses (Liszt Complete Piano Music, Vol. 22)
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Franz Liszt (1811–1886):
Balladen • Polonaisen • Trois morceaux suisses

Die Macht des Ehrgeizes stachelte ihn auf. Ein Chaos von Ideen gährte in ihm. Er mußte eine Welt haben, … in welcher er zugleich alleinherrschen konnte. Chopin hatte gerade der Clavier-Romantik einen mächtigen Aufschwung gegeben. Sie brauchte er. Ihr Gebiet wurde von nun an seine Welt. – Das Pianoforte der Thron, von welchem aus er sie mit schöpferischer Gewalt beherrscht.

Carlo: Liszt und die französische Romantik
Wiener Zeitschrift für Kunst, 5. Mai 1838

Franz Liszt wurde 1811 in Raiding im Burgenland (damals Ungarn, heute Österreich) als Sohn von Adam Liszt, Verwalter in Diensten der Fürsten Esterházy, Haydns einstigen Mäzenen, geboren. Früh schon erfuhr er Förderung durch Angehörige des ungarischen Adels, So konnte er 1822 nach Wien gehen, um Stunden bei Karl Czerny (1791–1857) zu nehmen. Dort kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven. Dann zog er nach Paris, wo Luigi Cherubini (1760–1842) ihm den Zugang zum Conservatoire verwehrte. Gleichwohl gelang es ihm, das Publikum mit seinen Auftritten zu begeistern, nun unterstützt von den Klavierfabrikanten Erard, für deren Produkte er auf seinen Konzertreisen warb. Nach dem Tod des Vater 1827 folgte ihm seine Mutter nach Paris. Er nutzte die Zeit lehrend, lesend und profitierte von den intellektuellen Kreisen, zu denen er Kontakt bekam. Sein Interesse an virtuosen Auftritten wurde bestärkt, als er den großen Geiger Paganini hörte, dessen technischen Fähigkeiten er nun nachzueifern begann.

In den folgenden Jahren entstand eine Reihe von Kompositionen, darunter Liedtranskriptionen und Opernfantasien, die zum Virtuosentum gehörten. Liszts Beziehung zur Comtesse Marie d’Agoult, einer verheirateten Frau, führte ihn von Paris weg auf jahrelange Auslandsreisen, zuerst in die Schweiz, dann – nach einer Zwischenstation in Paris – nach Italien, Wien und Ungarn. 1844 war die Beziehung mit der Geliebten, der Mutter seiner drei Kinder, am Ende, doch setzte er seine Konzerttätigkeit bis 1847 fort. In jenem Jahr begann seine Verbindung zu Caroline von Sayn-Wittgenstein, einer ihrem Ehemann, einem russischen Fürsten, entfremdeten polnischen Erbin. In den folgenden Jahren lebte Liszt mit ihr in Weimar, der Stadt Goethes. Dort beschäftigte er sich mit der Entwicklung einer neueren Form von Orchestermusik, der Tondichtung, und – wie stets – mit der Revision und Veröffentlichung früherer Werke. 1861, im Alter von fünfzig Jahren, ging Liszt nach Rom; er folgte Fürstin Caroline, die sich bereits ein Jahr früher dort angesiedelt hatte. Deren Scheidung eröffnete die Möglichkeit zur Heirat, doch lebten beide auch weiterhin in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen geistlichen Weihen und führte ein Leben zwischen Weimar, wo er eine jüngere Generation unterrichtete, Rom, wo er seinen religiösen Interessen nachging, und Pest, wohin er als Nationalheld zurückkehrte. Er starb 1886 in Bayreuth. Dort lebte seine Tochter Cosima, frühere Ehefrau von Hans von Bülow und Witwe Richard Wagners, und beschäftigte sich mit der Propagierung der Musik ihres Mannes.

1849 starb Chopin, mit dem Liszt befreundet war. Zwei Jahre darauf arbeitete er in Weimar mit Fürstin Caroline an einem Buch über den polnischen Komponisten. So kam es, dass er seine Aufmerksamkeit – zumindest oberflächlich – auf einige der Formen richtete, die Chopin sich zu eigen gemacht hatte. Dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, dass Caroline Polin war. Liszt schrieb seine zwei Polonaisen 1851. Die erste, auch bekannt als Polonaise mélancolique, steht in c-Moll und trägt die Bezeichnung Moderato. Auf eine kurze Einleitung folgt ausdrucksstark das Hauptthema, das – teilweise mit überkreuzten Händen – ausgearbeitet wird und über eine Kadenz zu einem zweiten Thema in Dur führt, welches ausgeweitet wird, bevor eine Version des ersten Themas mit der Bezeichnung Allegro energico folgt. Eine Passage in der Art einer improvisierten Kadenz bringt das zweite Thema zurück und Reminiszenzen an das Hauptthema in der Coda. Die zweite Polonaise in E-Dur trägt die Bezeichnung Allegro pomposo con brio. Auf ein paar Einleitungtakte folgt der charakteristische Tanzrhythmus. Ein kontrastierender Trio-Abschnitt in a-Moll leitet über zu einer pathetischen Passage und einer Kadenz mit Rückkehr zur ursprünglichen Tonart und einer kunstvollen, delikat ornamentierten Durchführung des Ausgangsmaterials, bis die Vitalität des Anfangs wiederkehrt.

Auch die Ballade steht als musikalische Form in enger Beziehung zu Chopin, dessen vier Balladen eine literarische Quelle zu haben scheinen. Liszts Ballade Nr. 1 in Des-Dur entstand zwischen 1845 und 1848, noch vor Chopins Tod. Sie trägt den beschreibenden Untertitel Le chant du croisé (Lied des Kreuzfahrers) und ist dem Cousin Carolines, dem Bildhauer Fürst Eugen Wittgenstein gewidmet. Das kurze Preludio moduliert in Anspielung auf das Kommende nach Des-Dur zum Hauptthema mit der Bezeichnung Andantino, con sentimento, welches möglicherweise auf ein früheres Klavierstück in As-Dur zurückgeht. Eine Modulation nach A-Dur führt zu einem Tempo di marcia, animato. Dieser Marsch soll – wie es heißt – elegant und schnell gespielt werden. Schließlich folgt eine kunstvolle Ausführung des ersten Themas in der ursprünglichen Tonart.

Die Ballade Nr. 2 in b-Moll entstand 1853 und ist Graf Károly Leiningen gewidmet, dem Schwager Eugen Wittgensteins. Bezeichnet Allegro moderato, beginnt das Stück Unheil verkündend mit einer Melodie, die über bedrohlichen chromatischen Figuren in einem niedrigeren Register allmählich in Erscheinung tritt. Ein Licht erstrahlt in einem intervenierenden Allegretto, das nach Wiederaufnahme der anfänglichen Stimmung kontrastrierend zurückkehrt, nun in b-Moll. Darauf folgen ein Allegro deciso und eine stürmische Passage, die sich beruhigt und in eine delikate Ausführung des Allegretto in D-Dur übergeht. Die Atmosphäre des Anfangs kommt zurück (gis-Moll), die beiden Grundstimmungen und -elemente des Werkes treten weiterhin kontrastierend in Erscheinung und führen zu einem abschließenden Höhepunkt und freundlich-positiven Abschluss.

Liszts Au bord d’une source (An einer Quelle), eine anschauliche und poetische Interpretation der im Titel bezeichneten Szene, erschien zuerst im Album d’un voyageur (Album eines Reisenden) von 1835/36, bevor es in der dreibändigen Gesamtausgabe des Werkes 1842 erstmals veröffentlicht wurde. Später erfolgte eine Überarbeitung des Stücks für die Einfügung in die Années de pèlerinage, première année, Suisse, einer Vergegenwärtigung der das romantische Gemüt so berührenden Schweizer Landschaft. Das Album d’un voyageur enthielt in seinem dritten Band drei Paraphrasen, die 1836 als Trois airs suisses erstmals veröffentlicht worden waren. Es handelt sich um Improvisata sur le ranz de vaches „Départ pour les Alpes“ de Ferdinand Huber (Improvisation über die Ranz de Vaches „Aufbruch in die Alpen“ von Ferdinand Huber), Nocturne sur le „Chant montagnard“ d’Ernest Knop (Nocturne über das „Berglied“ von Ernest Knop) und Rondeau sur le „Ranz de chèvre“ de Ferdinand Huber (Rondo über „Ranz de chèvre“ von Ferdinand Huber). Diese Stücke erschienen verschiedenen Orts, darunter in Haslingers vollständiger Edition des Album d’un voyageur, wo sie den übergreifenden Titel Paraphrasen tragen. 1877 wurden sie endgültig unter dem Titel Trois morceaux suisses veröffentlicht.

Die erste und die dritte Paraphrase benutzen Material des Schweizer Komponisten Ferdinand Huber (1791–1863), der sehr stark an alpiner Volksmusik interessiert war. Er sammelte Beispiele aus dem Alphorn- Repertoire und sogar gestimmte Instrumente, so dass drei gemeinsam spielen konnten. Die erste Paraphrase beruht auf dem traditionellen Ranz de vaches der Kuhhirten – dem sog. Kuhreigen, einem Eintreibelied – und ist eine Folge von freien Variationen über das eingangs erklingende Thema. Die zweite Paraphrase mit dem neuen Titel Un soir dans la montagne (Ein Abend auf dem Berg) benutzt die Melodie eines Jodelliedes des Schweizer Cellisten, Komponisten und Verlegers Ernest Knop und beschreibt einen gewaltigen Sturm, als das alpine Wetter umschlägt. Die dritte Paraphrase schließlich ist ein auf Hubers Version des Ranz de chèvres der Ziegen-hirten basierendes Rondo.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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