About this Recording
8.557383 - RHEINBERGER: Six Pieces, Op. 150 / Suite for Violin and Organ, Op. 166
English  German 

Joseph Gabriel Rheinberger (1839-1901)
Sechs Stücke für Violine und Orgel, op. 150 • Suite für Violine und Orgel, op. 166

Joseph Rheinberger wurde in Vaduz, der Hauptstadt Lichtensteins, geboren und wird als bedeutendster Komponist des Fürstentums bezeichnet. Er war Sohn vom Schatzminister des Fürsten und begann seinen Musikunterricht schon als Fünfjähriger bei dem örtlichen Organisten Sebastian Pöhli. Mit sieben Jahren wurde er zum Organisten in Vaduz ernannt und begann bald darauf zu komponieren, unter anderem eine Messe für drei Stimmen mit Orgelbegleitung, gleichzeitig trat er als Organist auf. Rheinberger beendete seine Ausbildung am Konservatorium in München und privat bei dem Komponisten Ferdinand Lachner. Als Lehrer nahm er großen Einfluß auf später berühmt gewordene Komponisten wie Engelbert Humperdinck, Ermanno Wolf-Ferrari und den amerikanischen Tonsetzer Horatio Parker.

Als Musiker und Komponist erntete Rheinberger zu Lebzeiten viel Anerkennung und nahm eine Reihe Auszeichnungen entgegen, ohne jedoch jemals großen Ruhm zu erlangen. Er war ein sehr fleißiger Komponist. Die Opusnummern erreichen 197 und umfassen Orchesterwerke (Symphonien und symphonische Gedichte), Kammermusik, Klaviermusik, u.a. vier Sonaten, zwanzig Orgelsonaten, Kirchenmusik, darunter eine Reihe von Messen, drei Requiem und ein Stabat Mater, außerdem eine Reihe weltlicher Chorsätze und Lieder. Für die Bühne schrieb er zwei Opern, zwei Singspiele für Kinder und Schauspielmusik.

Joseph Rheinberger geriet nach seinem Tode schnell in Vergessenheit, jedoch hat man im deutschsprachigen Raum seine Weihnachtskantate Der Stern von Bethlehem op. 164 nie vergessen, und in den späteren Jahren ist das Interesse für seine Orgelmusik, besonders für die zwei Konzerte für Orgel und Orchester gewachsen. Von der Kammermusik soll außer dem hier gespielten Werken die Triosonate für Violine, Cello und Orgel op. 149, genannt werden.

Die sechs, im op. 150 gesammelten, Stücke haben eigentlich keinen Zusammenhang, weder tonal noch thematisch. Pastorale, Gigue, Elegie und Abendlied lassen sich als Charakterstücke bezeichnen, während die einleitende Ouverture und die abschließende Variationsreihe in mehrgliedriger Form durchkomponiert sind. Die Ouverture in g-Moll ist ein typisches Beispiel für Rheinbergers Synthese von Barock und Romantik. Die majestätische Einleitung mit den Arpeggien der Violine und den punktierten Rhythmen könnte von Händel geschrieben sein, hätte er etwa hundert Jahre länger gelebt, und das nachfolgende Allegro non troppo setzt mit seinem fugierenden Anfang diese Linie fort. Das Muster wird jedoch von einer wiederkehrenden cantabile- Episode in Dur gebrochen, im echten, hochromantischen Stil. Die Pastorale in G-Dur ist mit dem ostinaten Bassgang der Orgel und der volksliedgeprägten Melodik der Violine stillstehend und vegetativ im wahrsten Sinne des Wortes. Eine von der Natur inspirierte Meditation.

Die Gigue in h-Moll verläßt schnell ihren barockinspirierten Stil und bewegt sich hinüber in einen Durgeprägten Abschnitt, der eher Romanzen-Charakter hat. Die Gigue kehrt jedoch im mittleren Teil und als Abschluss zurück. Der schönste Satz im op. 150 ist sicherlich die Elegie in d-Moll. Sie drückt mit reiner Seele und mit großer melodischer Inspiration Gefühle wie Wehmut und Verlangen aus. Das Abendlied ist wie die Elegie eine vollkommene Miniatur in Liedform mit einer genauen Stimmungsbeschreibung. Nicht so hochtrabend wie in der Elegie, aber in seinem warmen Es-Dur genau so innerlich. Die drei ersten Variationen des Themas mit Veränderungen in a-Moll sind eine regelrechte Variationsreihe. Die vierte Variation verläßt den metrischen Aufbau, und Rheinberger gibt keine weiteren nummerierten Variationen an. Ein überleitender Abschnitt mit zwei kleinen Solo-Kadenzen in der Violine moduliert nach A-Dur, und das darauf Folgende lässt sich als fünfte Variation betrachten. Nach der Rückkehr zum Thema wird zur abschließenden Koda geleitet.

Die Suite op. 166 ist im Gegensatz zum op. 150 eine „echte“ Suite mit natürlicher Satz- und Tonarten-folge. Der erste Satz, Präludium in c-Moll, ist wieder ein Beispiel für Rheinbergers barock-inspirierten Stil. Die Violinstimme ist hier in einem rhetorisch konversierenden Stil gestaltet, der ganz frei ist von dem etwas starren Charakter, der in einigen Sätzen des op. 150 die Behandlung der Melodiestimme prägt. Die nachfolgende As-Dur Canzone ist außerdem kammermusikalisch geprägt, wie man es nicht im gleichen Maße im op. 150 antrifft. Sie könnte ein langsamer Satz einer romantischen Violinsonate sein. Eine besondere klangliche Variation wird dem Stück zugeführt, indem die Violine mit dem Dämpfer spielt. Im mittleren Teil wird die erhöhte musikalische Energie dadurch hervorgehoben, dass der Dämpfer entfernt wird und die Violine somit freier klingt. Allemande, hier in c-Moll, bedeutet deutscher Tanz, und dieser stilisierte Tanz ist ein Element vieler Barocksuiten. Sie ist ein Tanz im 4/4-Takt und in ruhigem Tempo, in diesem Fall ein andante espressivo. Trotzdem ist der Charakter wesentlich anders als bei der barocken Allemande, die einfache Melodie ist durchweg romantisch. Der sprudelnde Trioteil in C-Dur ist der Höhepunkt des Satzes. Hier ist die Orgel führend mit der Violine in der begleitenden Rolle. Die Suite wird in C-Dur beendet mit einem virtuosen Moto Perpetuo, einer sich ewig bewegenden Maschine, ein ruhelos verlaufender Satz, der große Ansprüche an den langen Atem des Violinisten stellt. Bis zu den abschließenden Akkorden bewegt die Violine sich 200 Takte ohne Unterbrechung in Sechzehntel- Triolen begleitet von den ruhigen Akkorden der Orgel.

Mogens Wenzel Andreasen und Henrik Wenzel Andreasen
Übersetzung: Käthe Christensen


Close the window