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8.557368 - ORBON: Symphonic Dances
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Julián Orbón (1925-1991)
Tres versiones sinfónicas • Danzas sinfónicas • Concerto grosso

 

Julián Orbón wurde am 7. August 1925 im asturischen Avilés geboren, wo er auch – mit Ausnahme eines einjährigen Kuba-Aufenthalts – seine Kindheit verbrachte. Nach dem frühen Tod der Mutter ging er 1940 mit seinem Vater, dem Pianisten und Komponisten Benjamín Orbón, für immer nach Kuba. Dort studierte er bei dem Komponisten José Ardévol, mit dem er 1942 die Grupo de Renovación Musical gründete, eine Gruppe junger Komponisten, die sich die künstlerische Erneuerung aus Geiste der Nationalmusik auf die Fahnen geschrieben hatte. Später distanzierte er sich allerdings von diesen Kollegen.

Weit bedeutender für sein musikalisches Denken waren die Schriftsteller und Künstler, die wie er selbst in Beziehung zu dem 1944 gegründeten Magazin Orígenes (Ursprünge) standen, einem Blatt, dessen Herausgeber für Originalität, Universalität und die Annäherung amerikanischer, spanischer und europäischer Kunstansichten plädierten. In Orígenes veröffentlichte Orbón Artikel über de Falla und über Tristan sowie über verschiedene musikstilistische und -theoretische Aspekte. 1954 komponierte er seine Symphonie in C, und im selben Jahr erhielt er ein Stipendium für das Berkshire Music Center (Tanglewood), wo er Schüler von Aaron Copland wurde, der in Orbóns Werken der fünfziger Jahre deutliche Spuren hinterließ. In seiner kubanischen Wahlheimat hatte sich Orbón schon vor seinem 30. Geburtstag mit seinen symphonischen und kammermusikalischen Werken, seiner Klavier- und seiner Gitarrenmusik einen beachtlichen Namen gemacht.

1954 wurde er beim Internationalen Festival von Caracas für seine Tres versiones sinfónicas mit dem Juan de Landaeta-Preis ausgezeichnet, womit er seinen Ruf als einer der markantesten lateinamerikanischen Komponisten nur noch bestätigte. Zwei Jahre später schrieb er Himnus ad galli cantum, und 1958 erhielt er ein Stipendium der Koussevitzky Foundation, mit dessen Hilfe er das Concerto grosso komponieren konnte.

Julián Orbón beteiligte sich nach der kubanischen Revolution auch an der kulturellen Neugestaltung des Landes. Doch schon bald kollidierten seine ethischen und religiösen Ansichten mit der Richtung des Castro-Regimes. Desillusioniert ging Orbón ins Exil. Anschließend unterrichtete er von 1960 bis 1963 am Staatlichen Konservatorium von Mexiko City.

Während sich die Lebensumstände des Komponisten mit zunehmendem Alter veränderten, wurde er immer nachdenklicher und introvertierter. Seit er im Exil lebte, suchte er seine musikalischen Wurzeln in der Originalität und Tradition der ibero-amerikanischen Musik zu entdecken. Zwar ließ er sich Ende 1963 in New York nieder, doch behielt er stets seine spanische Staatsbürgerschaft: Er verstand sich als Asturier, Spanier und Kubaner und war daher begeistert, dass man ihn zum Ibero-Amerikanischen Festival 1967 nach Madrid einlud. 1986 kam er ein letztes Mal nach Asturien. Erinnerungen und Heimweh inspirierten eines seiner letzten Werken – das Libro de cantares. Er starb am 21. Mai 1991 in Miami.

In Orbóns Musik gibt es etliche stilistische Konstanten, die in den meisten seiner Werke zu beobachten sind. Dazu gehören das Prinzip der Variation, das er für einen zentralen Aspekt der hispanischen Musik hielt, ferner Anklänge an spanische Musik vom Mittelalter bis zu Manuel de Falla, ein gewisser Anteil folkloristischer Elemente (und hier vor allem die Rhythmen Lateinamerikas), die Empfänglichkeit für transparente Farben und eine Vorliebe für gitarrenartige Pizzikati sowie eine Assimilation verschiedener musikalischer Strömungen von der traditionellen Tonalität bis zur Atonalität – ll das bricht sich in einem eigenen künstlerischen Prisma.

Ungeachtet dieser Konstanten war Orbóns Produktion keineswegs statisch. Seine Werke spiegeln in ihrer zunehmenden Verinnerlichung die Veränderung der Lebensumstände ebenso wie die Erweiterung seiner musikalischen Ausbildung und lassen sich drei unterschiedlichen stilistischen Phasen zuordnen. Die erste Periode umfasst die vor 1950 entstandenen Werke mit ihrer optimistischen, tonalen, klangvollen, vom Licht heller Räume erfüllten Musik, deren Wurzeln man in den spanischen tonadilleros sowie auf Kuba und bei Manuel de Falla findet. Von überragender Bedeutung für die zweite Schaffensphase ist der Aufenthalt in Tanglewood mit dem Unterricht bei Copland, dem Kontakt zu anderen amerikanischen Musikern und der Assimilation der europäischen Moderne. Die Tonalität der ersten Periode mischt sich jetzt mit modalen, selbst atonalen Harmonien, während rhythmische Ostinati, unregelmäßige Metren und polyrhythmische Bildungen der an sich hybriden Musik Kraft und Tiefe verleihen. Die letzte Phase ist schließlich durch völlige Introvertiertheit und die leidvollen Erfahrungen des Exilanten Orbón geprägt.

Die drei Werke der vorliegenden CD gehören in die zweite Phase. Die Tres versiones sinfónicas wurden 1954 in Caracas vom Venezolanischen Symphonieorchester unter Juan José Castro uraufgeführt. Der erste Satz, Pavana, präsentiert im Gewand einer „copländischen“ Orchestration zwei Themen, deren erstes gleich in den ersten Takten erklingt und von einer Pavane des spanischen Komponisten Luis de Milán (um 1500 – um 1561) inspiriert ist. Der zweite thematische Gedanke wird vom Violoncello vorgetragen und gewährt uns einen Blick auf die rhythmische und klangliche Kraft der kubanischen Musik. Das Thema des Mittelsatzes, Conductos, wird im Verlauf des gesamten Satzes immer wieder variiert. Es ist eine kontemplative Besinnung auf die Musik des Mittelalters, die hier an Meister Perotin, den Kopf der Pariser Notre Dame-Schule, erinnert. Xilophon basiert auf einem kongolesischen Ostinato-Rhythmus. Dazu treten immer neue orchestrale Texturen und verschiedene rhythmische Linien, die die afrikanische Folklore-Motive unablässig verändern.

Die Danzas sinfónicas wurden 1957 in Florida von dem Miami University Symphony Orchestra unter Heitor Villa-Lobos uraufgeführt. Dieses brillante, meisterhafte Orchesterwerk markiert den zunehmend lateinamerikanischen Tonfall, den Orbón anschlug. Der erste Tanz, Obertura, entsteht aus der hartnäckigen rhythmisch-melodischen Zelle des Anfangs und zeigt, wie der Komponist mit repetitiven Mustern umzugehen verstand. Die Gregoriana bieten ein kühnes Allegro, dessen Choralmelodie gleich zu Beginn von den Streichern umrissen wird und dann die Substanz eines Tanzes in ungeraden Metren bildet. Declamatoria ist ein langsamer Tanz mit Anklängen an präkolumbianische Modalität, während die Danza final mit ihrem eindeutig venezolanischen Anstrich die wesentlichen Aspekte dessen herausdestilliert, was Orbón als „die musikalische Fantasie Amerikas“ bezeichnete: Irreguläre Metren, Anklänge an die spanischen Hoftänze des 18. Jahrhunderts, die den kubanischen guajiras ihre Rhythmen verleihen, Klänge von den mexikanischen Küsten und den venezolanischen Ebenen – und schließlich ostinate Baßfiguren, die in der Art einer Chaconne die Grundlage für freie Variationen bilden.

Das Concerto grosso für Streichquartett und Orchester wurde 1961 in New York vom Orchestra of America unter Richard Korn uraufgeführt. Dabei handelt es sich um das Werk eines Mannes, der mit fortschreitendem Alter entdecken muss, wie seine Welt der karibischen Klarheit allmählich verschwindet und der angesichts dieser Feststellung Zuflucht zu seinem eigenen emotionalen Universum nimmt. Insofern bezeichnet dieses Concerto grosso den Übergang zur letzten Schaffensphase des Komponisten. Der erste Satz, Moderato, beginnt mit einem transparenten, guajira-artigen Motiv der Streicher, das anschließend vom Soloquartett übernommen wird. In der trotz ihrer Komplexität kohärenten Durchführung überlagern sich schwärmerische Nachklänge, motivische Variationen und Antizipationen der nachfolgenden Sätze. Das Lento ist eine der schönsten und dramatischsten Kompositionen, die Orbón geschaffen hat. Die nachdenkliche, durch die Andeutung modaler Harmonik quasi ins Geistliche hinüberweisende Musik wird immer von bedrohlicher Spannung erfüllt, wenn die vier Solisten sich melden. Im Zentrum des Satzes steht ein archaischer, prozessionsartiger Marsch, der in seiner Intensität sowohl an die Klänge des Mittelalters wie an die Musik de Fallas erinnert. Die letzten Takte des langsamen Satzes verkünden bereits das abschließende Allegro, einen Satz von großer rhythmischer Kunstfertigkeit und tonaler Ausgewogenheit, in dessen freier, bunter Harmonik sich gelegentlich auch atonale Elemente zeigen. Im weiteren Verlauf des Finales begegnen wir immer wieder kurzen melodischen und rhythmischen Motiven, die auf die vorherigen Sätze zurückblicken – ganz so, als sei die Erinnerung neu erfunden und am Ende durch den Filter der Zeit aufs äußerste verfeinert worden.

Ramón García-Avello
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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